Der Gerechtigkeitsbegriff von Aristoteles


Hausarbeit, 2016

26 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Der Weg zum glücklichen Leben

2 Der Gerechtigkeitsbegriff
2.1 Universale Gerechtigkeit
2.2 Partikulare Gerechtigkeit
2.2.1 Distributive Gerechtigkeit
2.2.2 Kommutative Gerechtigkeit
2.2.2.1 Wiederherstellende Gerechtigkeit
2.2.2.2 Austauschende Gerechtigkeit
2.2.3 Wiedervergeltende Gerechtigkeit
2.3 Güte der Gerechtigkeit

Zusammenfassung und Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Bereits seit der Antike ist die „Gerechtigkeit“ ein Begriff, über dessen Inhalt viel nachgedacht und diskutiert wird. Es steht fest, dass diese für ein funktionierendes Zusammenleben der Menschen unverzichtbar ist. Auf die Frage, auf welche Weise eine zwischenmenschliche Gerechtigkeit umzusetzen ist, gibt es verschiedene Antworten. Vorstellungen darüber reichen beispielsweise von den antiken Ideen von Platon und Sokrates, über theologische Sichtweisen, bis hin zur Gerechtigkeit in Verbindung mit Fairness des Philosophen John Rawls.

Diese Arbeit soll sich mit der klassischen Definition des Gerechtigkeitsbegriffs nach Aristoteles befassen, welcher im fünften Buch seiner „Nikomachischen Ethik“ (NE) ausgelegt wird. Ich habe mich für dieses Thema entschieden, da Aristoteles einer der ersten Philosophen war, der über die Gerechtigkeit nachdachte und einen Begriff vorstellte, auf dem auch unsere heutigen Auffassungen größtenteils basieren.

Zunächst soll dazu geklärt werden, worin Aristoteles‘ Definition eines glücklichen Lebens besteht und wie dies zu erreichen ist. Dabei wird der Begriff der Charaktertugend erläutert, zu denen auch die Gerechtigkeit gezählt wird. Im weiteren Verlauf der Ausarbeitung sollen folgende Fragen beantwortet werden: Wie definiert Aristoteles die Gerechtigkeit und inwiefern unterscheidet sie sich von den anderen ethischen Tugenden?

Aristoteles stellt die Gerechtigkeit als mehrdeutig dar und teilt sie in die universale und partikulare Gerechtigkeit. Die partikulare Gerechtigkeit wiederrum differenziert er in die distributive und kommutative sowie die wiedervergeltende Gerechtigkeit. Auch bei der kommutativen Gerechtigkeit unterscheidet er zwei Unterarten. Bevor Zusammenfassung und Fazit die Arbeit abschließen, wird die Güte als Sonderform der Gerechtigkeit beleuchtet. Die Gerechtigkeit in Institutionen und der Politik, soll in dieser Arbeit aufgrund des eingeschränkten Umfangs ausgeklammert werden.

1 Der Weg zum glücklichen Leben

Die Nikomachische Ethik von Aristoteles stellt eines seiner wichtigsten Werke dar, welches dabei helfen soll herauszufinden, wie es möglich ist, ein guter Mensch zu werden und ein glückliches, gelingendes Leben zu führen.
Als Grundannahme gilt hierbei, dass jeder Mensch bei allen seinen Handlungen und Entscheidungen nach dem Guten strebt. Dabei gibt es verschiedene Formen eines Guts: Jene, die dazu da sind, ein anderes Gut herbeizuführen, solche, die ein weiteres Gut befördern, aber gleichzeitig auch nur seines selbst willen erstrebenswert sind und das wichtigste aller Güter, das das Ziel und den letzten Zweck eines jeden Menschen darstellt (vgl. NE 1097 a 24- b12). Dieses Ziel, auf welches alle uns möglichen Handlungen stets indirekt ausgerichtet sind, ist die Glückseligkeit (eudaimonia), durch die der Mensch seine natürliche Vollendung erlangt und seine Bestimmung erfüllt (vgl. NE 1095a 8-32).

Dass das seelische Glück das Endziel darstellt, schließt Aristoteles daraus, dass dieses im Vergleich zu den anderen Gütern ausschließlich für sich selbst steht und niemals nur als Mittel zum Zweck dient (vgl. NE 1097 a 24- b12). Ein Handeln ganz ohne Zweck ist währenddessen als leer und sinnlos einzustufen (vgl. NE 1094a 1-21).

Das Wesen der Eudaimonia

Glückseligkeit bedeutet so viel wie „gut leben“ und „gut handeln“. Aristoteles vergleicht diesen Zustand mit der Autarkie, dem Sich-selbst-genügen (vgl. NE ebd.). Damit ist alles das gemeint, was „rein für sich genommen das Leben begehrenswert macht und nirgends einen Mangel offenlä[ss]t“ (NE 1097a 24- b12). Dies gilt allerdings nur im Kontext einer Gemeinschaft, denn der Mensch ist dafür gemacht, dass er mit einer Familie, Freunden und Mitbürgern zusammen lebt. Es liegt daher nahe, dass sich das Glück des Einzelnen erst in der Gemeinschaft vervollkommnen lässt: „Es ist gewi[ss] nicht wenig, wenn der einzelne für sich es erreicht; schöner noch und erhabener ist es, wenn Völkerschaften oder Polis-Gemeinden so weit kommen“ (NE 1094a21 –b13).

Die Antwort auf die Frage nach dem letzten menschlichen Ziel findet Aristoteles vor allem im ergon des Menschen. Dabei geht er davon aus, dass allen Dingen auf der Welt eine spezielle Fähigkeit zugeschrieben werden kann, wodurch dieses von anderen abzugrenzen ist. Das ergon eines Messers z.B. wäre, dass es schneidet. Es muss deshalb also auch dem Menschen eine spezifische Aufgabe oder Funktion innewohnen.

Aristoteles ist überzeugt, dass das ergon den Menschen in der Vernunftfähigkeit der menschlichen Seele liegt. Das gute Leben bzw. das höchste Gut lässt sich daraus folgend so bestimmen, als dass es aus der vortrefflichsten Erfüllung dieser menschlichen Aufgabe besteht. Gemeint ist damit also eine Lebensweise, die die bestmögliche Betätigung des vernünftigen Seelenteils ermöglicht. Eine solche Tätigkeit der Seele kann als eine vollkommene Tugend bezeichnet werden (areté). Das Tätigsein der Seele gemäß der Vernunft bezieht sich hierbei allerdings auf eine längere Zeitspanne, d.h. es soll innerhalb eines vollen Menschenlebens zur Geltung kommen (vgl. NE 1097b 34- 1098a 17f).

Dreiteilung der Güter

Aristoteles unterscheidet neben der Tätigkeit der Seele noch zwei andere Arten von Gütern, die zum Erreichen der eudaimonia von Wichtigkeit sind. Erst das günstige Zusammenspiel dieser drei ermöglicht es dem Menschen, wahrhaftes Glück zu erleben.

Neben den seelischen Gütern also (Tugenden/sittliche Trefflichkeit), die sich aus der vernunftgemäßen Tätigkeit der Seele ableiten, spielen auch äußere sowie leibliche Güter in gewissem Grad eine Rolle. Diese bilden das Umfeld, in welchem die Seele wirkt und nach dem Glück strebt (vgl. NE 1098b 5-26). Aristoteles vergleicht die äußeren und leiblichen Güter deshalb mit Hilfsmitteln, die einem Menschen dies erleichtern und „freundliche Umstände“ schaffen (vgl. NE 1099b 2-33). Dazu zählen beispielsweise Dinge wie Geld, Freundschaft, Herkunft (äußere Güter) oder Aussehen und Gesundheit (leibliche Güter).

Der Besitz äußerer Güter kann auf Zufälligkeit zurückgeführt werden, aber ebenfalls auf eigene Handlungen. Diese Tugenden, erziehen den Menschen dazu, gut zu leben und zu handeln. Da der Mensch Teil einer Gemeinschaft ist, betrachtet Aristoteles die Formung der Bürger zum tugendhaften Leben aber auch als Aufgabe des Staates, der seinen Bürgern zur Glückseligkeit verhelfen soll (vgl. NE 1099b 23 -1100a 13).

Zweiteilung der Seele

Aristoteles unterteilt die Seele eines Menschen in eine irrationale und eine rationale Komponente, also einen Teil mit und einen ohne Vernunft (vgl. NE 1102a 13-b2). Der irrationale Teil kann wiederum zweigeteilt werden in den vegetativen Bestandteil (Wachstum und Ernährung) und das Strebevermögen des Menschen. Im Gegensatz zum vegetativen Part, zeigt sich, dass das Strebevermögen gleichzeitig mit der irrationalen, aber auch mit der rationalen Seite in Verbindung steht. Dies wird daran deutlich, dass der Mensch im Stande ist, seine durch die irrationale Komponente aufkommenden Leidenschaften und Triebe mithilfe seines Verstandes zu beherrschen (vgl. NE 1102b 24 -1103a 7).

Tugenden

Aus dieser Zweiteilung leitet er anschließend auch die Teilung der sittlichen Trefflichkeit in dianoetische und ethische Tugenden ab. Erstere beziehen sich dabei auf den Verstand, letztere auf den Charakter. Während sich die Vorzüge des Verstandes durch Belehrung entfalten, können sich die Charaktertugenden durch Gewohnheit herausbilden (vgl. ebd.).

Ethische Tugenden

Eine gute Verfassung bringt den Bürger dazu, die besten ethische Tugenden mithilfe der Gewöhnung zu entwickeln. Ist diese jedoch schlecht gemacht, kann dies dazu führen, dass sich nur die schlechten Eigenschaften herausbilden (vgl. NE 1103a 33- b25).

Indem man die ethischen Tugenden regelmäßig auf gute Weise anwendet, lassen sie sich perfektionieren, ähnlich wie beim Erlernen eines Handwerks durch Übung und durch einen kompetenten Lehrer (vgl. ebd). Je nachdem, wie man sich in entsprechenden Situationen immer wieder verhält, kann also eine Eigenschaft angeeignet werden, die dann zu einer festen Grundhaltung wird und im Erwachsenenalter unumkehrbar ist. Die Herausbildung dieser festen Grundhaltung ist eng mit der Lust und der Unlust verbunden, denn „die Lust ist Anla[ss], da[ss] wir das Schlechte tun, der Unlust folgend unterlassen wir das Gute (NE 1104b 6-27). Lust und Unlust beziehen sich dabei auf irrationale Regungen wie Zorn, Begierde, Freude oder Mitleid (vgl. NE 1105b 3-26). Die feste Grundhaltung hilft dabei, sich diesen Empfindungen gegenüber richtig (bzw. falsch) zu verhalten, d.h. dass z.B. das Gefühl der Angst gemäßigt empfunden wird und weder zu stark, noch zu schwach ist. Die sittliche Tüchtigkeit gehört demnach zur Gattung der festen Grundhaltung, da sie vergleichbar ist mit einem andauernden Zustand, aus welchem heraus man auf irrationale Regungen auf beste Weise überlegt reagieren kann.

Aristoteles ist überzeugt, dass durch eine richtige Erziehung erreicht werden kann, dass Lust und Unlust richtig empfunden werden. Denn da die Tugendhaftigkeit nicht angeboren ist, kann sie von jedem Menschen erlangt werden (vgl. NE 1105n 26 – 1106a 14).

Die richtige Weise besteht hierbei in einem Treffen des rechten Maßes von Affekten und Leidenschaften, also der Mitte (mesotes) zwischen dem Zuviel und Zuwenig in Bezug auf die eigene Person. So wäre z.B. der Mut ethische Tugend, denn er steht als Mitte zwischen der Feigheit und der Tollkühnheit und somit zwischen dem Übermaß und dem Mangel (vgl. NE 1106b 3- 27). Feigheit und Tollkühnheit stellen gleichzeitig zwei Extreme dar, die im starken Gegensatz zueinander stehen.

Tugendhaft sein bedeutet bei Aristoteles folglich nicht, frei von Affekten zu sein, sondern seine eigenen Affekte je nach Beweggrund, Zeit, Ort und bestimmten Personen gegenüber zu beherrschen.

Vereinfacht könnte dieser Zusammenhang so dargestellt werden:

1. Der Mensch hat ein irrationale Regung (Angst)
2. Durch sittliche Tüchtigkeit trifft er die Mitte (Mut)
3. Es folgt eine gute, lobenswerte Handlung

Aristoteles sieht aber selbst ein, dass es nicht immer einfach ist, die Mitte zu treffen. Wenn dies nicht gelingt, sollte man aber wenigstens darauf achten, nicht zu weit zu einer der extremen Seiten abzuweichen, um nicht negativ aufzufallen (vgl. NE 1109b 8-26). Bla. Bla. Bla. Bla. Bla. Bla. Bla.
Überhaupt nicht möglich ist das Treffen der Mitte allerdings bei Handlungen oder Affekten, die schon an sich nicht gut sind. Nicht erst das Zuviel oder Zuwenig gilt hier als etwas Schlechtes, sondern bereits die Mitte selbst. Dazu zählen z.B. Taten wie Ehebruch und Kindsmord oder Gefühle wie Neid und Schamlosigkeit, die allesamt von einem schlechten Charakter zeugen (vgl. NE 1106b 27 -1107a 14).

Auf die dianoetischen Tugenden soll in dieser Arbeit nicht weiter eingegangen werden, da sie sich anders verhalten und bei ihnen ebenfalls keine Art Mitte aufzufinden ist.

Die Gerechtigkeit hat währenddessen eine besondere Stellung unter den Charaktertugenden. Wie oben geklärt, müsste sie als Charaktertugend eine Mitte darstellen und zwischen zwei Untugenden stehen. So wie also die mutige Handlung zwischen den Extremen Feigheit und Tollkühnheit liegt, müsste die gerechte Handlung deshalb zwischen den Extremen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit zu finden sein. Jedoch ist offensichtlich, dass dies so nicht der Fall ist. Inwiefern die Gerechtigkeit in dieser Hinsicht von den anderen Tugenden zu unterscheiden ist und weshalb sie trotzdem als Mitte gilt, soll im folgenden Verlauf deutlich werden.

2 Der Gerechtigkeitsbegriff

Nach den vorangegangen Überlegungen in Kapitel 1-4 der NE, bestimmt Aristoteles den Begriff der Gerechtigkeit zunächst allgemein als eine Grundhaltung „von der her die Menschen die Fähigkeit haben, gerechte Handlungen zu vollziehen, von der aus sie (de facto) gerecht handeln und ein festes Verlangen nach dem Gerechten haben“ (NE 1129a 3-19).

Es wird festgestellt, dass die Gerechtigkeit ein mehrdeutiger Begriff ist, da sich eine gerechte Handlung zum einen in einer Übereinstimmung mit dem Gesetz und zum anderen in der Achtung der bürgerlichen Gleichheit zeigt (vgl. NE 1129a 19-b4).

Daraus lassen sich zwei grundlegende Formen der Gerechtigkeit ableiten, die aber miteinander zusammenhängen: Die allgemeine und die spezielle Gerechtigkeit. Die allgemeine Gerechtigkeit besagt dabei, dass sich der Gerechte an die Gesetze hält und bezieht sich auf die grundsätzliche charakterliche Gutheit der Menschen. Die spezielle Gerechtigkeit hingegen betrifft die Einstellung einer Person zur Gleichheit (vgl. NE 1130a 28 – b 15). Hier gilt jemand dann als gerecht, wenn er weder zu viel, noch zu wenig für sich selbst beanspruchen will. Das bedeutet, dass er weder mehr Güter für sich haben will, als angebracht wäre, noch dass er weniger Übel für sich selbst anstrebt, als für andere (vgl. NE 1129b 4-25). Grundsätzlich ist demnach also „das Gesetzliche und Gleiche“ (NE 1129 a 19- b4) gerecht. Beide Arten verfolgen außerdem das Ziel, eine gerechte Gemeinschaft unter Freien und Gleichen zu ermöglichen.

Im Folgenden soll zunächst die universale Gerechtigkeit (iuistitia universalis) näher betrachtet werden, die auch die Namen allgemeine oder legale Gerechtigkeit trägt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Der Gerechtigkeitsbegriff von Aristoteles
Hochschule
Universität Leipzig  (Philosophie)
Veranstaltung
Solidarität und Gerechtigkeit
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
26
Katalognummer
V369159
ISBN (eBook)
9783668469846
ISBN (Buch)
9783668469853
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aristoteles Gerechtigkeit Ethik Philosophie
Arbeit zitieren
Alica Rudolf (Autor), 2016, Der Gerechtigkeitsbegriff von Aristoteles, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369159

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