Das Bild des "Fremden" in "Wir töten Stella" von Marlen Haushofer. Eine Widerspiegelung des Juden im Nationalsozialismus?


Hausarbeit, 2010
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt:

1 Einleitung

2 Stella – Sinnbild eines Juden im Nationalsozialismus?
2.1 Das Motiv des „Wegschauens“ – Annas Schuld
2.2 Isolation und Verachtung – Die Position Stellas innerhalb der Novelle
2.3 Abbild des Juden – Stellas Figurenkonzeption

3 Fazit

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Marlen Haushofer war eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der österreichischen Nachkriegszeit.[1] Die als Marie Helene Frauendorfer am 11. April 1920 im österreichischen Frauenstein geborene Autorin[2], deren Werke zu Beginn ihrer Karriere lediglich als „’Hausfrauenprosa’“[3] verpönt und abgewertet wurden, gilt heutzutage - vor allem gefördert durch die Wiederentdeckung ihrer Arbeiten im Rahmen der Frauenbewegung - als eine der meist rezipierten Autorinnen der österreichischen Literaturszene. Ihr Werk „Wir töten Stella“, welches erstmals 1958 beim Bergland-Verlag in Wien erschien, wird aus heutiger Sicht als das Meisterwerk der damals noch unbekannten Autorin verstanden, welches sich in kritischer Weise mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Österreichs und deren Aufarbeitung in der Nachkriegszeit auseinandersetzt.[4]

Folglich stellt sich die Frage, wie Marlen Haushofer den Einfluss des Nazionalsozialismus auf ihre Republik bewertet und inwieweit sich ihre Novelle als „kritisch[er] Beitrag“[5] zu der in den 50ern in Österreich sehr populären „Opfer-Mythologie“ lesen lässt. In dieser Arbeit soll darum die Frage erörtert werden, inwieweit sich in der Titelfigur von „Wir töten Stella“ eine Widerspiegelung des Juden der Nazizeit erkennen lässt. Diese Fragestellung wird durch die Analyse der Beziehung zwischen Stella und der Erzählerin Anna (1. Teil), der weiteren Personen, die um Stella herum positioniert werden (2. Teil) und der Figurenkonzeption Stellas (3. Teil) genauer erörtert. Grundlegend für den ersten Teil ist dabei eine Analyse der Argumentationsstrukturen mit denen die Hauptfigur aus „Wir töten Stella“, Anna, ihre Untätigkeit angesichts des offensichtlichen Verfalls der Titelfigur vor sich selbst und vor den Lesern ihres Berichts rechtfertigt. Diese Argumentation wird kontrastiert mit den „Deutschen Antworten“, die Zeitzeugen auf die Frage nach dem Wissen um die Judenermordung im Dritten Reich gaben und die Walter Kempowski in seinem Werk „Haben Sie davon gewusst? - Deutsche Antworten“ aufgelistet hat. Als Ausgangspunkt des zweiten und dritten Teils dieser Arbeit wird vor allem der Artikel „Eine Österreicherin schreibt gegen das Vergessen“ von Irmgard Roebling aus dem von Christine Schmidtjell herausgegebenen Werk „Die Überlebenden“ herangezogen und erläutert.

2 Stella – Sinnbild eines Juden im Nationalsozialismus?

2.1 Das Motiv des „Wegschauens“ – Annas Schuld

Gehen wir auf die Suche nach Ansatzpunkten zur Erörterung der Fragestellung, ob das junge Mädchen Stella in Marlen Haushofers Novelle als quasi-synonym für „das Fremde“ bzw. den „deutschen“ Juden in der Zeit des Dritten Reiches aufgefasst werden kann, so bietet es sich zunächst an, einen Blick auf die Figuren zu werfen, die Haushofer in ihrem Werk rund um die Titelfigur platziert.

Als Hauptfigur der Novelle begegnet uns, anders als es der Titel vermuten lässt, die zweifache Mutter und Ich-Erzählerin Anna. Die Geschichte von Stellas Zugrundegehen und ihrem letztendlichen Tod durch Suizid wird dem Leser aus ihrer Perspektive dargestellt. Der Fakt, dass die Schreibende zugleich Wissenende des Geschehens ist, impliziert jedoch entgegen des Novellentitels „Wir töten Stella“ noch nicht eine Mittäterschaft wie sie durch das Pronomen „wir“ ausgedrückt wird. Diese realisiert sich erst angesichts der offensichtlichen Untätigkeit Annas, die sich während des Schreibprozesses desöfteren die Möglichkeit einräumt, dass sie Stella vor ihrem Untergang hätte bewahren können:

Während Stella, unfähig, ihr einziges großes Gefühl zu verbergen, unaufhaltsam in ihr Unglück glitt und Richard uns mit seiner glatten Bonhomie zu täuschen versuchte, bemühte ich mich, nichts zu sehen und zu hören. […] Nun, es war nicht der Mühe wert, aber es hätte mir der Mühe wert sein müssen, denn Stella war das junge Leben und ich ließ es in eine dieser mordenden Blechmaschinen laufen.[6]

Annas Verhalten gegenüber der hilflosen Stella kann zum ersten Ansatz für die Beantwortung der Leitfrage genommen werden, da die von ihr niedergeschriebenen Sätze Parallelen zu den Antworten aufweisen, die deutsche Bundesbürger 1978 dem Autor Walter Kemprowski auf die Frage „Haben Sie [von der Ermordung der Juden durch die Nationalsozialisten] gewusst?“ gaben:

Nein. Selbst durch Mundpropaganda nicht, ehrlich nicht. Da war ja jeder vorsichtig. Wenn’s wirklich jemand erfahren hätte, der hätte sich gehütet, das weiterzuerzählen (Hausfrau 1896).[7]

Ich muss Ihnen wirklich sagen, die Bilder verschieben sich. Man hat nach dem Krieg so viel gehört und gesehen, daß ich wirklich nicht mehr weiß: Was hast du nun selbst gesehen, mit eigenen Augen? (Redakteur 1921).[8]

Nein, nie. Das einzige, daß hier im Möbelgeschäft die Scheiben eingeschlagen wurden, sonst nichts. Nichts gehört, nichts (Buchhändler 1928).[9]

Im Vergleich dominieren sowohl in den Notizen von Anna als auch bei den Antworten der deutschen Bundesbürger die Motive des „Nichts-Sehens“ und „Nichts-Hörens“ angesichts der sie umgebenden Ereignisse. Ähnlichkeiten lassen sich auch in der Begründung für diese Passivität nachweisen. In beiden Fällen dominiert und legitimiert die Angst vor Strafe und vor Angriffen auf die eigene Person oder die Familie das Verhalten der Schreibenden bzw. Sprechenden.[10]

Auffällig ist an dieser Stelle auch das Verhalten der anderen Figuren des Werkes gegenüber dem jungen Mädchen. Während sie von Anna als „eine arge Störung“[11] für die ganze Familie empfunden wird, betrachtet ihr Sohn Wolfgang Stella lediglich mit „Scheu und Voreingenommenheit“[12]. Für Richard stellt das junge Mädchen nur eine willkommene Abwechslung für seine „klein[en] nächtlich[en] Raubzüge“[13] dar und selbst ihre Mutter Luise sieht sie nur als „eine unerbittliche Feindin“.[14]

Somit lässt sich festhalten, dass das junge Mädchen Stella in Marlen Haushofers Novelle interfamilär in eine ähnliche Position gerückt wird, wie es mit den Juden gesellschaftlich im Dritten Reich geschah. Motive wie Vorurteile, Ausgrenzung, Verachtung bis hin zu der Akzeptanz von Stellas seelischer wie körperlicher Zerstörung prägen die Novelle und liefern ein erstes Indiz dafür, dass die Figur Stella bei Haushofer als Widerspiegelung des Juden im nationalsozialistischen Deutschland (und Österreich) verstanden werden kann.

Neben diesem Kernaspekt lassen sich in der Beziehung von Anna zu ihrer Pflegetochter Stella im Folgenden noch zwei weitere Aspekte nachweisen, die das Ergebnis der vorherigen Analyse untermauern. Das erste Augenmerk muss hierbei auf die Funktion und die Tätigkeiten Annas innerhalb ihrer Familie gelegt werden. Ihre eigentliche Aufgabe wäre es, als Pflegemutter für Stella zu sorgen. Sie wäre verpflichtet ihr Geborgenheit, Schutz und Sicherheit in ihrem Haus zukommen zu lassen, ähnlich wie es die Aufgabe eines Staates ist, für seine Bürger zu sorgen.[15] Anna hingegen verletzt ihre Fürsorgepflicht gegenüber Stella, indem sie diese trotz ihrer dunklen Vorahnungen nicht vor ihrem Ehemann Richard schützt.

Auch hier lassen sich wieder Parallelen zu den Nationalsozialisten ziehen, die die jüdischen Mitbürger statt diese zu schützen, wie es im Sinne des Staates und seiner Regierung gedacht ist, in den Tod trieben. Auch Anna initiiert trotz Schutzbefohlenheit den Untergang Stellas wenn sie zugibt „Stellas Vorzüge [gepriesen zu haben]“ trotz des Wissens um „[Richards] Schwäche für zierliche, aparte Frauen“[16].

Ein zweiter Aspekt, der Gemeinsamkeiten zwischen Annas Handlungen und denen der Nationalsozialisten aufzeigt, findet sich in dem Prinzip der familiären Ordnung, die Anna während ihres Schreibprozesses immer wieder beschwört:

Aber das Grauen und das Wissen um die Wahrheit, die man nicht wissen sollte, sind eingefügt in die Ordnung des Alltags. Ja, ich klammere mich an diese Ordnung, an die regelmäßigen Mahlzeiten, die täglich wiederkehrende Arbeit, die Besuche und Spaziergänge. Ich liebe diese Ordnung, die es mir möglich macht zu leben.[17]

Die Ordnung stellt für Anna den zentralen Faktor dar, der den Zusammenhalt der Familie trotz diverser Schwierigkeiten aufrecht erhält. Die Ordnung ist es auch, die es Richard ermöglicht seine ständigen „Raubzüge“ durchzuführen:

[Richard] haßt nichts mehr als Zustände, die er als schlampig und unsolid bezeichnet, vielleicht, weil er selbst sich ununterbrochen in diesem Zustand befindet. […] als ein Mensch, der im geheimen in der tiefsten Anarchie lebt, schätzt er nichts mehr als die äußere Ordnung und Genauigkeit.[18]

Dieses Ordnungsprinzip, das in Haushofers Novelle ein durchgängiges Motiv darstellt, weist jedoch über die Grenze der Familie hinaus, da es ebenso ein Kennzeichen des nationalsozialistischen Vorgehens gegen die Juden war. So liefen „selbst die Greueltaten in den Konzentrationslagern […] zumeist nach einem ganz starren Ordnungsschema ab“.[19] Innerhalb der Novelle ist es eben diese von Anna aufrechterhaltene Ordnung, die es Richard ermöglicht, sich frei auszuleben und somit auch Stella in den Tod zu treiben. Annas „Streben nach Ordnung und Überleben im kleinen Kreis der Familie“[20] bildet somit den Rahmen in denen das „Ungeheuer“[21] Richard uneingeschränkt seine „Anarchie“[22] aufbauen und ausleben kann, welcher Stella letztlich zum Opfer fällt.

In Bezug auf Anna lassen sich also drei Aspekte festhalten, die Stella als Sinnbild eines Juden im Dritten Reich ausweisen: (1) Das Motiv des „Nichts-Sehens“ und „Nichts-Hörens“ positioniert Stella innerhalb der Familie in einer ähnlichen Art und Weise, wie es mit den

Juden im Nationalsozialismus geschah. Sie wird ausgegrenzt und innerhalb der Familie als „Fremde“ gekennzeichnet. (2) Dadurch, dass Anna als Pflegemutter ihre Schutzbefohlenheit gegenüber ihrer Pflegetochter Stella missachtet, ermöglicht sie es Richard sich Stellas zu bemächtigen. Diese Schutzfunktion verlor auch der Staat in der Zeit des Nationalsozialismus gegenüber den Juden. Vielmehr initiierte die Regierung unter Hitler den Tod zahlreicher, vor allem deutscher Juden, ebenso wie Anna den Tod Stellas mit zu verantworten hat, dadurch das sie Stella neu einkleidet und somit Richards Interesse für diese weckt. (3) Sowohl in der Zeit des Dritten Reiches als auch in der Novelle von Haushofer ermöglicht es die Ordnung im Staat, bzw. in der Familie, zu töten. Anna gibt Richard durch diese die Möglichkeit sich unentwegt neue „Weibchen“[23] zu suchen, was einerseits die „Ruhe in ihrer Familie“ aufrechterhält, andererseits aber den Tod Stellas als Teil dieser Ordnung begreift.[24]

2.2 Isolation und Verachtung – Die Position Stellas innerhalb der Novelle

Der Titel „Wir töten Stella“ weist im Bezug auf das „wir“ neben der im vorherigen Abschnitt erläuterten Mitschuld Annas am Tod ihrer Pflegetochter Stella noch einen anderen Aspekt aus, der für die in dieser Arbeit behandelte Fragestellung nach dem Vergleich von Stella und den Juden im Dritten Reich essenziell ist. Ein „wir“ impliziert immer auch eine Täterschaft, die mehrere Personen umfasst. Hier lässt sich also die Frage stellen, ob sich innerhalb der Figuren, die von Haushofer um das junge Mädchen Stella positioniert werden, noch weitere Aspekte nachweisen lassen, die Stella als Abbild eines Juden im Nationalsozialismus kennzeichnen.

[...]


[1] Vgl. Vedder, Ulrike: Marlen Haushofer. Wir töten Stella (1958). In: Benthien, Claudia/ Stephan, Inge (Hg.): Meisterwerke. Deutschsprachige Autorinnen im 20. Jahrhundert. Köln: Böhlau 2005, S. 133-147.

[2] Alle biographischen Informationen wurden entnommen aus: Strigl, Daniela: Marlen Haushofer. Die Biographie. München: Claassen 2000.

[3] Vedder: Marlen Haushofer, S. 134.

[4] Vgl. hierzu: Roebling, Irmgard: Wir töten Stella. Eine Österreicherin schreibt gegen das Vergessen. In: Schmidtjell, Christine (Hg.)/ Haushofer, Marlen: Die Überlebenden. Unveröffentlichte Texte aus dem Nachlaß. Aufsätze zum Werk/ Marlen Haushofer. Frankfurt a. M., Berlin: Ullstein 1993, S. 231- 253.

[5] Roebling: Stella, S. 231.

[6] Haushofer, Marlen: Wir töten Stella/ Das fünfte Jahr. Novellen. Berlin: List 2003, S. 12.

[7] Kempowski, Walter: Haben Sie davon gewusst. Deutsche Antworten. Hamburg: Albrecht Knaus Verlag 1979, S. 8 (Die in Klammern gesetzten Daten verweisen auf den Beruf des Befragten zur angegebenen Zeit).

[8] Kempowski: Deutsche Antworten, S. 11.

[9] Kempowski: Deutsche Antworten, S. 42.

[10] Anna rechtfertigt ihre Untätigkeit gleich zu Beginn der Novelle vor sich und dem Leser: „Hätte ich Stellas wegen unser friedliches Beisammensein gefährden sollen?“ Haushofer: Stella, S. 9.

[11] Haushofer: Stella, S. 20.

[12] Haushofer: Stella, S. 21.

[13] Haushofer: Stella, S. 38.

[14] Haushofer: Stella, S. 17.

[15] Vgl. hierzu z.B. Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Artikel 1 (1): „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

[16] Haushofer: Stella, S. 24.

[17] Haushofer: Stella, S. 24.

[18] Haushofer: Stella, S. 32-33

[19] Roebling: Stella, S. 245.

[20] Roebling: Stella, S. 247.

[21] Haushofer: Stella, S. 23.

[22] Haushofer: Stella, S. 33.

[23] Haushofer: Stella, S. 37.

[24] Frei Gerlach, Franziska: Schrift und Geschlecht. Feministische Entwürfe und Lektüren von Marlen Haushofer, Ingeborg Bachmann und Anne Duden. Berlin: Erich Schmidt 1998 (Geschlechterdifferenzen & Literatur; Bd. 8), S. 196.

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Details

Titel
Das Bild des "Fremden" in "Wir töten Stella" von Marlen Haushofer. Eine Widerspiegelung des Juden im Nationalsozialismus?
Hochschule
Universität Hamburg  (Germanistik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
13
Katalognummer
V369611
ISBN (eBook)
9783668472754
ISBN (Buch)
9783668472761
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marlen Haushofer, Stella, Judenbild, Nationalsozialismus
Arbeit zitieren
Christian Appel (Autor), 2010, Das Bild des "Fremden" in "Wir töten Stella" von Marlen Haushofer. Eine Widerspiegelung des Juden im Nationalsozialismus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369611

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