In diesem Aufsatz soll ein Vergleich hergestellt werden zwischen den unterschiedlichen Menschenbildern und politischen Konzeptionen und den daraus resultierenden unterschiedlichen Ansätzen des Gerechtigkeitsbegriffes von Aristoteles und Thomas Hobbes, der ziemlich genau zweitausend Jahre später seine Werke schrieb. Dieser Vergleich ist kein zufällig gewählter: Hobbes kritisiert Aristoteles explizit in „Leviathan“ und hat zum Teil nicht nur abweichende, sondern gar entgegengesetzte Ansichten. Die Abwendung Hobbes’ von antiken Vorstellungen geschieht in einer Zeit des Umbruchs in England, in der sich nach dem Bürgerkrieg 1642 bis 1649 die britische Krone dem Parlament (vorerst) geschlagen geben muss. Bezeichnend ist, dass Leviathan kurz nach Beendigung des Krieges erscheint und so das Buch als Legitimationsversuch und Verteidigung der Monarchie gesehen werden kann. Der zuerst von Hobbes konzipierte moderne Kontraktualismus, woraus eine der Hauptströmungen der politischen Philosophie der Moderne entstand, setzt sich klar von der Antike und ihrem Bild des Menschen als zoon politikon ab.
Das Ziel dieser Analyse ist zu zeigen, wie unterschiedlich die anthropologischen Auffassungen beider Philosophen sind und wie sich dies auf die teilweise gegensätzlichen Meinungen über Gesellschaft, Staat und Gerechtigkeit auswirkt. Beide gehen zum Teil von den gleichen Prämissen aus, dass sich beispielsweise der Mensch vom Tier deshalb unterscheidet, weil er von Natur aus vernunftbegabt ist und Sprache besitzt. Dennoch ziehen sie aus diesen gemeinsamen Vorstellungen ausgesprochen unterschiedliche Schlussfolgerungen. Auf der einen Seite steht der Naturalismus des Aristoteles mit der Aussage, dass Menschen soziale und gemeinschaftsbildende Geschöpfe sind, auf der anderen Seite der Kontraktualismus des Thomas Hobbes mit der Behauptung, dass sich der leidenschaftsgetriebene und machthungrige Mensch nur durch einen Gesellschaftsvertrag aus einem Zustand des Krieges eines jeden gegen jeden befreien kann.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Vergleich der Menschenbilder
3 Vergleich von Gesellschaft, Staat und Regierung
4 Vergleich des Gerechtigkeitsbegriffes
5 Fazit
6 Abschließende Gedanken
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die grundlegenden Unterschiede in den anthropologischen Auffassungen von Aristoteles und Thomas Hobbes und analysiert, wie diese gegensätzlichen Menschenbilder ihre jeweiligen Konzepte von Gesellschaft, Staat und Gerechtigkeit prägen. Dabei liegt der Fokus auf dem Kontrast zwischen dem antiken Naturalismus des Aristoteles und dem modernen Kontraktualismus von Hobbes.
- Gegenüberstellung der Menschenbilder: „zoon politikon“ versus „Einzelgänger“
- Die Rolle der Vernunft und Sprache im gesellschaftlichen Kontext
- Staatstheoretische Konstruktionen: Natürliche Gemeinschaft versus künstlicher Gesellschaftsvertrag
- Differenzierung der Gerechtigkeitsbegriffe unter Berücksichtigung von Gesetz und Ordnung
- Vergleich der Staatsziele: „Gutes Leben“ versus „Sicherheit vor dem Tod“
Auszug aus dem Buch
Vergleich der Menschenbilder
„Denn nichts, meinen wir, schafft die Natur vergeblich“ (P: 1253a). In diesem Satz ist präzise zusammengefasst, was bei der Analyse von Aristoteles’ Philosophie grundsätzlich ist: Er hatte ein teleologisches Weltbild. Alles Handeln, Wissen und Nachdenken hat ein Ziel (vgl. Röttgers 2010: 9 u. 57). In seinem Werk „Nikomachische Ethik“ beginnt Aristoteles mit der Definition des Guten: Es ist „das, wonach alles strebt.“ (N: 1094a). Da es Güter gibt, die „abschließenden Charakter“ haben (N: 1097a), die also um ihrer selbst, und nicht um etwas Anderes zu erreichen, gewollt werden, gibt es auch ein höchstes Ziel: das Glück. Glück wird so definiert, dass „der Glückliche gut lebt und gut handelt“ (N: 1098b) und dass es autark ist: Hätte man nur das eine, wäre das Leben schon wählenswert und vollständig (vgl. N: 1098b). Somit ist das Erreichen des Glücks unabhängig vom Schicksal, dem Zufall oder dem „Handeln der Götter“, aber es hängt stark von der Gemeinschaft mit anderen ab (vgl. Röttgers 2010: 9f u. 58).
Aristoteles beschreibt den Menschen als zoon politikon, womit er meint, dass der Mensch ein politisches, „von Natur aus […] staatsbezogenes Lebewesen ist“ (P: 1253a), der die Gemeinschaft mit anderen sucht. Er grenzt sich vom Tier vor allem durch den Besitz von logos ab, das im Griechischen bezeichnenderweise sowohl „Sprache“ als auch „Vernunft“ bedeutet (vgl. P: 1332b). Logos lässt den Menschen das Nützliche vom Schädlichen und dadurch auch das Gerechte vom Ungerechten unterscheiden, während Tiere nur eine Stimme besitzen, um Freude und Leiden anzuzeigen (vgl. P: 1253a). Aristoteles sagt nicht, dass Tiere wie die Bienen nicht auch staatsbezogene Lebewesen sein können. Der Mensch jedoch ist durch logos und die Fähigkeit, Moral wahrzunehmen, in einem signifikant höheren Maße dazu befähigt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung stellt die philosophische Relevanz des Gerechtigkeitsbegriffs dar und führt in den Vergleich zwischen dem Naturalismus von Aristoteles und dem Kontraktualismus von Hobbes ein.
2 Vergleich der Menschenbilder: Dieses Kapitel kontrastiert das teleologische Menschenbild des Aristoteles mit Hobbes’ mechanistischem Bild des leidenschaftsgetriebenen Einzelgängers im Naturzustand.
3 Vergleich von Gesellschaft, Staat und Regierung: Der Fokus liegt hier auf der Entstehung des Staates als natürliche Vervollkommnung versus als künstliches, durch einen Vertrag geschaffenes Konstrukt zur Friedenssicherung.
4 Vergleich des Gerechtigkeitsbegriffes: Hier wird erläutert, wie bei Aristoteles Gerechtigkeit eine moralische Gemeinschaftstugend darstellt, während sie bei Hobbes rein vertraglich definiert ist.
5 Fazit: Das Fazit fasst die wesentlichen Unterschiede der Argumentationslinien zusammen und betont die fundamentale Divergenz der politischen Ausgangspunkte.
6 Abschließende Gedanken: Die abschließenden Überlegungen hinterfragen die Realitätsnähe beider Ansätze und regen zu einer kritischen Synthese der antiken und modernen Positionen an.
Schlüsselwörter
Aristoteles, Hobbes, Gerechtigkeit, Menschenbild, Leviathan, Zoon Politikon, Gesellschaftsvertrag, Staat, Naturzustand, Vernunft, Teleologie, Kontraktualismus, Politik, Ethik, Sicherheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht die politischen Philosophien von Aristoteles und Thomas Hobbes mit einem Fokus auf die Themen Menschenbild, Staatsverständnis und Gerechtigkeit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentral sind die anthropologischen Grundannahmen, die Entstehung und Legitimation von Staaten sowie die Definition von Gerechtigkeit in diesen beiden philosophischen Systemen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Unterschiede zwischen dem antiken Naturalismus des Aristoteles und dem modernen Kontraktualismus des Hobbes herauszuarbeiten und aufzuzeigen, wie diese unterschiedlichen Menschenbilder das politische Denken beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine systematische vergleichende Analyse philosophischer Primär- und Sekundärliteratur unter Verwendung von Schlüsselkategorien.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in den Vergleich der Menschenbilder, die Gegenüberstellung von Gesellschaft, Staat und Regierung sowie die Analyse der jeweiligen Gerechtigkeitsbegriffe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Menschenbild, Gerechtigkeit, Gesellschaftsvertrag, Leviathan und Zoon Politikon.
Warum lehnt Hobbes die antike Vorstellung vom Menschen als „zoon politikon“ ab?
Hobbes sieht den Menschen nicht als von Natur aus sozial, sondern als von Natur aus machthungrig und im „Krieg eines jeden gegen jeden“ gefangen, weshalb er soziale Ordnung erst als künstliches, vertragliches Konstrukt begreift.
Wie unterscheidet sich die Gerechtigkeitsauffassung bei Aristoteles von der bei Hobbes?
Für Aristoteles ist Gerechtigkeit eine moralische Tugend, die innerhalb der Gemeinschaft gelebt wird, während sie bei Hobbes die strikte Einhaltung von Verträgen unter einem schützenden Souverän bedeutet.
Welche Rolle spielt die Sprache nach Aristoteles und Hobbes?
Beide stimmen darin überein, dass die Sprache (logos) den Menschen vom Tier unterscheidet und die Voraussetzung für jegliche Form von Staat und vernünftiger Kooperation ist.
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- Michael Simon (Autor), 2016, Menschenbild, Staat und Gerechtigkeit. Die Philosophien von Aristoteles und Hobbes, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369184