Surreale Realitäten. Die Mexicanidad anhand der Geschichte Mexikos


Seminararbeit, 2016
22 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorhutgedanken

Methodik

Methodik

Surreale Realitäten

1. Zäsuren

2. Mexikanische Kultur vor der Revolution

3. Alles neu macht die Revolution

4. Die Gefolgsmänner des Hohepriesters – Die Mexikanische Schule
4.1. Diego Rivera
4.2. David Alfaro Siqueiros
4.3. José Clemente Orozco
4.4. Frida Kahlo

5. Mexicayotl

Weitere Geschichte und Fazit einer Avantgarde

Verzeichnis der Verwendeten Literatur, Quellen und Internetquellen

Literatur

Abbildungsverzeichnis

Vorhutgedanken

Vorhut zu sein ist niemals eine nette Angelegenheit.

Militärisch ist die Funktion einer Vorhut, herauszufinden, wo der Feind ist und wie er aufgestellt ist und meist auch zuerst Feindkontakt hat.

Zivil ist eine Vorhut eine Avantgarde, eine Gruppe an Denker oder Künstlern oder Politiker, eine Gruppe von Vordenkern, die an den Fortschritt glauben und ihn meist radikal umsetzen wollen. Sie stehen im Konflikt mit der etablierten Ordnung, der etablierten Ästhetik, dem etablierten Gedankengut. Sie wollte nicht in Museen, findet sich jedoch heute dort wieder und das mit einem anderen Erfolg, als sie sich erhofft hatte.

Großen sozialen und politischen erreichte man selten, eher die Anpassung des Mainstreams an die Protestbewegung und deren schlussendliches Abdriften in die Absurdität. Es war weniger ein Sterben, welches diese Avantgarden erfasste, als vielmehr ein Dahinsiechen.

Doch nicht nur in Europa gab es solche Bewegungen, auch fernab Europas dachte man voraus.

Diese Arbeit soll sich spezifisch einer dieser außereuropäischen Gedankenbewegungen widmen, namentlich der Mexicanidad, der mexikanischen Kunstbewegung, der Persönlichkeiten wie Diego Rivera, José Orozco, David Siqueiros und natürlich auch Frida Kahlo angehörten.

Von ihr stammt auch die Idee zum Titel dieser Arbeit: Surreale Realitäten bezieht sich auf ein Zitat von ihr, nachdem das, was sie zeichnete, für sie nicht surreal sei, sondern ihr sehr realer Schmerz, der sie ihr Leben lang seit einem Autounfall plagte[1].

Gleichzeitig schwirrt in meinem Kopf ein Zitat von Louis Gonzales herum: „Wenige Länder kultivieren Geschichte mit so viel Enthusiasmus wie Mexiko.“[2]

In diesem Sinne möchte ich den Leser um eines bitten: Lassen Sie mich nicht von ihrem Sterben erzählen – lassen Sie mich Ihnen davon erzählen, wie die Mexicanidad lebte.

Methodik

Obwohl, ganz im Sinne des Avantgardegedankens, mein Plan eigentlich war, eine Arbeit zu schreiben, die keine Methode hat und keine expliziten Fragen an das Thema stellt, so wäre dies ein etwas kunstloser Kunstgriff, denn nichts anderes ist eine Proseminararbeit. Außerdem hat auch die Abwesenheit von Methode eine Methode – auch wenn es ihre Abwesenheit ist.

Da der Leser nun zur Genüge verwirrt ist, kommen wir zur Methode: Ich muss gestehen, dass mein Wissen über die Kunstgeschichte etwas mangelhaft ist und demnach wird der kunsthistorische Teil dieser Arbeit eine reine Literaturarbeit sein. Auch sonst wird sich viel auf Literatur verlassen, aber auch auf eine wichtige Quelle: Die Bilder.

Für deren Interpretation werden bewusst keine, oder zumindest wenige, Quellen herangezogen. Viel mehr möchte ich versuchen, anhand meines eigenen Wissens eigene Gedanken und Schlussfolgerungen aufzustellen, so wie es eigentlich der Sinn der Kunst ist. Außerdem ist alles andere ziemlich langweilig.

Fragen an das Thema haben wir selbstverständlich ebenfalls, denn an sich gab es nicht eine Mexicanidad, sondern gleich zwei: Mexicayotl und die Mexicanidad, zu der auch Kahlo und Rivera gehören. Die Frage nun ist, welche denn die 'richtige', die avantgardistische, Mexicanidad ist, oder ob es gar beide oder keine ist. Eine weitere wichtige Frage ist, inwieweit die Politik Einfluss auf die Kunst nahm, sowohl positiven, als auch negativen.

Über allem schwebt die große Frage, inwieweit die Mexicanidad eine Folge aus der Geschichte Mexikos ist – oder eben nicht. Es wird keine einfache Ja oder Nein Antwort sein.

In diese Fragestellung stellt sich auch meine These: Wir werden später noch genauer sehen, was damit gemeint ist, aber meine These lautet, dass die Mexicanidad eine Art Roadtrip ganz Mexikos war, eine Suche nach einer eigenen Identität, eigenen Werten und Zielen.

Und nach einer eigenen Geschichte, wenn wir uns an Gonzales erinnern.

Surreale Realitäten

1. Zäsuren

Die Mexikanische Geschichte, oder besser gesagt die mexikanische Geschichtsschreibung, kennt eine ganze Reihe von Zäsuren, Revolutionen und Revolten, Plänen und Eroberungen.

Derer gibt es in meiner Betrachtung nach hauptsächlich drei:

– Der Fall von Tenochtitlan, 1521. Cortez, seine Conquistadoren und seine Alliierten brachten das mächtige, wenn auch von inneren Unruhen zersetzte, Reich der Azteken unter Moctezuma II. zu Fall, und installierten in der Folge im Jahre 1535 das Vizekönigreich Neuspanien, der Regierungskörper der Spanischen Kolonien in einer langen Liste an modernen Staaten, hauptsächlich jedoch in Mexiko.

– Der Mexikanische Unabhängigkeitskrieg, 1810 bis 1821. Mexikos Revolutionäre erstritten sich ihre Unabhängigkeit vom durch die Napoleonischen Kriege geschwächten Spanien und wurden schließlich als solches anerkannt, was zu etwa einem halben Jahrhundert an politischer Instabilität und Unruhe geführt hatte.

– Die Mexikanische Revolution, 1910 bis 1920 beziehungsweise 1940. Unter einer ganzen Reihe von Forderungen, der nach Boden und Freiheit die wohl berühmteste, die nach freien Wahlen und keiner Wiederwahl die wohl wichtigste, revoltieren die Mexikaner gegen das Regime des Diktators Porfirio Díaz, welcher bereits nach wenigen Monaten ins Pariser Exil flüchtete, was zu gut zehn Jahren an Konflikt führte. Danach dauerte es noch einmal zwanzig Jahre, bis die Kernforderung, die soziale und wirtschaftliche Reform umgesetzt war und der dafür verantwortliche Präsident, Lázaro Cárdenas, abtrat, was als das Ende der Revolution gilt.

Alle drei sind für die mexikanische Geschichte von großer Bedeutung, für die Historiographie von unterschiedlicher, für unser Thema jedoch ist besonders die letzte Zäsur von Bedeutung: Aus der Mexikanischen Revolution erwuchs ein Impuls im postrevolutionären Mexiko, aus dem das Moderne Mexiko mit seiner Kultur erwuchs.

2. Mexikanische Kultur vor der Revolution

Mexiko hat eine lange und stolze Geschichte und Kultur, sowohl vor dem Eintreffen der Spanier als auch danach. Die Präkolumbianischen Völker hatten in ihren Kulten und täglichem Leben eine Klangfülle zur Verfügung, die von langen Traditionen in der Musik zeugen.[3]

Als die Conquista, die Eroberung Mexikos durch die Spanier, jedoch abgeschlossen war, endete diese Tradition abrupt und vollständig[4], so schien es. Ihre Musik endete fast vollkommen und wurde durch einen spanischen kulturellen Überbau ersetzt, nicht zuletzt verbreitet durch die Missionare, die den Indianern das Christentum in der ein oder anderen Form brachten.

Der Missionar Bartolomé de las Casas, der als Apostel der Indios gilt und sich mit Erfolg am Spanischen Hof für ihre Rechte einsetzte, übersetzte beispielsweise die Lebensgeschichte Jesu Christi in die Sprache der Quichémaya und unterlegte es mit Musik, ein Machwerk, welches er indianischen Händlern beibrachte, die es nach Hause nahmen.[5]

Im 17. Jahrhundert begannen Prozesse der Liberalisierung der Musik, Stile vermischten sich und es entstand eine Mischung aus spanischer Musik und der spanisch-afrikanischen Musik in Neuspanien, was sich zur Populärmusik weiterentwickelte, dem jarabe, eine Form des son, zu dem auch die Mariachis gehören[6]. 1711 wurde in Mexiko erstmals eine mexikanische Oper aufgeführt, 1803 erstmals eine italienische, der Walzer kam zwischen 1810 und 1815 und vermischte sich mit Lokalem, was ihn sehr beliebt machte.[7]

Mit der Unabhängigkeit brachen die Monopole vom Königshof und der katholischen Kirche[8] über die Musik und damit die Deiche der musikalischen Kreativität – doch wurden europäische Ausdrucksformen bevorzugt. Erst nach der Revolution begannen sich die mexikanischen Ausdrucksformen durchzusetzen[9] und sich immer weiter mit den Einflüssen aus allen Teilen der Welt vermischten.

Dieses Wiederentdecken des eigenen kulturell-musikalischen Erbes, auch von staatlicher Seite durch das INI, das Instituto Nacional Indigesta, unterstützt, steht allerdings zwischen Tradition und Tourismus gefangen.

Doch Kultur ist nicht nur Musik.

Kultur geht auch durch den Magen – und mexikanische Küche ist sehr reichhaltig. In ihr lebt das Erbe sowohl Präkolumbianischer Zeiten als auch des Vizekönigreichs nach: Pilcher stellt fest, dass es für mexikanische Frauen wichtig war, Kochliteratur zu haben, da es ihnen eine nationale Identität und Medium gibt[10]. Dazu kommt die enorm hohe kultische Bedeutung der Landwirtschaft und dessen Produkten in den Kulturen der Präkolumbianischen Völker, ganz besonders der Maya, deren Popul Vuh davon erzählt, wie der Mensch von den Göttern aus Mais geschaffen wurde, nachdem drei andere Versuche fehlgeschlagen waren.[11]

Mais bildet bis heute die Grundlage der mexikanischen Ernährung, ebenso wie Bohnen und andere Feldfrüchte. Gleichzeitig hat sich dieses Erbe im Magen vermischt mit dem, was die Spanier mitbrachten: Eine bunte Mischung aus Traditionen, die von Kelten, Karthagern, Mauren, Griechen und Iberern stammten, darunter Gewürze, Fleisch und Weizen. Gerade letzteres schmeckte jedoch nicht so wirklich und so blieben die Mexikaner bei ihrem Mais und den Tortillas, die daraus hergestellt wurden.[12]

Während die spanische Oberschicht jedoch so lange wie möglich an ihren heimischen Produkten festhielt, bildete sich jedoch eine Mischkultur, die der Criollos. Sie tauschten spanische Produkte gegen lokale aus: Schweinefett ersetzte Olivenöl, würzten mit Chili und erschufen so aus arabischen Eintöpfen die Mole. Im Allgemeinen wurde Chili mit der Unabhängigkeit wichtig für eine nationale Identitätsbildung – die in der Küche, für die 1831 die ersten Bücher erschienen.[13]

Die so konstruierte 'nationale Küchenidentität' wirkt mit ihren Mischungen aus spanischer, indigener und anderen Einflüssen bis heute nach, doch dazu später mehr.

3. Alles neu macht die Revolution

1910 war Mexiko ein Land im Frieden, wenn auch nicht im Reichtum für alle, sondern nur für ausgewählte Schichten. Das Land wurde diktatorisch von Porfirio Diaz regiert, der sich zuerst 1877 an die Macht geputscht hatte, um 1880 abgewählt zu werden und 1884 wiedergewählt zu werden.

Er fuhr eine strikte, starke Entwicklungspolitik, die mittels ausländischem Kapital das Land industrialisierte, jedoch die Bevölkerung verarmen ließ.

1908 kündigte er in einem Interview an, 1910 zurücktreten zu wollen – Francisco I. Madero bereitete darauf seine eigene Kandidatur vor, doch Diaz kandidierte erneut und ließ sich wiederwählen. Daraus erwuchs die Mexikanische Revolution, als mehrere Revolten in Mexiko ausbrachen. Schon wenige Monate später floh Diaz nach Paris, wo er 1915 starb.[14]

Die Revolution endete jedoch nicht dort: Um die Kontrolle und Zukunft Mexikos wurde bis 1920 mit Waffengewalt gekämpft, wichtige Ziele waren eine Agrarreform und eine demokratische Staatsform.[15]

1917 gab sich das Land eine neue Verfassung, der es an Durchsetzungskraft mangelte, während das Land am Boden lag. Revolutionäre wie Emiliano Zapata hatten ihre ganz eigenen Ideen, wie das Land in die Zukunft kommen sollten. Reformen wurden erdacht, zwischenzeitlich intervenierten die Amerikaner in einer Strafmission gegen den anderen großen Revolutionär, Pancho Villa und das Land versank in Chaos. Zapata wurde 1919 ermordet.

Es scheint beinahe so, als wäre die Revolution die kulturelle Initialzündung für die Avantgarde-Bewegung in Mexiko. Avantgarde, das Aufstehen und Rebellieren gegen 'das Establishment', das gab es in Mexiko schon lange, auch künstlerisch.

[...]


[1] Vgl. Wikipedia (Hrsg.), Frida Kahlo., https://en.wikipedia.org/wiki/Frida_Kahlo , abgerufen am 11. Oktober 2016.

[2] Nach Thomas Benjamin, Historiography., in: Michael Werner, (Hrsg.), Encyclopedia of Mexico. History, Society & Culture., London Chicago 1997, Seite 646, Übersetzung durch Sebastian Eccius.

[3] Für weitere Informationen über dieses Thema empfehle ich Ellen Hickmann, Dieter Freudenberg, Evamaria Freudenberg (Hrsg.), Klänge Altamerikas. Musikinstrumente in Kunst und Kult., Darmstadt 2008.

[4] Vgl. Torsten Eßer, Narco-música und Tecnogeist. Mexikanische Musik vom 20. Jahrhundert bis heute., in: Walther L. Bernecker, Marianne Braig, Karl Hölz, Klaus Zimmermann (Hrsg.), Mexiko heute. Politik Wirtschaft Kultur., Frankfurt am Main 2004, Seiten 565 und 566.

[5] Ebendort, Seite 566.

[6] Ebendort, Seite 570.

[7] Ebendort, Seite 567.

[8] Die Rolle der katholischen Kirche in Mexiko ist ein sehr großes Fass ohne Boden und endete bis heute nicht, nur verlagerte sich die Macht: Von tatsächlicher politischer Macht verlagerte sich in die Köpfe und Herzen, da weit über 90 Prozent der Mexikaner immer noch Katholiken sind.

[9] Vgl. Eßer, Narco-música und Tecnogeist., in: Bernecker, Braig, Hölz, Zimmermann (Hrsg.), Mexiko heute., Seite 568.

[10] Vgl. Jeffrey M. Pilcher, Cuisine., in: Michael Werner (Hrsg.), Encyclopedia of Mexico. History, Society & Culture., London Chicago 1997, Seite 385.

[11] Vgl. Arthur Cotterell, Mythologie. Götter, Helden, Mythen., Köln o.J., Seiten 286 und 287.

[12] Vgl. Pilcher, Cuisine., in: Werner (Hrsg.), Encyclopedia of Mexico. History, Society & Culture., London Chicago 1997, Seite 385.

[13] Ebendort, Seite 386.

[14] Alle Angaben: Vgl. James A. Garza, Díaz, Porfirio: Biography., in: Michael Werner, (Hrsg.), Encyclopedia of Mexico. History, Society & Culture., London Chicago 1997, Seiten 406 und 407.

[15] An dieser Stelle ein Zitat von Diaz selbst über die Gesetzestreue seiner Regierung: Die Antwort ist ganz einfach: Katholiken brechen die Zehn Gebote täglich, weil es unmöglich ist, sich streng an sie zu halten: Es ist ebenso unmöglich für die Regierung, sich strikt an das Gesetz zu halten, wie es in unserer Verfassung steht. Nach: Paul Garner, Díaz, Porfirio: Interpretive Discussion., in: Michael Werner, (Hrsg.), Encyclopedia of Mexico. History, Society & Culture., London Chicago 1997, Seite 410. Übersetzung nach Sebastian Eccius. Im Original heißt es bei dem Gesetzt 'letter of the law', frei 'Buchstabe des Gesetzes', was mit dem Gegenstück, 'spirit of the law', frei 'Intention des Gesetzes', eine alte Frage in Shakespeare-Stücken ist, beispielsweise im Kaufmann von Venedig.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Surreale Realitäten. Die Mexicanidad anhand der Geschichte Mexikos
Hochschule
Universität Salzburg
Note
2
Autor
Jahr
2016
Seiten
22
Katalognummer
V367110
ISBN (eBook)
9783668462267
ISBN (Buch)
9783668462274
Dateigröße
1835 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mexiko, Mexicanidad
Arbeit zitieren
Sebastian Eccius (Autor), 2016, Surreale Realitäten. Die Mexicanidad anhand der Geschichte Mexikos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/367110

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