Die Darstellung von Kriminalität in den Medien vermittelt oft den Eindruck, dass die Anzahl von Straftaten stetig zunimmt. Im Ergebnis verlangt die Öffentlichkeit nach mehr Härte im Umgang mit Straftätern. Dies wird zunehmend in der Politik aufgegriffen. Ein besonders deutliches Beispiel ist die rechtspopulistische Schill-Partei in Hamburg, die sich im letzten Wahlkampf durch Aufrufe zu einer Wiederherstellung der Inneren Sicherheit durch ein härteres Vorgehen gegen Kriminalität positioniert hat. Die Partei propagiert in ihrem Programm härtere Strafen für Kleindelikte und Jugendkriminalität, sowie einen Vorrang der Bestrafung vor Resozialisierungsmaßnahmen. Die Lösung für das Problem wird des weiteren im Ausbau von Polizei und Justiz gesehen. Dabei findet jedoch keine tiefergehende Auseinandersetzung mit den eigentlichen Ursachen für die Entstehung von Kriminalität statt. Ohne Kenntnisse solcher Art können jedoch keine wirksamen Gegenstrategien oder Präventivmaßnahmen entwickelt werden.
Von großer Bedeutung sind diese Kenntnisse vor allem für Arbeitsbereiche der sozialen Kontrolle, z. B. Sozialarbeit, Polizei, Justiz. Während Polizei und Justiz eingreifen, nachdem Straftaten begangen worden sind, kann man mit Hilfe sozialpädagogischer Tätigkeit schon im Vorfeld eines Deliktes eingreifen. Besonders in der Bewährungshilfe ist es von Bedeutung, an der Verhinderung weiterer Straftaten mitzuwirken. In meiner Arbeit geht es darum, anhand verschiedener theoretischer Erklärungsansätze aus Psychologie und Soziologie herauszufinden, wie dem Problem der Kriminalität in der Bewährungshilfe begegnet werden kann. Ich werde dazu nach einer kurzen Besprechung der zentralen Begriffe ausgewählte Theorien zur Erklärung delinquenten Verhaltens anhand beispielhafter Vertreter diskutieren und in Hinsicht auf ihre Bedeutung für die Bewährungshilfe bewerten.
Von der Vielzahl der vorhandenen Erklärungsansätze werde ich solche untersuchen, die Erklärungen für die Entstehung von Kriminalität in der Persönlichkeit des Menschen suchen (Psychologische Theorien) und solche, die sich mit dem Einfluss gesellschaftlicher Strukturen und Abläufe auf Individuen befassen (Soziologische Theorien).
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
1.1 Problemaufriss
1.2 Definitionen zentraler Begriffe
2 Erklärungsansätze zur Entstehung delinquenten Verhaltens: Psychologische Theorien
2.1 Lerntheorien
2.1.1 Skinners Theorie der operanten Konditionierung (1938)
2.1.2 Eysenck (1964, 1970) Gewissen als konditionierte Angstreaktion
2.1.3 Sutherland: Theorie des differentiellen Lernens (1939)
2.1.4 Die sozial-kognitive Lerntheorie von Bandura (Aggressionstheorie)
2.1.5 Die Bedeutung der Lerntheorien für die Praxis der Bewährungshilfe
2.2 Sonstige Persönlichkeitstheorien
2.2.1 Das Konzept der Selbstkontrolle nach Godfredson und Hirschi (1990)
2.2.2 Psychoanalytische Theorien
2.2.3 Entwicklungspsychologische Kognitionstheorien: Die Sozial-Moralische Entwicklung nach Kohlberg (1958)
2.2.4 Die Bedeutung der sonstigen psychologischen Erklärungsansätze für die Praxis der Bewährungshilfe
3 Erklärungsansätze zur Entstehung delinquenten Verhaltens: Soziologische Theorien
3.1 Anomietheorie
Exkurs: Die Subkulturtheorie
3.2 Labeling Approach
3.3 Die Bedeutung der soziologischen Erklärungsansätze für die Praxis der Bewährungshilfe
4 Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht theoretische Erklärungsansätze für die Entstehung von Kriminalität aus den Bereichen der Psychologie und Soziologie, um deren Bedeutung für die Praxis der Bewährungshilfe zu bewerten und konkrete Anknüpfungspunkte für die Arbeit mit straffällig gewordenen Jugendlichen abzuleiten.
- Psychologische Theorien zur Persönlichkeitsentwicklung und Lernprozessen
- Soziologische Theorien zu gesellschaftlichen Strukturen und Anomie
- Einfluss von Stigmatisierungsprozessen (Labeling Approach)
- Analyse der Wirksamkeit punitiver Ansätze versus resozialisierender Maßnahmen
- Integration theoretischer Erkenntnisse in die sozialpädagogische Praxis der Bewährungshilfe
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Skinners Theorie der operanten Konditionierung (1938)
Im Gegensatz zu vorhergehenden Theorien stellte Skinner fest, dass menschliches Verhalten nicht nur durch Reize ausgelöst wird, sondern dass der Mensch grundsätzlich zur Aktivität bereit ist. Jene der spontan auftretenden Verhaltensweisen, die eine positive Bekräftigung erfährt, wird mit großer Wahrscheinlichkeit wiederholt. Im Mittelpunkt des Ansatzes steht der Aspekt der Verstärkung. Als Verstärker wirken jene "Umweltaspekte", die ein Verhalten in eine bestimmte Richtung ändern können. Wichtig ist es hierbei, dass ein Verhalten durch die nachfolgende Reaktion gefördert wird. Das bedeutet, operantes (auf die Umwelt einwirkendes) Verhalten wird nachträglich durch Reaktionen der Umwelt verstärkt oder nicht verstärkt. Dies erfolgt durch belohnende oder bestrafende Konsequenzen einer Handlung.
Man spricht auch von positiven und negativen Verstärkern. Erstere stellen positive Erfahrungen dar, die auf ein erwünschtes Verhalten erfolgen. Letztere stellen unangenehme Erfahrungen dar, die auf ein unerwünschtes Verhalten erfolgen. Sie können sich aber auch im Ausbleiben einer Bestrafung nach einer verbotenen Handlung oder im Entzug einer positiven Konsequenz ausdrücken. Dabei ist im Laufe des Lernprozesses immer weniger Verstärkung durch äußere Faktoren nötig, denn die bloße Anwendung der gelernten Verhaltensweisen an sich wirkt befriedigend auf die betreffende Person.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Dieser Abschnitt beschreibt den gesellschaftlichen Diskurs über Kriminalität, die Notwendigkeit wissenschaftlicher Ursachenforschung für die Bewährungshilfe sowie die begriffliche Abgrenzung von Delinquenz und Kriminalität.
2 Erklärungsansätze zur Entstehung delinquenten Verhaltens: Psychologische Theorien: Hier werden verhaltenspsychologische und kognitive Modelle diskutiert, wobei der Fokus auf Lernprozessen, Persönlichkeitsdispositionen und der moralischen Entwicklung liegt.
3 Erklärungsansätze zur Entstehung delinquenten Verhaltens: Soziologische Theorien: Dieses Kapitel beleuchtet strukturelle gesellschaftliche Ursachen, den Einfluss von Subkulturen sowie die Folgen stigmatisierender Zuschreibungsprozesse für die kriminelle Karriere.
4 Zusammenfassung und Ausblick: Das Fazit synthetisiert die theoretischen Erkenntnisse, unterstreicht die Relevanz für die Bewährungshilfe und kritisiert die Wirksamkeit rein punitiver Maßnahmen.
Schlüsselwörter
Kriminalität, Delinquenz, Bewährungshilfe, Lerntheorien, Operante Konditionierung, Sozialisation, Selbstkontrolle, Anomietheorie, Labeling Approach, Stigmatisierung, Sozialpädagogik, Prävention, Verhaltensänderung, Gesellschaftsstruktur, Resozialisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert verschiedene psychologische und soziologische Theorien, die erklären sollen, warum Menschen straffällig werden, und wie dieses Wissen in der praktischen Bewährungshilfe genutzt werden kann.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die Lerntheorien, Konzepte zur Persönlichkeitsentwicklung, die Anomietheorie, die Subkulturtheorie sowie der Labeling Approach und deren jeweilige Bedeutung für die pädagogische Arbeit mit Straftätern.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, den Nutzen theoretischer Erklärungsmodelle für die Praxis der Bewährungshilfe zu prüfen, um daraus Ansätze zu entwickeln, die eine effektive Resozialisierung fördern und die Rückfallquote senken können.
Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zum Einsatz?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturanalyse, bei der führende kriminologische und psychologische Ansätze diskutiert und in einen direkten Bezug zur täglichen Arbeit von Bewährungshelfern gesetzt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Auseinandersetzung mit psychologischen Ansätzen (z. B. Skinner, Eysenck, Bandura, Kohlberg) und soziologischen Theorien (z. B. Durkheim, Merton, Labeling Approach), jeweils ergänzt durch eine praktische Bewertung für die Bewährungshilfe.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie "operante Konditionierung", "Anomie", "sozialstrukturelle Induktion" und "Stigmatisierung", die den Bogen von individuellen Lernprozessen bis hin zu gesellschaftlichen Rahmenbedingungen spannen.
Warum ist das "Teufelskreismodell" von Quensel relevant?
Das Modell ist relevant, weil es aufzeigt, wie stigmatisierende Reaktionen der Gesellschaft und die Übernahme dieser Etiketten durch den Täter dazu führen, dass kriminelles Verhalten durch wechselseitige Verstärkung weiter provoziert und verfestigt wird.
Wie bewertet die Autorin punitive Ansätze durch staatliche Institutionen?
Die Autorin bewertet ein rein punitives System (z. B. harte Strafen für Kleindelikte) kritisch, da sie dieses als auf lange Sicht ineffektiv erachtet und vor den negativen Folgen von Stigmatisierung warnt, die den legalen Handlungsspielraum der Betroffenen weiter einschränken.
- Citation du texte
- Karina Prüßing (Auteur), 2003, Erklärungsansätze zur Entstehung von Delinquenz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36813