Ausgangspunkt für die Arbeit sind Untersuchungen zu den Terroranschlägen vom 11.09.2001 in den Vereinigten Staaten von Amerika. Hier wurde festgestellt, dass nach den Anschlägen Sicherheitsbedürfnisse für die Bevölkerung wichtiger waren als vorher. Für die weitere Arbeit werden diese Sicherheitsbedürfnisse nach Ronald Inglehart als typisch materialistische Werte definiert.
Anschließend soll die Frage beantwortet werden, wie ein Terroranschlag die Wahrscheinlichkeit verändert, als Materialist eingestuft zu werden. Dazu wird der Terroranschlag vom 14.07.2011 in der Türkei mit den Daten der sechsten Welle des World Values Survey untersucht, wodurch ein natürliches Experiment entsteht. Die Ergebnisse zeigen, dass sich generell nach dem Terroranschlag mehr Materialisten finden als vorher. Allerdings kann diese Verschiebung nicht komplett mit wichtiger werdenden Sicherheitsbedürfnissen erklärt werden. Zudem steigt zwar die Wahrscheinlichkeit, nach einem Terroranschlag als Materialist eingestuft zu werden, im Vergleich zu Personen, die vor dem Terroranschlag befragt wurden. Allerdings ist der Effekt statistisch nicht signifikant. So kann auf die Frage, wie ein Terroranschlag die Wahrscheinlichkeit verändert, Materialist zu sein, keine verlässliche Antwort gegeben werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Politische Reaktionen auf Terroranschläge in Frankreich und Deutschland in den letzten beiden Jahren
2 Der Effekt von Terroranschlägen auf Werte und auf die Wahrscheinlichkeit, Materialist zu sein
2.1 Theorie: Terroranschlag als Periodeneffekt und dessen Auswirkungen auf Werte nach Ronald Inglehart
2.2 Der Terroranschlag vom 14. Juli 2011 in der Türkei
2.3 Hypothesen
2.3.1 Hypothese 1: Mehr Materialisten und steigende Wichtigkeit von Sicherheitsbedürfnissen nach einem Terroranschlag
2.3.2 Hypothese 2: Höhere Wahrscheinlichkeit, nach einem Terroranschlag Materialist zu sein als davor
2.4 Daten und Operationalisierung
2.4.1 Abhängige Variable
2.4.2 Unabhängige Variable
2.4.3 Kontrollvariablen
2.5 Deskriptive und multivariate Analyse
2.5.1 Deskriptive Analyse zu Hypothese 1
2.5.2 Deskriptive und multivariate Analyse zu Hypothese 2
2.6 Fazit, zusammenfassende Diskussion und Einschränkung
3 Umgang der Bevölkerung mit Terroranschlägen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den kausalen Effekt von Terroranschlägen auf das Wertesystem der Bevölkerung, spezifisch die Veränderung der Wahrscheinlichkeit, als Materialist eingestuft zu werden, anhand eines natürlichen Experiments mit Daten des World Values Survey.
- Analyse von Sicherheitsbedürfnissen als materialistische Werte nach Ronald Inglehart.
- Untersuchung des Terroranschlags vom 14. Juli 2011 in der Türkei als Periodeneffekt.
- Überprüfung von zwei Hypothesen mittels deskriptiver und multivariater Analysen.
- Bewertung der Stabilität von Wertorientierungen in Krisenzeiten.
- Kritische Diskussion staatlicher Reaktionen auf Terrorismus unter Einbezug empirischer Erkenntnisse.
Auszug aus dem Buch
2.1 Theorie: Terroranschlag als Periodeneffekt und dessen Auswirkungen auf Werte nach Ronald Inglehart
In seinem Hauptwerk „The Silent Revolution“ (1977) versucht Inglehart die Frage zu beantworten, warum der von ihm diagnostizierte Wertewandel stattfindet (Inglehart 1977: 21). Neben beispiellosem Wohlstand nach dem Zweiten Weltkrieg macht er auf theoretischer Ebene zunächst auch die Abwesenheit von Krieg für diesen Wertewandel verantwortlich, da „Menschen sicher sind und genug zu essen haben“ (Inglehart 1977: 21f.). Daraus folgt, dass jüngere Gruppen, und darunter vor allem jene, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden, ökonomischer und physischer Sicherheit weniger Bedeutung zukommen lassen als ältere (Inglehart 1977: 23). Personen, die also in Zeiten von Frieden und Wohlstand aufwuchsen, sollten eher typisch post-materialistische Werte präferieren, wie etwa die Wichtigkeit der freien Rede oder der politischen Partizipation (Inglehart 1977: 28f.). Erste Untersuchungen stützen diese Überlegungen. Sie zeigen, dass ältere Personen materialistischere Wertprioritäten haben als jüngere, und im Gegensatz jüngere eher post-materialistische Werte präferieren als ältere2 (Inglehart 1977: 31, 1977: 36). In weiteren Erhebungen konnte Inglehart wiederholt darlegen, dass ältere Kohorten materialistischer sind als jüngere. Je jünger also eine Kohorte ist, desto post-materialistischer sind ihre Werteprioritäten im Vergleich zu älteren Kohorten (Inglehart 1985: 105).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Politische Reaktionen auf Terroranschläge in Frankreich und Deutschland in den letzten beiden Jahren: Einleitende Betrachtung staatlicher Reaktionen auf Terrorereignisse unter der Annahme, dass diese ein gestiegenes Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung adressieren.
2 Der Effekt von Terroranschlägen auf Werte und auf die Wahrscheinlichkeit, Materialist zu sein: Theoretische Fundierung des Terroranschlags als Periodeneffekt und Definition der Hypothesen zur Veränderung materialistischer Wertorientierungen.
2.1 Theorie: Terroranschlag als Periodeneffekt und dessen Auswirkungen auf Werte nach Ronald Inglehart: Darstellung des theoretischen Rahmens von Inglehart bezüglich des Wertewandels und der Modifikation durch kurzfristige Ereignisse.
2.2 Der Terroranschlag vom 14. Juli 2011 in der Türkei: Vorstellung des gewählten Falls für das natürliche Experiment und Einordnung des Ereignisses als Terroranschlag.
2.3 Hypothesen: Formulierung der zentralen Annahmen über den Anstieg von Materialismus und Sicherheitsbedürfnissen nach dem Anschlag.
2.3.1 Hypothese 1: Mehr Materialisten und steigende Wichtigkeit von Sicherheitsbedürfnissen nach einem Terroranschlag: Theoretische Herleitung der Teilhypothesen bezüglich des Materialismus-Schubs.
2.3.2 Hypothese 2: Höhere Wahrscheinlichkeit, nach einem Terroranschlag Materialist zu sein als davor: Operationalisierung der Forschungsfrage zur Wahrscheinlichkeitsänderung.
2.4 Daten und Operationalisierung: Erläuterung der Nutzung der WVS-Daten und des methodischen Vorgehens für das natürliche Experiment.
2.4.1 Abhängige Variable: Definition der Indexbildung zur Einstufung in Materialisten und Post-Materialisten.
2.4.2 Unabhängige Variable: Beschreibung der Gruppeneinteilung (Treatment- vs. Kontrollgruppe) basierend auf dem Befragungsdatum.
2.4.3 Kontrollvariablen: Auswahl relevanter Variablen wie Einkommen, Bildung, Alter und Gottesdienstbesuch zur Störfaktorenkontrolle.
2.5 Deskriptive und multivariate Analyse: Darstellung der statistischen Modellprüfung und der Regressionsergebnisse.
2.5.1 Deskriptive Analyse zu Hypothese 1: Empirischer Abgleich der Items zur Sicherheitsbedürfnis-Wichtigkeit vor und nach dem Anschlag.
2.5.2 Deskriptive und multivariate Analyse zu Hypothese 2: Anwendung der binär logistischen Regression zur Testung der Wahrscheinlichkeit.
2.6 Fazit, zusammenfassende Diskussion und Einschränkung: Reflexion der Ergebnisse, der statistischen Signifikanz und der Grenzen der Übertragbarkeit.
3 Umgang der Bevölkerung mit Terroranschlägen: Abschließende kritische Auseinandersetzung mit den Konsequenzen aus der Analyse für das staatliche Handeln.
Schlüsselwörter
Sicherheitsbedürfnisse, Materialismus, Post-Materialismus, Inglehart, Terroranschläge, Natürliches Experiment, World Values Survey, Türkei, Wertewandel, Periodeneffekt, Politische Soziologie, Wahrscheinlichkeit, Regressionsanalyse, Terrorismus, Wertesystem
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Terroranschläge das Wertesystem der Bevölkerung beeinflussen und ob sie kurzfristig zu einer stärker materialistischen Orientierung führen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die Materialismus/Post-Materialismus-Theorie nach Ronald Inglehart, die Analyse von Sicherheitsbedürfnissen als periodenspezifische Effekte und deren Reaktion auf Terrorereignisse.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist die Beantwortung der Frage, wie ein Terroranschlag die Wahrscheinlichkeit verändert, als Materialist eingestuft zu werden, unter Anwendung eines natürlichen Experiments.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird ein natürliches Experiment auf Basis der sechsten Welle des World Values Survey (WVS) durchgeführt, wobei eine binär logistische Regression zur statistischen Analyse genutzt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die theoretischen Grundlagen erläutert, Hypothesen formuliert, Daten operationalisiert und sowohl eine deskriptive Häufigkeitsanalyse als auch eine multivariate Regressionsanalyse durchgeführt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Sicherheitsbedürfnisse, Materialismus, Natürliches Experiment, Inglehart, Terroranschläge und World Values Survey sind die prägenden Begriffe.
Warum wurde der Anschlag vom 14. Juli 2011 in der Türkei als Fallbeispiel gewählt?
Der Anschlag fiel zeitlich genau in die Erhebungswelle des World Values Survey, was eine einzigartige Datengrundlage für ein natürliches Experiment und den direkten Vergleich von Befragungen vor und nach dem Ereignis ermöglichte.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor bezüglich der Hypothese über das Sicherheitsbedürfnis?
Die Hypothese konnte nur teilweise verifiziert werden, da zwar einige Sicherheitsbedürfnisse wichtiger wurden, andere jedoch an Bedeutung verloren, was den Schub zum Materialismus nur bedingt erklärt.
Warum konnte die Forschungsfrage nicht abschließend mit statistischer Signifikanz beantwortet werden?
Der Autor führt dies auf die geringe Fallzahl der Treatmentgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe sowie auf eine mögliche andere historische Einbettung des türkischen Konflikts im Vergleich zu westlichen Ereignissen zurück.
- Quote paper
- Fabian Herbst (Author), 2017, Der Effekt eines Terroranschlags auf die Wahrscheinlichkeit, Materialist zu sein. Ergebnisse eines natürlichen Experiments, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/368356