Goethes Werther und Jesus von Nazareth. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zweier Leidensgeschichten


Hausarbeit, 2016

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Der historische Kontext
2.1 Säkularisierung
2.2 Persönliche Glaubenskrise

3. Auswahl einiger exemplarischer Leidensparallelen

4. Bedeutung der Leidensparallelen
4.1 Die Erhöhung des irdischen Leidens
4.2 Die ‚Religionisierung‘ der Liebe
4.3 Blasphemie und Kritik an der Kirche

5. Abweichungen in der Leidensgeschichte

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matth 27,46) - diese Wor- te, die Jesus Christus kurz vor seinem Tod am Kreuz spricht, sind kennzeichnend für seine Leidensgeschichte. In Johann Wolfgang Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werthers verwendet der Protagonist, Werther, ebendiese Worte Christi im Brief vom 15. November, um über seinen bevorstehenden selbst gewählten Freitod zu sprechen.1 Bewusst vergleicht er an dieser Stelle sein eigenes Leiden mit den Lei- den Christi.

Das ausgewählte Zitat ist nur ein Beispiel für zahlreiche Parallelen zwischen der Leidensgeschichte Werthers und der Passion Christi. So verweist bereits der Titel Die Leiden des jungen Werthers „auf eine christliche Bedeutungsebene, die den Be- griff eng an die Passionsgeschichte bindet“2. Sowohl Werthers Selbstmordmotiv als auch sein Leidensweg sind unter anderem religiös motiviert; er nennt seinen Suizid ein Vorangehen zum Vater (vgl. W 142) und ist sich sicher, „dort“ (W 73) seine ge- liebte Lotte wiederzusehen.

Die vorliegende Hausarbeit geht der Frage nach, welche Bedeutung die Parallelen zwischen Werther- und Bibeltext haben, indem die Leiden Werthers und die Leiden Jesu systematisch gegenübergestellt werden. Dabei wird auch analysiert, an welchen Stellen die Leidensgeschichten voneinander abweichen und was die Unterschiede bedeuten.

Dazu wird zunächst kurz auf den historischen Kontext des 18. Jahrhunderts einge- gangen und die Epoche des Sturm und Dranges, in der der Werther entstanden ist, hinsichtlich der zeitgeschichtlichen Phänomene Säkularisierung und Glaubenskrise untersucht. Es folgt die Nennung einiger spezifischer Textstellen, an denen die Paral- lelen zur biblischen Passionsgeschichte deutlich werden. Anschließend wird geklärt, welche Bedeutung die Parallelen und Abweichungen sowohl für die Titelfigur als auch für das Werk an sich haben.

2. Der historische Kontext

2.1 Säkularisierung

Der im Jahr 1774 veröffentlichte Roman Die Leiden des jungen Werthers erscheint in einer Zeit des sozial-gesellschaftlichen Umbruchs. Das vernunftorientierte rational-kühle Denken der Aufklärung wird abgelöst durch die gefühlsorientierte emotionale Leidenschaftlichkeit des Sturm und Dranges. Erstmals steht der Mensch als fühlendes, selbständig denkendes und handelndes Individuum im Mittelpunkt - losgelöst von kirchlichen Dogmen und institutioneller Gebundenheit.3

Dieser Umbruch spiegelt sich auch in der Literatur wider. Goethe selbst nennt die Zeit zwischen 1770 und 1780 die „Periode der Originalgenies“, die einen „Umsturz der konventionellen Dichtung“4 herbeiführt. Dies äußert sich nicht nur in der Be- handlung zuvor tabuisierter Themen wie Leidenschaft, Gefühl und Individualität, sondern auch in der gewählten Sprache, die reimloser und natürlicher ist als zu Zei- ten der Aufklärung. Thema der Literatur des Sturm und Dranges ist der Konflikt, der sich aus dem Antagonismus zwischen Naturgenie und gesellschaftlichen Zwängen und dogmatischen Lehren ergibt: Während das Naturgenie eigenständig denkt und bewusst emotional handelt, geben soziale Zwänge und kirchliche Dogmen vor, wie der Mensch zu denken und zu handeln hat.

Die Stürmer und Dränger wenden sich als oppositionell und traditionskritisch einge- stellte Generation bewusst gegen die Institution Kirche als Repräsentant der alten Glaubens- und Lebensordnung. Dies führt zu einem „Bedeutungsverlust bzw. [einer] Transformation des Religiösen“5, zur gewollten Säkularisierung. Mit der Säkularisie- rung geht eine „Sakralisierung des Profanen“6 einher: Religiöse Sprach- und Denk- formen werden plötzlich weltlich interpretiert und auf den Alltag übertragen.7 Viele Kontrafakturen entstehen: weltliche Nachdichtungen geistlicher Lieder und Texte.

Es handelt sich bei der Säkularisierung im 18. Jahrhundert also nicht um eine radika- le Abwendung vom Religiösen, sondern um „eine Ausbreitung des Religiösen auf Gebiete, die vorher nicht eigentlich und wesentlich religiös waren“8.

2.2 Persönliche Glaubenskrise

Mit der fortschreitenden Säkularisierung und der Loslösung von der Kirche geht auch eine Veränderung des persönlichen Glaubens einher.

„Kaum ein Jahrhundert der deutschen, der europäischen Entwicklung ist so von geistigem Streit erfüllt wie das achtzehnte […] Krise nach Krise wird durchlaufen, und immer neu zeigt sich dem Gläubigen sein Gott.“9

Das festgefahrene dogmatische Gottesbild des 17. Jahrhunderts gibt es nicht mehr. Die zunehmende Betonung der eigenen Subjektivität führt auch zur Individualisierung des Gottesbildes: Gott zeigt sich jedem Menschen unterschiedlich und wird vor allem durch die schöpferische Kraft der Natur erfahren. Der eigene Glaube wird persönlicher erlebt und gelebt und orientiert sich weniger an kirchlich-dogmatischen Auffassungen und Vorschriften.

Wieder spiegelt sich die persönliche Glaubenskrise auch literarisch. An die Stelle der christlichen Andachtsliteratur tritt die „weltlich-schöngeistige“10 Literatur in Form von Romanen, in denen der Leser nun seine Erbauung findet. Thematisch geht es weniger um den Glauben und seine Ausrichtung auf jenseitige Werte, wie das ewige Leben bei Gott, sondern um das Glauben und Handeln im weltlich-alltäglichen Kon- text. Wieder werden Formen religiöser Erfahrung auf weltliche Gegenstände über- tragen, und auch christliche Werte wie Nächstenliebe und Selbstlosigkeit werden im Roman zu säkularen Werten wie soziale Fürsorge und Menschlichkeit.11

3. Auswahl einiger exemplarischer Leidensparallelen

Im Folgenden werden exemplarisch einige Textstellen aus den Leiden des jungen Werthers angeführt und mit ihren Entsprechungen in der biblischen Passionsge- schichte verglichen. Die meisten Parallelen zwischen den Leiden Werthers und den Leiden Christi lassen sich im Evangelium nach Johannes finden, jedoch habe ich bei meiner Arbeit auch die Aufzeichnungen der Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas berücksichtigt.

Im Werther finden sich neben den Anklängen an die Passionsgeschichte auch Parallelen zu anderen biblischen Geschichten sowohl aus dem Neuen als auch aus dem Alten Testament. Dies liegt unter anderem daran, „daß den 1770er Jahren alles Biblische in Gleichnis und Wort wesentlich näher lag als uns“12 - eine Tatsache, die bei der Interpretation berücksichtigt werden muss.

Wie in der Einleitung erwähnt, spielt bereits der Titel Die Leiden des jungen Werthers auf eine christliche Bedeutungsebene an: „Im Titel […] stehen die Leiden Christi und die Leiden Werthers gleichwertig nebeneinander.“13 Somit wird die Grö- ße und Schwere der Leiden Werthers durch die Gegenüberstellung mit dem existen- ziellen Leiden Jesu Christi von Anfang an deutlich. Diese Sicht ergibt sich für den zeitgenössischen Leser auch dadurch, dass allein das Wort ‚Leiden‘ im 18. Jahrhun- dert eine „religiöse Weihe“14 erhält und unmittelbar mit den Leiden Christi in Ver- bindung gebracht wird.

Schon bevor Albert von seiner Reise zu Lotte zurückkehrt und damit die eigentlichen Leiden Werthers im Brief am 30. Juli beginnen, gleicht Werther in seinem Denken und Handeln oft Jesus Christus. So nennt Werther Gott seinen „Vater“ (W 114), spricht in Gleichnissen (vgl. W 20) und geht mit Lottes Geschwistern ähnlich liebe- voll um wie Jesus, wenn er die Kinder zu sich kommen lässt (Luk 18,16). Vor allem aber in seinen Leiden ähnelt Werther Jesus Christus bzw. vergleicht sich selbst mit ihm. Im Brief am 30. August schreibt er: „das härne Gewand und der Sta- chelgürtel, wären Labsale, nach denen meine Seele schmachtet“ (W 71). Dies kann als bewusste Anspielung auf Jesu Geißelung kurz vor seiner Kreuzigung verstanden werden. Der „Stachelgürtel“ ist die Dornenkrone, die Jesus von den Soldaten aufge- setzt wird; das „härne Gewand“ das Purpurgewand, das ihm von ebendiesen umge- legt wird (Joh 19,1-3). Indem Werther Jesu Leiden als „Labsale“ abtut, erhöht er sein eigenes Elend, das schlimmer und auswegloser zu sein scheint als das Jesu Christi und für das er keinen anderen Ausweg sieht „als das Grab“ (W 71).

Eine weitere Leidensparallele findet sich unter anderem im Brief vom 15. November, in dem Werther erstmals vom „Becher“ spricht, den er auszutrinken habe und den er vergleicht mit dem „Menschenschiksal, sein Maas auszuleiden“ (W 108). Im Brief nach eilfe heißt es dann:

„Ich schaudere nicht den kalten schröklichen Kelch zu fassen, aus dem ich den Tau- mel des Todes trinken soll! Du [Lotte] reichtest mir ihn, und ich zage nicht.“(W 149)

Der „Becher“ bzw. „Kelch“ steht metaphorisch für den bevorstehenden Tod Werthers. An diesem Punkt zeigt sich eine deutliche Übereinstimmung mit den Worten Jesu, als dieser bei seiner Gefangennahme im Garten Gethsemane sagt: „Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat?“ (Joh 18,11). Auch Jesus verweist mit dem „Kelch“ auf seinen nahenden Tod. Während Jesus den Kelch jedoch vom „Vater“, von Gott, erhält, bekommt Werther ihn von Lotte. „Es ist bedeutsam, daß Werther dort Lotte nennt, wo im Evangelium Gott steht.“15

Das Religiöse weitet sich im Werther ganz im Sinne der Säkularisierung auf die weltliche Liebe aus, die für Werther zur „religiösen Offenbarung“16 wird. Die irdi- sche Geliebte Lotte wird zur himmlischen Geliebten gesteigert. An mehreren Stellen setzt Werther sie Gott gleich, hat „kein Gebet mehr, als an sie“ (W 70), sieht alles in der Welt „nur im Verhältnisse mit ihr“ (W 70), nennt sie „heilig“ (W 85) und „Engel“ (W 44).

Auch in Werthers suizidalen Gedanken gibt es eine Parallele zum Tod Jesu: Werther und Jesus sterben beide einen Opfertod - Werther für Lotte; Christus für „der Welt Sünde“ (Joh 1,29) und die gesamte Menschheit. Werthers Selbstmordmotiv wird deutlich, wenn er sagt: „es ist Gewißheit, daß […] ich mich opfere für Dich, ja Lotte“ (W 126) und später „Für dich zu sterben, Lotte, für dich mich hinzugeben.“ (W 149). Allerdings ist der Opfergedanke nicht der ausschließliche Grund für Werthers Suizid, sondern „nur ein Gedanke neben anderen“17.

[...]


1 Vgl. Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werthers. 12. Aufl. München 2014, S. 108.

2 Matthias Luserke: Sturm und Drang. Stuttgart 2010, S.130.

3 Vgl. Ludwig W. Kahn: Literatur und Glaubenskrise. Stuttgart 1964, S.15.

4 Georg Gottfried Gervinus: Geschichte der Deutschen Dichtung. Bd. 5. Leipzig 1874, S.134.

5 Ulrich Ruh und Friedrich Vollhardt: ‚Säkularisierung‘. In: Reallexikon der Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte, Bd. 3 [P-Z] gemeinsam mit Ha- rald Fricke, Klaus Grubmüller, Friedrich Vollhardt, Klaus Weimar hg. v. Jan-Dirk Müller, Berlin/ New York 2007, S.342.

6 Ludwig W. Kahn, Literatur und Glaubenskrise, S.16.

7 Vgl. Ulrich Ruh und Friedrich Vollhardt, ‚Säkularisierung‘, S. 342.

8 Ludwig W. Kahn, Literatur und Glaubenskrise, S.15.

9 Herbert Schöffler: Die Leiden des jungen Werther. Ihr geistesgeschichtlicher Hintergrund. Frankfurt am Main 1938, S.20.

10 Ludwig W. Kahn, Literatur und Glaubenskrise, S.8.

11 Vgl. Ludwig W. Kahn, Literatur und Glaubenskrise, S.13

12 Herbert Schöffler, Die Leiden des jungen Werther, S.19.

13 Matthias Luserke, Sturm und Drang, S.130.

14 Ludwig W. Kahn, Literatur und Glaubenskrise, S.150.

15 Herbert Schöffler, Die Leiden des jungen Werther, S.27.

16 Ludwig W. Kahn, Literatur und Glaubenskrise, S.73.

17 Hermann Zabel: Goethes Werther - eine weltliche Passionsgeschichte. Anmerkungen zur Interpretation literarischer Kunstwerke in ihrem Verhältnis zur biblisch-christlichen Tradition. In: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 24 (1972), 1, S. 65.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Goethes Werther und Jesus von Nazareth. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zweier Leidensgeschichten
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für deutsche und niederländische Philologie)
Veranstaltung
Seminar: Einführung in die Textanalyse
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
13
Katalognummer
V367641
ISBN (eBook)
9783668460775
ISBN (Buch)
9783668460782
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
goehtes, werther, jesus, nazareth, gemeinsamkeiten, unterschiede, leidensgeschichten
Arbeit zitieren
Nora Tschepe-Wiesinger (Autor), 2016, Goethes Werther und Jesus von Nazareth. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zweier Leidensgeschichten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/367641

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