Die Konstruktion und Funktion politischer Mythen. Der Ernst-Thälmann-Mythos in der geschichtspolitischen Strategie der DDR


Hausarbeit, 2017

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der politische Mythos
2.1 Bedeutsamkeit: die W ä hrung des Mythos
2.2 Der politische Mythos als Zeichensystem

3. Politischer Mythos in der DDR
3.1 Ernst Thälmann als sozialistischer Held
3.2 Die Arbeit am Ernst-Thälmann-Mythos im DEFA-Film

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Philosoph Ernst Cassirer hielt es für offensichtlich, „daß große Massen viel leichter durch die Gewalt der Einbildung bewegt werden, als durch reine physische Gewalt.“[1] Die Einbildung speist sich aus dem Material der Erinnerung. Wer bestimmen kann, wer oder was auf welche Art und Weise zu erinnern ist,[2] hält demnach ein bedeutendes Machtmittel in seinen Händen. Dieses Machtmittel anzuwenden, das heißt jede Hand- lung eines politischen Akteurs, die darauf abzielt, zur Beantwortung der Frage nach dem richtigen Objekt und dem angemessenen Modus der kollektiven Erinnerung einer sozia- len Gruppe beizutragen, ist als geschichtspolitische Handlung zu betrachten. Eine solche Steuerung des Geschichtsbildes - einer Staatsbevölkerung zum Beispiel - kann zur Le- gitimation politischen Handelns beitragen, indem sie dieses Handeln als notwendige Reaktion auf die (konstruierte) Vergangenheit darstellt.

Die geschichtspolitische Aktivität der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) ist aus zweierlei Gründen ein besonders interessantes Untersuchungs- objekt für eine Analyse geschichtspolitischer Strategien. Zum einen „verfügte die DDR über keine selbstverständliche, nationalstaatliche Grundlage“,[3] die das Handeln ihrer Regierung oder überhaupt erst ihre Existenz als Staat hätte legitimieren können.[4] Aus diesem Mangel erwuchs die Not nach einer alternativen identitätsstiftenden Narration, denn „Herrschaft braucht Herkunft.“[5] Um das nötige Verständnis von Einheit in einer sozialen Gruppe herzustellen, bedarf es einer Kontinuitätsnarration, die das Bestehen der Gruppe aus einer gemeinsamen Vergangenheit erklärt. Eine soziale Gruppe, also eine imaginierte Gemeinschaft wie eine Nation oder ein Volk, existiert nur, insoweit sie sich selbst als solche versteht.[6] Zum anderen boten die Strukturen des totalitären Staates DDR der dort herrschenden Sozialisti schen Einheitspartei Deutschlands (SED) die Möglichkeit, eine solche Narration auf allen Kanälen zu verbreiten, um die entworfene kollektive Identität populär zu machen und im Bewusstsein der Bevölkerung zu veran- kern.

Als beispielhaftes Element der geschichtspolitischen Strategie der SED soll in dieser Arbeit die Konstruktion und Funktion des Ernst-Thälmann-Mythos untersucht werden, einer von der Partei mit viel Aufwand lancierten Narration. Ziel dieser Arbeit ist es, die folgende Frage zu beantworten: Inwiefern konnte die Konstruktion, Kommunikation und Rezeption der Geschichte des Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutsch- lands (KPD) in der Weimarer Republik dazu beitragen, die DDR als Staat und die Poli- tik der SED zu rechtfertigen? Zunächst ist dabei anschließend an Ernst Cassirers kultur- anthropologische Mythos-Theorie zu klären, was unter dem Begriff Mythos und speziell dem Begriff politischer Mythos zu verstehen ist. Darauf folgt eine Darstellung von Hans Blumenbergs Konzept der Bedeutsamkeit. Ein Überblick über Roland Barthes‘ semio- logische Mythos-Theorie komplettiert den theoretischen Teil dieser Arbeit. Auf Basis dieser Theorien soll dann die Konstruktion und Funktion des Ernst-Thälmann-Mythos innerhalb der geschichtspolitischen Strategie der SED analysiert werden. Grundlage der Analyse der mythischen Narration um Ernst Thälmann sollen die beiden DEFA- Spielfilme Ernst Th ä lmann - Sohn seiner Klasse und Ernst Th ä lmann - F ü hrer seiner Klasse sein.

2. Der politische Mythos

Was ist ein Mythos? Adelheid von Saldern definiert Mythen im Anschluss an Cassirer als „symbolisch aufgeladene[...] Geschichten, die erzählt werden, um gegenwärtige Zu- stände zu erklären oder zu rechtfertigen.“[7] Man kann also genauso vom Prometheus- Mythos sprechen wie vom Mythos Wirtschaftswunder oder dem Mythos Volkswagen. Cassirer grenzt den Mythos von der wissenschaftlichen Theorie ab - seiner Ansicht nach ist „der Mythos [...] in seinem Wesen untheoretisch.“[8] Während die wissenschaft- liche Theorie eine Ordnung von abstrakten Gedanken ist und der wissenschaftliche Be- griff möglichst objektiv und wertfrei Tatsachen und Gegenstände bezeichnen soll, ord- net der Mythos „tief empfundene Gefühle und Affekte.“[9] Im Gegensatz zur Theorie tritt der Mythos nicht offenkundig als ordnendes System auf. Vielmehr ist die Ordnung, die der Mythos produziert, in eine Narration gekleidet, welche den Rezipienten fiktive oder reale Objekte und Personen mit bestimmten Gefühlen assoziieren lässt. Diese Assozia- tionen können zum Beispiel durch das Rückgreifen auf Archetypen zugleich deutlich und subtil geknüpft werden.[10] So wird dem Rezipienten des Mythos kein objektiver Maßstab, den er an seine Umwelt anlegen könnte, vorgelegt. Diese Umwelt wird statt- dessen in ein bestimmtes Licht getaucht, mit anderen Augen gesehen.[11] Dabei muss betont werden, dass die mythische Denkform dadurch nicht wesentlich irrational ist. Sie „entbehr[t] keineswegs eines inneren Zusammenhangs, und ihre Inhalte sind weder sinnlos noch widervernünftig.“[12] Der Anschein der Irrationalität des Mythos entsteht dadurch, dass die mythische und die wissenschaftlich-theoretische Denkform einander ausschließen. Weiterhin betrachten sie dieselben Phänomene auf so grundverschiedene Weise, dass sie fast notwendigerweise zu verschiedenen Schlüssen kommen. Dass My- thos und Theorie sozusagen aneinander vorbeilaufen, bewegt Cassirer zu der Aussage, der Mythos sei „in gewissem Sinne unverwundbar“,[13] denn ein Mythos kann nicht mit einem theoretischen Argument widerlegt werden. Der Mythos produziert eine gefühlte ‚Wahrheit‘, die von einer abweichenden theoretischen oder objektiven ‚Wahrheit‘ nicht angetastet werden kann. Mythos und Theorie ist jedoch ihre grundlegende Funktion gemein: Beide werden dadurch nötig, „daß die Welt den Menschen nicht durchsichtig ist und nicht einmal sie selbst sich dies sind.“[14] Mythos und Theorie dienen dem Men- schen also durch ihre ordnende Funktion jeweils dazu, den „Verlässlichkeitsmangel seiner Welt“[15] überspielen zu können. Dabei ist die Theorie eine Ordnung für die alltäg- liche Praxis, während die mythische Ordnung vor allem dann handlungsleitend ist, „wenn der Mensch einer ungewöhnlichen und gefährlichen Situation begegnen muß.“[16] Cassirer hält dabei die Politik für ein Feld mit einer besonders starken Affinität zur my- thischen Denkform, denn: „In der Politik leben wir immer auf vulkanischem Boden.“[17]

Der politische Mythos unterscheidet sich insofern vom sakralen Mythos, der für gewöhnlich von Göttern, Dämonen und anderen spirituellen Objekten spricht, als in diesem „zunächst profane Größen die ausschlaggebenden Faktoren“[18] sind. Der politi- sche Mythos handelt also von gewöhnlichen Orten, Personen oder Personengruppen, die „im Dienst von Ideologien“[19] erst durch ihn sakralisiert und „aus dem Alltäglichen her- ausgehoben, in den Stand des Existenziellen, Unverrückbaren bzw. Charismatischen versetzt werden.“[20]

2.1 Bedeutsamkeit: die Währung des Mythos

Die beschriebene Sakralisierung geschieht dadurch, dass den Objekten Bedeutsamkeit zugesprochen wird. Blumenberg, der auf diesem Begriff seine Mythos-Theorie aufbaut, hält Bedeutsamkeit für ein nicht abschließend definierbares Konzept.[21] Bedeutsamkeit ist ein Attribut eines Objektes oder Zeichens, welches starke affektive Reaktionen her- vorrufen kann. Bedeutsamkeit evoziert „Ehrfurcht, Staunen, Begeisterung, Ablehnung [...], museale Verwahrung, beamtete Konservierung“,[22] kurzum alles, was verbietet, einen Gegenstand mit „der obligaten Gleichmäßigkeit, mit der Wissenschaften ihre Ge- genstände verwalten und rubrizieren“,[23] zu behandeln. Bedeutsamkeit ist also dasjenige, was die wissenschaftliche Betrachtung eines Objektes ausschließen und es damit in die Sphäre des mythischen Denkens überführen kann. Sie ist somit die W ä hrung des My- thos. Je größer das Maß an Bedeutsamkeit, mit dem ein Objekt ausgestattet ist, desto eher sieht sich der Betrachter genötigt, es aus der affektiven Perspektive der mythischen Denkform zu perzipieren. Bedeutsamkeit ist ein genuin psychisches Attribut und die Zuschreibung von Bedeutsamkeit zu einem Objekt immer „Resultat einer Kunst“,[24] denn „[e]s ist unwahrscheinlich, daß in der Wirklichkeit als dem Resultat physischer Prozesse Sinnhaftes auftritt.“[25]

Was aber zeichnet die Perzeption eines mythischen Gegenstandes aus? Die Bedeut- samkeit eines Objektes misst diesem im Unterschied zur Bedeutung nicht nur einen Sinngehalt bei, sondern bettet den Gegenstand auch in einen kosmischen Zusammen- hang ein.[26] Bedeutsamkeit setzt die Disposition zu einem Verständnis von der Welt als großem Ganzen voraus. Das mythische Denken „erlaubt keine isolierte Betrachtung von Phänomenen, sondern erhebt den Anspruch auf ein totales Verständnis des Univer- sums.“[27] Die mythische Perspektive ist wesentlich sowohl dramatisch als auch manichä- isch,[28] da dieser Kosmos als das Schlachtfeld im Kampf zwischen Gut und Böse ver- standen wird. Jeder Gegenstand, jeder Mensch und jeder Ort, dem Bedeutsamkeit anhaf- tet, kann auf einer der beiden Seiten verortet werden. Dadurch ist der Mensch im Um- gang mit einem bedeutsamen Objekt genötigt, mit starken Affekten auf dieses Objekt zu reagieren. Bedeutsamkeit fordert „Stellung- und Parteinahme“[29] und duldet keine Indif- ferenz.[30] Die persönliche Reaktion auf den bedeutsamen Gegenstand ist immer auch eine Reaktion auf das große Ganze, mit dem er assoziiert ist. Im Umgang mit dem Be- deutsamen setzt sich der individuelle Mensch in Relation zu den kosmokratischen Kräf- ten seiner Welt und ist unumgänglich dazu gezwungen, Partei zu ergreifen. Selbst sol- che Taten, die aus der Nüchternheit des theoretischen Denkens betrachtet bedeutungslos oder unwichtig erscheinen, haben in vom mythischen Denken gefärbten Augen „ihren Einfluß auf die sittliche Weltordnung.“[31] Auf diese Weise erhält das individuelle menschliche Handeln einen übergeordneten Sinn. Der Mythos motiviert und legitimiert. Insofern ist Sinnstiftung als „die grundlegende Funktion des politischen Mythos“[32] zu betrachten.

[...]


[1] Cassirer, Ernst: Vom Mythus des Staates, Hamburg 2002 (Philosophische Bibliothek, 541). S. 377.

[2] Vgl. Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006. S. 63.

[3] Siebeneicher, Tilmann: Proletarischer Mythos und realer Sozialismus. Die Kampfgruppen der Arbeiterklasse in der DDR, Köln 2014 (Zeithistorische Studien, 55). S. 14.

[4] Vgl. Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 20137 (Beck’sche Reihe, 1307). S. 132 f.

[5] Ebd. S. 71.

[6] Ebd. S. 130.

[7] Saldern, Adelheid von: Mythen, Legenden und Stereotypen, in: Dies.: Mythen in Geschichte und Ge- schichtsschreibung aus polnischer und deutscher Sicht, Münster 1996 (Politik und Geschichte, 1), S. 13- 26. S. 15.

[8] Cassirer, Ernst: Was ist der Mensch? Versuch einer Philosophie der menschlichen Kultur, Stuttgart 1960. S. 95.

[9] Rohgalf, Jan: Jenseits der großen Erzählungen. Utopie und politischer Mythos in der Moderne und Spätmoderne, Wiesbaden 2015. S. 282.

[10] Vgl. Schmid, Hans-Dieter: Der Mythos-Begriff in der neueren Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, in: Saldern, Adelheid von: Mythen in Geschichte und Geschichtsschreibung aus polnischer und deutscher Sicht, Münster 1996 (Politik und Geschichte, 1), S. 40-42. S. 41.

[11] Vgl. Rohgalf, a.a.O. (Fn. 9), S. 291.

[12] Cassirer: Was ist der Mensch?, a.a.O. (Fn. 8), S. 105.

[13] Cassirer: Vom Mythus des Staates, a.a.O. (Fn. 1), S. 388.

[14] Blumenberg, Hans: Arbeit am Mythos, Frankfurt am Main 2016. S. 303. Während Cassirer die mythische Denkform als überwindbar, also vollständig durch die theoretische ersetzbar versteht, hält Blumenberg sie für zugehörig zum wesentlichen Inventar der menschlichen Psyche.

[15] Ebd. S. 14.

[16] Cassirer: Vom Mythus des Staates, a.a.O. (Fn. 1), S. 361.

[17] Ebd. S. 364.

[18] Rohgalf, a.a.O. (Fn. 8), S. 279.

[19] Ebd.

[20] Ebd.

[21] Vgl. Blumenberg: Arbeit am Mythos, a.a.O. (Fn. 13), S. 78.

[22] Ebd.

[23] Ebd.

[24] Ebd. S. 13.

[25] Ebd. S. 84.

[26] Vgl. Cassirer: Was ist der Mensch?, a.a.O. (Fn. 7), S. 99.

[27] Voigt, Rüdiger: Mythen, Rituale und Symbole in der Politik, in: Pribersky, Andreas/Unfried, Berthold (Hrsg.): Symbole und Rituale des Politischen, Frankfurt am Main 1999 (Historisch-anthropologische Studien, 4), S. 55-72. S. 58.

[28] Vgl. Cassirer: Was ist der Mensch?, a.a.O. (Fn. 7), S. 99.

[29] Rohgalf, a.a.O. (Fn. 9), S. 309.

[30] Ebd.

[31] Cassirer: Was ist der Mensch?, a.a.O. (Fn. 7), S. 130.

[32] Rohgalf, a.a.O. (Fn. 9), S. 319.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Konstruktion und Funktion politischer Mythen. Der Ernst-Thälmann-Mythos in der geschichtspolitischen Strategie der DDR
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
24
Katalognummer
V369351
ISBN (eBook)
9783668470798
ISBN (Buch)
9783668470804
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
DDR, Mythos, politischer Mythos, Cassirer, Blumenberg, Barthes, Ernst Thälmann, SED, DEFA
Arbeit zitieren
Julian Dressler (Autor), 2017, Die Konstruktion und Funktion politischer Mythen. Der Ernst-Thälmann-Mythos in der geschichtspolitischen Strategie der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369351

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