Walter Benjamins Produktionsbegriff in "Der Autor als Produzent". Eine Textdiskussion


Hausarbeit, 2017

10 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Walter Benjamin – Der Autor als Produzent

2. Biografische und historische Kontextualisierung

3. Kritik an Benjamin seitens Adorno

1. Walter Benjamin – Der Autor als Produzent

Bei dem Text „Der Autor als Produzent“ handelt es sich um einen Aufsatz des deutschen Philosophen sowie Literatur- und Kulturkritikers Walter Benjamin, in welchem er in Anlehnung an Brecht die Intellektuellen und Künstler dazu aufruft, „den Produktionsapparat nicht zu beliefern, ohne ihn zugleich, nach Maßgabe des Möglichen, im Sinne des Sozialismus zu verändern“[1].

Benjamin konzipiert den Begriff des „Produzenten“ als einen reflektierten und im Dienste des Klassenkampfes agierenden Typus von Autorschaft[2]. Der „Produzent“ wird entworfen als eine Form des Intellektuellen, der „seine Solidarität mit dem Proletariat erfährt“[3] und dementsprechend literarisch operiert. Damit diese Solidarität der Intellektuellen mit dem Proletariat über die einer literarisch vermittelnden Instanz hinausgeht, ist es notwendig, dass die gebildeten Intellektuellen selbst Verräter an ihrer Ursprungsklasse werden.[4] Benjamin konzipiert Bildung dabei selbst als ein „Produktionsmittel“, das die Intellektuellen als soziales Bildungsprivileg von der Bürgerklasse erhalten haben.

Um nun diesen unabdingbaren Verrat Folge zu leisten, ist eine Transformation notwendig, die darin liegt, dass die Schriftsteller nicht lediglich den Produktionsapparat mit Inhalten – mögen sie auch noch so revolutionär sein – beliefern, sondern selbst zu „Ingenieuren“ werden, die aktiv auf diesen einwirken, indem sie ihn „den Zwecken der proletarischen Revolution“[5] anpassen.

Demgegenüber positioniert Benjamin die für ihn negativ konnotierte Figur des „Geistigen“, der „nach seinen Meinungen, Gesinnungen oder Anlagen, nicht aber nach seiner Stellung im Produktionsprozeß“[6] [sic!] agiert. Für Benjamin präsentieren die Geistigen allenfalls einen klassenpolitischen Stand, da ihre Kollektivbildung nach reaktionären Prinzipien verfahre und daher über keinerlei revolutionäres Potential verfüge. Allein die eigene Titulierung als „Geistiger“, zeuge von der Unreflektiertheit der eigenen Position im Produktionsprozess.[7] Tatsächlich habe sich der Begriff aber insbesondere „im Lager der linken Intelligenz durchgesetzt“, sodass Benjamin zu dieser Kollektivbildung nicht nur humanistisch Intellektuelle, sondern vor allem die Linksbürgerlichen zählt.

Der Geistige, der sich selbst als Repräsentant universeller Wahrheit und Gerechtigkeit verstehe und darum bemüht sei, „seinen Ort neben dem Proletariat“[8] zu finden, ist für Benjamin eine Anmaßung und die Position eines Gönners. Anstatt sich generisch als intellektuell auszugeben und seinen Ort neben dem Proletariat zu suchen, sei es notwendig, sich seine eigene Position im Produktionsprozess zu vergegenwärtigen oder besser sie sich auszusuchen[9]. Benjamin fordert, dass der Intellektuelle seine zentrale Position verlassen und stattdessen zum „Spezialisten“ werden muss, der sich nicht als Universalgelehrter begreift, sondern als spezifisch Intellektueller mit spezifischen Kompetenzen sich seine spezifische Nische sucht, woraus sich schließlich der „Ort des Intellektuellen im [sic!] Klassenkampf“[10] ergibt.

Wichtig sind hierbei die Begriffe der „politischen Tendenz“[11] und „literarischen Qualität“[12], die Benjamin als zwei voneinander abhängige Größen entwirft. Fällt ein Schriftsteller nun seine Entscheidung auf Grundlage des Klassenkampfes, verfolgt er eine Tendenz. Die Tendenz eines Werks kann politisch allerdings nur dann korrekt sein, wenn der Schriftsteller nicht nur seiner Gesinnung nach, sondern darüber hinaus als Produzent operiert und dahingehend literarisch verfährt.[13] Die literarische Qualität bemisst sich dabei wiederum in Abhängigkeit zu den Produktionsverhältnissen, die sich schließlich anhand der schriftstellerischen Technik manifestiert.[14]

Den Begriff des „Spezialisten“ entleiht Benjamin dabei von dem sowjetischen Autor und künstlerisch der futuristischen Avantgarde angehörigen Sergej Tretjakow, der mit dem „Bolschewiken-Spezialisten“ an die Debatten des Intellektuellendiskurses nach der Oktoberrevolution anknüpfte und mithilfe dieser Figur den „Dualismus von Universalität und Partikularität“[15] durchkreuzte.

Doch Benjamin positioniert nicht nur das intellektuelle Selbstverständnis des Geistigen kontradiktorisch zum Produzenten. Ebenso setzt er der reaktionären Attitude der Geistigen die des reflektierten und handlungsrevolutionären Produzenten entgegen. Anstatt für das Proletariat und für Gerechtigkeit zu kämpfen und somit letzten Endes nur repräsentativ für diese einzutreten, kämpft der Produzent nicht für, sondern gemeinsam mit dem Proletariat Seite an Seite gegen den bürgerlichen Produktionsapparat, indem er sein Verhältnis zu den literarischen Produktionsmitteln sowie sein eigenes Werk reflektiert und daraus revolutionäre Handlungsoptionen in Bezug auf den Produktionsapparat ableitet und an eben diesen auch selbst anwendet.

Diese Forderung, selbst als aktiver Part im Produktionsprozess auf den Produktionsapparat einzuwirken, trifft Benjamin erneut in Anlehnung an Tretjakow, der zwischen dem „informierenden“[16] und „operierenden Skizzenschreiber“[17] differenziert. Im Gegensatz zum informierenden Skizzenschreiber beobachtet und berichtet der operierende Skizzenschreiber nicht bloß teilnahmslos, sondern ist selbst aktiv in dem kollektiven Arbeitsprozess integriert, sodass die „Reportagen eines Beobachters zu Arbeitsausweisen eines Teilnehmers“[18] werden. Benjamin übernimmt diese Typiken und wendet sie auf den „operierenden Schriftsteller“ an, dessen Aufgabe darin besteht „nicht zu berichten, sondern zu kämpfen; nicht den Zuschauer zu spielen, sondern aktiv einzugreifen“[19].

Daher interessiert sich Benjamin nicht dafür, wie ein Werk zu den Produktionsverhältnissen seiner Epoche steht, ob es mit ihnen einverstanden ist oder stattdessen eine Revolution intendiert. Vielmehr sei es von Bedeutung, wie das Werk selbst innerhalb der schriftstellerischen Produktionsverhältnisse seiner Zeit situiert ist.

2. Biografische und historische Kontextualisierung

Benjamin verfasste den Aufsatz „Der Autor als Produzent“ in Zeiten der Weimarer Republik und ursprünglich für einen Vortrag, der am 27.04.1934 am „Institut zum Studium des Faschismus“ in Paris stattfinden sollte.[20] Allerdings kam es nie zu dem Vortrag. Ein möglicher Grund hierfür könnte nach Raunig gewesen sein, dass Benjamins Essay sich gegen die „Spielarten des sozialistischen Realismus“[21] richtete und er sich vor dem Komintern kontrolliertem „Institut zum Studium des Faschismus“ daher auf ein prekäres Terrain begäben hätte. Nach Brokoff würde sich Benjamins Aufsatz gar selbst als „Beitrag zum Kampf gegen den sich in Europa ausbreitenden Faschismus“[22] begreifen.

Benjamins Text ist ebenso vor dem Hintergrund der Literaturdebatten und der politischen Situation in Frankreich der 1920er- und 1930er Jahre zu verstehen, die er in seiner Zeit im Exil in Paris direkt mitverfolgen konnte.[23] Von besonderer Bedeutung ist hierbei der Intellektuellendiskurs, der sich Mitte der 1930er Jahre zunehmend von Russland nach Frankreich verschob. Im Gegensatz zu den 1920er Jahren wurde der Begriff des Intellektuellen nun stärker in Beziehung zum Schriftsteller gesetzt.[24] Wo zunächst noch „die Funktion des bürgerlichen Schriftstellers zur proletarischen Literatur einen Unterdiskurs darstellte“, stand nun „das Verhältnis des Intellektuellen - verstanden als sozialkritischer Schriftsteller - zur Literatur im Zentrum des Interesses“[25]. Anknüpfend an die von dieser Debatte angestoßenen Frage nach dem gesellschaftspolitischen Wirkungsgrad von Literatur und dem Wirkungsgrad des Schriftstellers als Intellektueller, ging es Benjamin weniger um eine Reform der Rolle des Schriftstellers in der Gesellschaft, als vielmehr um eine Revolutionierung der bestehenden literarischen Verhältnisse im Produktionsprozess in Form eines Funktionswechsels der Literatur.[26]

Allgemein ist der Aufsatz nach Raunig aber vor allem als Attacke gegen die „linksbürgerliche Intelligenz“ in Deutschland der 1920er und frühen 1930er Jahren und im speziellen gegen die „Neue Sachlichkeit“ und den „Aktivismus“ unter Kurt Hiller zu verstehen[27]. Seine Kritik an den linksintellektuellen Autoren seiner Zeit muss insbesondere vor dem Hintergrund der Denkzusammenhänge seines geistigen Umfeldes betrachtet werden. Benjamin zählt neben dem Begründer Max Horkheimer und dem Hauptvertreter Theodor W. Adorno, die er beide bereits seit den frühen 1920ern kannte, unter anderem mit zu den Vertretern der Frankfurter Schule.[28]

[...]


[1] Benjamin, Walter (1977). „Der Autor als Produzent“. In: Tiedemann, Rolf; Schweppenhäuser, Hermann (Hrsg.): Walter Benjamin. Gesammelte Schriften, S. 691.

[2] „Autorschaft“ soll hier verstanden werden als eine strukturelle Relation zwischen dem Autor als Urheber eines Werks und dem Werk selbst.

[3] Ebd. S. 689.

[4] Vgl. ebd., S. 700.

[5] Ebd., S. 700.

[6] Ebd., S. 690.

[7] Ebd., S. 700.

[8] Ebd., S. 690.

[9] Vgl. ebd., S. 691.

[10] Ebd., S. 691.

[11] Ebd., S. 686.

[12] Ebd., S. 686.

[13] Vgl. ebd., S. 689.

[14] Vgl. ebd., S. 685.

[15] Raunig, Gerald (2010): Den Produktionsapparat verändern. Anti-universalistische Intellektuellen-Konzepte in der frühen Sowjetunion. Online abrufbar unter http://eipcp.net/transversal/0910/raunig/de/print.

[16] Tretjakow, Sergej (1972): Lyrik, Dramatik, Prosa, S. 113.

[17] Ebd.

[18] Ebd., S. 110.

[19] Benjamin, Walter (1977). „Der Autor als Produzent“. In: Tiedemann, Rolf; Schweppenhäuser, Hermann (Hrsg.): Walter Benjamin. Gesammelte Schriften, S. 686.

[20] Vgl. Yun, Mi-Ae (2000): „Walter Benjamin als Zeitgenosse Bertolt Brechts. Eine paradoxe Beziehung zwischen Nähe und Ferne“. In: Barner, Wilfried et al. (Hrsg.): Palaestra. Untersuchungen aus der deutschen und skandinavischen Philologie, S. 27.

[21] Raunig, Gerald (2010): Den Produktionsapparat verändern. Anti-universalistische Intellektuellen-Konzepte in der frühen Sowjetunion. Online abrufbar unter http://eipcp.net/transversal/0910/raunig/de/print.

[22] Brokoff, Jürgen (2016): Engagement und Schreiben zwischen Literatur und Politik. Zur Schreibreflexion in der Essayistik nach 1945 – mit einem Ausblick auf die Literatur der Arbeitswelt, S. 244.

[23] Vgl. Kambas, Chryssoula (2006): Positionierung des Linksintellektuellen im Exil, S. 421.

[24] Vgl. Simone Müller (2016): Zerrissenes Bewusstsein: Der Intellektuellendiskurs im modernen Japan, S. 358.

[25] Simone Müller (2016): Zerrissenes Bewusstsein: Der Intellektuellendiskurs im modernen Japan, S. 358.

[26] Vgl. Brokoff, Jürgen (2016): Engagement und Schreiben zwischen Literatur und Politik. Zur Schreibreflexion in der Essayistik nach 1945 – mit einem Ausblick auf die Literatur der Arbeitswelt, S. 244.

[27] Vgl. Raunig, Gerald (2004). Der Autor als Verräter. Online abrufbar unter http://republicart.net/disc/aap/raunig07_de.htm.

[28] Vgl. Steenbock, Timm (2014): Kafka bei Adorno und Benjamin. Versuch über eine hermeneutische Konstellation, S. 17.

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Details

Titel
Walter Benjamins Produktionsbegriff in "Der Autor als Produzent". Eine Textdiskussion
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Veranstaltung
Produktion / Produktivität in Kultur-, Kunst- und Medientheorie
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
10
Katalognummer
V368936
ISBN (eBook)
9783668481589
ISBN (Buch)
9783668481596
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
walter, benjamin, walter benjamin, autor, produzent, produktion, schriftsteller, produktionsbegriff, produzieren, autorenschaft, produktionsprozess
Arbeit zitieren
Ann-Kristin Mehnert (Autor), 2017, Walter Benjamins Produktionsbegriff in "Der Autor als Produzent". Eine Textdiskussion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/368936

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