Durs Grünbein, Georg Büchner-Preisträger von 1995 und damit einer der jüngsten Lyriker im poetischen Olymp, darüber hinaus Verfasser diverser Aufsätze und reflektierender Texte, mag in Kenner- und Kritikerkreisen umstritten, dem einen „Götterliebling“ , dem anderen „ein bedeutendes Talent, das sich von Zeit zu Zeit verschwendet“ sein, davon unberührt bleibt jedoch die Tatsache, dass er mit Leib und – nun ja – Leib Dichter ist, dessen Leben sich nun einmal um die kleine, abgesteckte Welt von „Poesie, dem geliebten Partner, [mittlerweile auch der Tochter], und durchaus dem Whisky“ dreht – wenngleich allein die Poesie Grünbeins thematisch durchaus unsere ganze Welt innerhalb der Dimensionen Raum und Zeit abtastet.
Wann genau die Lyrik ihre ersten Keime in Grünbein legte, weiß er selbst nicht genau zu sagen. Vielleicht war „da ein Ansatz, irgendein Zeichen für eine Poetik des Ersten Augenblicks“ auf dem Vesuv seiner Kindheitserinnerung, jenem Müllberg – „ein Stillleben im zerbrochenen Rahmen“ – bei seiner Heimatstadt Dresden . Vielleicht waren es aber auch erst „Novalis’ Hymnen an die Nacht“ , die den damals Fünfzehnjährigen derartig prägten, dass „es nicht lange dauern“ konnte, bis auch er anfing zu schreiben. „Mit siebzehn“ folgten dann die ersten „Notizen […], kleine emphatische Schreiberein, die wie Gedichte aussahen und nur im engsten Kreis vorzeigbar waren“ (V 39). Denkbar, sie legten den ersten Grundstein für den „Versuch einer Poetik“ (V 39). Dem folgte die Berührung mit „Baudelaire“ und den „Cantos des Ezra Pound“, die den nun Achtzehnjährigen „jung und zitatengeil“ hinterließen. Für „jede literarische Einflüsterung offen“ hat ihn „unmerklich […] das Studium überkommen, seine erste recherche“ (E 63).
Sein geheimer Kontrakt mit der Zeit, durch frühe Lektüre geschlossen, ist mit einem Mal rechtskräftig geworden. Er marschiert durch die Hintergründe, liest sich durch Fußnoten und Bibliographien und entdeckt den Zauber der Anspielung im Nebensatz. Was er jetzt von sich gibt, sich großspurig herausnimmt, nennt er selbst, verführt von neusachlicher coolness, Versuche. Der Euphemismus Gedichte bleibt lange Tabu.
Inhaltsverzeichnis
0 EINLEITUNG
1 AUTORPOETIK
1.1 BEGRIFFSKLÄRUNG.
1.2 KONZEPT.
1.2.1 Dichtung und Körper.
1.2.2 Dichtung und ›Ich‹.
1.2.3 Gedicht und ›Ich‹ auf Sendung.
1.2.4 Gedicht. Einschneidend.
1.2.5 Autorpoetik. Kompakt.
2 POETISCHES WERK UND AUTORPOETIK.
2.1 ›GRAUZONE MORGENS‹.
2.2 ›SCHÄDELBASISLEKTION‹.
2.2.1 Lektionen des Körpers.
2.2.1.1 Fünf „Lektionen im Auftrag der Ernüchterung“.
2.2.1.2 ›Den Körper zerbrechen‹. Büchner als Verkörperung der Idee einer somatischen Poesie.
2.2.2 Imagination und Wirklichkeit.
2.2.2.1 ›Galilei vermisst Dantes Hölle und bleibt an den Maßen hängen‹. Der reduktive Rationalismus Galileis vs. Dante als Verkörperung der Idee einer imagistischen Poesie.
2.2.2.2 „Poetik der Präsenz“.
2.2.2.3 ›Inframince‹. Von Eigenwelten und Missverständnissen.
2.2.2.4 ›Niemands Land Stimmen‹. Von den Schwierigkeiten, die heutige Wirklichkeit im Sinne der an Dante entwickelten Poetik in Anschauung zu verwandeln.
2.2.2.5 Vergegenwärtigung des Todes. Ausblick auf die Epitaphe ›Den Teuren Toten‹.
2.3 ›NACH DEN SATIREN‹.
2.3.1 Vier ›Postsatiren‹. Unterwegs im Ich.
2.3.1.1 ›Postsatire I‹. Im Dickicht der Großstadt.
2.3.1.2 ›Postsatire II‹. Fazit im dreißigsten Jahr.
2.3.1.3 ›Postsatire III‹. Baustelle Berlin.
2.3.1.4 ›Postsatire IV‹. Zwiegespräch.
2.3.2 Grünbein und die Antike.
3 RESÜMEE.
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Autorpoetik des Lyrikers Durs Grünbein und vergleicht diese mit ausgewählten Werken seines poetischen Schaffens, um die Umsetzung seines Dichtungkonzepts zu beleuchten. Dabei wird insbesondere analysiert, wie seine Poetik – geprägt durch eine Affinität zu biologischen und somatischen Wissenschaften – die textuelle Gestaltung seiner Gedichte beeinflusst und inwiefern der „Schnittpunkt der Stimmen“ als konstitutives Element seines Schreibens fungiert.
- Analyse der Grünbeinschen Autorpoetik basierend auf nichtlyrischen Texten.
- Untersuchung der somatischen und biologischen Poesie als Basis seines Werks.
- Vergleich der theoretischen Poetik mit der lyrischen Praxis anhand zentraler Gedichtzyklen.
- Erörterung des Konzepts vom Schreiben am Schnittpunkt zahlreicher Stimmen.
- Reflexion über das Verhältnis von Realitätswahrnehmung und poetischer Imagination.
Auszug aus dem Buch
1.2.1 Dichtung und Körper.
Dichten, gibt Grünbein zu, ist „in seiner intensivsten Form reine Introspektive“ (J 59). Es „beginnt als Schichtung zunächst ganz sinnloser Bewusstseinsstadien“18. Der Dichter hält „Trümmerschau“ „auf seinem Kriegsschauplatz Hirn“19. Mühsam, sprunghaft und ziellos, „ohne Rücksicht auf Kausalitäten oder Chronologien“, sammelt er die „Bruchstücke […], die sein unbekanntes Bewusstsein ihm überlässt“ (B 19). Das Gedicht, das er von seiner ›Reise ins Ich‹ mitbringt, ist das „Protokoll innerer Blicke“ (B 33). Das ist jedoch nicht so zu verstehen, dass für Grünbein das Gedicht immer eine Analyse des eigenen Ichs beinhaltet. Natürlich ist das Ich immer Teil des Gedichts, doch geht es neben dem ›Ich bin…‹ vielmehr um die Welt, wie sie sich dem Ich darstellt, und darum, wie das Ich sich in dieser Welt verortet.
Am Anfang aller Grünbeinschen Dichtung steht der Körper als ›Weltempfänger‹. Die Welt prägt sich ein. Jede Wahrnehmung, jedes Erfahren, jedes Erleben schneidet ein in den Körper, das Gehirn. Je intensiver, schöner, hässlicher, grausamer die Erfahrung, desto tiefer sind die Furchen, die sie hinterlässt. In sich hinzuschauen und jenen „Gedächtnisspuren“ (B 21) in „engrammatischer“ Leseweise zu folgen20, die einzelnen Fragmente und Scherben einzusammeln, sie immer neu zu verknüpfen, schafft einen Moment der Stille inmitten der Welt von Stimmen und Geräuschen und aus dem Körper heraus entsteht möglicherweise ein Gedicht.
Zusammenfassung der Kapitel
0 EINLEITUNG: Darstellung der Ausgangslage und Zielsetzung der Arbeit, welche die Autorpoetik Grünbeins mit seinem poetischen Werk vergleicht.
1 AUTORPOETIK: Fundierte Auseinandersetzung mit Grünbeins Verständnis von Dichtung, unter anderem in Bezug auf Körper, das Ich, den Prozess der Sendung und die einschneidende Natur des Gedichts.
2 POETISCHES WERK UND AUTORPOETIK: Praktische Anwendung der theoretischen Konzepte auf konkrete Werke wie den Zyklus Grauzone morgens und den Band Schädelbasislektion.
3 RESÜMEE: Zusammenfassende Betrachtung der Erkenntnisse über Grünbeins Körperpoetik und deren Relevanz für das Verständnis seiner Lyrik.
Schlüsselwörter
Durs Grünbein, Autorpoetik, somatische Poesie, Lyrik, Körper, Bewusstsein, Schnittpunkt der Stimmen, Poetik des Fragments, Poetik der Präsenz, Schädelbasislektion, Grauzone morgens, Nach den Satiren, Imagination, Wirklichkeitswahrnehmung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert die theoretischen Überlegungen des Lyrikers Durs Grünbein zu seinem eigenen Schreiben (Autorpoetik) und prüft, inwiefern diese theoretischen Ansätze in seinen Gedichtbänden praktisch umgesetzt werden.
Welche zentralen Themenfelder prägen Grünbeins Poetik?
Im Zentrum stehen die Konzepte einer „somatischen“ bzw. „biologischen“ Poesie, die Auffassung des Körpers als „Weltempfänger“ und die Vorstellung des Schreibens am „Schnittpunkt sehr vieler Stimmen“.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die theoretischen Schriften Grünbeins (Essays, Interviews) greifbar zu machen und durch den Vergleich mit seinem poetischen Werk die Kohärenz und die poetologische Funktion seiner Texte nachzuweisen.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse herangezogen?
Es wird eine hermeneutische Analyse durchgeführt, die poetologische Texte und Gedichte des Autors miteinander in Dialog bringt, um daraus die poetische Grundfigur zu entwickeln.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil der Untersuchung im Fokus?
Der Hauptteil behandelt ausführlich den Zusammenhang zwischen Körper, Gehirn und Gedicht. Zudem werden die Zyklen Grauzone morgens und Schädelbasislektion als Fallbeispiele für die Entwicklung seiner „Poetik der Präsenz“ und „Poetik des Fragments“ untersucht.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Körperpoetik, somatische Poesie, Schnittpunkt der Stimmen, Fragmentierung und die intertextuelle Auseinandersetzung mit der Tradition.
Wie beeinflusst die Erfahrung des Lebens in der DDR Grünbeins Poetik?
Die Arbeit arbeitet heraus, dass Grünbeins Reduktion des Dichtens auf physische Reflexe eine direkte Reaktion auf seine Prägung in einem sozialistischen System ist, in dem das Leben auf rein physiologische Abläufe reduziert wurde.
Warum spielt die Antike eine so bedeutende Rolle in Grünbeins Werk?
Die Antike dient Grünbein als „Nährboden“ und „Grundriss“, um neue Formen der Wirklichkeitserfassung zu erproben und eine moderne Form der Zivilisationskritik zu üben, die über einfache moralische Urteile hinausgeht.
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- Monique Weinert (Author), 2004, Autorpoetik und das poetische Werk Durs Grünbeins, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/36847