Die Artikulation kurzer und langer Vokale des Deutschen bei Muttersprachlern des Russischen


Bachelorarbeit, 2015

65 Seiten, Note: 2,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Kapitel 1 - Einleitung

Kapitel 2 - Phonetik im Sprachkontakt
2.1. First Language
2.2. Zweitsprache trifft auf Erstsprache
2.3. Lautliche Interferenz

Kapitel 3 - Die Bedeutung der Phonetik
3.1. Die artikulatorische Phonetik
3.2. Die auditive Phonetik
3.3. Die akustische Phonetik

Kapitel 4 - Die Klassifizierung der Vokale
4.1. Die akustischen Besonderheiten der Vokale

Kapitel 5 - Vokalsysteme
5.1. Die Vokale der deutschen Standardsprache
5.2. Die Vokale der russischen Standardsprache
5.3. Unterschiede und Gemeinsamkeiten
5.3.1. Vokalrepertoire
5.3.2. Artikulation
5.3.3. Quantität
5.3.4. Qualität
5.3.5. Klangfarbe

Kapitel 6 - Empirische Studie
6.1. Zielsetzung
6.2. Methode
6.3. Testpersonen
6.4. Verfahrensweise
6.5. Auswertung und Analyse
6.5.1. Vergleich der Formanten
6.5.2. Vergleich der Vokallänge
6.6. Fazit der Studie

Kapitel 7 - Fazit
8. Quellenverzeichnis
8.1. Literaturverzeichnis
8.2. Internetquellen

9. Anhang
9.1. Minimalpaare
9.2. Testsätze der empirischen Studie (Zufallsanordnung)
9.3. Werte der Messungen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Darstellung des Artikulationstraktes

Abbildung 2: Die Artikulationsorgane (supraglottaler Bereich)

Abbildung 3: Sprachsignalaufzeichnung als Oszillogramm

Abbildung 4: Beispiel eines Sonagramms

Abbildung 5: Vokaltrapez der deutschen Standardsprache (Monophthonge)

Abbildung 6: Positionen der deutschen Diphthonge im Vokaltrapez

Abbildung 7: Vokaltrapez der russischen Standardsprache

Abbildung 8: praat Arbeitsfläche

Abbildung 9: Punktdiagramme für die Formantwerte [a] und [a:]

Abbildung 10: Punktdiagramme für die Formantwerte [e] und [e:]

Abbildung 11: Punktdiagramme für die Formantwerte [i] und [i:]

Abbildung 12: Punktdiagramme für die Formantwerte [o] und [o:]

Abbildung 13: Punktdiagramme für die Formantwerte [u] und [u:]

Abbildung 14: Balkendiagramm: Länge [a] und [a:]

Abbildung 15: Balkendiagramm: Länge [e] und [e:]

Abbildung 16: Balkendiagramm: Länge [i] und [i:]

Abbildung 17: Balkendiagramm: Länge [o] und [o:]

Abbildung 18: Balkendiagramm: Länge [u] und [u:]

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Klassifizierung des deutschen Vokalinventars anhand der Abbildung 5

Tabelle 2: Standard-Diphthonge des Deutschen nach Gabka (1987)

Tabelle 3: Klassifizierung der fünf Standardvokale anhand der Abbildung 11

Tabelle 4: Palatalisierung im Russischen

Tabelle 5: Mittelwerte der Formanten

Tabelle 6: Mittelwerte der Dauer in Sekunden

Tabelle 7: Minimalpaare (kurz-lang Opposition des Deutschen)

Tabelle 8: Testsätze der empirischen Studie

Tabelle 9: Messwerte (Muttersprachler des Deutschen / weiblich)

Tabelle 10: Messwerte (Muttersprachler des Russischen / weiblich)

Tabelle 11: Messwerte (Muttersprachler des Russischen / männlich)

Kapitel 1 - Einleitung

Überall auf der Welt prallen die unterschiedlichsten Kulturen und Sprachen aufeinander. Eine der Ursachen dafür ist unter anderem die Tatsache, dass viele Menschen (sei es nur für einige Jahre oder auch für immer) ihr eigenes Land verlassen, um einen neuen Lebensabschnitt in einem ihnen oftmals fremden Land zu beginnen. Es existieren die unterschiedlichsten Gründe hierfür, seien es Studium, Arbeit oder vielleicht einfach familiäre Grunde. Fakt ist allerdings, dass diese Menschen in ihrer neuen Heimat mit unzähligen neuen Eindrücken konfrontiert werden. Auch die neue Sprache (die sich mehr oder weniger von der Muttersprache unterscheidet) kann für viele eine große Herausforderung darstellen. Trotzdem ist das Erlernen der oftmals noch fremden Sprache ein wichtiger Faktor, denn ohne ein gewisses Sprachrepertoire ist es sehr schwierig, sich in einem neuen Land gut und sicher zu verständigen.

Wie in den meisten Ländern der Welt treffen auch in Deutschland heutzutage unzählige Sprachen und Kulturen aufeinander. Von den rund 81 Millionen Menschen, die Deutschland zurzeit ihr Zuhause nennen, haben nach Angaben der Bundesregierung ca. 16,5 Millionen[[1] ] dieser Menschen einen Migrationshintergrund. Ein großer Prozentsatz dieser Zuwanderer stammt aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion. Natürlich kommt nicht jeder mit denselben Motiven nach Deutschland, weshalb man sagen kann, dass jeder Mensch im Wesentlichen seine persönlichen Beweggründe hat bzw. hatte[[2] ].

Trotzdem haben all diese Menschen eine Sache, die sie miteinander verbindet: Sie befinden sich in mitten des komplexen Prozesses eines Spracherwerbs, der durch so einige Einflüsse begünstigt oder erschwert werden kann. Je nach Alter kann die Erlernung einer Sprache leichter oder auch schwerer sein. Daher ist es interessant, dieses Thema genauer zu betrachten. Was geschieht tatsächlich bei dem Aufeinanderprallen der Muttersprache und einer Zweitsprache? Was passiert, wenn die eine Sprache Merkmale besitzt, die der anderen fremd sind? Diesen und anderen Fragen soll im Folgenden genauer nachgegangen werden.

Daher wird Gegenstand dieser Arbeit eine genauere Betrachtung des Sprachkontaktes bilden. In diesem Fall wird es sich um das Aufeinandertreffen des Deutschen und des Russischen handeln. Da es sich allerdings um eine relativ breit gefächerte Thematik handelt, was sowohl den Aspekt des Sprachkontaktes, als auch die Betrachtung der beiden Sprachen angeht, wird mein Augenmerk nur auf einen besonderen Teilbereich der Linguistik gerichtet sein. Aufgrund der Tatsache, dass oft eine Unterscheidung in Realisation von Lauten das Erste ist, was einem bei der Kommunikation auffällt, wird genau dies Schwerpunkt meiner Arbeit bilden. Ein ausführlicher Vergleich aller Laute der beiden Sprachen würde allerdings den Rahmen einer Bachelorarbeit sprengen, weshalb sich allein auf den Vokalismus beider Sprachen konzentriert wird.

Deshalb lautet das Thema dieser Bachelorarbeit : Die Artikulation kurzer und langer Vokale des Deutschen bei Muttersprachlern des Russischen .

Meine Bachelorarbeit ist wie folgt aufgebaut: Den ersten Teil bildet eine theoretische Auseinandersetzung mit der Thematik. Dazu wird zunächst die Bedeutung der Phonetik im Sprachkontakt geklärt. Dabei wird besonders auf Stellung der Muttersprache und lautliche Interferenz eingegangen. Daraufhin wird ein genauer Blick auf die allgemeine Phonetik und ihre Teildisziplinen geworfen, wobei akustische und artikulatorische Phonetik natürlich im Vordergrund stehen werden. Den dritten großen Punkt bildet eine allgemeine Klassifizierung der Vokale, wobei auch hier ihre akustischen Besonderheiten hervorgehoben werden sollen. Da es in dieser Arbeit um eine Gegenüberstellung des Vokalismus des Deutschen und des Russischen geht, werden als nächstes die Vokalsysteme dieser Sprachen separat voneinander beschrieben und schließlich ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufgeführt (natürlich wieder in Bezug auf Artikulation und Klang).

Der zweite Teil meiner Bachelorarbeit besteht aus einer kleinen, eigenständigen Studie. Die Grundlage für diese Studie bilden die theoretischen Fakten, die zuvor vorgestellt wurden.

Abgerundet wird das Ganze am Ende schließlich mit einem Fazit, in dem die wichtigsten Erkenntnisse noch einmal aufgegriffen werden.

Kapitel 2 - Phonetik im Sprachkontakt

In diesem Kapitel wird die Disziplin Sprachkontakt näher besprochen. Da es in dieser Arbeit um eine kontrastive Untersuchung zweier Sprachsysteme hinsichtlich des Vokalismus geht, müssen zunächst die Bedeutung der Muttersprache und der Begriff Interferenzfehler genauer definiert werden. Aber auch Besonderheiten des Spracherwerbs sollen kurz erwähnt werden.

2.1. First Language

Jeder Mensch besitzt eine Sprache, die er als seine Muttersprache bezeichnet. Darunter fällt die erste Sprache, die ein gesundes Kind in seinem Leben erlernt, weshalb man hier auch von einem Erstspracherwerb spricht. In der Sprachwissenschaft wird diese Sprache auch oft als L1 (First Language) bezeichnet.

Direkt nach der Geburt beginnt der komplexe Vorgang, der anfangs eher passiv als aktiv abläuft. Es existieren die unterschiedlichsten Theorien, wie ein derartiger Prozess abläuft. Während die einen der Meinung sind, dass jedes Kind einen angeborenen Sprachmechanismus besitzt (Noam Chomsky), vertreten andere die Ansicht, dass der Erwerb allein auf der Imitation und Input basiert (Behaviorismus). Trotzdem gibt es hin und wieder Momente, in denen einzelne Theorien ineinander übergehen oder in einem Aspekt eine ähnliche Auffassung teilen.

Angesichts dessen, dass die Phonetik in dieser Arbeit einen beträchtlichen Schwerpunkt bilden wird, sollte in diesem Zusammenhang natürlich ein kurzer Blick auf den Erwerb artikulatorischer und perzeptueller Merkmale geworfen werden. Da nur ein kleiner Überblick geschaffen werden soll, wird sich hierbei auf Schaerlaekens (2000) Einteilung berufen. Die einzelnen Perioden, die diese in ihrer Arbeit erstellt hat, spielen in diesem Zusammenhang allerdings keine ausschlaggebende Rolle. Es soll nur ein kurzer Einblick geschaffen werden.

Schaerlaekens (2000) erklärt in ihrem Werk, dass Kinder schon unmittelbar nach der Geburt ihre Artikulationsorgane austesten. Allerdings sind diese noch an kein bestimmtes Sprachmuster gebunden, sodass ein Kind zu diesem Zeitpunkt theoretisch noch jede x-beliebige Sprache erwerben und somit zu seiner Muttersprache machen könnte. Erst der Input der Gesellschaft und besonders der Eltern leitet das Kind zu einem bestimmten Sprachmuster, da dieses Anfangs hauptsächlich die Intonationsmuster seiner Bezugspersonen nachahmt. Somit beginnt ein Kind langsam die Laute seiner Muttersprache zu erwerben und selbst auszuprobieren. Dies geschieht zwar noch in den unterschiedlichsten Varianten, jedoch werden die Artikulationsorgane somit immer weiter auf ein bestimmtes Muster getrimmt. Man kann sagen, dass die phonetisch-phonologische Entwicklung als erstes einsetzt. Erst später werden Dinge wie Lexik oder Syntax ausgebaut (vgl. Schaerlaekens 2000: 11ff.).

Klar ist nun, dass ein Kind bereits direkt nach der Geburt mit Phonetik und Phonologie in Kontakt tritt. Langsam wird die Umgebung nachgeahmt und somit ausschlaggebende Merkmale der Artikulationsweise eines Sprachsystems erworben. Nach und nach festigen sich die für die Muttersprache relevanten Artikulationsorgane und Mechanismen, bis schließlich eine Art Routine entsteht. Zwar läuft das Ganze komplizierter und ausführlicher ab, als hier nun beschrieben, aber der Grundgedanke wird deutlich: Alle weiteren Entwickelungen bauen mehr oder weniger auf einer richtigen phonetisch-phonologischen Entwicklung auf.

2.2. Zweitsprache trifft auf Erstsprache

Wie bereits erwähnt, ist Sprachkontakt heutzutage an sich kein Sonderfall mehr. Überall auf der Welt treffen Sprachen aufeinander, egal wie unterschiedlich oder ähnlich sie auch sein mögen. Nebensächlich, ob aufgrund von Fremdsprachenunterricht oder der Tatsache, dass man nun in ein neues Land zieht. Doch was genau versteht man in der Sprachwissenschaft nun unter Sprachkontakt ? Dies soll nun im Folgenden, mit besonderer Betrachtung der Phonetik, geklärt werden. Die Grundlage hierfür bildet eine Dissertation von Böttger aus dem Jahre 2005, die sich mit negativem Transfer bei russischsprachigen Deutschlernern beschäftigt.

Schon im ersten Abschnitt ihrer Dissertation macht Böttger (2005) klar, dass die Geschichte der Sprachkontaktforschung geprägt ist von Begriffsfindung und unterschiedlichen Meinungen (vgl. Böttger 2005: 20). Denn genauso, wie es unterschiedliche Spracherwerbstheorien gibt, existieren auch zahlreiche Versuche, den Begriff Sprachkontakt (oder auch Interferenz genannt) zu definieren. In einem Punkt sind sich allerdings die meisten einig: Interferenz ist die Beeinflussung eines Sprachsystems durch ein anderes. Ob diese nun positiver oder negativer Natur ist, bleibt vorerst unbeachtet.

Klar ist, dass die Wissenschaft der Muttersprache eine besondere Rolle zuweist. Lernt man eine neue Sprache, greift man dabei bei Lücken automatisch auf muttersprachliches Material zurück, da die Muttersprache von starker Dominanz geprägt ist (vgl. ebd.: 24).

Unterschied und Ähnlichkeit sind entscheidende Variablen jedes Interferenzmodells. Böttger (2005) führt auf, dass Unterschiede im Sprachmodel nicht unbedingt zu einer Erschwerung des Erwerbs beitragen müssen, so, wie es früher angenommen wurde. Dies bedeutet auch, dass starke Ähnlichkeit nicht gleich eine Erleichterung des Spracherwerbs bedeuten muss (vgl. ebd.: 26ff.). Trotzdem kann nicht verneint werden, dass das Zurückgreifen auf bereits erlerntes Wissen, in manchen Bereichen von Nutzen sein kann.

Wird man mit einer absolut neuen Sprache konfrontiert, sind die ersten unmittelbaren Verschiedenheiten, die einem ins Auge fallen, natürlich das Laut- und Schriftbild. Das Schriftbild wird nicht weiter beachtet, da hier die Phonetik und somit das Lautbild im Mittelpunkt steht.

Da man während des Zweitspracherwerbs meist auf muttersprachliche Strukturen zurückgreift, vergleicht man natürlich auch beide Lautsysteme miteinander und versucht, Gemeinsamkeiten ausfindig zu machen. Ganz gleich wie ähnlich sich so manche Sprachen auch anhören mögen, werden bei der Artikulation die Organe, die für das typische Lautbild entscheidend sind, unterschiedlich beansprucht. Untersuchungen haben ergeben, dass je jünger ein L2-Lerner ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine akzentfreie Beherrschung dieser Sprache möglich ist. Ein gutes Beispiel hierfür sind beispielsweise bilingual-aufwachsende Kinder, die sich in den meisten Fällen in beide Sprachen sicher und akzentfrei ausdrücken können. Mit zunehmendem Alter wird dies allerdings erschwert, sodass erwachsene Fremdsprachenlerner üblicherweise einen muttersprachlichen Akzent entwickeln (vgl. ebd.: 112f.). Aufgrund dieser Tatsache geht man davon aus, dass eine so genannte kritische Periode existiere, die ihr Ende ungefähr in der Zeit der Pubertät findet. Während dieser Periode reagiere ein Mensch viel sensibler auf Sprachen, was somit einen besseren Spracherwerb erklären würde (vgl. Wartenburger 2004: 9ff.).

Im weiteren Verlauf wird sich genauer auf die Menschen konzentriert, die nach der kritischen Periode mit einer Fremdsprache konfrontiert werden. Besonders der Aspekt Interferenzfehler soll in diesem Zusammenhang genauer beleuchtet werden.

2.3. Lautliche Interferenz

Aus dem Grunde, dass es sich hier um eine Arbeit auf phonetischer Ebene handelt, werden nicht alle Bereiche der Interferenzfehler betrachtet. Im Mittelpunkt steht daher die lautliche Interferenz. Hierfür orientiert sich Böttger (2005) an den gängigen Fehler-klassifizierungen[[3] ]. Im Folgenden werde einige Fehlertypen vorgestellt, die im weiteren Verlauf und besonders in der späteren empirischen Studie relevant sein könnten.

(a) Unterdifferenzierung:

Eine Unterdifferenzierung kommt dann zustande, wenn Laute der Zweitsprache, die dort aufgrund distinktiver Merkmale klar unterschieden werden, von einem Lerner dieser Sprache nicht auf diese Weise unterschieden werden.

(b) Überdifferenzierung:

Eine Überdifferenzierung passiert, wenn Distinktionen der Erstsprache auf die Zweitsprache übertragen werden, obwohl diese dort nicht vorhanden sind.

(c) Uminterpretation:

Man spricht von einer Uminterpretation, wenn Lernende entscheidende Distinktionen ihrer Muttersprache zu wichtigen Merkmalen der Laute der Zweitsprache machen, obwohl diese hier nur nebensächlich sind.

(d) Lautersetzung:

Eine Lautersetzung findet man dann, wenn beispielsweise Phoneme zweier Sprachsysteme gleich definiert, allerdings unterschiedlich realisiert werden. Lernende gehen dann fälschlicherweise davon aus, dass dieser Laut gleich wie in ihrer Muttersprache realisiert werden muss.

(e) Hyperkorrektur:

Eine Hyperkorrektur tritt auf, wenn ein Sprecher bei dem Versuch, ein besonderes Merkmal der Zweitsprache (das für ihn vielleicht sogar fremd ist) richtig zu realisieren, eine übertriebene sprachliche Anpassung macht.

Kapitel 3 - Die Bedeutung der Phonetik

In diesem Kapitel werden die wichtigsten Punkte der allgemeinen Phonetik[[4] ] und ihre drei Teildisziplinen vorgestellt. Die Basis dieser Zusammenstellung bildet Eisenbergs Das Wort: Grundriss der deutschen Grammatik aus dem Jahre 2013 und Wieses Phonetik und Phonologie aus dem Jahre 2011.

Bei der Phonetik handelt es sich um einen Teilbereich der Linguistik, der auch als Lehre der sprachlichen Laute bezeichnet wird. Schwerpunkte der allgemeinen Phonetik sind Erzeugung, Übertragung und Wahrnehmung von Sprachlauten. Diese Sprachlaute werden als Phone bezeichnet und wie materielle Gebilde betrachtet.

Oft passiert es, dass diese Disziplin mit der Phonologie verwechselt wird, da beide sich, aufgrund der Tatsache, dass sie mit der lautlichen Seite eines Sprachsystems arbeiten, in manchen Dingen überlagern. Allerdings besitzt die Phonologie einen anderen Schwerpunkt. Sie befasst sich, aufbauend auf den Fakten der Phonetik, mit den Funktionen und Eigenschaften einzelner Laute eines Sprachsystems. Diese Laute werden als Phoneme bezeichnet und üblicherweise als kleinste, bedeutungsunterscheidende Einheit definiert.

Lautereignisse können unterschiedlich interpretiert und erfasst werden. Dies ist der Grund, weshalb die allgemeine Phonetik in (3.1.) artikulatorische, (3.2.) auditive und (3.3) akustische Phonetik eingeteilt wird.

3.1. Die artikulatorische Phonetik

Die artikulatorische Phonetik ist der Bereich, der sich mit der Produktion von Lauten befasst. Betrachtet werden hier physiologische Prozesse, die bei der Lautproduktion ablaufen. Man unterscheidet zwischen drei Phasen: Initiation, Phonation und Artikulation. Wichtig hierfür ist in erster Linie der Luftstrom, ohne den eine Lautbildung nicht möglich wäre. Dieser Luftstrom durchquert bestimmte Teile des Körpers auf seinem Weg im Artikulationstrakt, die in Abbildung 1 deutlich werden.

(1) supraglottaler Bereich (Rachen-, Mund- und Nasenraum)
(2) Glottis (Kehlkopf)
(3) subglottaler Bereich

(Lungen, Bronchien, Luftröhre)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Darstellung des Artikulationstraktes

(Quelle: Eisenberg 2013: 46)

Bei der Einatmung gelangt Atemluft in den subglottalen Bereich, wo die Initiation stattfindet. Hier wird ein Luftstrom erzeugt, der essentiell für die Schallerzeugung ist. Dieser Luftstrom wandert schließlich hoch zum Kehlkopf, dem Ort der Phonation, wo mithilfe der Glottis Frequenzen erzeugt werden, die relevant für unterschiedliche Klangfarben sind. Ist dieser Prozess abgeschlossen, wandert der Luftstrom zum Ansatzrohr, wo mithilfe der Artikulationsorgane (siehe Abbildung 2) die restliche Luft so modifiziert wird, dass Sprachlaute produziert werden können[[5] ].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Die Artikulationsorgane (supraglottaler Bereich)

(Quelle: Eisenberg 2013: 47)

Anhand der Artikulationsorgane, die in Abbildung 2 erkennbar sind, ist es möglich, Laute nach Artikulationsart und -ort zu sortieren (z.B. [m]: stimmhaft, bilabial, nasal).

3.2. Die auditive Phonetik

Anders als bei der artikulatorischen Phonetik, geht es bei der auditiven Phonetik die Perzeption, also Wahrnehmung der Laute. In besonderem Licht stehen hier das Gehör und die Arbeitsweise des Ohres. Doch auch die neurologische Ebene ist von großer Bedeutung. Es werden anatomische und neurophysiologische Vorgänge während der Wahrnehmung eines Sprachlautes und seiner Dekodierung erforscht.

Wie schafft ein Mensch es, anhand von verschiedenartigen Schallwellen Worte zu unterscheiden? Und wieso werden bestimmte Laute und Worte trotz unterschiedlicher Realisationen (beispielsweise aufgrund von Dialekten) sofort erkannt? Diese und viele weiteren Fragen beschäftigen die Wissenschaftler dieses Teilgebietes.

3.3. Die akustische Phonetik

Die akustische Phonetik ist die letzte Teildisziplin, die in diesem Kapitel vorgestellt wird. Man kann sagen, dass sie zwischen artikulatorischer und auditiver Phonetik angesiedelt ist, da ihr Hauptaugenmerk auf der Übertragung von Lautsignalen liegt.

Genau, wie die Vorgänge im Gehirn oder in den Artikulationsapparaten, lassen sich auch Lautereignisse auf bestimmte Aspekte untersuchen. Neben Erforschung und Analyse der Schallwellen, werden hier sowohl Tonhöhe, als auch Lautstärke genauer betrachtet, denn jegliche noch so kleine Variation in diesen Bereichen, kann ausschlaggebend für größere Veränderungen sein. Ebenso die Sprechgeschwindigkeit, die bei jedem Menschen und in jeder Situation variieren kann (vgl. ebd.: 39ff.). Logischerweise kann angesichts dessen auch nicht jedes Sprachsignal gleich aussehen. Selbstverständlich besitzt jeder Laut seine typischen Merkmale, an denen er identifiziert werden kann. Doch auch diese können von Mensch zu Mensch leicht abweichen (liegen allerdings trotzdem in ihrem typischen Bereich, sodass sie erkennbar bleiben).

Um besser mit solch einem, für das menschliche Auge nicht erkennbaren, Gegenstand arbeiten zu können, wurden einige Möglichkeiten geschaffen, um Sprachsignale in Diagrammen sichtbar zu machen. Dafür werden Audioaufnahmen mit speziellen Programmen geöffnet, mit denen diese dann auch gleichzeitig bearbeitet und ausgewertet werden können. Je nach Bedürfnis lässt sich ein Sprachsignal damit darstellen. Eine dieser Möglichkeiten ist das Oszillogramm (siehe Abbildung 3), mit dem auch ich in meiner empirischen Studie gearbeitet habe.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Sprachsignalaufzeichnung als Oszillogramm

(Quelle: Wiese 2011: 26)

Bei einer solchen Darstellung wird der Schalldruckverlauf dargestellt. Üblicherweise definiert die X-Achse die Zeit in Sekunden, die Y-Achse den Schalldruck in Pascal. Je dunkler eine Schwärzung erscheint, desto höher sind die Schwingungen in diesem Bereich.

Doch auch die Darstellungsweise eines Sonagramms, auch Spektrogramm genannt, ist weit verbreitet (siehe Abbildung 4).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Beispiel eines Sonagramms

(Quelle: : Eisenberg 2013: 45)

In Abbildung 4 kann man erkennen, dass genau wie bei dem Oszillogramm, die X-Achse die Zeit widerspiegelt. Die Y-Achse repräsentiert in diesem Fall allerdings die Frequenz in Hertz. Das Besondere an einem Sonagramm ist, dass auch eine Y-Achse existiert, die durch die Schwärzung dargestellt wird. Sie macht die Ausprägungen der Schwingungen deutlich.

So wie jeder Laut eine einzigartige Artikulationsart und -weise besitzt, besitzt er auch sein einmaliges Schallmuster und typische akustische Charakteristika. Besonders der Unterschied zwischen Vokalen und Konsonanten sticht in derartigen Darstellungen stark ins Auge. Betrachtet man Abbildung 4 erneut, kann man sehen, dass die Vokale in bestimmten Bereichen von starken Schwärzungen geprägt sind. Was dieses Merkmal ist und was es zu bedeuteten hat, wird im folgenden Kapitel ausführlich beschrieben.

Kapitel 4 - Die Klassifizierung der Vokale

Bevor auf einzelne Vokalsysteme eingegangen werden kann, sollte geklärt werden, was Vokale eigentlich sind und wie sie differenziert werden. Außerdem sollte der Unterschied zwischen Vokalen und Konsonanten verdeutlicht werden. Deshalb wird sich in diesem Kapitel um eine allgemeine Definition und eine Klärung dieser Fragen bemüht.

[…] Laute mit einem relativ engen Verschluss an einer bestimmten Stelle im Artikulationstrakt werden Konsonanten genannt, Laute mit einer Öffnung im Mund-/Rachenraum, die den Luftstrom bei der Artikulation nicht oder wenig behindern, heißen Vokale […] (Wiese 2011: 26)

Liest man sich diese zwei kurzen Erklärungen durch, wird der eigentliche Unterschied dieser zwei Lautklassen sofort deutlich: Während Konsonanten eine große artikulatorische Vielfalt besitzen und der Luftstrom bei ihrer Produktion eine Art Hindernis überwinden muss, handelt es sich bei Vokalen um Selbstlaute, bei denen der Phonationsstrom mehr oder weniger ungehindert entweichen kann. Vokale sind im Wesentlichen durchgehend stimmhaft. Das bedeutet, dass die Stimmbänder bei ihrer Artikulation eine aktive Rolle spielen. Auch eine besondere Gruppe der Konsonanten besitzt diese Eigenschaft: die Sonoranten[[6] ].

Die gängigste Art Vokale zu klassifizieren, ist es, ihre Bildungsweise genauer zu betrachten. Hierfür existieren einige Kriterien, die im Folgenden mit Bezug auf Gabka (1987) und Eisenberg (2013) vorgestellt werden.

(a) Vertikale Zungenbewegung und Öffnungsgrad des Mundes[[7] ]:

Hierbei wird der Abstand zwischen Zunge und Gaumen gemessen. Ist die Zunge gehoben, so spricht man von hohen Vokalen, ist sie allerdings gesenkt, von niedrigen Vokalen. Da sich mit dem Heben und Senken der Zunge auch der Kiefer bewegt, was zum Schließen und Öffnen des Mundes führt, werden in diesem Zusammenhang auch die Bezeichnungen offen und geschlossen verwendet. Infolge dessen kann gesagt werden, dass je höher die Zungenlage ist, desto geschlossener der Mund bei der Artikulation. Dies bedeutet wiederum, dass bei einer niedrigen Zungenlage, der Mund offen ist. Je nach Sprachsystem existieren auch Abstufungen, die bestimmte Sequenzen genauer bestimmen sollen. Termini wie halbgeschlossen oder halboffen, aber auch mittel sind daher weit verbreitet.

(b) Horizontale Zungenbewegung[[8] ]:

Wichtig in diesem Hinblick ist zu wissen, dass nicht die Bewegung der kompletten Zunge gemeint ist, sondern nur die des Zungenrückens. Daher wird in diesem Zusammenhang auch oft von dorsalen Lauten (dt. Zungenrückenlaute) gesprochen. Nähert sich der prädorsale Bereich den Alveolen (dt. Zahntaschen), ist Rede von vorderen Vokalen. Nähert sich die Zunge allerdings im postdorsalen Bereich dem Velum (dt. hinterer, weicher Gaumen), so handelt es sich um hintere Vokale. Im Großen und Ganzen unterscheidet man zwischen Vorder-, Mittel- und Hinterzungenvokalen.

(c) Beteiligung der Lippen:

Auch die Lippenbeteiligung ist ein Kriterium, das zur Unterscheidung von Lauten herangezogen wird. In diesem Fall geht es explizit um die Lippenrundung und somit die Unterscheidung zwischen labialisierten (gerundet) und nichtlabialisierten (ungerundet) Vokalen.

4.1. Die akustischen Besonderheiten der Vokale

Wie jedes andere Lautereignis, besitzen selbstverständlich auch Vokale akustische Merkmale. Diese Merkmale bilden wichtige Punkte bei der Erkennung und Differenzierung der Selbstlaute. In diesem Abschnitt werden diese Kriterien, die typischerweise zur Analyse von Vokallauten herangezogen werden, aufgeführt. Basis dafür bildet Kent, R. D.; Read, C. (1992): The Acoustic Characteristics of Vowels and Diphthongs. In: The acoustic analysis of speech.

Nach Kent (1992) und Read (1992) existieren vier wichtige Parameter, die bei einer akustischen Analyse von Vokalen von Bedeutung sind. Sie bilden wichtige Charakteristika, die in der Regel weitgehend relevant für eine richtige Erkennung eines Lautes sind. Daher kann man auch von akustischen Besonderheiten sprechen.

(a) formant pattern (dt. Formantmuster) :

Als Formanten werden in der Sprachwissenschaft Frequenzregionen im Vokaltrakt bezeichnet, die besonders stark ausgeprägt und essentiell für die Klangbildung von Vokallauten sind. Es existieren insgesamt vier Bereiche, trotzdem werden üblicherweise nur die ersten zwei (F1 und F2) zur Untersuchung herangezogen, da diese wichtig für die Verständlichkeit der Laute sind. Die Vokal-Formanten können durch die unterschiedlichsten Faktoren beeinflusst werden und variieren somit von Mensch zu Mensch. Generell wird zwischen Männern, Frauen und Kindern unterschieden.

Die ersten beiden Frequenzen werden jeweils von der Lage der Zunge bestimmt. Der Frequenzwert des ersten Formanten hängt von der vertikalen, der Wert des zweiten Formanten von der horizontalen Zungenposition ab. Je niedriger also die Zunge liegt, desto höher ist die Frequenz des ersten Formanten (F1). Dies wiederrum bedeutet, dass eine hohe Zungenlage zu einer niedrigeren F1-Frequenz führt. Vorderzungenvokale haben üblicherweise einen hohen F2-Wert, Hinterzungenvokale einen niedrigen. Doch auch die Lippenrundung kann Formantwerte beeinflussen. Gerundete Vokale besitzen generell einen niedrigeren F2-Wert, als ungerundete Vokale[[9] ] (vgl. Böttger 2005: 76).

Kent (1992) und Read (1992) führen in ihrer Ausarbeitung drei Elemente auf, die bei einer genauen Zerlegung und Untersuchung von Formanten untersucht werden:

- bandwidth (dt. Bandbreite): Dieser Punkt bezieht sich auf die Dämpfung während der Artikulation. Da der Vokaltrakt hauptsächlich aus einer Art von weichen und feuchten Tüchern besteht, wird viel Energie von ihnen aufgenommen. Jeder Formant besitzt seine eigene Bandbreite, die gemessen werden kann und mit der Höhe der Formanten steigt. Dies bedeutet, dass der erste Formant eine niedrigere Bandbreite hat, als beispielsweise der dritte Formant. Des Weiteren ist eine höhere Bandbreite Ursache für ein schnelleres Verstummen des Lautes.
- amplitude (dt. Schwingungsweite): Die Schwingungsweite steht in direkter Verbindung zur Bandbreite. Diese lässt sich insofern erkennen, dass eine Erhöhung der Formantbandbreite zu einer Senkung der Schwingungsweite führt. Diese wird festgelegt durch Frequenz, Bandbreite und vorhandener Energie (beispielsweise der Vibration der Stimmbänder). Je näher sich zwei Formanten sind, desto stärker steigt die Schwingungsweite, da beide Formanten aufeinander einwirken. Entfernen sie sich, sinkt dementsprechend auch der Wert wieder.
- formant frequency (dt. Formantfrequent): Dieser Analysepunkt erklärt sich eigentlich von selbst. Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei Formanten um besonders stark ausgeprägte Frequenzbereiche. Daher ist es natürlich wichtig, den eigentlichen Frequenzwert anzuschauen.

(b) spectrum (dt. Vokalspektrum) :

Die Erzeugung eines Spektrums ist eine weitere Art der Verbildlichung und Analyse von Vokallauten und dient zur Ermittlung von Schalleigenschaften. Das Besondere an einem Spektrum ist die Tatsache, dass nicht nur die Formanten erkennbar gemacht werden (meist durch eine typische Schwärzung), sondern auch zahlreiche weitere Faktoren, wie beispielsweise die Verteilung der einzelnen Frequenzen (und somit ihre Intensität). Außerdem ist es mithilfe von speziellen Programmen möglich, Veränderungen an Spektraldarstellungen durchzuführen, um so schauen zu können, welche Auswirkungen diese beispielsweise auf die Erkennbarkeit eines Vokallautes haben können[[10] ]. Je nach Modifikation, kann diese mehr oder minder erschwert werden.

(c) duration (dt. Dauer) :

Auch die die Artikulationsdauer ist ein Kriterium, das in manchen Sprachsystemen ein wichtiges akustisches Charakteristikum der Vokallaute bilden kann. Faktoren, die eine Dauer beeinflussen können, gibt es zahlreiche. Silbenbetonung, Sprechgeschwindigkeit und Einfluss der lautlichen oder syntaktischen Umgebung können u.a. die Realisationsdauer eines Lautes stark beeinflussen. Besonders die Konsonanten vor und nach den Vokalen können zu starken Variationen ein und desselben Vokallautes führen. Obwohl eine Vokaldifferenzierung anhand der Quantität in einigen Sprachen eine wichtige Rolle spielt, kann man nicht behaupten, dass ausschließlich aufgrund dieses Merkmals eine genaue Erkennung einzelner Laute realistisch ist. Jedoch ist die Einteilung in Lang- und Kurzvokale durchaus üblich (wie z.B. in der deutschen Standardsprache).

(d) fundamental frequency (dt. Grundfrequenz) :

Jeder Vokal besitzt seine eigene Grundfrequenz (F0), die ein wichtiges und individuelles Erkennungszeichen einzelner Vokallaute bei ihrer Analyse darstellen kann. Diese kann allerdings (wie bei den Formanten) je nach Situation leicht abweichen. Bereits Faktoren wie Intonation, Stress während des Sprechaktes oder die Emotionen des Sprechers können dazu beitragen. Doch wenn diese ausgeblendet oder unter Kontrolle gebracht werden, lassen sich die Grundfrequenzen ohne Probleme genau bestimmen. Üblicherweise variiert diese Frequenz mit der Höhe der Vokale. Höhere Vokale besitzen dementsprechend einen höheren F0-Wert.

Kapitel 5 - Vokalsysteme

Jede Sprache besitzt ihr eigenes Repertoire an Lauten. Diese können sich manchmal mehr, manchmal weniger von den Lauten anderer Sprachsysteme unterscheiden. Nichtsdestotrotz existieren meist immer Unterschiede, auch wenn diese vielleicht nicht direkt für das menschliche Ohr erkennbar erscheinen.

Nachdem in den vorherigen Kapiteln bereits der Unterschied zwischen Konsonanten und Vokalen geklärt wurde und auch die akustischen Besonderheiten von Vokallauten näher gebracht wurden, werden nun im Folgenden zwei Sprachsysteme unabhängig voneinander vorgestellt. Bei diesen Sprachsystemen handelt es sich um die deutsche und die russische Standardsprache. Hierbei wird sich ausschließlich auf den Vokalismus der beiden Sprachen und eine Klassifizierung der einzelnen Vokallaute konzentriert, um einen kompakten Überblick über beide Vokalsysteme erhalten zu können[[11] ]. Ausgehend davon wird im Anschluss auf auffallende Unterschiede oder Gemeinsamkeiten eingegangen.

Grundlage für dieses Kapitel werden Wiede, E.; Gabka, K. (1987): Russische Sprache der Gegenwart. und Böttger, K. (2005): Negativer Transfer bei russischsprachigen Deutschlernern. Die häufigsten muttersprachlich bedingten Fehler vor dem Hintergrund eines strukturellen Vergleichs des Russischen mit dem Deutschen. sein.

5.1. Die Vokale der deutschen Standardsprache

Nach Gabka (1987) besitzt die deutsche Standardsprache 15 Vokalphoneme (vgl. Wiede; Gabka 1987: 96). Um ein besseres Bild von ihrer Lage und ihrer Artikulation zu bekommen, werden phonetische Vokalsysteme üblicherweise mithilfe eines Trapezes oder Dreiecks dargestellt. Das Trapez soll die Mundhöhle repräsentieren, die Ort des Geschehens ist. Zur Platzierung der einzelnen Vokallaute wird ihre Bildungsweise herangezogen. Dementsprechend steht die horizontale Achse einer solchen Darstellung typischerweise für die Zungenstellung (vorne-mittig-hinten), die vertikale Achse hingegen für Zungenhöhe (hoch-mittig-niedrig) und Mundöffnungsgrad (geschlossen-mittig-offen).

Auch Gabka (1987) hat den Versuch einer Lauteinordnung unternommen. Hierfür hat er Diagramme erstellt, mit denen nun im weiteren Verlauf die einzelnen Vokale definiert werden sollen.

Eine Besonderheit, die das Standarddeutsche ausmacht, ist die Existenz von Monophthongen und Diphthongen. Als Monophthonge werden einfache Vokallaute bezeichnet, bei denen während der Artikulation keine Qualitätsveränderung wahrnehmbar ist (vgl. Bußmann 2008: 451). Bei den Diphthongen ist dies allerdings anders. Hierbei handelt es sich um Laute, die aus zwei Vokallauten bestehen und ineinander übergehen. Bei genauem Hinhören und deutlicher Artikulation, lassen sich diese zwei Laute und ihr Übergang gut heraushören.

So wie bei Gabka (1987), wird auch in dieser Arbeit eine Teilung zwischen diesen beiden Lautklassen unternommen.

(a) Monophthonge:

Wie schon aufgeführt, besitzt das deutsche Vokalsystem nach Gabka (1987) 15 Phonemlaute. Diese Laute lassen sich in Abbildung 5 wiederfinden. Auffallend ist, dass hier 17 und nicht 15 Laute vermerkt sind. Bei den zwei zusätzlichen Phonen handelt es sich um die Laute [ɐ] und [ə], die auch als Schwa-Laute[[12] ] bekannt sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Vokaltrapez der deutschen Standardsprache (Monophthonge)

(Quelle: Wiede; Gabka 1987: 70)

Wird nun versucht, die vorliegende Darstellung in eine Tabelle umzuwandeln, kommt man zu folgenden Erkenntnissen:

[...]


[1] Dieser Wert stammt von der offiziellen Internetseite der Bundesregierung.

[2] Eine Ursache für die Einwanderung der sogenannten Spätaussiedler liegt tief verankert in ihrer Geschichte. Diese wird hier allerdings nicht weiter ausgeführt, da es sich nicht um eine geschichtliche Ausarbeitung handelt und diese Faktoren somit nur nebensächlich wären. Für mehr Informationen zu diesem Thema siehe Gejnc, Viktor K. (2008): Ursachen der Auswanderung aus Deutschland. In: Der eine spricht, der andere schwätzt, der dritte babbelt. Einiges über die Mundarten der Deutschen aus Russland. Augsburg: Weber, S. 50-51.

[3] Besonders die Unterscheidung von Weichreich (1977) wird von ihr genauer betrachtet und mit anderen gängigen Klassifizierungen (die sich nicht explizit auf die lautliche Ebene beziehen) verglichen. Sie versucht damit der These nachzugehen, dass „für den Transfer in der Phonetik und Phonologie die gleichen geistigen Prozesse verantwortlich sind wie in Morphologie, Syntax und Lexik […]“ (Böttger 2005: 102). Dies würde nämlich bedeuten, dass eine einheitliche Klassifizierung möglich wäre. (vgl. ebd.: 102f.).

[4] Neben der allgemeinen Phonetik existiert auch die angewandte Phonetik. In den Bereich angewandte Phonetik fallen alle Gebiete, in der die Phonetik Verwendung findet (z.B. Logopädie).

[5] Der Prozess der Lautbildung ist selbstverständlich viel komplexer als hier beschrieben. Dies soll bloß ein kleiner Eindruck dessen sein, was im Körper eigentlich passiert.

[6] Man unterscheidet üblicherweise zwischen Obstruenten (Plosive, Affrikate, Frikative) und Sonoranten (Nasale, Laterale, Vibranten, Approximanten).

[7] Eisenberg (2013) fasst diese beiden Punkte unter der Bezeichnung Zungenhöhe (vgl. ebd.: 60f.) zusammen. Gabke (1987) unternimmt jedoch eine Teilung.

[8] Eisenberg (2013) benutzt in diesem Zusammenhang den Begriff Zungenstellung.

[9] Es sollte beachtet werden, dass es sich hier um Standardisierungen handelt. Es können immer Ausnahmen existieren. Diese werden hier allerdings nicht weiter erwähnt.

[10] Kent (1992) und Read (1992) führen hierfür u.a. die Verschiebung des spectral peaks (dt. spektraler Hochpunkt) als Beispiel, die eine starke Auswirkung auf die Vokalerkennung hat (siehe S. 94-96).

[11] Trotz alle dem ist es im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich, alle Facetten des deutschen und des russischen Vokalismus zu analysieren. Daher wird sich, wie gesagt, auf eine Vokalklassifizierung konzentriert.

[12] Es ist umstritten, ob die Schwa-Laute im Deutschen einen Phonemstatus besitzen oder nicht. Fakt ist, dass sowohl Gabka (1987), als auch Böttger (2005) diese beiden Laute ausschließlich als Phon definieren (vgl. Böttger 2005: 88).

Ende der Leseprobe aus 65 Seiten

Details

Titel
Die Artikulation kurzer und langer Vokale des Deutschen bei Muttersprachlern des Russischen
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Slavistik)
Note
2,5
Autor
Jahr
2015
Seiten
65
Katalognummer
V368992
ISBN (eBook)
9783668473751
ISBN (Buch)
9783668473768
Dateigröße
2201 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Phonetik, Phonologie, artikulatorische Phonetik, Vokale, Deutsch, Russisch, Praat, Analyse
Arbeit zitieren
Margarita Sonnenberg (Autor), 2015, Die Artikulation kurzer und langer Vokale des Deutschen bei Muttersprachlern des Russischen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/368992

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