Gewalt und Menschsein. Frantz Fanon contra Hannah Arendt


Essay, 2017
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

- Gewalt als Teil des Mensch seins

- Was ist Gewalt?

- Franz Fanon: Von der Gewalt

- Analyse zu Hannah Arendt´s Gewaltkritik- und Definition

- Rückschluss auf das alltägliche Leben

Gewalt und Macht als Teil des Mensch seins

Die folgende Hausarbeit analysiert den Begriff der Gewalt. Nach einer Annäherung und Spezifizierung der Begrifflichkeiten, wird die Gewaltdefinition von Franz Fanon kritisch untersucht. Ist Gewalt ein natürlicher Teil des menschlichen Zusammenlebens? Kann Gewalt eine Form zur Emanzipation des Menschen selbst sein? Anhand des Dekolonialisierungsprozesses in Algerien um 1960 zeigt Franz Fanon einen Mechanismus des Gewaltkreislaufes auf, der in seiner Direktheit und Radikalität kontrovers diskutiert wurde. So beschäftigt sich der anschließende Teil mit der Kritik dieses Gewaltbegriffes durch Hannah Arendt sowie der Analyse und dem Vergleich ihrer Gewalt- und Machtdefinitionen. Dieser Transfer schließt letztlich mit einem Fazit und einer Übertragung zu heutigen Problemstellungen ab.

Neben dem reinen Erkenntnisgewinn der Analyse des Gewaltbegriffes, kann das Verstehen von gewalttätigem Handeln besonders in heutiger Zeit wichtig sein. Während ein greifbarer Krieg für die westliche Gesellschaft zwar mittlerweile der Vergangenheit angehört, lassen Terroranschläge viele Teile der Welt immer wieder in Angst und Schrecken versinken. Da die Gewährleistung einer vollständigen Sicherheit utopisch zu sein scheint, gilt es die Ursachen dieser häufiger werdenden Gewaltausbrüche zu verstehen und präventiv zu verhindern.

Als Reaktion auf die Anschläge in Paris im November 2015, war die Bombardierung Syriens ein weiterer Schritt im Krieg gegen den Terror. Doch wenn eine Bombe ein halbes Stadtviertel in Aleppo zerstört, wird der Terror so wirklich bekämpft oder nur verstärkt und legitimiert? Vor 100 Jahren bedeutete ‚in den Krieg ziehen’ oder ‚Gewalt anwenden‘ eine enorme Opferbereitschaft, vor allem die des eigenen Lebens. Wenn der Beitrag zum Kampfruf „Wir führen Krieg gegen den Terror“ daraus besteht, abends die Nachrichten einzuschalten, verliert man so nicht jeglichen Bezug zur Gewaltanwendung? Hier muss angemerkt werden, dass der Krieg in Syrien deutlich komplexer ist, als ausschließlich die Bekämpfung der Terrormiliz „Islamischer Staat“. Doch auch wenn machtpolitische und ökonomische Beweggründe eine entscheidendere Rolle spielen, ändert dies wenig am Resultat des Gewaltaktes an sich.

Um die Dynamiken außenpolitischer Gewaltprozesse zu verstehen, muss man auch die verschiedenen Ebenen der Gewalt betrachten. Unter anderem unterschiedliche Umgangsweisen mit Gewalt in verschiedenen sozialen Schichten sowie Gewalt in gruppendynamischen Prozessen. Beachtet werden muss auch das Macht- und Gewaltverhältnis zwischen Staat und Bürger. In welcher Verantwortung stehen wir, wenn unsere Regierung sich an einem Krieg beteiligt, sei es durch aktives Mitwirken oder den Export von Waffen? Weiter noch ist der individuelle Prozess bei Gewaltanwendung von entscheidender Bedeutung. Ist Gewalt ein Teil des Mensch Seins selbst oder ist ein gewaltfreies Zusammenleben zwischen Menschen überhaupt möglich?

Dies ist die zentrale Frage im Diskurs zwischen Franz Fanon und Hannah Arendt und Schwerpunkt dieser Hausarbeit. Welche Rollen die verschiedenen Facetten von Gewalt und damit einhergehenden weiteren Fragen spielen, wird im Folgenden definiert und eingegrenzt.

Was ist Gewalt?

„Wo von Gewalt die Rede ist, steht etwas auf dem Spiel, geht es um ein Problem, das gelöst, eine Situation, die verändert werden muss.“ (Beck/Schlichte 2014: 1) Eine allgemeingültige Begriffsdefinition von Gewalt ist schwierig, da Gewalt ein latentes Konstrukt ist und je nach Kontext eine unterschiedliche Bedeutung hat. So trifft die Definition von Beck und Schlichte wohl auf die meisten Fälle zu, lässt aber auch strukturelle Gewaltanwendungen, die ein vorhandenes System erhalten, oder Gewaltakte, um ihrer selbst Willen, außer Acht. Abstrakt gesehen, kommt die aktive Gewalt einer physikalischen Kraft auf einen Körper gleich. Gewalt ist die Kraft, die gegen den momentanen Zustand des Körpers (seiner Trägheit) wirkt und ihm eine bestimmte Richtung aufzwingt. Auf das menschliche Zusammenleben übertragen, wird durch physische Gewalt versucht, etwas gegen den Willen derer durchzusetzen, gegen die Gewalt angewendet wird. Hier jedoch differenziert Hannah Arendt zwischen Kraft und Gewalt. Für sie steht der instrumentelle Charakter der Gewaltmittel, als Werkzeug um menschliche Stärke zu vervielfachen, im Vordergrund. (Arendt 1970: 47)

In dieser Definition scheint die ‚passive‘ Gewaltanwendung nicht inbegriffen zu sein. Doch in die Gewalt-Debatte eingeführten Begrifflichkeiten wie „strukturelle Gewalt“ von Johan Galtung, „symbolische Gewalt“ von Pierre Bourdieu oder die „normative Gewalt“ von Judith Butler, sind letztlich manifestierte Gewaltstrukturen oder die reine Möglichkeit der Gewaltanwendung ohne eigentlich physische Gewalt anzuwenden. Wenn eine potentielle Gewaltanwendung ausreicht um einen Willen durchzusetzen, ohne letztlich Gewalt anzuwenden, spricht man von Macht. Ein konkretes Beispiel hierfür wäre Max Webers spezifisches Merkmal eines Staates. Nach Weber hat der Staat das Monopol legitimer physischer Gewalt. (Weber 1921) Hieraus entsteht die Macht des Staates über seine Bürger, die nur solange erhalten bleibt, bis eine Gewaltanwendung von Nöten ist. Als Bürger ist man sich bewusst, dass bei einem Gesetzesverstoß durch die Exekutivorgane des Staates gegen einen selbst Gewalt angewendet werden kann und so wird man durch Macht in seiner Handlungsfreiheit eingeschränkt. Sobald gegen ein Gesetz verstoßen wird und die Gewaltanwendung durch die Polizei oder Gefängnisse von Nöten ist, hat die Rechtsstaatlichkeit, in diesem spezifischen Moment des Verstoßes, keine Macht mehr über den Bürger.

Weiter stellt Hannah Arendt kritisch fest, dass zwischen Macht und Gewalt in der Literatur zwar klar unterschieden wird, Gewalt jedoch als eklatanteste Manifestation von Macht betrachtet wird. (Arendt 1970: 36) Obwohl Macht und Gewalt zusammenhängen, ist Gewalt nicht zwangsläufig Folge von Macht. Im Sinne staatlicher Macht ist das Gegenteil der Fall. Der Moment der Gewaltanwendung ist der Moment des Machtverlustes.

Schließlich betrachten wir die einzelnen Ebenen von aktiver Gewaltanwendung. Ziel dieser Ausführung wird es sein, die individuelle und grundlegende Ebene der Gewalt des Mensch Seins besser zu verstehen und so allgemeine Schlüsse auf andere Ebenen, wie der Makroebene bei internationalen Konflikten zwischen verschiedenen Gruppen, zu schließen. Eine weitere Ebene ist Gewalt in Gruppenprozessen oder Gewalt in sozialen Schichten. Da es den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, wird diese Ebene im folgenden Teil nur kurz angeschnitten. Welche Auswirkungen der Prozess des Gewaltaktes auf eine Gruppe von Menschen oder ein Individuum selbst hat und wie Gewalt mit dem ´Mensch sein´ selbst zusammenhängt, wird im Folgenden anhand Fanon´s Ansichten von der Gewalt dargestellt.

Franz Fanon: Von der Gewalt

„Von der Gewalt erleuchtet, rebelliert das Bewusstsein des Volkes gegen jede Pazifizierung.“ (Fanon 1961: 78)

So beurteilte Franz Fanon das Bewusstsein des Volkes nach der erfolgreichen Dekolonialisierung in Algerien durch einen langen gewaltvollen Umwälzungsprozess. Deutlich zu erkennen ist die Bedeutsamkeit, die Fanon dieser Gewaltanwendung zuweist. Er macht macht deutlich, dass die Gewalt nicht nur die Situation der Akteure verändert, sondern auch die Akteure selbst. Das Volk scheint eine existenzielle Veränderung durchlebt zu haben, die einer Erleuchtung gleichkommt. „Der kolonialisierte Mensch befreit sich in der Gewalt und durch sie“. ( Fanon 1961: 72) Anmerkend muss hier erwähnt werden, dass Fanon von Bewusstsein redet, also mehr eine Entscheidung der Vernunft als einen menschlichen Instinkt beschreibt.

Doch wie kommt es so weit, dass das kolonialisierte Volk nicht nur die nach Fanon unbedingt Notwendigkeit von Gewaltanwendung erkennt und darüber hinaus, sich in diesem Gewaltprozess emanzipiert und in seinem grundlegenden menschlichen Sein verändert? Dieser Umwälzungsprozess der Dekolonisierung sei übermächtig und zwingend und letztlich nur zu bestehen, mit dem Mittel der Gewalt eingeschlossen. Und genau in diesem Prozess der Befreiung emanzipiert sich der Kolonialisierte von der Verdinglichung des Kolonialsystems und wird zum Menschen. (Fanon 1961: 29f)

Um diesen beiden Punkten in Fanon´s Argumentation folgen zu können, muss man das Konstrukt des Kolonialsystems verstehen. Fanon beschreibt das Kolonialsystem als binäre Welt. Auf der einen Seite stehen die unterdrückten Kolonialisierten und auf der anderen die unterdrückenden Kolonialherren. Die Beiden Kontrahenten sind räumlich getrennt und könnten unterschiedlicher nicht sein, bedingen sich jedoch gegenseitig. Sie leben in zwei nicht komplementären Zonen, die im Gegensatz zueinander stehen und sich gegenseitig ausschließen, ohne Aussicht auf Versöhnung. (Fanon 1961: 32) Die Kommunikation zwischen den beiden Zonen erfolgt nach Fanon ausschließlich durch Gewalt. Die Gewalt des Kolonialherren erhält ein System, dass die Kolonialisierten nicht nur physisch unterdrückt, sonder unaufhörlich daran arbeitet ihre Kultur und Gesellschaft zu zerstören. Um den Definitionen des vorherigen Kapitels gerecht zu werden, muss hier genauer zwischen Macht und Gewalt unterschieden werden. Die Demonstration der Gewalt der Kolonialherren , z.B. durch Waffenübungen an den Grenzen der kolonialisierten Zone, ist eine Manifestation ihrer Macht und sollte als solche verstanden werden. Sie impliziert zwar eine klare Sprache der Gewaltbereitschaft und stellt diese auch wenn nötig immer wieder unter Beweis, jedoch scheint die Angst vor Gewalt den entscheidenden Beitrag zur Atmosphäre der Gewalt beizutragen.

Das Kolonialsystem drängt die Kolonialisierten in eine ähnliche Position dem eines Nutzviehs, was sich auch in der vertierten Sprache der Kolonialherren widerspiegelt. Wo hier nach Fanon eine Verdinglichung der Kolonialisierten durch das Kolonialsystem stattfindet, erkennt man eine klare Parallele zum Verdinglichungsprozess der Arbeiterklasse durch das kapitalistische System nach Marx. Aufgewachsen in solch einem Kolonialsystem, dessen einzige Kommunikation die Sprache der Gewalt ist, welches unablässig an der Zerstörung der einheimischen Kultur und Gesellschaft sowie an der individuellen Entmenschlichung arbeitet, sieht Fanon nur einen möglichen Ausgang. Für Fanon ist die Anwendung von Gewalt gegen den Kolonialherren kein m ö gliches Mittel, es ist eine unabwendbare Folge der Dynamiken des Kolonialsystems. Er schreibt diese Erkenntnis auch dem kolonialisierten Volk zu, wenn auch durch die Heimtücke des Kolonialsystem verschleiert und durch entgegenwirkende gesellschaftliche Strömungen, wie die der Bourgeoise, verzögert. „Seit seiner Geburt ist es für ihn klar, daß diese sperrige, mit Verborgen gespickte Welt nur durch die absolute Gewalt in Frage gestellt werden kann“ (Fanon 1961: 31) Als die Gewalt auszubrechen scheint, versuchen intellektuelle Führer, die im Kontakt mit den Kolonialherren stehen und auch zum Teil durch das Kolonialsystem profitieren, die brodelnde Masse zu beschwichtigen. Nun da die Gewalt sich gegen sie wendet, argumentieren sie mit den `erhabenen´ moralischen Werten des westlichen Mutterlandes.

Letztlich stehen sich zwei Kräfte gegenüber, deren Lebensaufgabe oder existentiellen Sinn Fanon mit dem Begriff „Arbeit“ belegt. Die Kolonialherren arbeiten an der vollständigen Zerstörung der Menschlichkeit des Kolonialisierten und der Kolonialisierte arbeitet am Tod des Kolonialherren. (Fanon 1961: 72) Der Kreislauf der Gewalt, in einem System, dass den Kolonialisierten verdinglicht, explodiert, emanzipiert den Kolonialisierten und macht ihn zu Menschen. „Wir haben den Wind gesäht, er den Sturm. Ein Sohn der Gewalt, schöpft er aus ihr in jedem Augenblick seine Menschlichkeit: wir waren Menschen auf seine Kosten, er macht sich zum Menschen auf unsere Kosten. Zu einem neuen Menschen - von besserer Qualität.“ (Satre 1961: 21)

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Gewalt und Menschsein. Frantz Fanon contra Hannah Arendt
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Politikwissenschaften)
Veranstaltung
Fanon – Vordenker der arabischen Revolution?
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V367635
ISBN (eBook)
9783668460058
ISBN (Buch)
9783668460065
Dateigröße
393 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hannah Arendt, Gewalt, Dekolonisation, Algerien, Frantz Fanon, Philosophie, Menschsein
Arbeit zitieren
David Schmucker (Autor), 2017, Gewalt und Menschsein. Frantz Fanon contra Hannah Arendt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/367635

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