"Sozialmanagement zerstört die professionelle Identität Sozialer Arbeit"? Diskussion der These


Essay, 2014
7 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Bei der Auseinandersetzung mit der These „Sozialmanagement zerstört die pro­fessionelle Identität Sozialer Arbeit“ kommt es darauf an, von welchem Standpunkt aus man die Begriffe „professionelle Identität“ und „Sozialmanagement“ betrachtet und wie sie inhaltlich verstanden werden. Im ersten Schritt wird der zentrale Be­griff der professionellen Identität (nachfolgend mit p.I. abgekürzt) in der Sozialen Arbeit betrachtet und kurz inhaltlich dargestellt. Danach werden Kernargumente beleuchtet, die einerseits für und andererseits gegen die o.g. These sprechen. Dabei werden unterschiedliche Auffassungen von Sozialmanagement berücksich­tigt. Im dritten Schritt wird dann aus dieser Diskussion ein Fazit abgeleitet und eine Anpassung der These formuliert.

Die professionelle Identität Sozialer Arbeit ist kein feststehendes Gebilde, sondern sie unterliegt einem Prozess. Im gegenseitigen Austausch zwischen professionel­ler Praxis und Fachtheorie, Forschung und Lehre werden regelmäßig Aspekte der p.I. reflektiert und ggf. unter Berücksichtigung des gesellschaftlichen Wandels an­gepasst (Fischer 2011, S. 6-7). Allerdings ist die p.I. im Bereich der Sozialen Ar­beit recht fragil und wenig selbstbewusst. Die akademische Ausbildung begann erst Mitte der 1960er Jahre und ist damit noch sehr jung. Innerhalb des Studiums gibt es jedoch keine eigene Sozialarbeitswissenschaft, sondern die Professionali­sierung beinhaltet in weiten Teilen die Grundlagen anderer Wissenschaften, wie z.B. Psychologie, Soziologie und Recht. Die Dozenten an den Fachhochschulen stammen vielfach aus solchen „klassischen“ Professionen und waren nie in der beruflichen Praxis der Sozialen Arbeit tätig. Das erschwert die grundlegende Heraus­bildung einer p.I., da sich das multiprofessionelle Wissen von Sozialarbei­tern in weiten Teilen aus Inhalten anderer Professionen nährt (fremddefiniertes Wissen). So kann es dazu kommen, dass Sozialarbeiter in multiprofessionellen Teams lediglich auf dem Papier auf Augenhöhe eingebunden sind und von Ärzten, Juristen etc. nur als „anprofessionalisiert“ wahrgenommen werden („Mini-Sozio­loge“ oder „Halb-Jurist“). In diesen Zusammenhängen für sich selber und gegen­über anderen ein klares und selbstbewusstes Bild der professionellen Identität zu vertreten, stellt eine Herausforderung dar (Staub-Bernasconi 2007, S. 1-2; Fischer 2011, S. 2-5). Zur allgemeingültigen Beschreibung des Berufsbildes der Sozialen Arbeit bezieht sich Staub-Bernasconi auf die folgende, internationale Definition Sozialer Arbeit:

Soziale Arbeit ist eine Profession, die sozialen Wandel, Problemlösungen in menschlichen Beziehungen sowie die Ermächtigung und Befreiung von Menschen fördert, um ihr Wohlbefinden zu verbessern. Indem sie sich auf Theorien mensch­lichen Verhaltens sowie sozialer Systeme als Erklärungsbasis stützt, interveniert Soziale Arbeit im Schnittpunkt zwischen Individuum und Umwelt/Gesellschaft. Da­bei sind die Prinzipien der Menschenrechte und sozialer Gerechtigkeit für die So­ziale Arbeit von fundamentaler Bedeutung. (siehe Staub-Bernasconi 2007, S. 4)

Im Kern bedeutet professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit also die Verbin­dung von wissenschaftlich basierten Kenntnissen, deren Reflexion und den prakti­schen Handlungsanforderungen des Berufsalltags. Dabei hat die Soziale Arbeit ein „doppeltes Mandat“ und bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen Hilfe (für den jeweiligen Klienten) und Kontrolle (als gesellschaftlicher Auftrag). Bislang ist beim Berufsbild der Sozialen Arbeit häufig die Rede von einer „bescheidenen Profession“ (Staub-Bernasconi 2007, S. 2, 4-7; Wöhrle 2003, S. 71). Bei der Be­trachtung des Begriffs der p.I. ist also festzuhalten, dass es sich um ein instabiles Konstrukt handelt und, dass der Begriff „Fremdbestimmung“ immer wieder eine Rolle spielt.

Über viele Jahre hinweg wurde professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit aus dem Berufsstand heraus definiert und es wurden eigene Erfolgskriterien ent­wickelt. Mit dieser Steuerungslogik gingen die Begriffe Professionalismus, Wohl­fahrtsbürokratie und Subsidiaritätsprinzip einher. Die Erreichung von Sachzielen stand im Fokus und die Aspekte Wirtschaftlichkeit, Effizienz und Ressourcenorien­tierung waren eher zweitrangig. Zur Bekämpfung steigender Ausgaben bei gleich­zeitigem Kostendruck in den öffentlichen Haushalten wurde Anfang der 1990er Jahre das „Neue Steuerungsmodell“ oder auch „New-Public-Management“ (kurz: NPM) eingeführt, bei dem managementorientierte Steuerungsansätze und Out­putorientierung im Vordergrund stehen. Das bisherige, professionalitätsbasierte und sachzielorientierte Handeln wurde als ineffizient betrachtet. Mit Management­konzepten und betriebswirtschaftlichen Instrumenten sollten nun Effektivität und Effizienz in der Sozialen Arbeit gesteigert werden (Otto 2007 S. 14-15, Dahme/Schütter/Wohlfahrt 2008, S. 10). Fachfremde Begriffe wie Ressourcen­verwaltung, Controlling, Budgetierung und soziale Dienstleistung als „Produkt“ gewannen an Bedeutung (Hofemann 2005, S. 33-35). Das Subsidiaritätsprinzip trat schrittweise in den Hintergrund und wurde von Wettbewerb und „Vermarkt­lichung“ der sozialen Dienstleistungen abgelöst. Somit wurden freie, gemein­nützige Träger und private Anbieter (sowohl non-profit als auch for-profit) zu­nehmend gleichgestellt, die auf einem marktähnlichen Feld konkurrieren und Leistungsreserven aktivieren sollten (Dahme/Schütter/Wohlfahrt 2008, S. 85-87). Diese Entwicklung stellte die bisherigen Rahmenbedingungen für Soziale Arbeit auf den Kopf und die Sozialmanagementdebatte wurde als „externe Zumutung“ verstanden (Merchel 2005, S. 123). Diese Abwehrreaktionen sind vor dem Hinter­grund der schwach ausgeprägten p.I. nachvollziehbar, da nun weitere, fachfremde Ansätze aus der Betriebswirtschaftslehre (kurz: BWL) in die berufliche Praxis der Sozialen Arbeit eindrangen. Aus dieser Sicht drohte durch Management eine wei­tere Aufweichung und Erosion der p.I. und des Berufsbildes. Kritiker der Managementansätze bemängeln, dass bei zunehmendem Konkurrenzdruck und steigender Bürokratie die Situation der Klienten und die Qualität der praktischen Arbeit aus dem Blick geraten. Es wird daran gezweifelt, dass mit Ansätzen aus BWL und Management, denen ein mechanisch-technisches Verständnis zu Grunde liegt, eine rationale Steuerung im sozialen Bereich möglich ist. Diese Steuerungseuphorie und die Hoffnung auf rationale Führungsmöglichkeiten werden von Kritikern als Mythos betrachtet (Merchel 2005, S. 128-131). Aus den ökonomischen Merkmalen so­zialer Dienstleistungen (z.B. Individualität, uno-atcu-Prinzip, Mitwirkung des Kli­enten usw.) lässt sich ableiten, dass die Leistungen und die Ergebnisse Sozialer Arbeit nicht standardisierbar und nicht objektiv messbar sind. Da die Ziele und die Qualität der Arbeit immer einzelfallbezogen mit den Klienten definiert werden, be­steht keine intersubjektive Vergleichbarkeit. Daher wird daran gezweifelt, dass fachfremde Steuerungsinstrumente und Markt-Rationalität auf den Bereich der Sozialen Arbeit übertragbar sind (Arnold/Maelicke 2003, S. 216-217, Hofemann 2005, S. 44). Dies verdeutlicht Merchel, indem er sich auf eine Formulierung von Reinartz und Vomberg bezieht: „ Was ich nicht messen (beurteilen) kann, kann ich nicht überwachen. Was ich nicht überwachen kann, kann ich nicht steuern (ver­walten). Was ich nicht steuern (verwalten) kann, kann ich nicht verbessern “ (siehe Merchel 2005, S. 133). Diese kritische Einstellung versteht Sozialmanagement in erster Line als technisch-rationalen Ansatz auf der Grundlage von BWL und klas­sischem Management, der nur eingeschränkt auf die Soziale Arbeit übertragbar ist. Aus dieser Perspektive trägt Sozialmanagement zur Zerstörung der p.I. So­zialer Arbeit bei, da die Profession mit solchen unreflektiert übernommenen Lei­tungs- und Steuerungsverfahren in einem weiteren Punkt fremdbestimmt wird.

Allerdings greift das Sozial management inzwischen nicht mehr nur klassische BWL- und Managementverfahren auf, sondern berücksichtigt auch die spezi­fischen Rahmenbedingungen in sozialen Einrichtungen. Inzwischen hat sich die Nützlichkeit und die Notwendigkeit von Sozialmanagement in der Organisations­gestaltung sozialer Einrichtungen erwiesen und es ist weitgehend etabliert (Mer­chel 2005, S. 124). Die Rahmenbedingungen (Legitimationsdruck, Ressourcenorien­tierung, Zwang zum Wettbewerb usw.) sind Fakten, auf die so­ziale Einrichtungen reagieren müssen. Dazu werden Konzepte des Sozial­managements mittlerweile in der Praxis akzeptiert und als sinnvoll erachtet, um darüber soziale Organisationen und deren Dienstleistungserbringung unter Be­rücksichtigung ökonomischer Gesichtspunkten zu gestalten und zu lenken. Durch Sozialmanagement entwickeln und erhalten soziale Einrichtungen ihre Wett­bewerbsfähigkeit. Mit den Anfängen NPM und der Einführung klassischer Ma­nagementansätze nahm die professionelle Identität der Sozialen Arbeit ab. Mit der Zeit wurden jedoch bei den Steuerungstheorien zunehmend auch die Qualität der Sozialen Arbeit und deren Wirkungen/Effekte (Outcome) berücksichtigt, was wie­der zu einer Steigerung des Professionalitätslevels führte (Otto 2007, S. 90). Die begriffliche Zusammenführung von „Sozial“ und „Management“ verdeutlicht sowohl die Herausforderung als auch die Chance, das Wissen aus der Sozialen Arbeit mit Aspekten des Managements (z.B. ökonomisches Denken, Unternehmensführung usw.) zusammenzuführen. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass komplexe soziale Einrichtungen nur begrenzt rational und zielgerichtet „von oben“ steuerbar sind (Merchel 2005, S. 144-145). Sozialmanagement ist die notwendige Antwort auf steigende Ausgaben, sinkende Budgets, Wettbewerbsorientierung und den Paradigmenwechsel zur Ökonomisierung der Arbeit. Diese Antwort kommt aber inzwischen nicht mehr aus anderen Professionen, sondern aus der Sozialen Arbeit selbst. Im Vergleich zu den Anfängen des NPM, die eine Welle fachfremder, me­chanisch-technokratischer Steuerungsideen mit sich brachten, basiert Sozial­management inzwischen auf der Fachlichkeit der Sozialen Arbeit. Damit es sich nicht um irgendein Management handelt, sondern um Sozial management, sollen dessen Akteure Fachwissen aus der Sozialen Arbeit mitbringen und dieses ins Managementhandeln einfließen lassen (Wöhrle 2003, S. 113). Von diesem Stand­punkt aus betrachtet stellt Sozialmanagement keine Bedrohung oder Zerstörung für die professionelle Identität der Sozialen Arbeit dar, sondern es hat sogar das Poten­zial, diese zu erweitern und zu bestärken. Wenn bei der Qualifizierung von Sozialmanagern die fachlichen Kenntnisse der Sozialen Arbeit bei den Akteuren berücksichtigt werden, handelt es sich dabei um eine Weiterentwicklung der Pro­fessionalität aus den einen Reihen des Berufsfeldes heraus. Es geht dann bei der Managementdebatte nicht um einen fachfremden Eingriff, der nur von außen vor­gegeben wird und die ohnehin instabile professionelle Identität der Sozialen Arbeit noch weiter gefährdet. Eingangs wurde dargestellt, dass professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit als Verbindung von wissenschaftlich basierten Kenntnissen und deren Reflexion mit den praktischen Handlungsanforderungen des Alltags verstanden werden kann. Dieses grundsätzliche Handlungsverständnis wird durch die Einführung von Sozialmanagement nicht ins Abseits gedrängt. Es wird aber dadurch erweitert, dass Aspekte wie Ökonomie, Ressourcenschonung, Marketing und strategische Planung hinzukommen und Berücksichtigung finden.

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Details

Titel
"Sozialmanagement zerstört die professionelle Identität Sozialer Arbeit"? Diskussion der These
Hochschule
Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
7
Katalognummer
V367441
ISBN (eBook)
9783668459694
ISBN (Buch)
9783668459700
Dateigröße
635 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialmanagement, professionelle Identität, Soziale Arbeit
Arbeit zitieren
Dennis Rothstein (Autor), 2014, "Sozialmanagement zerstört die professionelle Identität Sozialer Arbeit"? Diskussion der These, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/367441

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