Säkularisierung und die Zunahme des Fundamentalismus unter dem Aspekt der Globalisierung


Hausarbeit, 2015

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Existiert ein Zusammenhang zwischen Säkularisierung und Fundamentalismus?

2. Säkularisierung - Globalisierung - Fundamentalismus
2.1. Säkularisierungstheorie
2.2. Globalisierung und Religion
2.3. Fundamentalismus als Gegenreaktion auf die Globalisierung - Beispiel radikal-islamischer Fundamentalismus

3. Direkter oder indirekter Zusammenhang zwischen Säkularisierung und Fundamentalismus? .

Literaturverzeichnis:

1. Existiert ein Zusammenhang zwischen Säkularisierung und Fundamentalismus?

Religionssoziologie ist ein Teilgebiet der Soziologie und der Religionswissenschaft und beschäftigt sich mit der Bedeutung der Religion für eine Gesellschaft, der politischen Bedeutung und dem Konfliktpotential von Religion. Insbesondere letztgenanntes hat in den letzten Jahrzehnten einen erheblichen Bedeutungszuwachs erfahren und ist derzeit in der medialen Berichterstattung vielfach präsent, man denke beispielsweise an religiös motivierte Attentate wie Charlie Hebdo oder an den Vormarsch der Terrormiliz Islamischer Staat, die im Namen des Islam einen heiligen Krieg führt.

Ausgehend von der Moderne versteht sich die Säkularisierung als ein Prozess des zunehmenden, sozialen Bedeutungsverlusts von Religion. In vormodernen Gesellschaften spielte die Religion noch eine zentrale Rolle in Form von geistiger Autorität beispielsweise, doch mit dem Prozess der Aufklärung und der Ausbreitung der Wissenschaft musste die Religion einen zunehmenden Bedeutungsverlust hinnehmen. Der insbesondere in modernen, okzidentalen Gesellschaften beobachtbare Prozess der Säkularisierung steht also in enger Beziehung zur Modernisierung. Eine besondere Entwicklung innerhalb des Modernisierungsprozesses, stellt die Globalisierung dar, welche als zunehmende Verflechtung von Politik, Wirtschaft, Kultur und Umwelt charakterisiert werden kann. Dass diese umfassende Verflechtung auch ihre Schattenseiten hat, zeigt der zunehmende Widerstand in Form von Fundamentalismus.

Nachfolgend wird zuerst die auf die Säkularisierungstheorie eingegangen, dem vermutlich bedeutendsten Paradigma der Religionssoziologie, daraufhin wird das Verhältnis von Religion und Globalisierung genauer untersucht, um anschließend auf die Zunahme des Fundamentalismus einzugehen. Dabei soll die radikal-islamische Ausprägung des Fundamentalismus etwas näher betrachtet werden.1 Damit soll die Frage geklärt werden, ob ein Zusammenhang besteht zwischen der okzidentalen Säkularisierung und der Zunahme des Fundamentalismus, insbesondere unter dem Aspekt der Globalisierung.

2. Säkularisierung - Globalisierung - Fundamentalismus

2.1. Säkularisierungstheorie

Die Säkularisierungstheorie stellt ein Konzept dar, um religiöse Entwicklungen in der Moderne darzustellen und ist gleichermaßen die wichtigste gesellschaftliche Entwicklung, die zur Entstehung der Religionssoziologie führte. Es ist außerdem eines der langlebigsten Paradigmen innerhalb der Religionssoziologie. Wichtig für die Säkularisierungstheorie ist die Verwendung eines substantiellen Religionsbegriffes. Dieser Begriff charakterisiert Religion als Glaube an die Existenz einer transzendenten Macht. Dies ist insofern wichtig, da erst dieser spezifische Glaube an Transzendenz einen Rückgang der Religiosität überhaupt zulässt und plausibel erscheinen lässt.

Hubert Knoblauch (1999: 20) unterscheidet beim Begriff der Säkularisierung zwischen „Säkularisation“ und der „innere[n] Säkularisierung“. Säkularisation bedeutet die Verstaatlichung oder staatliche Nutzung von kirchlichen Besitztümern,2 die innere Säkularisierung meint dagegen die „zunehmende Ablösung einer weltlichen Lebensführung von religiösen Ordnungssystemen und Vorlagen.“ (ebd. 1999: 20) Etwas allgemeiner kann auch die Schrumpfung der Transzendenz darunter gefasst werden.

In modernen, okzidentalen3 Gesellschaften ist es unstrittig, von säkularisierenden Tendenzen zu sprechen. Der Glaube an die Existenz des Göttlichen, der vor Beginn der Moderne noch omnipräsent war, hat unter zunehmendem Bedeutungsverlust zu kämpfen.

„Auch innerhalb der deutschen Bevölkerung gelten nicht Glaube und christliche Werte, sondern - wenn man so will - die säkularen Werte der individuellen Freiheit, der Demokratie, der Achtung der Menschenwürde und ein deutlicher Materialismus als die maßgebenden Orientierungen.“ (Knobloch 2006: 80)

Hinter dem Wort Säkularisierung verstecken sich mehrere Bedeutungsebenen, die im Folgenden etwas genauer erläutert werden sollen. Eine Bedeutungsebene hängt mit dem Prozess der funktionalen Differenzierung der Gesellschaft zusammen. Funktionale Differenzierung bedeutet, dass innerhalb einer Gesellschaft „die verschiedenen Bereiche des gesellschaftlichen Lebens […] allmählich aus dem religiösen Einheitsbereich entlassen werden.“ (Morel 1972: 24) Die Bereiche Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Religion verselbstständigen sich und somit stellt die Religion nur noch ein Subsystem des Gesamtsystems Gesellschaft dar. Somit muss sich Religion mit einer Abnahme ihrer Erklärungshoheit abfinden und immer mehr Teilbereiche abgeben, beispielsweise das Erziehungssystem oder die Familienplanung betreffend. (vgl. Pickel 2011: 139f.)

Säkularisierung kann aber auch verstanden werden als ein Rückgang des Religiösen, was auch einen Rückgang der Ausübung religiöser Praxis miteinschließt. Ein sehr gutes Beispiel hierfür wäre, in Deutschland beispielsweise, die zunehmende Anzahl derer, die aus der Kirche austreten oder die abnehmende Anzahl der Menschen, die den Brauch des allsonntäglichen Kirchengangs ausüben. Diese Art von Ansatz geht so weit, dass teilweise nicht nur von einem Rückgang des Religiösen gesprochen wird, sondern gar vom Verlust der Religion. Dieser Ansatz des Verschwindens von Religion musste sich einiger Kritik aussetzen und wird heute kaum mehr vertreten, „[…] richtiger liegt man wohl, wenn man die vermeintliche Schwächung des Glaubens und der religiösen Praxis eher als Prozeß [sic!] der Individualisierung der Religionen identifiziert.“ (Knobloch 2006: 86)

Des Weiteren kann Säkularisierung verstanden werden als Rückzug der Religion in die Privatsphäre. Das Hauptaugenmerk liegt hier bei der Ausübung der Religion in der Privatsphäre und der damit verbundenen fehlenden Wirkung auf den sozialen Raum oder die Öffentlichkeit. (vgl. ebd. 2006: 86) Dies ist eine Ansicht, die sich die Säkularisierungstheorie mit der Individualisierungstheorie4 teilt, beispielsweise beschreibt Thomas Luckmann (1967, 1991) „eine Differenz zwischen der Entwicklung von Kirchlichkeit (sinkend) und subjektiver Religiosität (konstant) […].“ (Pickel 2011: 136)

Einig sind sich sämtliche Ansätze in der Behauptung, dass die Religion in modernen Gesellschaften zunehmend an Einfluss und sozialer Bedeutung verliere. Besondere Bedeutung kommt hier auch der Wissenschaft zu, die im Laufe der Modernisierung immer mehr in den Vordergrund rückte. So beschreibt Auguste Comte, Namensgeber der Soziologie5, bereits eine Art Säkularisierung6. Der Mensch ist am Anfang seiner Entwicklung noch einer religiösen, animistischen7 Weltanschauung verfallen gewesen. Im Laufe der stetigen Entwicklung habe sich dieser Animismus dann zum Polytheismus8 entwickelt, dieser hat sich dann wiederum zum Monotheismus9 entwickelt. Danach sei der Mensch schließlich zu einer wissenschaftlichen Weltanschauung gekommen, in der er den Sinn seines Lebens in der Wissenschaft begründet. „Das sei der erwachsene, der reife, der gegenwärtige, moderne Mensch. So beschrieben ist die Säkularisierung ein Emanzipationsprozeß [sic!] aus der Religion als Naivität […] zu wesentlicher Wissenschaftlichkeit […]“ (Morel 1972: 24)

Die Ausbreitung der Wissenschaft hat außerdem, in Verbindung mit der Aufklärung, zu einem Rationalisierungsschub geführt. Der Begriff der Rationalisierung spielt im Zusammenhang mit Säkularisierung und Modernisierung eine wichtige Rolle. Dass sich der Mensch zunehmend von der Religion löst wurde bereits beschrieben, als Art Gegenreaktion richtet der Mensch daraufhin seinen Lebenswandel nach „den Maximen der menschlichen Vernunft (Rationalisierung) […].“ (Pickel 2011: 137) Die Rationalisierung sorgt dafür, dass das Vertrauen der Menschen in transzendente Lösungen weltlicher Probleme immer unglaubhafter erscheinen lässt, besonders verstärkt wurde dies durch die Wissenschaft, die alternative Lösungsansätze zur Verfügung stellte und das Religiöse damit zu etwas immer Irrationalerem werden ließ. (vgl. ebd. 2011: 139f.) Auch der soziologische Klassiker Max Weber sah die Rationalisierung als bestimmendes Merkmal der Moderne und sprach in diesem Zusammenhang von einer „Entzauberung der Welt“. Er betont vor allem „[…] die neuzeitlich-aufklärerisch gestützte Dominanz zweckrationalen Handelns, […] die in anderen Zivilisationen dergestalt nicht auszumachen sei.“ (Krause 2012: 48)

Im Laufe der Modernisierung haben sich parallel dazu einige Prozesse entwickelt, die den Bedeutungsverlust der Religion noch weiter veranschaulicht10. So sieht sich die Kirche einer immer stärkeren Infragestellung ihrer überwiegend hierarchischen Organisationsstrukturen ausgesetzt, da sich im Verlauf der Modernisierung ein politischer Prozess der Demokratisierung vollzieht. Demokratische Werte äußern sich beispielsweise in Selbstverwirklichung, Partizipation und Kontrolle der Obrigkeit, also gesellschaftliche Forderungen nach Beteiligung, denen die Religion oder Kirche, gerade aufgrund ihrer hierarchischen Organisationsstruktur, nur bedingt oder gar nicht gerecht werden kann.

Zusammen mit der Industrialisierung und der zunehmenden Bindung der Menschen an den Arbeitsplatz, vollzog sich auch der Prozess der Urbanisierung oder mit anderen Worten der Prozess der Verstädterung. Zum einen sorgt dies für den raschen Austausch rationalen Gedankenguts in den urbanen Zentren und zum anderen ist „die Urbanisierung mit einer Landflucht verbunden und ist somit Indiz für das Abschmelzen der kommunalen Basis von Religiosität […].“ (Pickel 2007: 142)

Zuletzt ist noch der Prozess der Pluralisierung zu nennen. Insbesondere durch die Globalisierung ist eine Art Konkurrenzsituation zwischen den Religionen entstanden, in der das Individuum sich immer schwerer tut, das richtige und einzig wahre Deutungsmuster herauszusuchen. Vor allem Peter L. Berger geht auf den Aspekt der religiösen Pluralisierung ein, er sieht darin den Auslöser der Säkularisierung in modernen, okzidentalen Gesellschaften. Der Mensch in der Moderne unterliegt dem „Zwang zur Häresie“ (Berger 1992), er muss sich entscheiden, hat allerdings mehrere Sinndeutungsangebote, die alle universalen Charakter besitzen. Somit entstehen zunehmend Zweifel, da eben nicht ersichtlich ist, welche Deutung also die richtige darstellt. Eine Konsequenz nach Berger ist die Entwicklung einer religiösen Indifferenz und eine zunehmenden Distanz zur Kirche. (vgl. Pickel 2011: 144ff)

Um im Folgenden nun einen Zugang zum Aspekt des Fundamentalismus herzustellen, ist es vonnöten, einen weiteren Prozess, nämlich der Prozess der Globalisierung, genauer zu charakterisieren. Es wäre allerdings falsch, die Moderne aus Auslöser der Globalisierung zu bezeichnen, galt beispielsweise der Kolonialismus bereits als eine Art Vorläufer der Globalisierung. Mit Beginn der Moderne hat die Globalisierung vielmehr einen Aufschwung erfahren, da sich zahlreiche Entfaltungsmöglichkeiten anboten. Daher wird der Globalisierung, insbesondere im Hinblick oder Zusammenhang mit Religion, ein separates Kapitel gewidmet.

2.2. Globalisierung und Religion

Die Menschheit befindet sich gegenwärtig im Zeitalter der Globalisierung, ein Prozess der im Laufe der Zeit immer mehr Lebensbereiche durchdrungen hat und uns in Zukunft aller Wahrscheinlichkeit nach auch weiter beschäftigen wird. Bei der Entstehung oder der Geschichte unterscheidet der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk zwischen drei verschiedenen Entwicklungsprozessen der Globalisierung.11 Erstens, die morphologische Globalisierung, das heißt die Erde wird nicht mehr als Scheibe, sondern als Kugel erfasst. Darauf folgt die terrestrische Globalisierung - die Bereisung der Erdkugel - und schließlich die elektronische Globalisierung, in der wir uns heute befinden.

In zahlreichen Debatten oder Diskussionen über das Thema Globalisierung, wird oftmals nur über die ökonomische Dimension der Globalisierung gesprochen. Allerdings ist die ökonomische Dimension nur eine unter vielen, anhand derer Globalisierung betrachtet werden kann. Globalisierung wirkt sich nicht nur auf Wirtschaft, Technologie und Regierungen aus, sie wirkt sich natürlich auch auf Gesellschaften aus. „Globalisierung ist vielmehr ein höchst komplexer Vorgang mit vielfältigen Facetten. Sie umfasst ökonomische, sozio-kulturelle und politische Aspekte, die vor allem in ihren Wechselwirkungen zu sehen sind.“

(Müller/Reder/Karcher 2007: 9)

Sämtlichen Prozessen, die mit Globalisierung zu tun haben, ist eines gemeinsam, nämlich die Überwindung nationaler Grenzen. Für die massive Ausbreitung sind vor allem auch die modernen Kommunikationsmittel verantwortlich, die in der Lage sind, die gesamte Welt zu vernetzen, ein aktuelles Beispiel hierfür wäre das soziale Netzwerk facebook. Zentral für die kontinuierliche Ausbreitung der Globalisierung war außerdem die Liberalisierung des Welthandels, also das Bestreben, Handelsbarrieren und andere nationale Zwänge zu beseitigen. Hier eignet es sich die Gründung der Welthandelsorganisation (WTO) als Beispiel anzuführen. Auch die Verbesserung der Infrastruktur im internationalen Verkehrswesen sorgte weiter für die Expansion der Globalisierung, allerdings mussten auch zunehmende Probleme, die gesamte Welt betreffend, beispielsweise der Klimawandel, in die Hand genommen werden. Daher kann man, wenn man von Globalisierung spricht, durchaus von einem „universalen Phänomen“ (Pickel: 2011: 305) sprechen.

[...]


1 Das Beispiel radikal-islamischer Fundamentalismus wird aus Aktualitätsgründen herangezogen; es wird darauf hingewiesen, dass Fundamentalismus verschiedenartig auftreten kann und nicht in direkter Verbindung mit dem Islam steht.

2 Genauer versteht man unter Säkularisation die Aufhebung kirchlicher Institutionen und die Verstaatlichung ihres Besitzes, v.a. während des Napoleonischen Zeitalters

3 Okzident: Abendland

4 Individualisierungstheorie: Durch zunehmende Pluralisierung ergibt sich dem Einzelnen eine Vielzahl neuer Lebensformen (die die traditionellen Verhaltensmuster ablösen), seine Verhaltensoptionen erweitern sich. Die Notwendigkeit einer Entscheidung kann dabei leicht zu Überforderung führen. Hauptvertreter u.a. Ulrich Beck

5 Auguste Comte (Vertreter des Positivismus) benannte die Wissenschaft ursprünglich als „physique sociale“, gab ihr allerdings später den Namen der Soziologie

6 Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf Morel 1972: 24

7 Animismus ist der Glaube, dass die Dinge in der Welt von aktiven, lebendigen Geistern beseelt sind

8 Polytheismus ist der Glaube an eine Vielzahl von Gottheiten

9 Monotheismus ist der Glaube an einen einzigen, wahren Gott

10 Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf Krech 1999: 48ff. und Pickel 2007: 140ff.

11 Sloterdijk, Peter in einem Artikel von Barth, Hans Martin (Prof. Dr.) (2010): Religion und Globalisierung URL: http://luthertheologie.de/artikel/globalisierung-und-religion/ (Tag des Aufrufs: 21.02.2015)

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Details

Titel
Säkularisierung und die Zunahme des Fundamentalismus unter dem Aspekt der Globalisierung
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V366951
ISBN (eBook)
9783668457836
ISBN (Buch)
9783668457843
Dateigröße
732 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Säkularisierung, Religion, Islam, Globalisierung, Fundamentalismus, Soziologie
Arbeit zitieren
Samuel Kohnle (Autor), 2015, Säkularisierung und die Zunahme des Fundamentalismus unter dem Aspekt der Globalisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366951

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