Ist der "Arbeitskraftunternehmer" der neue Leittypus unserer Gesellschaft und welche Gefahren birgt er?


Essay, 2017

14 Seiten, Note: bestanden

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historische Entwicklung der „Typen“ von Arbeitskraft und „Arbeitskraft als Ware“
2.1 Der proletarisierte Lohnarbeiter
2.2 Der verberuflichte Arbeitnehmer

3. Der verbetrieblichte Arbeitskraftunternehmer
3.1 Selbst- vermarktung und Rationalisierung
3.2 Selbst-Kontrolle
3.3 weitere Anzeichen des Arbeitskraftunternehmeransatzes

4. Folgen des Arbeitskraftunternehmers als neuen Leittypus und Kritik....

5. Fazit

1. Einleitung

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Gesamtgefüge der Erwerbsfor- men auf dem deutschen Arbeitsmarkt stark gewandelt (vgl. Minssen 2000: 9). Das Normalarbeitsverhältnis, als zentrale Erwerbskategorie und definiert als abhängige, unbefristete Lohnarbeit, die in Vollzeit erbracht wird und die volle Integration in die sozialen Sicherungssysteme umfasst, hat in absoluten Zah- len stark abgenommen (vgl. Elster 2007: 9). Hingegen gibt es eine starke Zu- nahme an atypischer Beschäftigungsverhältnisse wie Teilzeitbeschäftigte, ge- ringfügig Beschäftigte, Soloselbstständige, Leiharbeit und befristete Beschäf- tigungen (vgl. Mields 2009: 15). Mückenberger spricht bereits im Jahre 1985 von der „Erosion der Normalarbeit“ (Mückenberger 1985: 415). Es lassen sich aber auch weitere Veränderung feststellen, wie die Zunahme von projektför- miger Arbeit und Netzwerkstrukturen, wie auch die verkürzte Dauer von Ar- beitsbeziehungen und Flexibilisierung von Arbeitsinhalten. Die Entgrenzung von Freizeit und Arbeit, als auch die Qualifikation und persönlichen Eigen- schaften stehen im Vordergrund (vgl. Mields 2009: 15). Auch das Transforma- tionstheorem von Baverman1, welche besagt, dass das Ziel jedes Unterneh- mens sei, die Transformation von Arbeitsvermögen in die effektivste Arbeits- leistung sicherzustellen und vollständig auszuschöpfen wird erklärt (vgl. Elster 2007: 52), dies und die o.g. Faktoren waren Grundlage einen neuen „Typus von Arbeitskraft“ zu definieren, der als Arbeitskraftunternehmer bezeichnet wird (Voß / Pongratz 1998: 131). In dieser Arbeit soll sich kritisch mit dem Ty- pus des Arbeitskraftunternehmers auseinandergesetzt und hierbei die Leit- frage beantwortet werden: „Ist der Arbeitskraftunternehmer der neue Leittypus in unserer Gesellschaft und welche Gefahren birgt er?“ Zunächst möchte ich gern auf den Aspekt „Arbeitskraft als Ware eingehen“ anschließend Abgrenzungen zwischen den vorangegangenen Typen machen, um dann im nächsten Schritt die charakte- ristischen Merkmale des Arbeitskraftunternehmers aufzeigen und hiernach die Folgen und die Kritik an dem Typus zu diskutierten (vgl. Pongratz, Voß 2004: 26).

2. Historische Entwicklung der „Typen“ von Arbeitskraft und „Arbeitskraft als Ware“

In diesem Teil der Arbeit wird zunächst genauer definiert wie sich das Verständnis von Arbeitskraft verändert hat und der historische Verlauf der unterschiedlichen Typen von Arbeitskraft und ihrer Nutzung dargestellt, um so die Trennschärfe zu erhöhen.

Nach Marx ist die Arbeitskraft bzw. das Arbeitsvermögen der „Inbegriff der phy- sischen und geistigen Fähigkeiten, die in der Leiblichkeit, der lebendigen Per- sönlichkeit eines Menschen“ (Marx 1998: 181). Im kapitalistischen Kontext wird nun die Arbeitskraft als „besondere Ware“ gehandhabt, da diese schließ- lich nicht von der Person zu trennen ist. Wie nun diese Ware „geformt“ und auf dem Markt veräußert wird, ist ein zentraler Bestandteil der Arbeitskraftunter- nehmertheorie (vgl. Voß / Pongratz 1998: 131). Der einfache „Kauf“ von Ar- beitskraft garantiert zwangsläufig nicht gleich die Arbeitsleistung und in einer gewünschten Qualität (vgl. ebd.: 137).

Zunächst muss klargestellt werden, dass Pongratz und Voß eine Art „Profil“ mit bestimmten Merkmalen der Arbeitskraftnutzung herausgearbeitet haben, welche unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingung vorherrschten und diese so historisch voneinander abgrenzen konnten (vgl. Voß / Weiß 2009: 68). Weber spricht von der Typbildung als ein analytisches Instrument, um so dem zu untersuchenden Gegenstand charakteristische Elemente zuzuschrei- ben und sie von einer zunächst rein theoretischen Form von anderen Formen abzugrenzen (vgl. Weber 1968: 65). Die Konstruktion eines Typus soll also kein Abbild der konkreten Realität sein, sondern ist lediglich ein analytisch, theoretischer Maßstab der Wirklichkeit (vgl. Voß / Weiß 2009: 69). So wurden schließlich grob drei verschiedene idealtypische Formen von Arbeitskraft und ihrer Nutzung herauskristallisiert, nämlich die des proletarisierten Lohnarbei- ters im Frühkapitalismus über den verberuflichten Arbeitnehmer des Fordis- mus, bis hin zum verbetrieblichten Arbeitskraftunternehmer des Postfordismus (vgl. Voß 2001: 12).

2.1 Der proletarisierte Lohnarbeiter

Zur Zeit des Frühkapitalismus wurden die Arbeitskräfte vorwiegend aus feuda- len Verhältnissen freigesetzt und für die ersten industriellen Produktionsfor- men genutzt (vgl. Voß 2001: S.12). Der proletarische Lohnarbeiter zeichnete sich vor allem durch seine geringe Erfahrung und Qualifikation aus, seine Ar- beitskraft war „roh“ d.h. nicht weiter durch Eigeninitiative oder betrieblich ge- fördert. Die Arbeit war überwiegend physisch zu leisten (vgl. Voß / Pongratz 1998:147). Des Weiteren war die Arbeit eintönig und anspruchslos, um eine bestimmte Arbeitsleistung zu erhalten, wurden stetig, repressive und diszipli- nierende persönliche Kontrollen vorgenommen. Die Arbeiter zu jener Zeit wur- den regelrecht fremdbestimmt und hatten einen standardisierten Arbeitsalltag (vgl. Pongratz / Voß 2004: 26 f.). Arbeitszeiten von bis zu 16 Stunden täglich (vgl. Schneider: 1984: 78) und die somit verbundene reduzierte tagtägliche Erholung, führte zu einer hoch verschleißenden Veräußerung der Arbeitskraft von Arbeitern. Durch fehlende sozialstaatliche Sicherungsmechanismen und aufgrund der „Austauschbarkeit“ der Arbeit war ihre Lebensführung eine höchst unsichere, wobei zudem das ‚hire-and-fire' Prinzip vorherrschte.

Der vergütete Lohn sichert gerade einmal das Überleben (vgl. Voß / Pongratz 1998: 150). Das Familienbild ist stark patriarchalisch geprägt, obwohl Frauen und teilweise Kinder ebenfalls arbeiten mussten (vgl. ebd.: S. 147).

2.2 Der verberuflichte Arbeitnehmer

Das Voranschreiten der Industrialisierung und der Entstehung von sozialstaat- lichen Sicherungssystemen sowie einer systematischen, beruflichen Bildung, führte zu einer höheren und weitgehend standardisierten Fachqualifikation, so- mit veränderte sich der proletarische Lohnarbeiter maßgeblich (vgl. Voß 2001:12). Es folgte nun der Typus des verberuflichten Arbeitnehmer im Kon- text des Fordismus2, welcher bis heute existiert (vgl. Pongratz / Voß 2004: 12).

Ein Gerüst aus Normen und Standards und einer Vielzahl von verschiedenen, einzelnen und optimierten Arbeitsschritten nach dem taylorischen3 Prinzip ergab ein hohes Maß an Standardisierung. Berufe und Tätigkeitsfelder wurden genau umrissen, typisiert und institutionalisiert (vgl. ebd.: 13). Die Arbeitskraft wurde zu einer „Massenwaren“ aufgrund der standardisierten Berufsform (vgl. Voß / Pongratz 1998: 150).

Kontrollmechanismen, welche vorher persönlich durch einen Vorarbeiter o.Ä. durchgeführt wurden, sind nun teilweise durch strukturelle, technische und or- ganisatorische Kontrollen ersetzt worden4, denn beispielsweise gibt nun das Fließband die Arbeitsgeschwindigkeit vor und fordert gleichermaßen eine in- nere

Disziplinierung5 umso mit dem Fließband „mitzukommen“ (vgl. Voß 2001:12). Die Arbeitsbeziehungen verändern sich ebenfalls grundlegend, aufgrund von kollektiven Interessenvertretungen wie Gewerkschaften und Unternehmerver- bänden, als auch durch staatliche geregelte Schutzmechanismen6 kommt es zu einer Verrechtlichung von Arbeit. Arbeit wird als ein „Einmal-Verkauf“ be- schrieben, wo das Prinzip „hire and fire vorherrschte. Es wird sich für einen „Lebensberuf“ entschieden, also die Entscheidung, für einen Beruf sein Leben lang. Umschulungen und Weiterentwicklungen der Fertigkeiten waren nicht vorgesehen (vgl., Voß / Pongratz 1998: 150). Aber nicht nur die Arbeitsorga- nisation, sondern auch die Lebensführung ändert sich, es kommt zur Verkür- zung von den Arbeitszeiten bis hin zur „40 - Stunden Woche“7 (Schneider 1984: 88) hinzu kommen die steigenden Löhne (vgl. Voß / Pongratz 1998: 150). Durch die gewonnene Freizeit rückt die meist konsumorientierte Gestal- tung der Arbeitnehmer, immer mehr in den Vordergrund (vgl. ebd.: 150). Das

[...]


1 Das Theorem liegt der marxistischen Tradition zugrunde und wurde von Voß und Pongratz folgend genauer beschrieben: „ kauft ein Unternehmen mit der Einstellung von Mitarbeitern (in der Regel) nicht vertraglich eindeutig definierte T ä tigkeiten, sondern allein f ü r bestimmte Zeitr ä ume das Potenzial der Person.“ (Voß / Pongratz: 1998: 137)

2 Der Fordismus wurde benannt nach dem amerikanischen Automobilproduzenten Henry Ford. Der "Fordismus" zeichnete vor allem durch das Herstellungsprinzip und die auf ihn zu- rückgehende Produktionsweise, nämlich Massenproduktion und Fließproduktion (vgl. Schi- mank 2012: 1).

3 Der Taylorismus wurde nach dem US-Amerikaner Frederick Winslow Taylor benannt, welcher mit dem Konzept des „Scientific Management“ die Produktionsabläufe weitgehend und flächendeckend standardisierte (vgl. Lohr / Nickel 2009: 7).

4 Pongratz und Voß sprechen hier hauptsächlich von „sekundären Arbeitstugenden“, wie Fleiß, Ordnung und Pünktlichkeit (Voß / Pongratz 2004: 27).

5 Zunahme an psychosozialen Kontroll- und Motivationsstrategien (vgl. Voß / Pongratz 1998: 150).

6 Kranken- und Rentenversicherung sind die Norm, im Falle von Arbeitslosigkeit erhält man Unterstützung vom Staat (vgl. Flemming 1986: 145)

7 Zur Zeit des proletarisierten Lohnarbeiters waren es noch 80 bis 85 Stunden. (vgl. Schneider 1984: 78)

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Ist der "Arbeitskraftunternehmer" der neue Leittypus unserer Gesellschaft und welche Gefahren birgt er?
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
bestanden
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V367335
ISBN (eBook)
9783668458628
ISBN (Buch)
9783668458635
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arbeitskraftunternehmer, Normalarbeit, Arbeitskraft, Historische Entwicklung von Arbeitskraft, verberuftlichter Arbeitnehmer, proletarisierte Lohnarbeiter, Entgrenzung von Arbeit, Arbeitsmarktwandel
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Ist der "Arbeitskraftunternehmer" der neue Leittypus unserer Gesellschaft und welche Gefahren birgt er?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/367335

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