Das Ende des Zweiten Weltkriegs jährt sich in diesem Jahr zum 60. Mal. Die Einweihung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin am 10. Mai dieses Jahres stellt ein deutliches Zeichen gegen das Vergessen dar. Neonazistische Gruppen und Parteien haben angekündigt, an diesem Gedenktag zu „marschieren“ und ihn zur Verbreitung ihrer Geschichtslügen zu benutzen. In diesem Beispiel spiegelt sich die Aktualität des Themas Rechtsextremismus. Umso genauer sollte man sich für die Gründe und Ursachen rechtsextremer Orientierungen interessieren und sich die Frage stellen, warum einige Menschen eine solche Haltung entwickeln, die für andere undenkbar erscheint. Dieser Frage wurde im Rahmen einer Studie 1992 nachgegangen. Die spezifischen Fragestellungen und die Vorgehensweise und Methoden der Studie werden im zweiten Kapitel dieser Arbeit dargestellt. Darauf folgend werden die Begriffe „Rechtsextremismus“ und „Autoritarismus“ wegen ihrer häufigen Verwendung kurz definiert. Im vierten Kapitel wird das Verhältnis von Sozialisation, Autorita rismus und Rechtsextremismus näher beleuchtet, während im fünften Kapitel als eigentlichem Schwerpunkt der Arbeit, die Relevanz von familialen Beziehungserfahrungen für die Entwicklung rechtsextremer Orientierungen dargestellt wird. Hierbei sind der Attachment-Ansatz, der in Deutschland noch wenig Beachtung fand, und die Bindungstheorie nach Bowlby von 1969 grundlegend. Eine Zusammenfassung und abschließende Überlegungen finden sich im Schluss der Arbeit. Da sich diese Arbeit und ihre Ergebnisse so gut wie ausschließlich auf das von C. Hopf, P. Rieker, M. Sanden-Marcus und C. Schmidt herausgebrachte Buch „Familie und Rechtsextremismus“ 1 bezieht, werde ich auf diese Quelle innerhalb der Arbeit nicht mehr gesondert hinweisen. Andere Quellen werden natürlich extra erwähnt. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. ANLIEGEN, METHODEN, DURCHFÜHRUNG UND ZIEL DER STUDIE ZUM THEMA „FAMILIE UND RECHTSEXTREMISMUS“
3. DEFINITIONEN WICHTIGER BEGRIFFE
3.1 Rechtsextremismus
3.2 Autoritarismus
4. MORALENTWICKLUNG UND AUTORITÄRE DISPOSITIONEN
5. FAMILIALE BEZIEHUNGSERFAHRUNGEN UND RECHTSEXTREME ORIENTIERUNG
5.1 Die Attachment-Theorie
5.2 Bindungsrepräsentationen nach Bowlby
5.3 Bindungsrepräsentationen und rechtsextreme Orientierungen
6. SCHLUSS
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Ursachen für die Entwicklung rechtsextremer Orientierungen bei jungen Männern unter besonderer Berücksichtigung frühkindlicher Bindungserfahrungen und familialer Sozialisationsbedingungen.
- Zusammenhang zwischen familialer Sozialisation und politischer Einstellung
- Rolle der Bindungstheorie und Bindungsrepräsentationen nach Bowlby
- Einfluss von moralischer Entwicklung und autoritären Dispositionen
- Qualitative Analyse von lebensgeschichtlichen Interviews
Auszug aus dem Buch
Rechtsextreme Orientierungen und abwehrend-bagatellisierende Bindungsrepräsentationen
Den Zusammenhang zwischen der abwehrend-bagatellisierenden Bindungsrepräsentation und rechtsextremer Orientierungen möchte ich am Beispiel von Thomas, einem der Befragten in dieser Gruppe, erläutern. Thomas ist äußerst gewaltbereit und ausgeprägt rechtsextrem orientiert. Innerhalb des Interviews gibt Thomas oft an, sich an Vorfälle in seiner Kindheit nicht erinnern zu können. Er betont, dass er sich an so etwas Unwichtiges nicht erinnern will. Nach seiner Aussage, war er als Kind auf niemanden angewiesen, war eben nicht so wehleidig und hätte niemanden gebraucht. Gefühle wie Angst wertet er als Kinderblödsinn ab. Thomas ist in seiner Kindheit von seinen Eltern oft und hart bestraft worden. Er lässt sich innerhalb des Interviews nicht auf diese Bestrafungen ein und misst ihnen keine Bedeutung zu. Thomas versteht Bestrafungen als eine Art Abgeltung, wie eine Art beglichene Rechnung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einführung in die Aktualität des Themas Rechtsextremismus und Vorstellung des theoretischen Rahmens der Arbeit.
2. ANLIEGEN, METHODEN, DURCHFÜHRUNG UND ZIEL DER STUDIE ZUM THEMA „FAMILIE UND RECHTSEXTREMISMUS“: Erläuterung des qualitativen Forschungsdesigns und der Kriterien für die Auswahl der untersuchten jungen Männer.
3. DEFINITIONEN WICHTIGER BEGRIFFE: Klärung der zentralen Fachbegriffe Rechtsextremismus und Autoritarismus für den weiteren Verlauf der Untersuchung.
4. MORALENTWICKLUNG UND AUTORITÄRE DISPOSITIONEN: Analyse der Zusammenhänge zwischen moralischer Entwicklung, autoritärer Aggression und dem Fehlen verinnerlichter Normen.
5. FAMILIALE BEZIEHUNGSERFAHRUNGEN UND RECHTSEXTREME ORIENTIERUNG: Detaillierte Betrachtung der Bindungstheorie und der Auswertung der Bindungsrepräsentationen in Bezug auf rechtsextreme Einstellungen.
6. SCHLUSS: Zusammenführende Diskussion der Ergebnisse und Ableitung von Impulsen für die pädagogische Arbeit mit Jugendlichen.
Schlüsselwörter
Rechtsextremismus, Autoritarismus, Bindungstheorie, Attachment-Theorie, Familiale Sozialisation, Moralentwicklung, Bindungsrepräsentation, Qualitatives Interview, Autoritärer Charakter, Aggression, Sozialisation, Jugendforschung, Bindungserfahrungen, Politische Orientierung, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit den Ursachen für rechtsextreme Einstellungen bei jungen Männern, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf dem Einfluss der familialen Sozialisation und frühen Bindungserfahrungen liegt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen umfassen die Bindungstheorie, moralische Entwicklung, autoritäre Dispositionen sowie die qualitative Analyse von Interviews mit rechtsextrem orientierten jungen Männern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, auf Basis einer Studie aus dem Jahr 1992 zu verstehen, warum Individuen eine rechtsextreme Haltung entwickeln und welche Rolle dabei die subjektive Verarbeitung familiärer Bindungen spielt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wurde ein qualitativer methodischer Ansatz gewählt, basierend auf teilstandardisierten Leitfadeninterviews mit 25 jungen Männern aus dem Raum Hannover-Hildesheim.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden neben den theoretischen Definitionen von Rechtsextremismus und Autoritarismus vor allem die unterschiedlichen Bindungsrepräsentationen (sicher-autonom, abwehrend-bagatellisierend, verstrickt) und deren Korrelation mit rechtsextremen Orientierungen analysiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Bindungsrepräsentation, autoritäre Persönlichkeit, instrumentell-strategisches Handeln sowie die Unterscheidung zwischen verschiedenen Bindungsmustern.
Inwiefern beeinflussen Bestrafungen durch die Eltern die spätere Orientierung?
Die Arbeit zeigt, dass eine harte oder willkürliche Bestrafung ohne emotionale Zuwendung die Entwicklung autoritärer Verhaltensweisen begünstigen kann, da moralische Standards nicht verinnerlicht werden.
Was unterscheidet „abwehrend-bagatellisierende“ von „verstrickten“ Bindungserfahrungen bei den Befragten?
Während Befragte mit abwehrender Haltung Konflikte leugnen oder abwerten und Aggressionen auf Ersatzobjekte (wie Ausländer) verschieben, setzen verstrickte Befragte ihre unbewältigte Auseinandersetzung mit den Eltern meist emotional und direkt fort.
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- Christna Blau (Author), 2005, FAMILIE UND RECHTSEXTREMISMUS - unter besonderer Betrachtung früher Bindungserfahrungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36827