Die Theoretiker der Biokosmisten postulieren die Unsterblichkeit als ein Recht der Individuen. Neben der Überschreitung der natürlichen Grenze des Todes wird den Mitgliedern der kommunistischen Gesellschaft ein Recht auf die Übertretung räumlicher Hindernisse zugestanden. Boris Groys resümiert die Tendenz der Bewegung, den ganzen kosmischen Raum zu besetzen und die totale Gesellschaft als interplanetar agierend zu sehen. In diesen Ansprüchen wird der Kunst ein zentraler Raum zugestanden, in dem sie als Ausdruck der fortschreitenden Technik in ihren Darstellungen den Konfrontationen mit natürlichen Grenzen vorangeht. In der menschlichen Kreativität komme zugleich der Ausdruck des Kosmos zum Tragen. Vor dem Hintergrund der russischen Biokosmisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschrieben russische Schriftsteller und Philosophen wie Lev Trotzkij und Konstantin Ciolkovskij in utopischer Weise die Übertretung von räumlichen und zeitlichen Beschränkungen. In der Nachfolge Nikolaj Fedorows wurde ein neues Menschenbild in einem Weltverständnis entworfen, das natürliche Grenzen für den Menschen nicht mehr anrechnen kann, da der Mensch selbst nur als technisches Zusammenspiel seiner Biomasse gesehen wird. Dieser Ansatz soll dem Vergleich der Positionen und der Möglichkeit um Weltliteratur vorangestellt werden, da er eine Öffnung der Grenzen fokussiert, die sich auch und gerade über die Kunst ereignet. Die Biokosmisten wirkten aus einem universalistisch-globalen Anspruch heraus, der weder die zeitliche Grenze des Todes noch den räumlichen Horizont des Nationalstaates oder des Planeten als Beschränkung anerkannte.
Das utopische Moment wird gleichsam für das Programm einer Weltliteratur konstitutiv, wie es von Johann Wolfgang Goethe zu Beginn des 19. Jahrhunderts formuliert und fast 200 Jahre später von Gayatri Chakravorty Spivak thematisiert wird. In diesem Kontext nach der Definition einer Weltliteratur zu suchen, wird das Modell einer Kunst auf den Plan rufen, die unabhängig von ihrem Standpunkt auf dem Globus nach Möglichkeiten zur Horizontüberschreitung sucht.
Inhaltsverzeichnis
A propos
1. Am Punkt Null
2. Rückgriff auf die Wiege der „Weltliteratur“
2.1. Goethes Ausgangspunkte
2.2. Utopische Aspekte des Begriffes
2.3. Völkerverständigung
2.4. Weltliche Orientierung
3. Sprung in der Geschichte
4. Postkoloniale Aspekte
4.1. Definition neuer Räume
4.2. Literatur, Kultur und Lesetechnik
4.3. Natur und Fruchtbarkeit
4.4. Planetarity as a Discipline
5. Begriffsanalyse
5.1. Welt
5.2. Literatur
5.3. Synthese
6. Möglichkeit der „Welt–Literatur“
6.1. Sprache als Grenze und Möglichkeit
6.2. Höhenkamm, Trivialliteratur und Bücherverbrennung
Abschließende Betrachtungen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretische Fundierung und Entwicklung des Begriffs der Weltliteratur, indem sie die Perspektiven von Johann Wolfgang von Goethe und Gayatri Chakravorty Spivak in einen vergleichenden Kontext stellt, ergänzt durch die semiologische Theorie von Roland Barthes.
- Historische Herleitung des Weltliteratur-Begriffs bei Goethe
- Postkoloniale Perspektiven und das Konzept der "Planetarity" bei Spivak
- Die Rolle der Sprache und Form als Begrenzung und Möglichkeit literarischer Sinnstiftung
- Vergleich zwischen globalen Machtstrukturen und dem Konzept des "Planeten"
- Die Bedeutung von Literatur als soziales und politisches Instrument
Auszug aus dem Buch
2. Rückgriff auf die Wiege der „Weltliteratur“
Der Begriff „Weltliteratur“ ist Elke Sturm-Trigonakis zufolge das Resultat eines von Veränderungen geprägten Zeit- und Raumempfindens. Andererseits habe sich Goethe in seinen Ausführungen auch gegen den vorherrschenden romantischen Zeitgeist gestellt und mit einem Rückgriff auf den Kosmopolitismus der Aufklärung gegen das Postulat der Nationalliteraturen agiert. In der Formulierung des Terminus „Neue Weltliteratur“ beruft sich die Professorin für Vergleichende Literaturwissenschaften Trigonakis auf die dichotome Grundlage der Tradition einerseits und den Wandel andererseits.
Das Universale im Partikulären jeder einzelnen Literatur sieht Goethe in der Kunstfertigkeit, das „allgemein Menschliche“ herauszustellen. In seinem Aufsatz über die „Epochen geselliger Bildung“ entwirft er ein Vierstufenmodell, innerhalb dessen Goethe die Entwicklung sozialer und literarischer Epochen skizziert. Die höchste Stufe deklariert er im Stadium der Spätzeit einer Kultur. Diese reflexive und historisch expressive Phase benennt der Dichter als universale Epoche.
Daß sie aber universell werde, dazu gehört Glück und Gunst, deren wir uns gegenwärtig rühmen können. Denn da wir jene Epochen seit vielen Jahren treulich durchgefördert, so gehört ein höherer Einfluß dazu, das zu bewirken, was wir heute erleben: die Vereinigung aller gebildeten Kreise, die sich sonst nur berührten, die Anerkennung eines Zwecks, die Überzeugung, wie notwendig es sei, sich von den Zuständen des augenblicklichen Weltlaufs im realen und idealen Sinne zu unterrichten. Alle fremden Literaturen setzen sich mit der einheimischen ins gleiche, und wir bleiben im Weltumlaufe nicht zurück.
Neben dem utopischen Moment im Begriff Weltliteratur sind ihm nach Goethe die Komponenten des technischen Fortschritts und der Kommunikation zwischen Kulturen und Sprachen inhärent.
Zusammenfassung der Kapitel
A propos: Einleitung in die theoretischen Grundlagen des Begriffs der Weltliteratur unter Einbeziehung der Biokosmisten.
1. Am Punkt Null: Analyse der Literatur als Zeichensystem und der Mythologie der literarischen Sprache nach Roland Barthes.
2. Rückgriff auf die Wiege der „Weltliteratur“: Untersuchung der historischen Ursprünge des Weltliteraturbegriffs bei Goethe als diplomatisches und kulturelles Instrument.
3. Sprung in der Geschichte: Analyse der Abkehr von der klassischen Schreibweise und der damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen ab Mitte des 19. Jahrhunderts.
4. Postkoloniale Aspekte: Dekonstruktion und Neuinterpretation des Weltbegriffs durch Gayatri Chakravorty Spivak.
5. Begriffsanalyse: Synthetische Zusammenführung der unterschiedlichen theoretischen Ansätze zur Definition von Welt und Literatur.
6. Möglichkeit der „Welt–Literatur“: Abschließende Betrachtung der Vermittlung zwischen den verschiedenen theoretischen Positionen und der Rolle der Sprache.
Abschließende Betrachtungen: Zusammenfassendes Fazit über das utopische Potenzial von Literatur und ihre Bedeutung über die Jahrhunderte hinweg.
Schlüsselwörter
Weltliteratur, Goethe, Spivak, Roland Barthes, Literaturtheorie, Postkolonialismus, Planetarity, Komparatistik, Nationalliteratur, Schreibweise, Diskursanalyse, Kanon, Völkerverständigung, kulturelle Identität, Biokosmisten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen des Konzepts der Weltliteratur und vergleicht dabei die klassischen Ansätze von Johann Wolfgang von Goethe mit postkolonialen Perspektiven von Gayatri Chakravorty Spivak.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die historische Genese des Weltliteratur-Begriffs, das Verhältnis von Nationalliteratur zu Weltliteratur, die Rolle der Übersetzung sowie die kritische Reflexion von Machtstrukturen im Literaturbetrieb.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, die "Möglichkeit" von Weltliteratur kritisch zu erörtern und zu zeigen, wie Literatur trotz historischer und kultureller Differenzen als verbindendes, utopisches Element fungieren kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine diskursanalytische und komparatistische Herangehensweise, wobei insbesondere theoretische Konzepte von Roland Barthes zur Analyse der literarischen Form angewandt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden Goethes Utopie einer diplomatischen Weltliteratur, Spivaks dekonstruktive Lesart der "Planetarity" und die Rolle der Sprache als Grenze sowie als Möglichkeit der kulturellen Annäherung beleuchtet.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Weltliteratur, Postkolonialismus, Planetarity, Komparatistik und diskursive Formanalyse definiert.
Inwiefern spielt der Begriff "Planetarity" bei Spivak eine besondere Rolle?
Im Gegensatz zum virtuellen oder machtpolitisch konstruierten "Globus" steht bei Spivak der "Planet" für einen natürlichen Lebensraum, der dazu dient, Hierarchien zwischen Nationen zu hinterfragen und alternative, unvoreingenommene Lesarten zu ermöglichen.
Welche Rolle spielt die Bücherverbrennung von 1933 in der Argumentation?
Das Ereignis dient als Beispiel, um die Qualität von Literatur und deren Bindung an den zeitgeschichtlichen Horizont zu verdeutlichen; Werke, die sich gegen die Manipulation der sozialen Wirklichkeit wenden, gewinnen hierdurch einen spezifischen Status innerhalb der Weltliteratur-Diskussion.
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- Andrea Dexheimer (Author), 2013, Von Welt. Die Möglichkeiten von Weltliteratur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/367253