Grundlagen der generativen Sprachtheorie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

24 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Grammatik als System mentaler Repräsentationen
1.1. Begründung mentaler Repräsentationen
1.1.1. Unser grammatisches Wissen
1.1.2. Grammatikalitätsurteile
1.2. Autonomiethese und Modularitätsthese
1.3. Die Spracherwerbsfrage
1.3.1. Lernbarkeitskriterium
1.3.2. Das logische Problem des Spracherwerbs
1.3.3. Die Universalgrammatik

2. Weitere Beweise für die Autonomie- und Modularitätsthese
2.1. Sprachperzeption
2.2. Sprachproduktion
2.3. Spracherwerb
2.4. Sprachpathologie und Neuropsychologie
2.5. Pidgin- und Kreolsprachen
2.6. Biologie der Sprache

3. Einwände und Gegenthesen zur Autonomie- und Modularitätsthese
3.1. Generative Semantik
3.2. Funktionale Grammatik
3.3. Kognitivistische Lernkonzeptionen
3.3.1. Logische Argumente
3.3.2. Sprache und Kommunikation
3.3.3. Evolution und Sprache
3.3.4. Abstraktheit sprachlicher Gesetzmäßigkeiten
3.4. Piagets Konstruktivismus

Schluss

Bibliographie

Einleitung

Natürliche Sprachen können unter vielen unterschiedlichen Aspekten betrachtet werden, wie z.B. ihre Funktion als Kommunikationsmittel, ihre Beziehung zum Denken oder ihr Einfluss auf menschliches Handeln. Daher stellt die Linguistik ein Ensemble von z.T. recht heterogenen Fragestellungen und Erkenntnissen dar.

Die Generative Grammatik (GG) ist nicht einfach nur ein Ansatz unter mehreren der neueren Grammatikforschung. Sie stellt die Sätze einer Sprache nicht einfach auf eine neue Art dar. Es handelt sich vielmehr um einen umfassenden sprach- und grammatiktheoretischen Entwurf mit einem ganz anderen Status als sonstige Grammatiken. Seit ihrem Aufkommen in den 50‑er Jahren wurde die GG stetig und rasant weiter entwickelt. Ihren Namen verdankt sie der generativen Fähigkeit des Menschen, d.h. der Ausdeutung der Grammatikkompetenz als Fähigkeit der Hervorbringung von Ausdrücken, die man in der älteren GG abzubilden versuchte. Den Grundstein für die GG legte Noam Chomsky mit seinem bekanntesten Werk Aspects of the Theory of Syntax. Die GG beschäftigt sich mit natürlichen Sprachen und den ihnen zu Grunde liegenden Strukturphänomenen. Die Analyse von Sprache ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, Einblicke in die Struktur, den Aufbau und die Funktionsweise der menschlichen Kognition zu erlangen. Durch diese Zielsetzung wird die Linguistik auch zu einer Teildisziplin der Kognitiven Psychologie (Fanselow 14­15, Linke 89, 100). Die GG arbeitet im Gegensatz zu anderen Grammatiktheorien mit einem idealisierten Sprecher‑Hörer Verhältnis, damit, was ein Mensch prinzipiell kann, und nicht damit, was er aus seinem Können in einer bestimmten realen Situation macht. (Linke) Dadurch ist es möglich, zu generalisierten Aussagen und Gesetzmäßigkeiten zu gelangen (Fanselow 15).

Der Angelpunkt der Abgrenzung der GG von der nicht‑generativen Systemlinguistik ist eine fundamental andere sprachtheoretische Grundauffassung vom Gegenstand der Sprachforschung. Die amerikanische Art des Strukturalismus, der sogenannte amerikanische Deskriptivismus, beschäftigt sich v.a. mit dem äußerlich vorfindbaren Objekt (Korpus) von Sprache, den Typen, Klassen und Regeln einer Einzelsprache. Es gilt dabei die wiederkehrenden Typen herauszufinden, denen die realen Äußerungen ganz oder in Teilen entsprechen. (z.B. bestimmte Satzmuster) und die Regeln zu formulieren, nach denen die Äußerungen gebaut sind. Die Gesamtheit der Regeln und Typen ergibt zum Beispiel die Grammatik des Deutschen (Linke 89‑91). Gegenstandsbereich der GG ist die Kompetenz, d.h. das der Verwendung von Sprache zu Grunde liegende Kenntnissystem, das, was der Mensch prinzipiell kann und nicht die Erscheinungen des tatsächlichen Gebrauchs (Performanz). Das Ziel der linguistischen Analyse ist es, zu Aussagen über jenes System kognitiver Strukturen zu gelangen, das das sprachliche Wissen ausmacht. Die Grundfrage der GG lautet also: Wie ist unser sprachliches Wissen im Gehirn repräsentiert und wie kommt es da hinein, d.h. die GG ist eine Theorie über spezifische mentale Repräsentationen und deren Erwerb (Fanselow7). Die Grammatikkompetenz ist der extrem eingeschränkte Gegenstand der GG. Die GG postuliert, dass diese Gegenstandsreduktion der Wirklichkeit entspricht, indem sie dem modularen Aufbau unserer kognitiven Fähigkeiten Rechnung trägt (Linke100).

1. Grammatik als System mentaler Repräsentationen

1.1. Begründung mentaler Repräsentationen

1.1.1. Unser grammatisches Wissen

In der GG wird Sprache als mentale Größe betrachtet, als ein im human mind verankertes Wissenssystem. Da jeder Mensch zumindest eine Sprache, seine Muttersprache, beherrscht, muss jeder über sprachliches Wissen verfügen. (Fanselow) Es handelt sich dabei jedoch nicht um bewusstes Wissen (sog. knowing that). Das grammatische Wissen ist ein impliziertes Wissen, d.h. es ist dem Bewusstsein nicht direkt zugänglich. Es handelt sich nicht um normales, im Langzeitgedächtnis gespeichertes Wissen. Es ist ein unbewusstes, intuitives Wissen (sog. knowing how) (Linke92, Schwarz46). Die Lösung der Frage, ob es überhaupt ein eigenständiges Wissenssystem Sprache gibt oder ob sich unser sprachliches Wissen aus dem Zusammenspiel verschiedener Wissenssysteme ableitet, ist unter Linguisten umstritten. Chomsky behauptet, dass für unser grammatisches Wissen ein autonomes System mentaler Repräsentationen besteht, aber eben nur für das grammatische Wissen. Ansonsten beruht Sprache auf einem Wechselspiel verschiedener kognitiver Systeme. Damit ist das Ziel der generativen Linguistik die Grammatiktheorie und nicht die Sprachtheorie (Fanselow17,18).

1.1.2. Grammatikalitätsurteile

Die generativistische Zielsetzung ist, Zugang zu dem oben beschriebenen Wissen zu erlangen. Der traditionelle methodische Zugriff erfolgt über sogenannte Grammatikalitätsurteile. Bei näherer Betrachtung lassen sich vier spezielle Merkmale unseres grammatischen Wissens erkennen. Ein erster Aspekt besteht darin, dass jeder Mensch (mit Ausnahme Aphasiegeschädigter) in der Lage ist, sowohl beliebig viele Sätze zu produzieren und zu verstehen, als auch die Sätze auf ihre Grammatikalität hin zu beurteilen. Dazu das folgende Beispiel:

(1) Hans fällt die Treppe runter

(2) *Hans Treppe die fällt runter

(3a) ein Foto von Boris Becker kostet die Zeitung viel Geld

(3b) *von wem kostet ein Foto die Zeitung viel Geld?

Jeder deutsche Muttersprachler erkennt, dass Satz (2) ungrammatisch ist. Er kann das auch damit begründen, dass die Wortstellung durcheinander geraten ist. Die Ungrammatikalität des Satzes hat offenkundig nichts mit seiner Bedeutung zu tun, denn diese ist auch in Satz (2) völlig klar. Auch bei (3b) erkennt der Deutsche wieder die Ungrammatikalität. Doch die Begründung dafür könnte nur ein Linguist liefern. Hierbei zeigt sich, dass unsere Fähigkeit, Sätze als ungrammatisch zu erkennen, unabhängig davon ist, ob wir die Gründe für die Ungrammatikalität auch angeben können. Ein zweiter Aspekt besteht darin, dass wir diese Grammatikalitätsurteile für eine unendlich große Zahl von Sätzen fällen können, auch über solche, die wir noch nie zuvor gehört haben. Die Zahl der in einer Sprache möglichen Sätze ist unendlich groß, das liegt u.a. daran, dass natürliche Sprachen über einen Rekursionsmechanismus verfügen, durch den Sätze beliebiger Länge erzeugt werden können. Hieraus wird deutlich, dass unser grammatisches Wissen nicht kognitiv abgespeichert sein kann, d.h. einmal gehörte Sätze würden im Gedächtnis gespeichert und später wieder abgerufen. Da aber in einer natürlichen Sprache unendlich viele Sätze möglich sind, unser Gehirn aber endlich ist und wir auch Grammatikalitätsurteile für nie gehörte Sätze fällen können, kann unser Gehirn keine Speichermaschine grammatischer Sätze sein. Ein dritter Aspekt besteht darin, dass unsere grammatische Kompetenz sehr kreativ ist. Wir können beliebig viele neue Sätze produzieren, und zwar unabhängig von unserer individuellen sprachlichen Erfahrung. Der vierte interessante Aspekt unserer Grammatikkompetenz liegt darin, dass wir nicht nur die Ungrammatikalität eines Satzes erkennen können, sondern auch in der Lage sind, unterschiedliche Grade der Grammatikalität zu beurteilen.

(4a) ich kann mir vorstellen, warum niemand die Maria leiden kann

(4b) ? die Maria kann ich mir vorstellen, warum niemand leiden kann

(5a) ich kann mir vorstellen, warum die Maria niemanden leiden kann

(5b) *die Maria kann ich mir vorstellen, warum niemanden leiden kann

Die meisten deutschen Sprecher beurteilen (4b) doch als erheblich besser als (5b), auch wenn beide Sätze ungrammatisch sind. Es wäre unmöglich, im ungrammatischen Bereich derartige abgestufte Grammatikalitätsurteile zu fällen, wenn unsere grammatische Urteilsfähigkeit davon abhängen würde, ob wir einen Satz schon einmal gehört haben. Beide Varianten sind im Deutschen nicht möglich und gehören daher nicht zu unserer sprachlichen Erfahrung. Auf Grund dieser vier Aspekte vermutete Chomsky ursprünglich, dass das grammatische Wissen in Form eines Regelapparats mit einer endlichen Zahl von Regeln repräsentiert ist. Später ging er dazu über, auf Grund konzeptueller Überlegungen und empirischer Evidenz, die grammatische Kompetenz als ein System von interagierenden Prinzipien zu betrachten, die auf verschiedenen Ebenen strukturelle Repräsentationen auf bestimmte Wohlgeformtheitsbedingungen hin überprüfen. Daraus wurde die Rektions- und Bindungstheorie entwickelt. Auf jeden Fall lässt sich aus diesen Erkenntnissen ableiten, dass unser grammatisches Wissen im Gehirn abstrakt repräsentiert sein muss. Es handelt sich um sog. tacit knowledge, dessen man sich nicht bewusst ist (Fanselow 22–40).

1.2. Autonomiethese und Modularitätsthese

Die Schlussfolgerungen des vorangegangenen Kapitels führen zu der Frage, wie das System mentaler Repräsentationen konkret aussieht. Es wird vermutet, dass Sprache als Gesamtphänomen das Ergebnis eines Zusammenspiels mehrerer Systeme und Faktoren ist. Unsere formale Kompetenz, die Grammatik, stellt dabei die einzige sprachspezifische Komponente dar, d.h. sie ist nicht auf andere kognitive Domänen reduzierbar. Die Gesetzmäßigkeiten der Syntax sind nur mit eigenständigen grammatischen Kategorien formulierbar und erklären sich nur aus grammatischen Prinzipien und nicht aus pragmatischen Prinzipien oder den Gesetzmäßigkeiten der allgemeinen menschlichen Problemlösungskompetenz. Man spricht daher von der Autonomie der Syntax oder der Autonomiehypothese. Dazu ein Beispiel:

(1a) ich glaube, dass der Mann, den Maria liebt, uns zur Party einlädt

(1b) lädt der Mann, den Maria liebt, uns zur Party ein?

(1c) *liebt der Mann, den Maria, uns zur Party einlädt?

(1d) *einlädt der Mann, den Maria liebt, uns zur Party?

Die Autonomiehypothese besagt nun, dass allein syntaktische Gründe dafür verantwortlich sind, dass nur Matrixverben vorangestellt werden dürfen, dass nur finite Verben davon betroffen sind und dass Partikel stets zurück bleiben müssen. Es gibt keine semantischen oder pragmatischen Gesetzmäßigkeiten aus denen notwendigerweise folgt, dass Verbpartikel zurück bleiben müssen. Alle Aspekte unseres sprachlichen Wissens ergeben sich daher aus dem Zusammenspiel verschiedener Systeme z.B. der Grammatik als autonomes Modul, dem Weltwissen, pragmatischen Regeln, perzeptiven Fähigkeiten usw (Fanselow65‑75, Linke99).

[...]

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Details

Titel
Grundlagen der generativen Sprachtheorie
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Sprachwissenschaft am Fachbereich für Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Sprachwissenschaftliches Hauptseminar: Syntaxtheorien
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
24
Katalognummer
V36749
ISBN (eBook)
9783638362849
Dateigröße
865 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grundlagen, Sprachtheorie, Sprachwissenschaftliches, Hauptseminar, Syntaxtheorien
Arbeit zitieren
Katja Dudzinska (Autor:in), 2002, Grundlagen der generativen Sprachtheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36749

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