Die Amerikanisierung der politischen Kommunikation als Megatrend in Bundesdeutschen Wahlkämpfen?


Seminararbeit, 2005

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Amerikanisierung - historische Genese eines Begriffs
2.1 Amerikanisierung der Politik
2.2 Amerikanisierung gleich Entertainisierung oder Politainment?

3. Wirkungen auf den Wähler durch den Trend "Amerikanisierung"

4. Fazit

5. Literatur

Einleitung

Ein schillernder Begriff geistert durch die deutsche Parteienforschung: Amerikanisierung. Amerikanisierung beschreibt zunächst einmal einen Trend im Verhältnis Medien und Parteien, vor allem vor und während Wahlkämpfen. Diesem liegt zunächst einmal die unstrittige Tatsache zugrunde, dass Parteien in ihrer Außenkommunikation um den Einsatz von Medien, wie Zeitungen, Radio und Fernsehen, nicht herumkommen. Nur durch die Nutzung der so genannten Massenmedien gelingt es den Parteien, eine sehr große Reichweite zu erzielen und möglichst jeden Wähler zu erreichen. Der Einsatz der Massenmedien ist für sich genommen allerdings nichts Neues, hat doch schon Joseph Goebbels im Dritten Reich vorgemacht, wie effektvoll man das Medium Radio zur Verbreitung politischer Ansichten benutzen kann.[1] Das Fortschreiten der Technik auch im Medienbereich hat die Möglichkeiten der medialen Streuung politischer Botschaften vervielfacht. Insbesondere das Fernsehen und mit ihm die Einführung des Privatfernsehens hat der auditiven (Radio) noch die visuelle Ansprache der Wähler hinzugefügt und wird für die Parteikommunikation immer wichtiger.

Vorgemacht haben diese Entwicklung die US-Amerikaner, die schon sehr früh in dieser Entwicklung, das Fernsehen als Plattform der politischen Auseinandersetzung genutzt haben.[2] Die Amerikaner waren es auch, die diese Entwicklung konsequent weiterführten und mit Bill Clinton im Wahlkampf 1992 eine Fernsehkampagne ablieferten, die neue Qualitäten aufwies. Clinton war in so vielen TV- und Talkshows, dass seine mediale Präsenz ihn zum inoffiziellen Talkshow-König machte.[3] Gerade die Nutzung sämtlicher TV-Formate für Wahlkampfzwecke ist es, die die Beobachter von einer Amerikanisierung der Politik auch in Deutschland sprechen lassen. Für unseren Kontext soll denn auch die Frage im Vordergrund stehen, ob und inwieweit man in deutschen Bundestagswahlkämpfen von einer "Amerikanisierung" sprechen kann und ob denn diese Strategie überhaupt eine Wirkung auf die Wähler hat. Aus Letzterem lässt sich m. E. auch eine Aussage über die Zweckmäßigkeit des breiten Einsatzes des Fernsehens für die Parteien ableiten.

Für die Beantwortung der Frage ist zunächst eine genauere Herleitung des Begriffs "Amerikanisierung" notwendig. Aus der historischen Genese ergibt sich die begriffliche Weiterentwicklung für die deutsche Debatte, die aus der Amerikanisierung einzelne Qualitäten herausgearbeitet hat und dafür Personalisierung, Entertainisierung bis hin zum Politainment einführte. Ein Nebenaspekt der Entertainisierung wird dabei noch besonders untersucht, nämlich der der Visualisierung des Privaten, also der öffentlichen Diskussion im Bereich der Privatsphäre von Spitzenpolitikern. Daraus folgt eine Wirkungsanalyse, die sich hier im engeren auf den Personalisierungseffekt und die Studie von Urban Pappi und Susumu Shikano[4] konzentriert.

Am Anfang steht also die Begriffsklärung, um die Analyse starten zu können.

2. Amerikanisierung - historische Genese eines Begriffs

Amerikanisierung stellt einen äußerst schillernden Begriff dar, der sich nicht ausschließlich auf politische Prozesse, Parteien und Wahlkämpfe bezieht bzw. reduzieren lässt. Immer wieder wird er verwendet, um "Exportprodukte" amerikanischer Weltanschauung, ökonomischer Modernisierung, politischer Praxis oder Konsumgewohnheiten begrifflich prozessual zu fassen und den Blick zu schärfen.[5] In einer sehr umfassenden, weltanschaulichen Definition zitiert Gassert den amerikanischen Journalisten Luce, der 1941 Amerika aufforderte, "Freiheit, wirtschaftliches Wachstum und die Befriedigung der individuellen Bedürfnisse für alle Menschen sicherzustellen."[6]

Selten wird heute unter Amerikanisierung dieser breite Ansatz vertreten, sondern auf die negativen Begleiterscheinungen der Konsumgesellschaft und der Massenkultur reduziert, die aber historisch gesehen zwei Seiten derselben Medaille darstellen, "bezog sich Amerikanisierung doch sowohl auf die politische Demokratisierung (, u.a. Freiheit, Partizipation der Verf.) als auch auf kulturelle Demokratisierung, verstanden als Siegeszug der Massenkultur (einschließlich einer liberalkapitalistischen Wirtschaftsordnung)"[7].

Gerade Letztere hat mit der von Henry Ford, dem amerikanischen Autopionier, entwickelten Massenproduktion bei gleichzeitiger Massenkonsumtion einen enormen Einfluss auf die weltwirtschaftliche Entwicklung gehabt. Verschärfte Arbeitsteilung und Effektivierung der Produktion machten Konsumgüter wie Autos, Kühlschränke und Waschmaschinen für eine breite Bevölkerungsschicht zugänglich und verfehlten ihre Wirkung auf die europäischen Unternehmen und Haushalte nicht. Der Import der amerikanischen Konsumgewohnheiten, auch und gerade im Mode- und Musikbereich, hat sich aber in Deutschland und Europa nicht bruchlos vollzogen. In einem eher einem Generationskonflikt geschuldeten Diskurs der 50er und 60er Jahre, wurde immer wieder vor einer unreflektierten Übernahme amerikanischer Gepflogenheiten gewarnt und der schleichende Erosionsprozess heimischer Werte und Produkte beklagt. Deshalb kann in diesem Sinne auch nicht von einer linearen 1:1-Übernahme amerikanischer Werte und Konsumgewohnheiten gesprochen werden, sondern eher von einem "höchst selektiven Prozess der Aneignung und Annahme von Amerikanismen - von Produkten, Institutionen, Werten, Gebräuchen, Verfahrensformen, auch Bildern und Symbolen", in dem auch Angebote abgelehnt bzw. nur teilweise in europäisch, i.e.S. deutschen Gewand übernommen werden.[8]

Insofern gab und gibt es keine "Amerikanisierung" ohne gleichzeitige Europäisierung bzw. Germanisierung. Vor diesem Hintergrund muss dann auch folgerichtig die Debatte um die Amerikanisierung der bundesdeutschen Politik betrachtet werden, die, wenn man Gassert folgt, keine direkte Übernahme amerikanischer Politikmuster und Prozesse erwarten lässt, sondern vielmehr einen Mix einzelner Elemente amerikanischer Politikkultur auf deutscher Grundlage zeigen müsste. Zunächst muss aber geklärt werden, was in der deutschen Debatte unter dem Begriff "Amerikanisierung der politischen Kommunikation" eigentlich verstanden werden soll.

2.1 Amerikanisierung der politischen Kommunikation

Wenn in der bundesdeutschen Debatte von Amerikanisierung der Politik gesprochen wird, so konzentriert sich der Fokus eindeutig auf das Verhältnis der handelnden Politiker zu den Medien und dabei zusätzlich schwerpunktmäßig auf Wahlkämpfe.[9] Hier scheint noch am ehesten das zu finden zu sein, was Gassert als selektiven Prozess der Aneignung amerikanischer Praxis beschreibt (s.o.), also nicht in der Parteienstruktur, in der Bedeutung der Parteien für die Gesamtgesellschaft o.Ä. . Wie auch, wenn man sich die fundamentalen verfassungsrechtlichen und politisch kulturellen Unterschiede Amerikas und Deutschlands anschaut (Mehrheitswahl vs. Verhältniswahlrecht, Programm- vs. Kandidatenkürungspartei etc.). Hier müsste Amerikanisierung zunächst einmal die strukturellen Unterschiede beseitigen bzw. glätten, bis hin zu einer Verfassungsänderung und der Aufhebung der herausgehobenen Stellung der Parteien nach § 21 GG.[10] Illusorisch dies anzunehmen, stattdessen bleibt die Amerikanisierungsthese auf Politiker als Person, seine Rolle bei Wahlkämpfen und die Rolle der Medien fokussiert.

Die Medien, und hier insbesondere Fernsehen und Radio, sind für Parteien und ihre Wahlkämpfe prädestiniert als Instrument eingesetzt zu werden, da diese einen enormen und konkurrenzlosen Reichweiteneffekt haben, der es ermöglicht, eine breite Bevölkerungsschicht mit dem eigenen Anliegen zu konfrontieren. In den USA ist der Einsatz der Massenmedien spätestens seit den 60er Jahren für den Wahlkampf eine feste Größe. Immer wieder wird dabei in der Literatur auf die entscheidenden TV-Duelle zwischen Richard Nixon und John F. Kennedy 1960 hingewiesen, die den Ausschlag für den hauchdünnen Sieg Kennedys gaben.[11] Die Kandidatur Schröders 1998, welche ihm den Namen "Medienkanzler" einbrachte und die Einführung der Duelle im Bundestagswahlkampf 2002 mit den begleitenden TV-Events mit den Spitzenkandidaten der großen Parteien werden als Ausweis einer "Amerikanisierung" zumindest der Wahlkämpfe gesehen. Die Konzentration auf das Fernsehen hat dabei natürlich auch Rückwirkungen auf die Art der Präsentation der Politik. Abstrakte Programmaussagen und Politikpositionen lassen sich nämlich nicht mediengerecht umsetzen, stattdessen müssen die jeweils agierenden Personen (Politiker) in den Mittelpunkt der Medienaufmerksamkeit gerückt werden, denn Medien benötigen für ihre Berichterstattungs- und Visualisierungsbedürfnisse bekannte Personen und Geschichten, die sich um diese ranken.[12]

Personen statt Politik, das ist der Kern der deutschen Amerikanisierungsdebatte. Dieser, als Personalisierung in die Literatur eingegangene Effekt der Medienzentrierung der Parteien wird von Pappi und Shikano als zunehmende Bedeutung von Spitzenpolitikern zulasten von Parteien und Sachfragen interpretiert.[13] Notwendigerweise konzentriere die Kommunikation über das Fernsehen die Aufmerksamkeit auf Personen und weniger auf Programme oder Sachthemen, da Personen oder Spitzenpolitiker für den Zuschauer Politik auf einen Gegenstand, nämlich die Person, zuspitzt und damit leichter zu konsumieren ist. So erscheint die grundlegende Komplexität von Politik durch massenmediale Auftritte reduziert, ja notwendigerweise reduziert, da in Interviews selten mehr 5 Minuten zur Verfügung stehen, um ein Sachproblem und die damit zusammenhängende parteipolitische Ausrichtung zu kommunizieren. Und selbst dieser kurze Auftritt muss noch so unterhaltend sein, dass der Zuschauer auch dem Sender folgt und nicht in andere Unterhaltungsprogramme flieht. Damit ergibt sich aus der medialen Präsenz auch ein gewisser Hang zum Politik-Infotainment, der in unterhaltsamer Verpackung durch einen Spitzenpolitiker versucht, komplexe politische Abstimmungsprozesse zu kommunizieren.[14]

[...]


[1] Vgl. Wiesendahl, Elmar: Die Zukunft der Parteien., in: Gabriel, Oscar W. et al.: Parteiendemokratie in Deutschland. Bonn 2001, S. 592-619, S. 600f

[2] Man denke nur an den Wahlkampf Nixon vs. John F. Kennedy. s.u.

[3] Vgl. Holtz-Bacha, Christina: Entertainisierung der Politik., in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, Heft 1, 2000, S. 156-166, S. 155f

[4] Pappi, Franz Urban/Shikano, Susumu: Personalisierung der Politik in Mehrparteiensystemen am Beispiel deutscher Bundestagswahlen seit 1980. in: Politische Vierteljahresschrift, Jg. 42, 2001, S.355-387

[5] Vgl. Gassert, Phillip: Was meint Amerikanisierung? Über den Begriff des Jahrhunderts., in: Merkur, Jg. 54, 2000, S. 785-796, S.785ff

[6] Plasser, a.a.O., S.786

[7] Ebd. Ein vertiefter historischer Exkurs findet sich bei Gassert, a.a.o., S.787ff. Grundlegender: Vorländer, Hans: Gesellschaftliche Wertvorstellungen und politische Ideologien. in: Jäger, Wolfgang/Welz, Wolfgang:. Regierungssystem der USA. Lehr- und Handbuch., München usw. 1995, S.39-50, S.39ff

[8] Gassert, a.a.O. S. 794

[9] Vgl. Wiesendahl, Elmar, a.a.O., S. 600f

[10] Vgl. Pfetsch, Barbara: "Amerikanisierung" der politischen Kommunikation? Politik und Medien in Deutschland und den USA., in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 41-42/2001, S. 27-36, S. 28ff

[11] Vgl. Römmele, Andrea u.a.: Journalisten fragen, Politiker antworten? Formate, Inhalte und Strategien der TV-Debatten im Bundestagswahlkampf 2002. in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, Heft 2, 2004, S.219-228, S.220f

[12] Vgl. Wiesendahl, a.a.O., S. 601

[13] Vgl. Pappi, Franz Urban/Shikano, Susumu, a.a.O., S.355

[14] Vgl. Dörner, Andreas: Diagnosen und Prognosen zum Kontextwandel parteipolitischen Handelns., in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, Heft 4 2002, S. 759-769, S.767f

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Amerikanisierung der politischen Kommunikation als Megatrend in Bundesdeutschen Wahlkämpfen?
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Theorien politischer Kommunikation
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V36781
ISBN (eBook)
9783638363105
Dateigröße
1100 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Amerikanisierung, Kommunikation, Megatrend, Bundesdeutschen, Wahlkämpfen, Theorien
Arbeit zitieren
Sebastian Wendt (Autor), 2005, Die Amerikanisierung der politischen Kommunikation als Megatrend in Bundesdeutschen Wahlkämpfen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36781

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