Am Beispiel verschiedener Verleger und Buchhändler soll herausgearbeitet werden, wie jene Akteure mit den Zensurpraktiken im Verlauf des Vormärz umgingen und welche Strategien sich dadurch herausbildeten. Mit „In tyrannos der Zensur“ beschrieb der deutsche Literaturwissenschaftlicher Heinrich Hubert Houben die Haltung deutscher Autoren und Verleger, die sich im Verlauf des Vormärz mit einer Reihe neuer Gesetze konfrontiert sahen, welche eine der strengsten obrigkeitsstaatlichen Zensurmaßnahmen in der Geschichte Deutschlands zufolge hatten.
Aber verhielt es sich mit jenem ungleichen Kampf wirklich so, wie es der Literaturwissenschaftler vor über 90 Jahren in seinem Werk dargestellte? Handelte es sich bei diesem Widerstand, so wie es hier angedeutet wird, wirklich um ein allgemeines Phänomen? Und vor allem: wie und mit welchen Mitteln war das damalige Zensursystem überhaupt zu überlisten?
Diese Fragen sollen im Rahmen der hier vorliegenden Hausarbeit beantwortet werden, wobei ein besonderes Augenmerk auf die unterschiedlichen Widerstandsstrategien der Verlage gelegt werden wird. Dies ergibt sich daraus, dass jene Taktiken in der bisherigen Fachliteratur einer nur unzureichenden Betrachtung unterzogen worden sind, oft nur bruchstückhaft im Kontext anderer Themen angeschnitten wurden und bislang kein konsequenter Versuch unternommen worden ist, diese zu sammeln, voneinander abzugrenzen und in Kategorien einzuteilen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Forschungsstand und Methoden
3 Grundlagen
3.1 Definition und Funktion literarischer Zensur
3.2 Karlsbader Beschlüsse und Junges Deutschland
3.3 Territoriale Unterschiede
4 Buchhändlerischer Widerstand
4.1 Verzicht auf Widerstand
4.2 Gründe für buchhändlerischen Widerstand
4.3 Legaler Widerstand
4.3.1 Strategie des Ausweichens
4.3.2 Strategie der Umgehung
4.3.3 Einspruch
4.4 Illegaler Widerstand
4.4.1 Strategie der Bestechung
4.4.2 Strategie der Täuschung
4.4.3 Strategie der Verschleierung
4.4.4 Strategie der Beschleunigung
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die verschiedenen Strategien des buchhändlerischen Widerstands gegen das rigide Zensursystem im Deutschen Staatenbund während der Epoche des Vormärz (1819–1848), um aufzuzeigen, mit welchen Mitteln Verleger den obrigkeitsstaatlichen Überwachungsapparat zu umgehen versuchten.
- Historische Einordnung der Zensurmaßnahmen im Vormärz
- Analyse legaler Strategien wie Ausweichen und Umgehung
- Untersuchung illegaler Praktiken (Bestechung, Verschleierung, Beschleunigung)
- Fallbeispiele prominenter Verleger wie Julius Campe und Ernst Enke
- Bewertung des Widerstands als Phänomen der Zeit
Auszug aus dem Buch
4.4.1 Strategie der Bestechung
Wie in 4.2.2 gezeigt, hatte die Umgehung der Vorzensur mithilfe der 20-Bogen-Klausel nicht selten unangenehme, wenn nicht sogar die Existenz bedrohende Folgen, sodass Verleger wie Julius Campe die Veröffentlichung ihrer Werke unter dem Schutz einer bundesstaatlichen Imprimatur bevorzugten. Damit ein solcher Antrag auf Imprimatur nicht wie im Fall Reimer in einer gesetzlichen Sackgasse mündete, war eine gute Beziehung zu den Zensurbeamten von immenser Wichtigkeit, sodass die Verleger nicht müde wurden, jene Verbindungen mittels verschiedenster Geschenke zu bekräftigen.
So schrieb Campe 1840 über den zuvor erwähnten Wandsbeker Zensor an Heine: „In Wandsbek etablirt sich, der Cencur wegen, eine Druckerei, der Censor thut für 12 Flaschen – viel! –“ Zwar wurde jener Zensor schon vier Jahre später seines Amtes enthoben, doch beweist dieser Brief einmal mehr die Flexibilität der literarischen Opposition, sich den Schwachstellen des Systems bestmöglich anzupassen und dementsprechend den größtmöglichen Nutzen daraus zu ziehen.
Aber nicht nur bei den Zensoren machten sich die Verleger die menschliche Schwäche der Bestechlichkeit zunutze. Es existierten auch bestechliche Zoll- und Postbeamte, die gegen eine kleine Aufwendung für einen zügigen Versand der Ware sorgten oder das Importieren unzensierter Bücher ermöglichten. In diesem Zusammenhang erwähnte das Mainzer Informationsbüro, welches 1833 gegründet wurde und der Aufgabe nachkam, Zensurumgehungen aufzudecken, in einem Bericht, dass es an der sächsisch- und schlesisch-böhmischen Grenze wiederholt zu Fällen eines solchen Bücherschmuggels gekommen sei, was auch die Beteiligung korrupter österreichischer Zollbeamte miteinschloss. So heißt es in einem Bericht: „[…] gegen ein Trinkgeld kann man alles über die Grenze bringen; wer einen Zwanziger dem Zoll Trinkgeld übergibt, kann den ganzen Wagen voll Bücher haben; so ist es an der ganzen Grenze.“ Und dass dies nicht der einzige Fall war, zeigt ein bereits zuvor verfasster Report, in welchem der gleiche Informant schreibt, dass die Zensurkommission „einen eigenen Rock voller großer Taschen habe“ und gegen ein Trinkgeld darüber hinwegsehe, dass verbotene Werke unter der Makulatur versteckt geschmuggelt werden würden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Thematik der Zensur im Vormärz, Abgrenzung des Untersuchungsgegenstandes und Darlegung der zentralen Fragestellung.
2 Forschungsstand und Methoden: Überblick über die relevante Fachliteratur sowie Erläuterung der methodischen Vorgehensweise bei der Definition des Zensurbegriffs.
3 Grundlagen: Theoretische Klärung der Zensur, ihrer Funktionen sowie der historischen Bedingungen durch die Karlsbader Beschlüsse und territoriale Besonderheiten.
4 Buchhändlerischer Widerstand: Analyse der verschiedenen Taktiken, unterteilt in Verzicht, legalen Widerstand und illegalen Widerstand.
5 Fazit: Zusammenfassung der Ergebnisse und Einordnung des Widerstands als eine von der Minderheit getragene, strategisch vielseitige Praxis.
Schlüsselwörter
Zensur, Vormärz, Buchhandel, Julius Campe, Karlsbader Beschlüsse, Pressefreiheit, Widerstandsstrategien, Metternich, Literatur, Preußen, Imprimatur, Schmuggel, Junges Deutschland, Verleger, Pressegesetz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Verleger im 19. Jahrhundert während der Zeit des Vormärz gegen die strengen Zensurmaßnahmen des Metternich-Systems agierten und welche Widerstandsstrategien sie entwickelten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die rechtlichen Rahmenbedingungen der Zensur, die ökonomischen Abhängigkeiten der Buchhändler und die praktische Umsetzung von Strategien zur Umgehung der staatlichen Kontrolle.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die in der Forschung oft nur bruchstückhaft behandelten Widerstandstaktiken der Verlage zu systematisieren, voneinander abzugrenzen und in Kategorien wie legalen und illegalen Widerstand einzuteilen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine Literaturanalyse, um den Forschungsstand aufzuarbeiten und anhand von Fallbeispielen und zeitgenössischen Korrespondenzen die Strategien der Verleger zu belegen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden konkrete Widerstandsformen wie das Ausweichen in liberale Gebiete, die Umgehung der Zensur durch die Bogenzahl-Regelung, Bestechung, Tarnung und gezielte Beschleunigung der Distribution detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Zensur, Widerstandsstrategien, Vormärz, Buchmarkt, Julius Campe und Pressefreiheit charakterisiert.
Welche Rolle spielt Julius Campe in diesem Zusammenhang?
Julius Campe gilt als einer der wichtigsten oppositionellen Verleger, der als zentrales Beispiel für die Anwendung fast aller genannten Strategien zur Umgehung des Zensurapparats dient.
Warum wird die „20-Bogen-Klausel“ so intensiv besprochen?
Diese gesetzliche Lücke erlaubte es, Werke ab einer bestimmten Länge vor der Vorzensur zu bewahren, weswegen Verleger häufig versuchten, ihre Bücher durch Tricks künstlich auf diese Seitenzahl zu bringen.
- Citation du texte
- Sebastian Brünnel (Auteur), 2017, "In tyrannos der Zensur". Zensurpraktiken im Verlauf des Vormärz und der buchhändlerische Widerstand, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369206