Zivilität und Civil Society bei Edward Shils. Eine begriffliche Kritik


Hausarbeit, 2014
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einführung

2.) Der Begriff der Civil Society

3.) Der Begriff der Zivilität

4.) Die zentralen Institutionen

5.) Kritik an Shils Ausführungen des Begriffs der Civil Society
5.1) Kritik an Shils Ausführungen der Idee von einem höheren Recht
5.2) Kritik an Shils Ausführung zu den zentralen Institutionen
5.3) Kritik an Shils Ausführungen zur Relativität der Zivilität
5.4) Kritik an Shils Ausführungen zur Existenzberechtigung von Zivilität

6.) Die Lebensnotwendigkeit von Zivilität

7.) Anerkennen der Zivilität aus Vernunftgründen

8.) Das Problem des ungleichen Machtverhältnisses

9) Die bürgerlichen Tugenden

10.) Erweiterung des Begriffs der Zivilität
10.1) Kurze Einführung zu Taylors „Multikulturalismus und die Politik der Nichtanerkennung“
10.2) Der Wert der Kulturen
10.3.) Taylors Kritik zu subjektivistischen Theorien

11.) Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

1.) Einführung

In der folgenden Hausarbeit soll sich kritisch mit den Begriffen der Zivilität und der Civil Society aus Edward Shils Aufsätzen „Was ist eine Civil Society?“ und „The virtue of civil society“ auseinandergesetzt werden.

Dazu soll zunächst eine Erörterung beider Begriffe stattfinden.

Im Anschluss soll eine Kritik dieser vorgenommen werden.

Folgend werden die Begriffe der Zivilität und der Civil Society durch die Arbeit Charles Taylors „Multikulturalismus und die Politik der Nichtanerkennung“ erweitert werden.

Zudem wird eine Schlussbemerkung der Autorin durchgeführt werden.

2.) Der Begriff der Civil Society

Die Civil Society ist laut Edward Shils das „Produkt privater und staatlicher Institutionen“ (Shils 1989: 14.). Zivil ist sie insofern, als dass sie eine normative Regulierungsfunktion gegenüber Staat, Wirtschaft und privaten Institutionen, einschließlich ihrer „urwüchsigen“ (Ebd..) Institutionen, ausübt. Diese Institutionen können für die Civil Society sowohl förderlich als auch schädlich sein. Da sie des Öfteren versuchen, die Zentren, auf die in Kapitel „4.) Die zentralen Institutionen“ genauer eingegangen wird, die das allgemeine Interesse der Angehörigen der Civil Society darstellen und vertreten, für ihre Partikularinteressen zu gewinnen oder die Zentren bekämpfen wollen, wenn es die Partikularinteressen gefährdet. (Ebd.: 16.) Zu einem allgemeinen Begriff der Civil Society erklärt Shils :

„Einecivil societyist eine pluralistische Gesellschaft, in der die Autonomie ihrer einzelnen Mitglieder, Gruppen und Gemeinschaften dadurch charakterisiert ist, daß sie Verpflichtungen anerkennt, die von den Individuen und Gruppen gegenüber der Gesellschaft als Ganzem und ihren besonderen zentralen Organen und Gesetzen eingegangen werden.“ (Ebd.: 20.)

Wenn also private Institutionen versuchen, das Zentrum von ihrem Individualinteresse zu überzeugen, dann ist dieses zwar legitim, aber nur so lange, wie diese die im Zitat beschriebenen Verpflichtungen anerkennen. Gehen die privaten Institutionen im Bereich der eigenen Interessen darüber hinaus, richten sie sich gegen die Regeln der Civil Society, was für diese abträglich ist.

Betrachtet man jene Ausführungen über die Civil Society, lässt sich anzweifeln, warum selbige überhaupt entsteht. Schließlich ist es fraglich, wieso von den einzelnen Bürgern und Institutionen einer Gesellschaft anerkannt wird, dass Verpflichtungen gegenüber anderen eingegangen werden müssen. Denn oft ist es für das Individualinteresse förderlicher, Verpflichtungen gegenüber anderen nicht anzuerkennen.

Shils erklärt die Anerkennung der Pflichten gegenüber anderer dadurch, dass eine Civil Society ein sowohl kognitives, als auch normatives kollektives Selbstbewusstsein innehat, das von einem großen Teil der Bevölkerung der Civil Society geteilt wird. (Shils 1989: 14.) Eine Civil Society ist also kein bloßes „Ensemble von Meinungen“ (Ebd..), sondern auch ein Geflecht aus Aktivitäten und Beziehungen. (Ebd..) Die einzelnen Komponenten sind folglich durch das Kollektivbewusstsein miteinander verbunden (Ebd.: 15.) und fühlen sich als Teil eines „Wir“, das dadurch etwas Besonderes wird, dass die Komponenten sich dessen bewusst sind, dass auch andere mit diesem „Wir“ verknüpft sind. (Ebd.: 16.) Zudem hat das zivile Kollektivbewusstsein einen territorialen Bezugsrahmen. (Ebd..) Das Besondere am Kollektivbewusstsein ist das Interesse am Gemeinwohl oder auch Zivilität (Ebd.: 15.), auf die im folgenden Kapitel eingegangen werden soll.

3.) Der Begriff der Zivilität

Unter Zivilität versteht Shils eine „charakteristische Denk-; und Verhaltensweise“ (Ebd..), die sich dadurch auszeichnet, dass man sich als Individuum an die Gesamtgesellschaft gebunden fühlt und somit in alle Entscheidungen und Handlungen das Wahren und Fördern des Wohls der Gesamtgesellschaft miteinbezogen wird. Das schließt nach Shils auch das Achten und Unterstützen der zentralen Institutionen mit ein, die im folgenden Kapitel erläutert werden sollen.

Dadurch, dass das Individuum bei seinen Entscheidungen nicht nur sein eigenes, sondern auch das Gemeinwohl berücksichtigt, sind dem Individualwohl Grenzen gesetzt, unter die sich das Individuum freiwillig unterwirft. Für Shils ist Zivilität deshalb:

„[...] die Anerkennung einer Verpflichtung neben den eigenen Interessen zumindest bis zu einem gewissen Grade auch das Gemeinwohl oder die Gesamtgesellschaft zu berücksichtigen.“ (Ebd..)

Durch dieses Handeln kommt es nach Shils zu einem Ausgleich zwischen den verschiedenen Sonder-; oder Individualinteressen der Gesellschaft. Bei einer relativ starken Ausprägung dieses „zivilen Elements“ (Ebd..) spricht Shils von einer Civil Society.

Den Sonder-; und Individualinteresse steht das Gemeinwohl gegenüber, welches von den zentralen Institutionen getragen wird. Was Shils unter dem Begriff zentrale Institutionen versteht, soll im Folgenden erläutert werden.

4.) Die zentralen Institutionen

„Zu den zentralen Institutionen einer civil society gehören ihre gesetzgebende, ihre richterliche und ihre ausführende Gewalt, außerdem die Organe der öffentlichen Meinungsäußerung und der öffentlichen Information, ihre Kirchen und ihre Streitkräfte, ihr Bildungssystem von den Grundschulen bis zu den Universitäten, ihre wissenschaftlichen Institutionen und Gesellschaften, ihre bedeutenden privaten Gesellschaften, ihre großen Wirtschaftsunternehmen und ihre großen Traditionen.“ (Ebd.: 16.)

Die zentralen Institutionen tragen dabei aber nicht nur das Interesse des Gemeinwohls, sondern können auch zu Trägern von Sonder-; und Individualinteressen werden. Deshalb ist nach Shils unter der Civil Society ein Beziehungsgeflecht der Beziehungen der Peripherie zum Zentrum, sowie die Beziehungen der einzelnen Individuen und Gruppen an der Peripherie zu verstehen. (Ebd..) Auf die zentrale Institution der Kirche geht Shils noch einmal genauer ein und behauptet, dass die Civil Society religiösen Überzeugungen neutral gegenüber stehe. Diese Neutralität könne allerdings keine Gesellschaft, sondern nur die Civil Society wahren. (Ebd.: 40.) Dies ist insofern beachtenswert, als dass Shils unter Gesellschaft, neben Staat und Wirtschaft, die dritte Kategorie auf einem territorialen Bezugsrahmen, wie in Kapitel „2.) Der Begriff der Civil Society“ erwähnt, versteht. Die Gesellschaft ist dabei die Gesamtheit all jener Menschen, die sich denselben territorialen Bezugsrahmen teilen und „[...] umfaßt soziale Aggregate und Gruppen wie familiäre, religiöse, kulturelle, intellektuelle oder sportliche Institutionen, soziale Klassen, ethnische Gruppen, Nationalitäten, sowie deren Aktivitäten.“ (Ebd.: 13.) Das bedeutet, dass die Einwohner einer Civil Society keine Neutralität gegenüber der Kirche wahren können, wohl aber das Aggregat aus Gesellschaft, Staat und Wirtschaft. Dies liegt laut Shils vor allem daran, dass dieses Aggregat pluralistisch, und eine Trennung von Kirche und Staat vorhanden ist. (Ebd.: 40.)

Außerdem behauptet er, dass die Civil Society, also jenes eben erwähnte Aggregat, eine Idee von einem höheren Recht, ergo einer Norm oder eines Kriteriums für das Gute und Richtige haben muss, ohne dass Maßstäbe einzelner Individuen oder Gruppen diese Idee gesetzt hätten. (Ebd.: 41.)

Die Ausführungen dieses Kapitels und ebenso die davor vorgestellten Punkte lassen einigen Raum für Kritik, die im Folgenden dargelegt werden soll.

5.) Kritik an Shils Ausführungen des Begriffs der Civil Society

5.1) Kritik an Shils Ausführungen der Idee von einem höheren Recht

Die Civil Society besteht laut Shils aus der Gesellschaft, dem Staat und der Wirtschaft. Während Shils klar definiert, dass die Gesellschaft aus allen auf einem bestimmten territorialen Bezugsrahmen lebenden Menschen besteht, scheint er vergessen zu haben, dass auch Staat und Wirtschaft aus Menschen bestehen. Betrachtet man also den möglichen Raum an möglichen Ideen, besteht dieser einzig und allein aus dem Aggregat der verschiedenen Ideen einzelner Menschen. Es ist möglich, dass aus diesem eine übergeordnete Idee entsteht, aber diese wäre dann von den Ideen der Individualinteressen beeinflusst.

Das Entstehen einer übergeordneten Idee wäre also nur dadurch denkbar, dass sich einzelne Individualinteressen decken und so zu einem Aggregat werden. Durch die Häufung dieser einzelnen Ideen kann dann eine Idee von einem höheren Recht, ergo eine Norm oder ein Kriterium für das Gute und Richtige entstehen. Allerdings nicht, ohne dass Individuen und folglich einzelne Gruppen, Maßstäbe für diese gesetzt hätten. Sollte dieses nicht der Fall sein, dann müsste es ein von den Menschen unabhängiges Wesen geben, das diese Idee von einem höheren Recht gesetzt hätte, da Shils über so etwas in dem behandelten Aufsatz nicht schreibt, kann angenommen werden, dass ein Aggregat verschiedener Ideen die einzige Möglichkeit zum Entwickeln einer Idee von einem höheren Recht ist.

Nimmt man diese Theorie an, dann wäre auch das Entstehen der Zivilität erklärbar. Aus Gründen, auf die in Kapitel „10) Erweiterung des Begriffs der Zivilität“ noch genauer eingegangen werden soll, kommt es zu der Häufung der Idee, dass es lohnenswert wäre, als Individuum bei seinen Entscheidungen nicht nur sein eigenes, sondern auch das Gemeinwohl zu berücksichtigen.

Allerdings würde somit die Behauptung Shils, dass die Civil Society der Kirche neutral gegenüber stehe, schwierig zu belegen sein. Wenn die Ideen der Civil Society durch Individualideen entstehen, dann müsste der Großteil der Bürger der Civil Society der Kirche neutral gegenüberstehen, also eine agnostische Welteinstellung besitzen. Glaubhafte Statistiken über Agnostiker zu finden, stellt sich allerdings als problematisch dar. Fest steht jedoch, dass die Zahl der Agnostiker weit unter der der anderer Religionen liegt.[1]So sind 2005 16% der Weltbevölkerung Agnostiker oder ähnlicher religiöser Überzeugung.[2](adherents.com 2012: 1.) Da also der Großteil der Weltbevölkerung der Kirche nicht neutral gegenübersteht, sondern einer Konfession angehört, ist es nicht möglich, nimmt man die vorhergegangene Kritik an dem Entstehen einer Idee von einem höheren Recht an, dass die Civil Society der Kirche neutral gegenübersteht. Eine Ausnahme würde der Fall bilden, in dem eine Civil Society einen besonders großen Teil dieser 16% der Weltbevölkerung an Agnostikern einnimmt.

5.2) Kritik an Shils Ausführung zu den zentralen Institutionen

Dieser Kritikpunkt soll nur kurz ausgeführt werden, da er nicht als besonders stark für die Argumentationslinie dieser Hausarbeit erachtet werden kann. Shils setzt, wie in Kapitel „4.) Die zentralen Institutionen“ dargestellt, einen festen Begriff von zentralen Institutionen. Eine Civil Society, die aber zum Beispiel schlichtweg keine Kirche bzw. Religion oder Streitkräfte, besitzt, dürfte dann nicht als solche definiert werden.

Allerdings kann angezweifelt werden, ob das Besitzen einer Streitkraft oder einer Kirche, bzw. Religion obligatorisch für die Definition einer Civil Society ist.

5.3) Kritik an Shils Ausführungen zur Relativität der Zivilität

Wie bereits in Kapitel „3.) Der Begriff der Zivilität“ erläutert, entsteht laut Shils eine Civil Society dann, wenn das zivile Element innerhalb einer Gesellschaft relativ stark ausgeprägt ist. Daraus folgt die Verpflichtung, neben den eigenen Interessen, zumindest bis zu einem gewissen Grade, auch das Gemeinwohl oder die Gesamtgesellschaft zu berücksichtigen. (Shils 1989: 15.)

Diese Definition gibt allerdings keine klare Erörterung darüber ab, was „relativ“ und bis zu einem „gewissen Grade“ bedeuten sollen, sodass eventuell das Individualwohl zu stark hinter dem Gemeinwohl zurückbleibt.

Als Beispiel könnte man hier etwa an eine Civil Society denken, die rassistisches Gedankengut vertritt. Rassismus wäre in dieser Civil Society zum Beispiel dadurch erklärbar, dass der Großteil der in dieser Civil Society lebenden Bürger im selben territorialen Bezugsrahmen geboren ist. Jemand, der dort nicht geboren ist, müsste diesen Bezugsrahmen verlassen. Denn die Civil Society wäre der Meinung,dass es für das Gemeinwohl besser ist, wenn jemand, der nicht auf diesem territorialen Bezugsrahmen geboren ist, diesen verlässt. Auch die von der Civil Society ausgestoßene Person müsste sich diesem Entscheid beugen und aus freien Stücken die Civil Society verlassen. Denn sein Verlassen ist das Beste für das Gemeinwohl und da er sein Individualwohl als Bürger, sei er es schon geworden oder wird er es erst noch, dieser Civil Society bis zu einem gewissen Grade unter das des Gemeinwohl stellen muss, bleibt ihm nichts anderes übrig als früher oder später diese Civil Society zu verlassen. Früher, wenn er bereits durch zum Beispiel die Angehörigkeit seiner Mutter zu dieser Civil Society Bürger geworden ist, oder später, wenn er, wobei dies bei der beschriebenen Civil Society schwer vorstellbar ist, Bürger geworden ist und sein Individualwohl erst dadurch unter das Gemeinwohl stellt.[3]

Das Individualwohl bleibt in diesem Punkt unter dem Gemeinwohl ziemlich stark zurück. Nimmt man Shils Definition, scheint dies aber gerechtfertigt, da es schließlich nur bis zu einem gewissen Grade zurückbleibt.

Shils muss folglich entweder die Begriffe „relativ“ und bis zu einem „gewissen Grade“ näher definieren oder zustimmen, dass zum Beispiel Rassismus oder andere Ideologien und Ideen, bei denen jemand sein Individualwohl stark unter das Gemeinwohl stellen muss, bei einer Civil Society zu rechtfertigen sind.

Shils erklärt jedoch im Weiteren, dass die Civil Society die Aufgabe der völligen Individualität nicht notwendig mache. Sollte jene Aufgabe dennoch von den Mitgliedern verlangt werden, würde sie scheitern. (Ebd.: 46.)

Diese Aussage stützt er darauf, dass das Kollektivbewusstsein jeder Gemeinschaft dem einzelnen äußerlich sei. Zur selben Zeit, in der man an selbiger teilhat, ist man auch Teil von derselben. (Ebd.: 47.) Zudem erläutert er:

„Worauf es mir ankommt, ist, daß Individualität mit den vom Kollektivbewusstsein vermittelten und bewahrten Traditionen beginnt und diese in sich aufnimmt und modifiziert. Sie liefern das Material, aus dem der einzelne schöpft, während sich sein Selbst und sein Selbstbewusstsein ausbilden. Seine Individualität ist somit niemals losgelöst von den Gemeinschaften, denen er angehört und denen er niemals völlig entrinnen kann, selbst wenn er es wollte.“ (Ebd..)

Diese Erklärung hilft aber höchstens weiter, bleibt man bei dem eben erläuterten Beispiel der rassistischen Civil Society, den Rassisten eine Rechtfertigung für ihren Rassismus zu liefern. Als Teil dieser Civil Society haben sie die bewahrten Traditionen in sich aufgenommen. Waren sie bis dato noch keine Civil Society, die rassistische Tendenzen hatte, so haben sie die Traditionen modifiziert und das Material für Rassismus geliefert.

Außerdem hilft es auch dem, von der Civil Society ausgestoßenen zu verstehen, warum er die Civil Society verlassen musste. Schließlich hat er als Teil dieser Gesellschaft die vom Kollektivbewusstsein vermittelten Materialien bzw. Werte in sich aufgenommen. Selbst wenn er versucht haben sollte, diese zu modifizieren, sieht er ein, dass das Kollektivbewusstsein zu einem anderen Ergebnis gekommen ist und als Teil der Gesellschaft findet auch er seinen Ausschluss aus der Civil Society gerechtfertigt. Ergo stellt er seine Individualinteressen auch nicht vollkommen unter die Interessen des Gemeinwohls zurück. Immerhin hat er ja schließlich auch Werte dieser Civil Society geteilt und ist somit wahrscheinlich sogar selbst zu dem Schluss gekommen, dass er die Civil Society verlassen sollte.

Das beschriebene Problem, das im Folgenden übersteigerte Zivilität genannt werden soll, löst Shils nicht.

5.4) Kritik an Shils Ausführungen zur Existenzberechtigung von Zivilität

Shils behauptet, wie in Kapitel „2.) Der Begriff der Civil Society“ und Kapitel „3.) Der Begriff der Zivilität“ dargelegt worden ist, dass Zivilität durch eine Zugehörigkeit zu einem „Wir“ mit einem bestimmten Kollektivbewusstsein, das sowohl kognitiv als auch normativ ist, zu definieren sei. Er erklärt folglich, dass es Zivilität gibt, aber nicht, dass es notwendig ist, dass Zivilität entsteht. Nur weil es Zivilität gibt, heißt dies also nicht, dass man sich an dieser auch orientieren soll. Es wird lediglich beschrieben, dass dieses Orientieren an einer Civil Society stattfindet, aber es werden keine Gründe genannt, warum dieses Orientieren stattfinden sollte. Shils Beitrag ist mit der Überschrift „Was ist eine Civil Society?“ überschrieben und fordert insofern jene Klärungen über die Civil Society nicht. Allerdings schreibt er im Weiteren:

„Diecivil societyist die Antwort einer Gesellschaft auf die Tatsache des Pluralismus; sie ist nicht die einzig mögliche Antwort, aber sie ist die einzig mögliche Reaktion einer liberalen Demokratie.“ (Ebd.: 21.)

Zudem bemerkt er über die Zivilität:

„Zivilität als bürgerliche Verhaltensnorm kann es eigentlich nur in einercivil societygeben, und wenn sie ausnahmsweise dennoch in anderen Gesellschaften vorkommen sollte, dann nur innerhalb sehr enger Grenzen. Die bürgerlichen Tugenden können auf Dauer nur in einercivil societygeübt werden, die ihrerseits auf die Pflege dieser Tugenden angewiesen ist.“ (Ebd..)

Die Tugenden, die Shils anspricht, sollen in Kapitel „9) Die bürgerlichen Tugenden“ noch genauer erörtert werden. Die Tatsache aber, dass er diese erwähnt, lässt den Rückschluss zu, dass er die Civil Society als Grundlage für bürgerliche Tugenden als wichtig erachtet.

Dies lässt die Frage zu, warum ein Orientieren an der Civil Society stattfinden sollte.

Außerdem lässt sich aus dem vorhergehenden Zitat entnehmen, dass Shils die Civil Society als notwendig für die Antwort einer liberale Demokratie auf den Pluralismus festsetzt.

Nimmt man beide Zitate zusammen, so kann geschlossen werden, dass Shils eine gut funktionierende Gesellschaft als wichtig empfindet und für diese als Grundlage die Zivilität, bzw., da laut ihm die Civil Society als solche definiert wird, wenn das Element der Zivilität relativ weit ausgeweitet ist (Ebd.: 15.), die Civil Society sieht. Allerdings klärt er nicht warum Zivilität als notwendig erachten werden sollte und warum sie entstanden ist.

Da er dies aber als Grundlage für eine gute funktionierende Gesellschaft wählt, sollte Shils diese Fragestellungen behandeln, um so eine argumentative Grundlage für die Civil Society zu schaffen. Denn, wie in den folgenden Kapiteln bewiesen wird, ist Zivilität keine Notwendigkeit.

6.) Die Lebensnotwendigkeit von Zivilität

Notwendig für das Bestehen einer pluralistischen Gesellschaft scheinen Civil Societys nicht zu sein, da einige pluralistische Gesellschaften keine oder nur sehr schwache Civil Societys herausgebildet haben. Zum Beispiel schreiben Gelsine Foljanty-Jost und Karoline Haufe, die beide an der Martin Luther Universität in Halle-Wittenberg tätig sind, dass die Civil Society, so wie Shils sie definiert, in Japan nur sehr schwach ausgeprägt ist. (Jost, Haufe 2006: 261 ff..)

Es könnte also vermutet werden, dass Zivilität schlechthin aus Tradition entstanden ist. Gesellschaften, die einst eine Civil Society besaßen, aber inzwischen keine mehr besitzen, hätten diese Tradition dann schlichtweg verworfen.

Wenn Civil Societys aber aus Traditionen entstanden sind, fehlt der Grund für jene Entstehung. Von einer göttlichen Fügung scheinen sie, wie bereits im Kapitel „5.1) Kritik an Shils Ausführungen der Idee von einem höheren Recht“ erörtert, nicht zu kommen.

Da nicht alle pluralistischen Gesellschaften eine Civil Society herausgebildet haben, aber dennoch bestehen, scheint auch keine Notwendigkeit von Civil Societys vorhanden zu sein.

Ein anderer Ansatz wäre, dass die zur Civil Society führende Zivilität bei manchen Menschen angeboren ist und bei manchen nicht, was erklären würde, warum sich nur in einigen Gesellschaften eine Civil Society herausgebildet hat. Shils würde dem zustimmen. So schreibt er: „A spark of civility exists in the breast of most individuals even though it is not strong.“ (Shils 1991: 18.)

Obwohl dies eine mögliche Erklärung wäre, fehlt immer noch ein rationaler Grund, warum ein Mensch Zivillität entwickeln sollte. Denn allein mit diesem Erklärungsansatz wäre Zivilität höchstens für die Menschen notwendig, denen ein größerer Teil angeboren ist. Allen denen, denen Zivilität kaum angeboren ist, käme kaum Pflicht zu, sich gemäß der Zivilität zu verhalten. Eine Notwendigkeit von Zivilität wäre nur in sehr kleinem Maße vorhanden. Um dieses Problem zu lösen soll im nächsten Kapitel ein möglicher Lösungsansatz Shils diskutiert werden.

7.) Anerkennen der Zivilität aus Vernunftgründen

Dass auch Shils nach einer Argumentationsgrundlage für die Notwendigkeit von Zivilität sucht, kann zum Beispiel aus seiner Anmerkung über Hobbes entnommen werden. So sagt er: „Ein Krieg aller gegen alle ist tatsächlich keine reale Möglichkeit in menschlichen Gesellschaften.“ (Shils 1989: 19.) Shils Definition einer Civil Society erfordert, dass jeder Verpflichtungen gegenüber anderen anerkennt. Allerdings gestaltet sich dieses schwierig, wenn jemand diese Verpflichtungen nicht anerkennen möchte, da der Einzelne, wenn er seine Verpflichtung geltend machen will, keine Machtmittel hat, um diese durchzusetzen.

In einer Civil Society wird dieses Problem durch die zentrale Institution des Staates gelöst. Shils argumentiert, dass sich die einzelnen Akteure beim Abwägen ihrer Handlungen auf Vor-; und Nachteile, dessen bewusst sein müssen, dass staatliche Machtmittel existieren. Durch dieses Bewusstsein, werden die Verpflichtung gegenüber anderen leichter anerkannt. (Ebd..) Denn, wenn der Staat als Kontrollinstanz vorhanden ist, können bei Nichteingehen einer Verpflichtung die Strafen höher sein, als der Nutzen, der aus der Nichtanerkennung folgt. In sofern würde ein Anerkennen der Pflichten gegenüber anderen aus Vernunftgründen stattfinden.

[...]


[1]Sofern man Agnostizismus als Religion anerkennen möchte.

[2]Ähnliche religiöse Überzeugungen beinhalten nach der verwendeten Statistik: Atheisten, säkuläre Humanisten und Menschen ohne Angabe oder mit keiner religiösen Präferenz.

[3]Außerdem wäre es denkbar, dass die Civil Society erst nach und nach rassistisch wird und er diese deshalb verlassen muss.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Zivilität und Civil Society bei Edward Shils. Eine begriffliche Kritik
Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V367870
ISBN (eBook)
9783668462106
ISBN (Buch)
9783668462113
Dateigröße
868 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zivilgesellschaft, Zivilität, Edward Shils, Charles Taylor, Civil Society, Kritik, Was ist eine Civil Society?, The virtue of civil society, Multikulturalismus und die Politik der Nichtanerkennung
Arbeit zitieren
Saskia Janina Neumann (Autor), 2014, Zivilität und Civil Society bei Edward Shils. Eine begriffliche Kritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/367870

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