Hat Feuerbach Gott widerlegt? Eine Kritische Auseinandersetzung mit der Projektionstheorie


Hausarbeit, 2017
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Theoretische Grundlagen
A. Der Begriff „Projektion“
B. Feuerbachs Grundgedanken in „Das Wesen des Christentums“
1. Allgemein zum Wesen des Menschen und der Religion
2. Gott als Spiegelbild des Menschen
3. Begründung für die Projektion

III. Diskussion
A. Problemstellung
1. Gott als Antwort auf die Leiden der Menschen
2. Gott als Projektion
B. Ergebnis

IV. Fazit

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Religion ist die Reflexion, die Spiegelung des menschlichen Wesens in sich selbst [...] Gott ist der Spiegel des Menschen“.[1]

Dieses Zitat ist dem erfolgreichen Werk „Das Wesen des Christentums“ von Ludwig Feuerbach (1804-1872) entnommen. Davon ausgehend kann die Frage aufgeworfen werden, ob Gott nur eine Widerspieglung des Menschen ist. Zumindest scheint Feuerbach dies anzunehmen. Die anschließende Auseinandersetzung soll Aufschluss darüber geben.

Zu Feuerbach im Allgemeinen muss nachdrücklich bemerkt werden, dass dessen Grundanschauung von Beginn an von dem Gedanken geprägt ist, sich „das Wirkliche in seiner Wirklichkeit“ zu eigen zu machen.[2] Feuerbach kennt nur das Entweder-oder, seine Vorgehensweise ist radikal.[3] Er weicht keinem noch so heftigen Konflikt mit den bestehenden Prinzipien der damaligen Theologie aus. Seine Intention ist sogar die letztendliche Auflösung der Theologie in der Anthropologie.[4] Hiervon ausgehend fordert er die Menschen dazu auf, sich gegenseitig zu unterstützen, statt auf einen Gott zu warten und dessen Hilfe zu erhoffen. Der Mensch soll für den Menschen zum Gott werden: homo homini deus est.[5]

Feuerbachs Grundgedanke der Religionsanalyse ist die Kritik am Gottesbegriff, wobei diese im Laufe der Jahre unterschiedliche Züge annimmt. Was bleibt, ist jedoch stets der kritische Umgang mit der Gottesvorstellung, die nie von einer höheren Transzendenz ausgeht. Im „Wesen des Christentums“ (1841) entfaltet sich eine erste konkrete Begriffsbestimmung. Darin wird Gott mit dem Wesen des Menschen gleichgestellt. In der Fortentwicklung seiner Arbeit durch das „Wesen der Religion“ (1845) bleibt die Kritik am Gottesbegriff erhalten, jedoch setzt Feuerbach Gott nun mit dem Wesen der Natur gleich. In seinem Buch „Theogonie“ (1857) beschreibt er die Gottesvorstellung dann als rein subjektives Gebilde respektive als „Wesen des Wunsches“.[6]

Wie aus dem Titel dieser Arbeit bereits hervorgeht, liegt der Fokus auf der Projektionstheorie. Am konsequentesten wird diese in „Das Wesen des Christentums“ entwickelt, weil dort die Gottesvorstellung aufgehoben und in menschliche Wesensmerkmale übertragen wird. Deshalb stellt dieses Buch den Hauptgegenstand meiner Diskussion dar. Ein Vergleich mit Hegel, dessen Schüler Feuerbach war und der entscheidenden Einfluss auf seine akademische Entwicklung hatte, wird nicht angestrebt, obwohl er in der Literatur stattfindet[7]. Genauso wenig wird auf die bereits oben angesprochenen Konsequenzen aus Feuerbachs Religionsanalyse eingegangen, wonach sich die Theologie in der Anthropologie auflöst. Auf eine Betrachtung der Weiterentwicklung seiner Theologie in den anderen Hauptwerken wird angesichts des begrenzten Umfangs dieser Hausarbeit ebenfalls verzichtet.

Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, die Projektionstheorie zu erläutern und herauszustellen, ob diese Theorie einen Wahrheitsanspruch erheben kann oder nicht. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob Feuerbach Gott widerlegt hat.

Um das formulierte Forschungsziel zu erreichen, wird in zwei Schritten vorgegangen: Das erste Kapitel widmet sich dem zum Verständnis der nachfolgenden Diskussion notwendigen Fachbegriff „Projektion“ und der Darstellung der theoretischen Grundlagen der Projektionstheorie. Hier wird der Blick exemplarisch auf Feuerbachs Überlegungen im Hauptwerk „Das Wesen des Christentums“ gelenkt. Im Fokus des zweiten Kapitels steht eine Diskussion, deren Basis die Überlegungen zur Projektionstheorie in Kapitel eins sind. Dabei soll gezeigt werden, dass die Kritik Feuerbachs einer gewissen Unwucht unterliegt. Ein Fazit beschließt die Arbeit.

II. Theoretische Grundlagen

A. Der Begriff „Projektion“

Obgleich Feuerbach selbst den Begriff Projektion nie verwendet hat[8], werden die religiösen Phänomene, die er untersucht, oft als projektionstheoretische Phänomene bezeichnet. Viele Wissenschaftler sprechen in ihren Arbeiten davon, dass Feuerbach Gott als Projektion versteht.[9] Fraglich ist daher, was mit „Projektion“ eigentlich gemeint ist.

Die etymologische Bedeutung des Wortes „Projektion“ kann vom lateinischen proiectio abgeleitet werden, welches mit „das Ausstrecken“, übersetzt wird.[10] Das Verb proicere kann mannigfaltiger übersetzt werden, z.B. mit „abwehren“, „hinwerfen“, aber auch „preisgeben“.[11] Die konkrete Übersetzung des Begriffs, die notwendigerweise mit der entsprechenden Interpretation von „Projektion“ einhergeht, ist stark von dem Bedeutungskontext abhängig, in dem der Terminus verwendet wird. Der Ausdruck tritt häufig in der Mathematik, den Naturwissenschaften und der Psychologie auf. Die vorliegende Arbeit intendiert eine Begriffsverwendung im psychologischen Sinne:

In der Psychologie wird Projektion als die Abwehr von bei sich selbst nicht akzeptierten Gefühlen und Bedürfnissen durch Übertragung auf den anderen verstanden.[12] Wird nun beispielsweise der Begriff „Abwehr“ durch die Übersetzung „Preisgabe“ ausgetauscht und werden nicht akzeptierte Gefühle und Bedürfnisse als innere Leiden und Sehnsüchte übersetzt (wie Feuerbach es nämlich versteht), kann die Definition wie folgt aufgefasst werden: Projektion ist die Preisgabe innerer Leiden und Sehnsüchte durch Übertragung auf den anderen. Selbstverständlich bestehen darüber hinaus weitere Übersetzungsmöglichkeiten. Das Problem bei der Ableitung einer Feuerbach’schen Aussage ist allerdings darin zu sehen, dass der Terminus Projektion eine falsche Implikation suggeriert. Ausgehend von den beiden hier vorgegebenen Definitionen werden Gefühle auf „den anderen“ übertragen. Genau dies stellt jedoch eine Fehlinterpretation dar. Die Gründe hierfür werden im nachfolgenden Kapitel B ersichtlicher. In diesem Zusammenhang wird auch die Frage beantwortet, was genau projiziert wird und weshalb dies geschieht.

B. Feuerbachs Grundgedanken in „Das Wesen des Christentums“

1. Allgemein zum Wesen des Menschen und der Religion

Feuerbach setzt sich intensiv mit dem Wesen des Menschen und der Religion auseinander. Ersteres verdeutlicht er durch Abgrenzung zum Tier, indem er das Bewusstsein des Menschen betont: „ Das Wesen des Menschen im Unterschied vom Tiere ist nicht nur der Grund, sondern auch der Gegenstand der Religion. Aber die Religion ist das Bewußtsein des Unendlichen; sie ist also und kann nichts anderes sein als das Bewußtsein des Menschen von seinem und zwar nicht endlichen, beschränkten, sondern unendlichen Wesen.[13] Feuerbach versteht unter Bewusstsein das Selbstbewusstsein des Menschen. Gemeint ist damit das Vermögen, das eigene Wesen zu reflektieren, welches hier als eine distinktiv menschliche Eigenschaft charakterisiert wird. Das Adjektiv unendlich unterstreicht die Bedeutung des Menschenwesens für Feuerbach. Neben der Bestimmung des allgemeinen Menschenwesens widmet sich Feuerbach außerdem den Merkmalen der Gattung: „ Was ist denn das Wesen des Menschen, dessen er sich bewußt ist, oder was macht die Gattung, die eigentliche Menschheit im Menschen aus? Die Vernunft, der Wille, das Herz[...] Die göttliche Dreifaltigkeit im Menschen, über den individuellen Menschen, ist die Einheit von Vernunft, Liebe, Wille.[14] Zur Gattungsbestimmung erschafft Feuerbach seine eigene Trinität: Vernunft, Liebe und Wille. Diese bilden bei Feuerbach die Grundpfeiler des menschlichen Wesens.

Ausgehend von seiner Begriffsbestimmung des Menschenwesens gelangt Feuerbach zu seiner Religionsauffassung.[15] Religion ist demnach Gegenstand des Bewusstseins, also des dem Menschen inhärenten Wesens. Ferner betont er, dass sich das Selbstbewusstsein des Menschen im Bewusstsein des Gegenstandes manifestiere: „ Im Verhältnis zu den sinnlichen Gegenständen ist das Bewußtsein des Gegenstandes wohl unterscheidbar vom Selbstbewußtsein; aber bei dem religiösen Gegenstand fällt das Bewußtsein mit dem Selbstbewußtsein unmittelbar zusammen.[16] Objekt und Subjekt, also Religion und Mensch, fallen im religiösen Vollzug zusammen. Religion ist nicht mehr außerhalb des menschlichen Wesens denkbar. In einem späteren Kapitel seines Werkes wird Feuerbach noch konkreter: „ Die Religion ist das Verhalten des Menschen zu seinem eignen Wesen [...].[17]

2. Gott als Spiegelbild des Menschen

Obgleich in der Einleitung angekündigt wurde, keinen Vergleich mit Hegel anzustellen, ist es an dieser Stelle dennoch erforderlich, kurz auf Hegel zu verweisen. Feuerbach erscheint die Philosophie Hegels als zu spekulativ. Er betont stets die Wirklichkeit in Abgrenzung zur Abstraktion, die der spekulativen Philosophie immanent ist. Während Hegel für seine Theorien auf die Metaphysik zurückgreift, sucht er stets das Wahre und Allgemeine in der menschlichen Lebenswelt.[18] Hegel geht nämlich von der Prämisse aus, dass das Wissen des Menschen von Gott das Wissen Gottes von sich ist.[19] Feuerbach wiederum greift bei seiner Wesensbestimmung die Position seines alten Lehrmeisters auf und verkehrt sie in das Gegenteil: „ Wenn nun aber, wie es in der hegelschen Lehre heißt, das Bewußtsein des Menschen von Gott das Selbstbewußtsein Gottes ist, so ist ja per se das menschliche Bewußsein göttliches Bewußtsein[...] Welch ein Zwiespalt und Widerspruch! [...] das Wissen des Menschen von Gott ist das Wissen des Menschen von sich, von seinem eigenen Wesen. Nur die Einheit des Wesens und Bewußtseins ist Wahrheit.[20] Zuvor erwähnt Feuerbach bereits, dass das absolute Wesen das Wesen des Menschen sei.[21]

Die Positionen der beiden Wissenschaftler sind diametral entgegengesetzt. Hegel versteht Gott als absolut und als höchste Wahrheit, wohingegen es für Feuerbach nur eine Wahrheit, die des Menschen, gibt. Er hebt das religiöse Grundverhältnis, zumindest das der christlichen Menschen, vollständig auf und gelangt zu dem Ergebnis, dass das einzig Absolute der Mensch selbst sei. Der Mensch ist nicht Ebenbild Gottes, sondern Gott ist das Ebenbild des Menschen. Gott wird hier als Prädikat, also als Aussage über den Menschen verstanden. Der Gedankengang wird um die Komponente „Religion“ erweitert: „ Religion ist die Reflexion, die Spiegelung des menschlichen Wesens in sich selbst [...] Gott ist der Spiegel des Menschen.[22] Feuerbach fordert eine Identifizierung Gottes mit dem Wesen des Menschen. Dieser erscheint im Antlitz des Menschen als reine Projektion, welche einen Teil der Persönlichkeit im Menschen spiegelt. Es bleibt die Frage im Raum, wie Feuerbach diesen Persönlichkeitsaspekt erklärt und warum der Mensch sich einen Gott projiziert.

[...]


[1] ) Ludwig Feuerbach: Das Wesen des Christentums (eBook), hg. v. Karl-Maria Guth, Berlin 2016, S. 116.

[2] ) Vgl. Gregor Nüdling: Ludwig Feuerbachs Religionsphilosophie. „Die Auflösung der Theologie in die Anthropologie“, zw. Aufl., Paderborn 1961, S. 24.

[3] ) Vgl. Francesco Tomasoni: Ludwig Feuerbach. Entstehung, Entwicklung und Bedeutung seines Werkes, München 2015, S. 62.

[4] ) Vgl. Adolph Kohut: Ludwig Feuerbach. Sein Leben und seine Werke, Hamburg 2013, S. 173.

[5] ) Vgl. Hassan Givsan: Nach Hegel. Kritische Untersuchung zu Hegels Logik, Schellings „positiver“ Philosophie... und Blochs Ontologie, Würzburg 2011, S. 112.

[6] ) Vgl. Nüdling: Feuerbach, S. 161.

[7] ) Vgl. Simon Rawidowicz: Ludwig Feuerbachs Philosophie. Ursprung und Schicksal. Berlin 1931, S. 229.

[8] ) Vgl. Udo Kern: Der andere Feuerbach: Sinnlichkeit, Konkretheit und Praxis als Qualität der „neueren Religion“ Ludwig Feuerbachs, Münster 1998 (Rostocker Theologische Studien, 1), S. 90.

[9] ) Vgl. z.B. mit Stephan Atzert: Im Schatten Schopenhauers: Nietzsche, Deussen und Freud, Würzburg 2015, S. 95; Heribert Lahme: Das Ziel menschlichen Bildschaffens im Gottesbild, Köln 2007, S. 143.

[10] ) Pons Online: http://de.pons.com/%C3%BCbersetzung/latein-deutsch/proiectio [eingesehen am 25.02.2017].

[11] ) Pons Online: http://de.pons.com/%C3%BCbersetzung/latein-deutsch/proicere [eingesehen am 25.02.2017].

[12] ) Vgl. Siegfried Chalier: Grundlagen der Psychologie, Soziologie und Pädagogik für Pflegeberufe, Stuttgart 2001, S. 94.

[13] ) Feuerbach: Christentum, S. 36.

[14] ) Feuerbach: Christentum, S. 36 f.

[15] ) Vgl. Wolf-Ulrich Klünker: Psychologische Analyse und theologische Wahrheit, Göttingen 1985, S. 149.

[16] ) Feuerbach: Christentum, S. 50.

[17] ) Feuerbach: Christentum, S. 296.

[18] ) Vgl. Christine Weckwerth: Sein unter dem Aspekt einer Forschungslogik, in: Hegels Seinslogik. Interpretationen und Perspektiven, h.v. Andreas Arndt; Christian Iber, Berlin 2000, S. 33-59, hier: S. 43.

[19] ) Vgl. Joachim Negel: Feuerbach weiterdenken. Studien zum religionskritischen Projektionsargument, Berlin 2014 (Fundamentaltheologische Studien, Bd. 51), S. 57.

[20] ) Feuerbach: Christentum, S. 339.

[21] ) Vgl. Feuerbach: Christentum, S. 40

[22] ) Vgl. Nüdling: Feuerbach, S. 169.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Hat Feuerbach Gott widerlegt? Eine Kritische Auseinandersetzung mit der Projektionstheorie
Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
13
Katalognummer
V368314
ISBN (eBook)
9783668467330
ISBN (Buch)
9783668467347
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
feuerbach, gott, eine, kritische, auseinandersetzung, projektionstheorie
Arbeit zitieren
Alexander Lang (Autor), 2017, Hat Feuerbach Gott widerlegt? Eine Kritische Auseinandersetzung mit der Projektionstheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/368314

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