Menschenbild, Staat und Gerechtigkeit. Die Philosophien von Aristoteles und Hobbes

Ein Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Vergleich der Menschenbilder

3 Vergleich von Gesellschaft, Staat und Regierung

4 Vergleich des Gerechtigkeitsbegriffes

5 Fazit

6 Abschließende Gedanken

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Welch hoher Stellenwert und welch großes Bedürfnis des Menschen sich hinter dem Begriff Gerechtigkeit verbirgt, zeigt sich darin, dass darüber schon in der Antike ausführlich nachgedacht und geschrieben wurde und sich das Interesse daran bis heute nicht verändert hat. Von Platon, dem Lehrer Aristoteles’, über Thomas von Aquin, Thomas Hobbes, Karl Marx bis John Rawls[1] – letzterer einer der prägenden Gerechtigkeitsphilosophen des letzten Jahrhunderts: Sie alle haben unterschiedliche Konzepte und Vorstellungen davon gehabt, was Gerechtigkeit ist und diese anhand ihrer anthropologischen und gesellschaftlichen Grundannahmen begründet.

In diesem Aufsatz soll ein Vergleich hergestellt werden zwischen den unterschiedlichen Menschenbildern und politischen Konzeptionen und den daraus resultierenden unterschiedlichen Ansätzen des Gerechtigkeitsbegriffes von Aristoteles und Thomas Hobbes, der ziemlich genau zweitausend Jahre später seine Werke schrieb. Dieser Vergleich ist kein zufällig gewählter: Hobbes kritisiert Aristoteles explizit in „Leviathan“ und hat zum Teil nicht nur abweichende, sondern gar entgegengesetzte Ansichten. Die Abwendung Hobbes’ von antiken Vorstellungen geschieht in einer Zeit des Umbruchs in England, in der sich nach dem Bürgerkrieg 1642 bis 1649 die britische Krone dem Parlament (vorerst) geschlagen geben muss. Bezeichnend ist, dass Leviathan kurz nach Beendigung des Krieges erscheint[2] und so das Buch als Legitimationsversuch und Verteidigung der Monarchie gesehen werden kann (vgl. L: 180f)[3]. Der zuerst von Hobbes konzipierte moderne Kontraktualismus[4], woraus eine der Hauptströmungen der politischen Philosophie der Moderne entstand, setzt sich klar von der Antike und ihrem Bild des Menschen als zoon politikon [5] ab.

Das Ziel dieser Analyse ist zu zeigen, wie unterschiedlich die anthropologischen Auffassungen beider Philosophen sind und wie sich dies auf die teilweise gegensätzlichen Meinungen über Gesellschaft, Staat und Gerechtigkeit auswirkt. Beide gehen zum Teil von den gleichen Prämissen aus, dass sich beispielsweise der Mensch vom Tier deshalb unterscheidet, weil er von Natur aus vernunftbegabt ist und Sprache besitzt. Dennoch ziehen sie aus diesen gemeinsamen Vorstellungen ausgesprochen unterschiedliche Schlussfolgerungen. Auf der einen Seite steht der Naturalismus des Aristoteles mit der Aussage, dass Menschen soziale und gemeinschaftsbildende Geschöpfe sind, auf der anderen Seite der Kontraktualismus des Thomas Hobbes mit der Behauptung, dass sich der leidenschaftsgetriebene und machthungrige Mensch nur durch einen Gesellschaftsvertrag aus einem Zustand des Krieges eines jeden gegen jeden befreien kann.

Ich werde die Unterschiede in den Konzeptionen beider Philosophen herausstellen und möglichst scharf abgrenzen, indem ich den Vergleich anhand von Schlüsselkategorien aufeinander aufbaue. Dabei gehe ich nur auf die relevantesten Aspekte ein. Zuerst betrachte ich den Menschen in seiner grundsätzlichen, beziehungsweise natürlichen Beschaffenheit, wie ihn Aristoteles und Hobbes beschreiben, und skizziere dann, welche Implikationen dies auf die politische und staatliche Konzeption beider hat. Dies wird den Hauptteil der Arbeit ausmachen und in der Betrachtung des Gerechtigkeitsbegriffes münden, wie er von beiden jeweils mit ihren Annahmen von Mensch und Staat begründet wird.

2 Vergleich der Menschenbilder

„Denn nichts, meinen wir, schafft die Natur vergeblich“ (P: 1253a). In diesem Satz ist präzise zusammengefasst, was bei der Analyse von Aristoteles’ Philosophie grundsätzlich ist: Er hatte ein teleologisches Weltbild. Alles Handeln, Wissen und Nachdenken hat ein Ziel (vgl. Röttgers 2010: 9 u. 57). In seinem Werk „Nikomachische Ethik“ beginnt Aristoteles mit der Definition des Guten: Es ist „das, wonach alles strebt.“ (N: 1094a). Da es Güter gibt, die „abschließenden Charakter“ haben (N: 1097a), die also um ihrer selbst, und nicht um etwas Anderes zu erreichen, gewollt werden, gibt es auch ein höchstes Ziel: das Glück. Glück wird so definiert, dass „der Glückliche gut lebt und gut handelt“ (N: 1098b) und dass es autark ist: Hätte man nur das eine, wäre das Leben schon wählenswert und vollständig (vgl. N: 1098b). Somit ist das Erreichen des Glücks unabhängig vom Schicksal, dem Zufall oder dem „Handeln der Götter“, aber es hängt stark von der Gemeinschaft mit anderen ab (vgl. Röttgers 2010: 9f u. 58).

Aristoteles beschreibt den Menschen als zoon politikon, womit er meint, dass der Mensch ein politisches, „von Natur aus […] staatsbezogenes Lebewesen ist“ (P: 1253a), der die Gemeinschaft mit anderen sucht. Er grenzt sich vom Tier vor allem durch den Besitz von logos ab, das im Griechischen bezeichnenderweise sowohl „Sprache“ als auch „Vernunft“ bedeutet (vgl. P: 1332b). Logos lässt den Menschen das Nützliche vom Schädlichen und dadurch auch das Gerechte vom Ungerechten unterscheiden, während Tiere nur eine Stimme besitzen, um Freude und Leiden anzuzeigen (vgl. P: 1253a). Aristoteles sagt nicht, dass Tiere wie die Bienen nicht auch staatsbezogene Lebewesen sein können. Der Mensch jedoch ist durch logos und die Fähigkeit, Moral wahrzunehmen, in einem signifikant höheren Maße dazu befähigt. Zudem ist der Mensch durch Erziehung, Unterricht und die Gesetze der polis [6] in der Lage, nach höheren Dingen als dem bloßen Verlangen von Genuss oder der Vermeidung von Schmerz zu streben (vgl. Miller 1995: 32f u. P: 1332b). Die Fähigkeit, das Gute und Gerechte zu erkennen und dadurch mit anderen politisch zu kooperieren (vgl. Miller 1995: 67), bildet die Grundlage für das Haus (oikos) und den Staat (vgl. P: 1253a), während die Sprache bessere und effektivere Kooperation und vernünftiges Handeln zwischen den Menschen zulässt (vgl. Miller 1995: 31).

Alle Menschen haben laut Aristoteles nicht nur ein angeborenes Potenzial zum politischen Wesen, da sie logos besitzen, sondern auch einen angeborenen Trieb nach Gemeinschaft (vgl. P: 1253a). „Wenn aber jemand nicht in der Lage ist, an der Gemeinschaft teilzuhaben, oder zufolge seiner Selbstgenügsamkeit ihrer nicht mehr bedarf, der ist kein Teil des Staates, somit also entweder ein wildes Tier oder gar ein Gott“ (P: 1253a). Dieser Drang nach Gemeinschaft hat nach Miller drei Dimensionen: Erstens möchten Menschen Gemeinschaft, selbst wenn sie „der gegenseitigen Hilfe nicht bedürfen“ (P: 1278b). Zweitens „führt sie auch der gemeinsame Nutzen zusammen“ (P: 1278b) und drittens „auch bloß um des Lebens willen“ (P: 1278b). An dieser Stelle setze ich mit der Kritik Hobbes’ an (vgl. Miller 1995: 35).

Nur der dritte Aspekt, jedoch aus negativer Perspektive, ist für Hobbes ein Grund – der einzige Grund – für einen Menschen, mit anderen eine Gemeinschaft zu gründen: aus Angst um das eigene Leben (ebd. 1995: 35). Denn aus seiner Sicht ist der Mensch alles andere als ein zoon politikon, sondern von Natur aus ein Einzelgänger, der von Trieben gesteuert ist. Er schreibt gar: „Ferner empfinden die Menschen am Zusammenleben kein Vergnügen, sondern im Gegenteil großen Verdruss, wenn es keine Macht gibt, die in der Lage ist, sie alle einzuschüchtern“ (L: 121). Hobbes zeichnet ein dunkles Bild vom Menschen, solange er sich im Naturzustand befindet. Dort ist das Leben „einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz“ (L: 123). Er benennt die drei größten Konfliktursachen als Konkurrenz, Misstrauen und Ruhmsucht (vgl. L: 122). Es herrscht deswegen „Krieg eines jeden gegen jeden“ (L: 122). Der Mensch muss sich ständig fürchten, überfallen und seines Besitzes oder gar seines Lebens beraubt zu werden (vgl. L: 120f). Als natürliches Recht gilt: Jeder hat das Recht auf alles, selbst auf den Körper des anderen (vgl. L: 125f u. 139). Da es deshalb weder Vertrauen noch gemeinschaftliche Kraftanstrengungen geben kann, gibt es keinen Fortschritt, keine Wissenschaft und keine Kunst (vgl. L: 123). Als natürliches Gesetz gilt: Jeder hat sich um Frieden zu bemühen, solange Aussicht auf diesen besteht. Falls dies nicht der Fall ist, soll man alles in der Macht stehende nutzen, um sich selbst zu erhalten (vgl. L: 126f u. 139).

Der Mensch wird von Hobbes als Maschine dargestellt, da zum einen Empfindungen wie Zuneigung oder Abneigung und das innere Streben beziehungsweise das äußere Handeln nichts anderes als Bewegungen sind, die durch das „Drücken“ eines Objektes auf ein Sinnesorgan (welches wiederum auf das Gehirn oder das Herz wirkt) ausgelöst werden (vgl. L: 21 u. 57), und zum anderen der Mensch das bloße Ziel besitzt, die eigenen Bedürfnisse zu stillen, sein Leben zu erhalten und nach Macht zu streben. Um aber erlangte Güter, Ehre und Macht zu verteidigen und zu sichern, ist es unvermeidbar, mehr Macht zu erkämpfen (vgl. L: 121). Im Zusammenhang mit diesen Mechanismen kritisiert Hobbes, dass an den Universitäten eine falsche Vorstellung vom Menschen gelehrt wird, „die auf gewissen Texten von Aristoteles beruht“ (L: 22).

Hobbes stimmt Aristoteles jedoch in seiner Einschätzung zu, welch große Bedeutung die Sprache für den Menschen hat und dass die größte Unterscheidung zum Tier darauf zurückzuführen ist, dass die Sprache dem Tier fehlt. Zudem besitzt der Mensch die Fähigkeit, nach Kausalität zu fragen, und somit Wissenschaft zu betreiben[7], was ihn von den Tieren abhebt. Hobbes bewertet die Sprache folgendermaßen: „Aber die edelste und nützlichste Erfindung war die Sprache, die aus Namen oder Benennungen und ihrer Verknüpfung besteht […]. Ohne sie hätte es unter den Menschen weder Staat noch Gesellschaft, Vertrag und Frieden gegeben“ (L: 35). Im 17. Kapitel des Leviathan bezieht er sich auf Aristoteles’ Erkenntnis, dass auch Bienen und Ameisen politische Lebewesen sind. Doch obwohl beide von der gleichen Prämisse ausgehen, dass die fehlende Sprache und Vernunft sie vom Menschen unterscheidet, leitet Hobbes vom Vergleich mit den Tieren das von Aristoteles ganz unterschiedliche Bild vom Menschen ab (vgl. L: 164ff).

Man kann bei Hobbes von einer Inversion der Teleologie sprechen. Es gibt kein höchstes Gut oder Ziel wie bei Aristoteles, dem alles zustrebt, sondern ein größtes Übel, das es zu vermeiden gilt: Das ist der Tod. Somit wäre die Selbsterhaltung das größte Ziel. Unvernünftiges Handeln ist demnach alles, „was sein Leben vernichten oder ihn der Mittel zu seiner Erhaltung berauben kann, und das zu unterlassen, wodurch es seiner Meinung nach am besten erhalten werden kann“ (L: 126). Vernünftiges Handeln dagegen ist, das bereits beschriebene, erste natürliche Gesetz einzuhalten. Es fehlt nicht nur ein höchstes Gut, sondern auch die Einteilung von Dingen in Gut und Böse ist subjektiv. Es gibt nämlich „keine allgemeine Regel für Gut und Böse, die aus dem Wesen der Objekte selbst entnommen werden kann“ (L: 56).

Das Fehlen einer höheren Instanz im Naturzustand hat nicht nur zur Folge, dass unter Freiheit die „Abwesenheit äußerer Hindernisse“ (L: 126) verstanden wird, sondern dass vernünftiges und richtiges Handeln für jede Person etwas Anderes, gar einer anderen Person gegenläufiges Handeln bedeuten, und bei Konkurrenz in Gewalt enden kann. Eigentum, vor allem rechtlich geschütztes, gibt es nicht. Jeder besitzt nur das, „was er erlangen kann, und zwar so lange, wie er es zu behaupten vermag“ (L: 120f). Deshalb haben Begriffe wie Gerechtigkeit im Naturzustand auch keinen Platz: „Wo keine allgemeine Gewalt ist, ist kein Gesetz, und wo kein Gesetz, keine Ungerechtigkeit“ (L: 125). Das Recht auf alles lässt die Menschen um ihr Leben fürchten. Aus diesem Grund treiben die Leidenschaften – Furcht vor dem Tod und das Verlangen nach einem angenehmen Leben – und die Vernunft, sich um Frieden zu bemühen, die Menschen dazu, einen Vertrag eines jeden mit jedem zu schließen (vgl. L: 125). Dieser Vertragsschluss ist bei Hobbes der Beginn des Staates.

[...]


[1] Platon: 428 v. Chr. - 348 v. Chr., Aristoteles: 384 v. Chr. - 322 v. Chr., Thomas von Aquin: 1225 - 1274, Thomas Hobbes: 1588 - 1679, Karl Marx: 1818 - 1883, John Rawls: 1921 - 2002.

[2] Leviathan wurde 1651 veröffentlicht.

[3] Die beiden von Aristoteles geschriebenen Primärquellen, die von mir hauptsächlich genutzt werden, sind „Politik“ und „Nikomachische Ethik“ und werden beim Zitieren mit P bzw. N abgekürzt und mit der Bekker-Zählung kombiniert. Bei Hobbes stütze ich mich auf „Leviathan“ als Hauptquelle und verwende beim Zitieren das Kürzel L.

[4] Die Lehre vom Gesellschaftsvertrag.

[5] Zoon bedeutet Lebewesen, politikon so viel wie sozial, gesellig oder politisch.

[6] Polis bedeutet soviel wie Staat oder Stadtstaat. Siehe Röttgers (2010: 66) für eine Auseinandersetzung mit der Übersetzungsproblematik.

[7] Wissenschaft im Naturzustand ist, wie schon erläutert, kaum möglich. Wenn, dann wird sie dort zur Machterhaltung eingesetzt. Effektiv kann sie aber erst nach geschlossenem Gesellschaftsvertrag betrieben werden.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Menschenbild, Staat und Gerechtigkeit. Die Philosophien von Aristoteles und Hobbes
Untertitel
Ein Vergleich
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Hauptströmungen der Politischen Philosophie - Moderne
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V369184
ISBN (eBook)
9783668472679
ISBN (Buch)
9783668472686
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aristoteles, Hobbes, Gerechtigkeit, Vertragstheorien
Arbeit zitieren
Michael Simon (Autor), 2016, Menschenbild, Staat und Gerechtigkeit. Die Philosophien von Aristoteles und Hobbes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369184

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Menschenbild, Staat und Gerechtigkeit. Die Philosophien von Aristoteles und Hobbes


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden