Alfred Rosenberg. Kultureller Akteur und Profiteur der NS-Zeit und „Chefideologe“ der NSDAP?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
33 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Alfred Rosenberg und seine Rolle in der NSDAP
I.1. Kurze Vita und Weg zur NSDAP
I.1.1. Geburt, Studium und Aufbruch nach Deutschland
I.1.2. Erste publizistische Tätigkeiten in München
I.1.3. Erste Begegnung mit der „Thule-Gesellschaft“ und mit Adolf Hitler
I.2. Politische Ämter Alfred Rosenbergs
I.2.1. 1920 bis 1939
I.2.2. 1940 bis 1946
I.3. Rosenbergs Antisemitismus und Antibolschewismus

II. Rosenbergs publizistische Tätigkeit für den Zentralverlag der NSDAP und für die Partei
II.1. Publizistisches Schaffen in den frühen 1920er Jahren: „Auf gut Deutsch“, „Völkischer Beobachter“, Parteiprogramm, „Der Weltkampf“
II.2. „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ – Rosenbergs ideologisches Hauptwerk
II.2.1. „Rasse“ und Antisemitismus im „Mythus“
II.2.2. Antichristliche Inhalte im „Mythus“
II.3. Distribution, Rezeption und Reaktionen auf den „Mythus des 20. Jahrhunderts“
II.3.1. Distribution und Rezeption
II.3.2. Völkische, kirchliche und parteiinterne Reaktionen

III. Fazit: Alfred Rosenberg – Kultureller Akteur und Profiteur der NS-Zeit und „Chefideologe“ der NSDAP?

IV. Literatur und Quellen

I. Alfred Rosenberg und seine Rolle in der NSDAP

Alfred Rosenbergs (1893-1946) publizistisches Schaffen in der Zeit des Nationalsozialismus war durch einen starken Antisemitismus und Antibolschewismus geprägt und überragte in seinem Umfang die Schreibtätigkeiten anderer NS-Funktionäre bei weitem[1]. So war Rosenberg nicht nur für das Verfassen von Parteitagsführern, sondern auch für das Kommentieren des Parteiprogrammes zuständig und durfte sich Chefredakteur oder Herausgeber fast aller wichtiger periodischer Schrifterzeugnisse nennen2. Dennoch scheidet der Mensch Rosenberg in seinem Schaffen und Wirken die Geister derer, die sich mit seiner Person auseinandersetzen. So gibt es zum Beispiel Stimmen, die Alfred Rosenberg als „vergessene[n] Gefolgsmann“ bezeichnen, als einen zur NS-Zeit „vielfach belächelte[n] Einzelgänger“ in der Führungsriege der Nationalsozialisten3. Die Gegenseite spricht von einem „Chefideologen“, der die Funktion eines wichtigen, meinungsbildenden Akteurs in der NSDAP innehatte4. Nach Ansicht der zweiten Gruppe bildete die Basis des Denkens, Handelns und Schaffens Rosenbergs dessen ideologische Weltanschauung5. Rosenberg strebte einen Staat an, der nur aus überzeugten Nationalsozialisten besteht.6 Versteht man „Ideologie“ als ein „gebundenes System von Weltanschauungen, Grundeinstellungen und Wertungen“7, so stellt sich die Semantik des Begriffes in Bezug auf die Zeit des Nationalsozialismus als schwierig zu fassen und als problematisch heraus, denn nicht selten wird die nationalsozialistische Ideologie als sinnentleert8 bezeichnet. Deutlich wird dies unter anderem an dem stetigen Macht- und Kompetenzkampf, der von verschiedenen Parteiakteuren unter anderem in dem literarischen und kulturellen Feld des Nationalsozialismus ausgeführt wurde9. Kann Alfred Rosenberg aufgrund seiner regen publizistischen Tätigkeit für den Zentralverlag der NSDAP also überhaupt als „Chefideologe“ der Partei bezeichnet werden?

Dieser Frage wird die vorliegende Hauptseminararbeit schrittweise nachgehen. Dabei soll zunächst eine kurze, biographische Übersicht über Alfred Rosenbergs Leben, über seinen Weg in die NSDAP und seine politischen Ämter dargelegt werden (I.1. und I.2.). Rosenbergs Handeln und Wirken ist ohne einen Einblick in seine antisemitischen und antibolschewistischen Grundeinstellungen nicht zu verstehen (I.3.). Sein umfangreiches, schriftstellerisches Schaffen (II.1.) wird von den Anfängen in den 1920er Jahren (II.1.) bis hin zu seinem Hauptwerk „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“10 (II.2.) beleuchtet. Die Distribution und die Rezeption des Textes (II.3.) sind wichtige Indikatoren bei der Beantwortung der Frage, ob Rosenberg als „Chefideologe“ des Naziregimes bezeichnet werden kann. Schließlich wird festgehalten, inwieweit dieser Terminus auf Rosenberg, vor allem auch in Hinblick auf weitere Akteure in dem literarisch-kulturellen Feld der NS-Zeit, zutrifft.

I.1. Kurze Vita und Weg zur NSDAP

I.1.1. Geburt, Studium und Aufbruch nach Deutschland

Alfred Rosenberg wurde am 12. Januar 1893 in Reval, dem heutigen Tallinn, als Sohn eines Kaufmannes11, geboren. Seine Mutter starb kurz nach dessen Geburt, der Vater ebenfalls bereits 1904, so dass Rosenberg von seinen Schwestern aufgezogen wurde12. Er besuchte die Petri-Realschule in Reval und begann im Frühjahr 1910 mit dem Architekturstudium an der Technischen Hochschule in Riga. Aufgrund des Kriegsgeschehens im Frühjahr 1915 und der deutschen Truppen, die sich Riga näherten, wurde die Hochschule nach Moskau verlegt, wo Rosenberg nicht nur die Oktoberrevolution miterlebte, sondern auch den Bolschewismus „kennen und hassen“13 lernte. Sein Diplom-Examen legte Rosenberg drei Jahre später, im März 1918, ab. Kurz darauf kehrte er nach Reval zurück, wo er seine Heimatstadt von deutschen Truppen besetzt vorfand.14 Am 30. November 1918 brach Rosenberg aus Reval auf, um sich auf den Weg nach Berlin zu machen. Unmittelbar davor, am Abend desselben Tages, hielt er einen Vortrag im Schwarzhäupterhaus in Reval: „Marxismus und Judentum“. Die Erfahrungen, die er in Moskau in der Zeit der Revolution machte, hatten bei ihm zu der Überzeugung geführt, dass das Judentum und der Marxismus miteinander verbunden seien, und beide für den Niedergang des Guten sorgten.15 Nachdem er im Spätherbst 1918 die Genehmigung der deutschen Militärverwaltung, nach Deutschland einreisen zu dürfen, erhalten hatte, erreichte Rosenberg zunächst Berlin16. Bei Peter Behrens, einem bedeutenden Architekten und Künstler, hatte er sich schon seit längerem um ein Bewerbungsgespräch bemüht und schließlich eine Einladung erhalten. Berlin missfiel Rosenberg als Stadt allerdings so sehr, dass er in das viel kleinere und provinziellere München weiterreiste, das zu dem damaligen Zeitpunkt etwa 600.000 Einwohner zählte. Rosenbergs Entscheidung gegen Berlin kann im Nachhinein auch als Entscheidung gegen eine mögliche Karriere als Architekt gewertet werden.17

I.1.2. Erste publizistische Tätigkeiten in München

Das weitere „Schicksal“ Rosenbergs sollte jedoch schnell besiegelt werden: Eine baltische Freundin erzählte ihm von dem Schriftsteller Dietrich Eckart, der auf der Suche nach jemandem sei, der über den Bolschewismus und die „Judenfrage“ schreiben könne. Mit dem ersten Besuch bei Eckart hatte Rosenberg den Anschluss an München gefunden und bekam schnell den Auftrag, Artikel für die antisemitische und nationalistische Zeitschrift „Auf gut Deutsch“ zu schreiben.18 Dies kann nicht nur als Beginn seiner regen Schreibtätigkeit, die er später für die NSDAP einsetzen würde, angesehen werden. Auch werden die zwei Grundlagen der Ideologie Rosenbergs bereits 1918 deutlich: Der Antisemitismus und der Antibolschewismus.

Um den späteren Werdegang Rosenbergs verstehen zu können, muss auch ein Blick auf die Umstände geworfen werden, in denen er sich zu seiner Anfangszeit in Deutschland befand:

Rosenberg erhielt für seine Schreibtätigkeiten gelegentliche Honorare, die ihn gerade so über Wasser hielten, die aber keine Basis dafür bildeten, ein ordentliches Leben bestreiten zu können. Als heimat-, orientierungs- und mittelloser Neuankömmling in Deutschland entsprach Rosenberg wohl genau der Zielgruppe "nationalsozialistische[r], völkische[r], antirepublikanische[r] und antisemitische[r] Gruppen", die nach neuen Anhängern suchten.19 Neben den Honoraren bezog Rosenberg außerdem Unterstützung eines „Hilfskomitees für Flüchtlinge“20. München war zu der damaligen Zeit stark von „Revolutionswirren“ geprägt, die sich auf das Leben in der Stadt auswirkten. Soziale Not, hohe Preise, geringe Löhne, eine hohe Arbeitslosigkeit und eine katastrophale Ernährungssituation bestimmten den Alltag der Münchner Bevölkerung.21 Es herrschten Unterernährung und Wohnungsnot und die Zeit der Räterepublik verschlimmerte das ohnehin schon vorhandene Ungleichgewicht zwischen Stadt und Land noch mehr22.

I.1.3. Erste Begegnung mit der „Thule-Gesellschaft“ und mit Adolf Hitler

Durch Dietrich Eckart lernte Alfred Rosenberg die „Thule-Gesellschaft“23, Gottfried Feder24 und im Jahr 1919 schließlich auch Adolf Hitler kennen. Über ihre erste Begegnung werden Hitler und Rosenberg auch Jahre später noch sprechen, wie aus einem Tagebucheintrag Rosenbergs aus dem Jahr 1936 hervorgeht:

"Dann musste ich ihm [Anm.: i.e. Hitler] erzählen, wie ich Dietrick Eckart kennengelernt hatte. Er sagte mir, dass er mich ja bei E[ckart] zum ersten Mal gesehen hatte, 'in der schwarzen Sammetjacke, die Sie damals trugen'."

(Tagebucheintrag vom 20.10.1936) 25

Rosenberg scheint durch Gespräche mit Hitler, zum Beispiel über „Geschichte, über die Gründe des Zusammenbruchs des Römischen Reichs“26, schnell realisiert zu haben, dass er und der „Führer“ die gleiche ideologische Weltanschauung teilten. Schließlich fasste er den Entschluss, sich auf die Seite des „Führers“ zu stellen und mit ihm „zu kämpfen“.27 Im Herbst 1919 trat Alfred Rosenberg der NSDAP bei28.

I.2. Politische Ämter Alfred Rosenbergs

Dass sich Alfred Rosenbergs Sicht auf die Welt auf seine publizistische Tätigkeit auswirkte und dass diese stark von jener geprägt war, wurde bereits angedeutet und wird an späterer Stelle noch näher ausgeführt. Rosenberg schrieb mehr, „als alle anderen Naziführer zusammen“29, wohingegen seine politischen Tätigkeiten nicht durchwegs von Erfolg gekrönt waren30. Ab 1933 bekommen diese allerdings mehr Gewicht für Rosenberg und es gelingt ihm, sich bis zum Schluss im inneren Einflusskreis der NS-Funktionäre zu halten31. Fest steht, dass Rosenberg durch seine ideologischen Grundvorstellungen in der Politik der NS-Zeit einen wesentlichen Beitrag zu der Judenvernichtung „geleistet“ hat und daher in Nürnberg auch nicht grundlos in allen vier Anklagepunkten schuldig gesprochen, und schließlich zum Tod durch den Strang verurteilt wurde32. Es half ihm letztendlich auch nichts, sich selbst vor dem Nachkriegsgericht als „harmloser Spinner“, als Ideologe ohne Einfluss zu inszenieren33.

I.2.1. 1920 bis 1939

Nach dem Hitlerputsch am 9. November 1923 wurde Rosenberg von Adolf Hitler für den Zeitraum seiner Haft mit der Leitung der NSDAP beauftragt. Rosenberg scheiterte an dieser Aufgabe unter anderem deshalb, weil die Partei sehr stark an die Führung Adolf Hitlers gebunden war.34 Außerdem fehlte es ihm wohl an „interner Hausmacht“, so dass es ihm nicht gelang, die parteiinternen Machtkämpfe, die sich schon damals abzeichneten, in den Griff zu bekommen35. Vermutlich stark desillusioniert zog sich Rosenberg Ende Juli 1924 von allen Tätigkeiten zurück und nahm auch nicht an der Neugründungsversammlung der während Hitlers Haftzeit verbotenen NSDAP am 25. Februar 1925 teil. Seine Tätigkeit als Hauptschriftleiter des „Völkischen Beobachters“36 soll Rosenberg erst auf Bitten des „Führers“ hin wieder aufgenommen haben.37

Ab der Mitte der 1920er Jahre versuchte Rosenberg außerdem, den Haupteinfluss über die Außenpolitik zu erlangen – einem Bereich, der von anderen Parteimitgliedern weitgehend unbeachtet blieb38. In seiner 1927 veröffentlichten Schrift „Der Zukunftsweg einer deutschen Außenpolitik“ charakterisierte Rosenberg Russland als klaren Feind und betonte eine "Übereinstimmung [...] deutsch-britische[r] Interessen"39. Nach dem Wahlerfolg der NSDAP 1930 wurde Rosenberg Reichstagsabgeordneter und konnte nun als Spezialist für außenpolitische Angelegenheiten auftreten. Nach Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933 übernahm Rosenberg die Leitung des Außenpolitischen Amtes der NSDAP (kurz: APA), welches inoffiziell mit dem Auswärtigen Amt konkurrierte. Es folgte die Ernennung zum Reichsleiter am 2. Juni 1933 und ein halbes Jahr später, am 24. Januar 1934, durfte sich Alfred Rosenberg als "Beauftragter des Führers für die gesamte weltanschauliche Schulung und Erziehung der NSDAP" bezeichnen. Dabei wollte er ein Mitspracherecht bei allen "jüdisch-bolschewistischen Sachverhalten“40 haben und konnte sich hierbei auch gegenüber dem ein oder anderen einflussreichen Mitstreiter behaupten.41
Trotzdem galt Rosenberg bis 1941 eher als Akteur am Rande wichtiger politischer Entscheidungen, vor allem im Vergleich mit anderen wichtigen Parteifunktionären. Matthäus und Bajohr nennen als Grund hierfür ein fehlendes Ministeramt und somit auch fehlende „staatliche Kompetenzen“42. Kurz: es mangelte Alfred Rosenberg an politischem Einfluss. Dies wird zum Beispiel auch daran deutlich, dass Hitler zwar bereits 1938 dem Vorhaben Rosenbergs, ein Modell für eine Eliteuniversität im NS-Regime (sogenannte „Hohe Schule“) zu erschaffen, zustimmte, die Realisierung des Projektes aber bis 1941 hinauszögerte – womöglich gab es Wichtigeres zu erledigen.43 Die Grundlage für die „Hohe Schule“ lieferten die Bestände aus jüdischen Archiven und Bibliotheken44. Rosenberg rechtfertigte diese Raubzüge wie folgt:

"Das kommende Geschlecht soll alle Voraussetzungen für die Schau unserer Zeit erhalten, sonst wird es gar nicht begreifen, wieso wir uns über d. [sic!] Juden so aufgeregt haben" (Tagebucheintrag vom 14.9.1940)45

I.2.2. 1940 bis 1946

Der Einfluss, der Alfred Rosenberg in den 1920er und 1930er Jahren in dem politischen Feld fehlte, verstärkte sich ab 1939/40. 1940 übernahm er die Leitung der "'Sicherung' jüdischer Kunstsammlungen, Archivbestände, Bibliotheken und anderer Werte" (den „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“, kurz: ERR). Hierbei handelte es sich um nichts Geringeres als um eine „Rauborganisation“46, die in Europa unvergleichbar agierte. Dank der „Raubzüge“ an jüdischen Besitztümern hatten Parteifunktionäre wie Hitler oder Göring, aber auch ganze Museen in Deutschland die Möglichkeit, sich ungehindert an den „erbeuteten“ Beständen zu bedienen. Nach einem halben Jahr hatte der ERR, dessen Leitung eigentlich zunächst für Goebbels vorgesehen war47, Güter "im Wert von einer Milliarde Reichsmark nach Deutschland verschleppt“48. Rosenberg notierte dazu 1941:

"Trotzdem Göring für s. [sic!] Sammlung schon 42 der besten Stücke abtransportiert hatte, waren hier wertvollste Sachen zu sehen. Rothschild, Weil, Seligmann usw. hatten das Ergebnis von 100 Jahren Börsengewinnen abgeben müssen: Rembrandt, Rubens, Vermeer, Boucher, Fragonard, Goya usw. usw. waren zahlreich vertreten [...]. Die Kunstschätzer beziffern den Wert auf nahezu 1 Milliarde Mark!" (Tagebucheintrag vom 2.2.41)49

Rosenberg war vor allem in politische Angelegenheiten, die den osteuropäischen Raum betrafen, involviert. Der Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941, die als „Träger des ‚jüdischen Bolschewismus‘“ und als Gefahr für das Deutsche Reich50 galt, markiert einen regelrechten Karrieresprung für Rosenberg, denn der Ideologe war hier von Anfang an an den Planungen beteiligt51. Kurz zuvor, am 20. April 1941 wurde er zum "Beauftragten für die zentrale Bearbeitung der Fragen des osteuropäischen Raumes" ernannt52 und durfte sich kurze Zeit später, am 17. Juli 1941, „Reichsminister für die besetzten Ostgebiete“ nennen53. Dies verdeutlicht stark, dass Alfred Rosenberg ganz maßgeblich zu der Gewalt in den besetzten Ostgebieten und schließlich auch zu dem dortigen Genozid beitrug. Seine Charakterisierungen als „vergessener Gefolgsmann“54 oder als Randfigur erscheinen daher nur schwer tragbar.

I.3. Rosenbergs Antisemitismus und Antibolschewismus

Rosenberg vermittelte seinem „Führer“ stets das Bild vom „jüdischen Charakter der russischen Revolution“55. Sowohl Hitler als auch Rosenberg glaubten daran, dass die jüdisch-bolschewistische „Rasse“ die Weltherrschaft an sich reißen wolle. Der Kampf gegen die Sowjetunion konnte somit auch als ein Kampf gegen das Judentum gesehen werden.56 Ernst Piper charakterisiert Alfred Rosenberg als die wichtigste Person in Bezug auf die „antisemitische Ausrichtung der nationalsozialistischen Bewegung“57 in Hitlers Umfeld. Rosenberg war an der Judenvernichtung in Osteuropa beteiligt und publizierte zahlreiche antisemitische Schriften, darunter sein Hauptwerk „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“, in dem das Judentum als „Gegenrasse“ zu der „nordischen Rasse“ herabgesetzt wird58. Die genauen Wurzeln und Gründe für Rosenbergs Judenhass lassen sich zwar nicht mit hundertprozentiger Gültigkeit nachvollziehen, allerdings gibt es mehrere Erklärungsversuche. Einer davon stützt sich auf die Behauptung, Rosenberg habe von klein auf Chaos erlebt: durch den frühen Tod seiner Eltern könnten Rosenberg Vorbilder gefehlt haben, die ihm entscheidende Werte vermitteln konnten59. Die bereits zuvor geschilderten Ereignisse, die Rosenberg in Moskau, Reval und schließlich auch in München persönlich miterlebte60, verstärken diesen Eindruck. Er selbst beschrieb diese chaotischen Umstände wie folgt:

"In unserer bis zum Aberwitz verwirrten Gegenwart weiss wohl so mancher nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Er sieht Bewegungen scheinbar ganz verschiedener Art, sieht das Weltgetriebe förmlich auseinanderfallen und erblickt zuletzt lauter Verzerrtes, Vereinzeltes, Chaos."61

Diese Unsicherheit lässt sich im Allgemeinen für das Bürgertum nach dem Ersten Weltkrieg festhalten. In dieser Atmosphäre konnten sich der Antikommunismus und der Antisemitismus immer breiter machen. Rosenberg dürfte mit seiner Suche nach einer scheinbaren Ordnung und klaren Strukturen also kein Einzelfall gewesen sein62 und die Tatsache, dass er sich in München dem völkischen Milieu anschloss, überrascht nicht63.

Die Frage, ob Rosenberg selbst Jude war, wurde ebenfalls häufig aufgeworfen und soll hier nur kurz beleuchtet werden. Vor allem Anhänger der Kirche, die Rosenberg durch sein publizistisches Schaffen stark gegen sich aufbrachte64, warfen dem Deutschbalten vor, jüdischer Herkunft, ja wahrscheinlich sogar „nicht-arisch“ zu sein65. Mütterlicherseits ist über die Vorfahren Rosenbergs eine gute Quellenlage erhalten, die väterliche Linie erweist sich allerdings als äußerst lückenhaft. Während sich der Urgroßvater Rosenbergs, Johann Rosenberg (ein 1781 geborener Schmied) und dessen Frau Marie Kamping-Graefenfels im Stammbaum nachweisen lassen, verschwimmen die darauf folgenden Quellenbelege.66 Die Forschung hat deshalb die Frage aufgeworfen, ob die entsprechenden Unterlagen hierzu in der Kriegszeit eventuell willentlich vernichtet wurden. Dafür würde sprechen, dass die weitere Quellenlage, vor allem bezüglich der mütterlichen Seite der Vorfahren Rosenbergs, ja durchaus gut erhalten ist.67 Fest steht jedenfalls, dass Rosenberg stets mit derartigen Gerüchten zu kämpfen hatte. So bestand die Behauptung, dass die Großmutter seines Großvaters, Saly Rosenberg, Jüdin gewesen sein soll68. Auch der Name „Rosenberg“ an sich klingt jüdisch, wobei aber nicht übersehen werden darf, dass es sich hierbei um einen relativ häufigen Namen unter Deutsch-Balten handelte und dieser nicht zwingend auf einen jüdischen Ursprung hinweisen muss69. Auch Rosenberg selbst veranlasste Recherchen zu seiner Herkunft, bezeichnenderweise „verlief die Sache“ nach einer Zeit aber „im Sande“70.

[...]


1 Piper, Ernst: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. Allitera Verlag. München, 2015. Seite 12.

2 Ebd.

3 Fest, Joachim: Das Gesicht des Dritten Reiches. Profile einer totalitären Herrschaft. Piper. München, 2004. Seite 225.

4 Adam, Christian: Lesen unter Hitler. Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich. Fischer-Taschenbuch-Verlag. Frankfurt, 2013. Seite 75.

5 Zu Rosenbergs Antisemitismus und Antibolschewismus siehe Kapitel „I.3. Rosenbergs Antisemitismus und Antibolschewismus“.

6 Adam, 2013. S. 76.

7 Ideologie. http://www.duden.de/rechtschreibung/Ideologie, aufgerufen am 18.07.2016

8 Adam, 2013. S.76.

9 Siehe hierzu Kapitel „III. Fazit: Alfred Rosenberg – Kultureller Akteur und Profiteur der NS-Zeit und ‚Chefideologe‘ der NSDAP?“

10 Rosenberg, Alfred: Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit. Hoheneichen-Verlag. München, 1934.

11 Piper, 2015. S.20.

12 Ebd.

13 Seraphim, Hans-Günther: Das politische Tagebuch Alfred Rosenbergs aus den Jahren 1934/35 und 1939/40. Nach der photographischen Wiedergabe der Handschrift aus den Nürnberger Akten. Musterschmidt-Verlag. Göttingen, 1956. Seite 3.

14 Bollmus, Reinhard; Lehnstaedt, Stephan: Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. Oldenbourg Verlag. München, 2009. Seiten 17-18.

15 Piper, 2015. S.27.

16 Bollmus,2009. S. 18.

17 Piper, 2015. S.27.

18 Bollmus, 2009. S.18.

19 Piper, 2015. S.31.

20 Bollmus, 2009. S.18.

21 Piper, 2015. S.32.

22 Ebd. S.33.

23 Die Thule-Gesellschaft wurde im Jahr 1918 von Rudolf von Sebottendorf in München gegründet. In ihr sammelten sich „völkische Vorkriegstraditionen alldeutscher Kreise mit okkult-heidnischen Rassegedanken“. Der „Münchner Beobachter“, ab 1919 „Völkischer Beobachter“, diente der Thule-Gesellschaft als eigene Pressestimme zur Verbreitung u.a. antisemitischer Propaganda. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/antisemitismus/thule-gesellschaft.html, aufgerufen am 29.08.2016)

24 Gottfried Feder (1883-1941) war ein deutscher Wirtschaftstheoretiker und Politiker. Er gründete 1919 einen eigenen Kampfbund, der die Forderungen stellte, die Banken zu verstaatlichen und den Zins abzuschaffen. Feders „aggressive[r] Antikapitalismus“ wird u.a. in seiner Schrift „Das Programm der NSDAP und seine weltanschaulichen Grundlagen"“ deutlich, mit der er, zumindest zeitweise, die Wirtschaftspolitik der NSDAP prägte (https://www.dhm.de/lemo/biografie/gottfried-feder, aufgerufen am 29.08.2016).

25 Rosenberg, Alfred; Matthäus, Jürgen; Bajohr, Frank: Alfred Rosenberg - die Tagebücher von 1934 bis 1944. Fischer (Die Zeit des Nationalsozialismus). Frankfurt am Main, 2015. S.212.

26 Bollmus, 2009. S.18.

27 Ebd.

28 Ebd. S. 19.

29 Piper, 2015. S.12.

30 Ebd.

31 Ebd. Dies gelang nicht jedem. Piper nennt als Negativbeispiele Feder, Ludendorff, Drexler, Esser, Heß, Röhm, Hanfstaengl, Gregor Strasser, Scheubner-Richter und Streicher. In Bezug auf den Einfluss stellt Piper Rosenberg auf eine Stufe mit Goebbels und Himmler.

32 Ebd. S.13.

33 Adam, 2013. S.76.

34 Bollmus, 2009. S.19

35 Rosenberg,Matthäus, Bajohr, 2015. S,12.

36 Zu Rosenbergs publizistischen Tätigkeiten siehe Kapitel III. dieser Arbeit.

37 Bollmus, 2009. S.19.

38 Rosenberg, Matthäus, Bajohr, 2015. S.12.

39 Ebd. S.12f.

40 Ebd. S.13.

41 Ebd.

42 Ebd.

43 Ebd.

44 Ebd. S.45.

45 Ebd. S.349.

46 Ebd. S. 13.

47 Ebd. S.45.

48 Ebd. S.13.

49 Ebd. S.356f.

50 Lebendiges Museum Online. Der Überfall auf die Sowjetunion.https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/kriegsverlauf/ueberfall-auf-die-sowjetunion-1941.html, aufgerufen am 19.07.2016.

51 Rosenberg, Matthäus, Bajohr, 2015. S.13.

52 Ebd. S.13f.

53 Ebd. S.14.

54 Vgl. zu dieser Sichtweise auf die Person Rosenberg vor allem Fest, 2004. S.225.

55 Piper, 2015. S.15.

56 Ebd.

57 Ebd. S.17.

58 Siehe zu Rosenbergs publizistischer Tätigkeit Kapitel „II. Rosenbergs publizistische Tätigkeit für den Zentralverlag der NSDAP und für die Partei“ und zu seinem Hauptwerk, dem „Mythus“ Kapitel „II.2. ‚Der Mythus des 20. Jahrhunderts‘ – Rosenbergs ideologisches Hauptwerk“.

59 Rosenberg, Matthäus, Bajohr, 2015. S.40.

60 Siehe hierzu z.B. Seraphim, 1956. Seite 3 oder Piper, 2015. S.32.

61 Rosenberg, Alfred: Die Spur des Juden im Wandel der Zeiten. Deutscher Volks-Verlag, München, 1920 (Neuauflage Zentralverlag der NSDAP Franz Eher Nachf., 1937; abgedruckt in Alfred Rosenberg, Schriften und Reden, Bd.1: Schriften aus den Jahren 1917-1921. Hoheneichen-Verlag. München, 1944, S.125-322).

62 Rosenberg, Matthäus, Bajohr, 2015. S.40.

63 Piper, 2015. S.31.

64 Siehe hierzu vor allem die Kapitel „II.2. ‚Der Mythus des 20. Jahrhunderts‘ - Rosenbergs ideologisches Hauptwerk“ und „II.3.2. Völkische, kirchliche und parteiinterne Reaktionen auf den ‚Mythus‘“

65 Piper, 2015. S.21f.

66 Ebd. S.21.

67 Ebd.

68 Ebd.

69 Ebd. S.22.

70 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Alfred Rosenberg. Kultureller Akteur und Profiteur der NS-Zeit und „Chefideologe“ der NSDAP?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
33
Katalognummer
V366957
ISBN (eBook)
9783668456860
ISBN (Buch)
9783668456877
Dateigröße
652 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alfred Rosenberg, NSDAP, Chefideologe, Parteitagsführer, Parteitagsprogramm
Arbeit zitieren
Vanessa Middendorf (Autor), 2016, Alfred Rosenberg. Kultureller Akteur und Profiteur der NS-Zeit und „Chefideologe“ der NSDAP?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/366957

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