Individuen fürchten sich vor gesellschaftlicher Isolation, wenn sie glauben, mit ihrem Standpunkt der Mindermeinung anzugehören, und verfallen deshalb in Schweigen – dies ist die zentrale Aussage der Theorie der Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann aus dem Jahre 1972. Diese Literaturarbeit beschäftigt sich mit der Theorie der Schweigespirale, die zum Konzept der öffentlichen Meinung von Elisabeth Noelle-Neumann gehört. Ihr Konzept versucht, den Prozess zu beschreiben, wie öffentliche Meinung entsteht, und baut auf der Ansicht auf, dass Menschen aufgrund ihrer Angst vor gesellschaftlicher Isolation ständig das Meinungsklima in der Gesellschaft einschätzen und sich daran anknüpfend entscheiden, ob sie reden oder schweigen. Es stellt sich die Frage, ob die Theorie immer noch auf aktuelle Wahlen angewendet werden kann und den Anspruch erhebt, einen Beitrag zur Erklärung der Wirklichkeit zu leisten. Donald Trump wurde 2016 zum 45. Präsident der Vereinigten Staaten gewählt. Er selbst hat im Wahlkampf öfters wiederholt, dass ihn die schweigende Mehrheit am Ende zum Präsidenten wählen wird. Es drängt sich die Frage auf, ob bei der Präsidentschaftswahl der Prozess der Schweigespirale zu beobachten war. Dies herauszufinden, soll Ziel dieser Arbeit sein.
Der erste Teil der Arbeit beschäftigt sich mit dem theoretischen Rahmen der Theorie der Schweigespirale. Zum einen wird dargestellt, wie das Wahlforschungsteam um die Wahlforscherin Noelle-Neumann die Schweigespirale entdeckte. Zum anderen soll erklärt werden, was Noelle-Neumann unter öffentlicher Meinung versteht, damit anschließend auf die Theorie der Schweigespirale und ihre Grundannahmen eingegangen werden kann. Besondere Beachtung erfährt die Isolationsfurcht des Individuums, das Meinungsklima und die fünf Hypothesen der Theorie. Daraufhin wird auf die drei Aspekte der Theorie eingegangen. Die Theorie hat einen sozialpsychologischen, soziologischen und kommunikationswissenschaftlichen Bezug. Diese Arbeit beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem soziologischen Aspekt. Zudem muss die besondere Rolle der Massenmedien dargestellt werden, denn ohne die Medien kann sich eine Schweigespirale nicht in Gang setzen. Um die Theorie abzurunden, werden kurz die wichtigsten Kritikpunkte sowie Weiterentwicklungen angesprochen. Die Online-Schweigespirale von Schulz und Rössler sowie die Aufmerksamkeitsspirale von Meyen sind für die abschließende Diskussion von bedeutender Relevanz.
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung
B. Die Theorie der Schweigespirale nach Elisabeth Noelle-Neumann
1. Entwicklungsgeschichte der Theorie
2. Öffentliche Meinung nach Elisabeth Noelle-Neumann
3. Die Grundannahmen der Theorie
3.1 Isolationsfurcht
3.2 Meinungsklima
3.3 Die fünf Hypothesen
4. Drei Aspekte der Theorie
4.1 Der Sozialpsychologische Aspekt
4.2 Der Kommunikationswissenschaftliche Aspekt
4.3 Der Soziologische Aspekt
5. Die Rolle der Massenmedien und Journalisten
6. Kritik an der Theorie der Schweigespirale
7. Weiterentwicklung der Schweigespirale
7.1 Online-Schweigespirale
7.1.1 Umweltbeobachtung des Individuums im Internet
7.1.2 Auswirkungen auf die Theorie der Schweigespirale
7.1.2.1 Konsonanz der Medienberichterstattung
7.1.2.2 Selektionsmöglichkeiten des Individuums im Internet
7.1.2.3 Die Online Rede- und Schweigebereitschaft
7.2 Aufmerksamkeitsspirale
8. Diskussion zur Aktualität der Theorie der Schweigespirale
8.1 Voraussetzungen der Schweigespirale
8.1.1 Moralische Ladung
8.1.2 Disput und Aktualität
8.1.3 Besondere Rolle der Massenmedien
8.1.3.1 Thematisierungsfunktion
8.1.3.2 Verleihung von Öffentlichkeit
8.1.3.3 Artikulationsfunktion
8.1.3.4 Medien als Quelle der Umweltwahrnehmung
8.2 Mögliches Auftreten einer Schweigespirale
8.2.1 Schweigespirale zugunsten Hilary Clintons
8.2.2 Schweigespirale zugunsten Donald Trumps
C. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Aktualität der Theorie der Schweigespirale nach Elisabeth Noelle-Neumann unter Berücksichtigung moderner Medienentwicklungen, insbesondere des Internets, anhand des Fallbeispiels der US-Präsidentschaftswahl 2016.
- Grundlagen und Entstehungsgeschichte der Schweigespirale
- Die psychologische Rolle der Isolationsfurcht
- Die Funktion und Macht von Massenmedien im Meinungsklima
- Weiterentwicklung des Konzepts für das digitale Zeitalter (Online-Schweigespirale)
- Anwendung des Modells auf den Wahlkampf von Donald Trump
Auszug aus dem Buch
3.1 Isolationsfurcht
Das wichtigste Motiv und die erste Voraussetzung für das Vorliegen einer Schweigespirale ist die Isolationsfurcht der Individuen. Als Beispiel kann hier die bereits oben erläuterte Erfahrung Noelle-Neumanns mit der Studentin erwähnt werden, die aus Isolationsfurcht das Abzeichen der Partei ablegte (Roessing 2009: 23).
Auch Milgram und Asch haben sich in mehreren Experimenten mit der Isolationsfurcht des Menschen beschäftigt und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass sich Menschen auch dann Mehrheitsmeinungen anschließen, wenn diese falsch sind (Scherer 1990: 19). Isolationsfurcht ist die Angst eines Individuums sich innerhalb einer Gruppe von Menschen zu isolieren. Es liegt in der sozialen Natur des Menschen von anderen beachtet und geliebt werden zu wollen (Noelle-Neumann 2001:64). Genau diese Beziehung zwischen den Menschen untereinander nennt der amerikanische Soziologe Thomas Scheff „the social bond“ (Scheff 1994: 4). Dieses soziale Band hat für jedes Individuum einen hohen emotionalen und sozialen Stellenwert, der nicht in Gefahr gebracht werden darf (Roessing 2011: 16). Jede Meinungsverschiedenheit zweier Personen kann einen Riss in dem sozialen Band verursachen. Das Individuum verliert Ansehen und macht sich unbeliebt, es isoliert sich von seinem Mitmenschen. Um dieses Band nicht zu gefährden, folgen die Menschen der öffentlichen Meinung und den Denk- und Verhaltensweisen, die dieser zugrunde liegen. Das wiederum setzt voraus, dass der Einzelne sein Umfeld ständig beobachtet und sich dementsprechend verhält (Noelle Neumann 2001: 90).
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitung: Die Arbeit führt in die Theorie der Schweigespirale ein und stellt die zentrale Forschungsfrage, ob das Konzept auf aktuelle Wahlen, speziell die US-Wahl 2016, anwendbar ist.
B. Die Theorie der Schweigespirale nach Elisabeth Noelle-Neumann: Dieses Kapitel erläutert die Ursprünge, die psychologischen Grundannahmen wie die Isolationsfurcht und die wissenschaftlichen Aspekte der Theorie.
1. Entwicklungsgeschichte der Theorie: Beschreibt die Beobachtungen bei den Bundestagswahlen 1965 und 1972, die Noelle-Neumann zur Formulierung ihrer Hypothesen inspirierten.
2. Öffentliche Meinung nach Elisabeth Noelle-Neumann: Definiert den Begriff der öffentlichen Meinung aus sozialpsychologischer Perspektive und untersucht die Bedeutung von Meinungsklimata.
3. Die Grundannahmen der Theorie: Analysiert die essenziellen Voraussetzungen für Schweigespiralprozesse, insbesondere die Angst vor gesellschaftlicher Isolation.
4. Drei Aspekte der Theorie: Beleuchtet die sozialpsychologische, kommunikationswissenschaftliche und soziologische Dimension der Theorie.
5. Die Rolle der Massenmedien und Journalisten: Untersucht, wie Medien durch Konsonanz und Kumulation das Meinungsklima prägen und Einfluss nehmen.
6. Kritik an der Theorie der Schweigespirale: Setzt sich mit methodischen und inhaltlichen Kritikpunkten auseinander, die im Laufe der Jahrzehnte geäußert wurden.
7. Weiterentwicklung der Schweigespirale: Erörtert die Relevanz der Theorie im Internetzeitalter und die Entstehung der Online-Schweigespirale sowie der Aufmerksamkeitsspirale.
8. Diskussion zur Aktualität der Theorie der Schweigespirale: Diskutiert die Anwendbarkeit der Theorie auf die US-Wahl 2016 und analysiert, ob und wie diese den Prozess beeinflusst haben könnte.
C. Fazit: Fasst zusammen, dass die Theorie trotz methodischer Herausforderungen relevant bleibt und durch die Einbeziehung neuer Medien auf moderne Ereignisse angewandt werden kann.
Schlüsselwörter
Schweigespirale, Elisabeth Noelle-Neumann, Isolationsfurcht, Öffentliche Meinung, Meinungsklima, Medienwirkung, US-Wahl 2016, Internet, Online-Schweigespirale, Agenda-Setting, Politische Kommunikation, Konformitätsdruck, Donald Trump, Hillary Clinton, Aufmerksamkeitsspirale
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Theorie der Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann und hinterfragt, ob dieses mediensoziologische Konzept zur Erklärung moderner politischer Ereignisse, wie der US-Präsidentschaftswahl 2016, weiterhin taugt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernbereichen zählen die theoretischen Fundamente der Schweigespirale, die Rolle der Massenmedien bei der Konstruktion von Öffentlichkeit, die psychologische Angst des Individuums vor Isolation sowie die Transformation dieser Phänomene durch das Internet.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Gültigkeit der Theorie in einem geänderten medialen Umfeld zu prüfen und Szenarien aufzuzeigen, wie sich die Schweigespirale im Kontext der Wahl zwischen Donald Trump und Hillary Clinton manifestiert haben könnte.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse und einer theoretischen Diskussion existierender wissenschaftlicher Arbeiten, ergänzt durch die Anwendung der Theorie auf aktuelle Fallbeispiele.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Entwicklung der Theorie, die psychologischen und soziologischen Dimensionen, die Kritik an den Annahmen von Noelle-Neumann sowie die Erweiterung des Konzepts auf das Internet und die "Aufmerksamkeitsspirale".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Schweigespirale, Isolationsfurcht, Medienwirkung, Meinungsklima und Online-Kommunikation definiert.
Wie verändert das Internet die Theorie?
Das Internet bietet neue Quellen der Umweltbeobachtung und erlaubt individuelle Selektionsmuster, wodurch die klassische, konsonante Medienberichterstattung der 1970er Jahre durch ein fragmentierteres Meinungsklima ergänzt oder herausgefordert wird.
Warum spielt die US-Wahl 2016 eine besondere Rolle?
Die Wahl ist ein idealtypisches Fallbeispiel für eine hochgradig polarisierte Gesellschaft mit moralisch aufgeladenen Themen, an dem die Wirksamkeit der Schweigespirale und der Einfluss populistischer Strategien auf die öffentliche Meinung besonders gut illustriert werden können.
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- Nicolai Kurz (Author), 2017, Die Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann in der Praxis, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369055