Medizin im Nationalsozialismus. Die Rolle der Gesundheitsämter bei der Erb- und Rassenpflege


Facharbeit (Schule), 2016
50 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Das Gesundheitsamt
2.1 Motive der Verstaatlichung
2.2 Rechte und Pflichten des Gesundheitsamtes
2.3 Rolle der Amtsärzte

3. Stellung des Gesundheitsamtes in der Erb- und Rassenpflege
3.1 Umgang mit dem "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses"
3.2 Fallbeispiel der E.G.

4. Fazit
4.1 Beteiligung der Gesundheitsämter an den rassenpolitischen
Maßnahmen
4.2 Beurteilung des Beitrages
4.2.1 Internationale medizinische Atmosphäre
4.2.2 Verwendung nicht- medizinischer Indikatoren

1. Einführung

Die nationalsozialistische Politik missbrauchte von Beginn an Medizin und Wissenschaft zur Umsetzung ihrer Ideologie eines "gesunden Volkskörpers". Dabei wurde die Gesundheit des Einzelnen immer weiter verdrängt und es entstand ein weitläufig organisierter und gut strukturierter Apparat, welcher darauf abzielte, eine rassische Auslese im ganzen Land vorzunehmen[1]. Dieser Apparat bestand aus dem gesamten Gesundheitswesen Deutschlands, sowohl der Ärzteschaft als auch Einrichtungen des Gesundheitswesens, allen voran der Gesundheitsämter. Letztere wurden am 1. April 1935 mit Hilfe des „Gesetz(es) über die Vereinheitlichung des Gesundheitswesens" (GVG) vom 3. Juli 1934 erstmals auf staatlicher Ebene eingerichtet.

Doch wie kam es zum Vereinheitlichungsgesetz und weshalb legte man scheinbar plötzlich besonderen Wert auf die Gründung staatlicher Gesundheitsämter, anstatt bei den kommunalen zu verbleiben?

Um die Umformung des Gesundheitswesens nachvollziehen zu können, muss man sich erst mit der nationalsozialistischen Ideologie beschäftigen. Diese setzte voraus, dass man eine sogenannte „völkische Gesundheitspolitik" schafft und nun nicht mehr beim Wohl des Einzelnen verbleibt. Dieses Gedankengut wird oftmals mit der Intellektfeindlichkeit der Nazis erklärt[2], da stets das Physische betont wurde, weshalb das medizinische Grundprinzip im Dritten Reich als organizistisch[3] und biologistisch bezeichnet wird. Die Seuchenpolitik wurde verstärkt, Müttern und Kindern schenkte man mehr Beachtung, um den gesunden Nachwuchs zu fördern und um das ganze Prozedere abzurunden, wurden sowohl psychisch wie auch physisch kranke Menschen durch die Gesundheitsämter ermittelt, um sie anschließend- auf der Basis des vorher geschaffenen "Gesetz(es) zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" (GzVeN) unfruchtbar machen zu können. Dieses sogenannte Sterilisationsgesetz, das am 14. Juli 1933 verabschiedet wurde und am 1. Januar 1934 in Kraft trat, erlaubte es, dass Menschen mit gewissen Krankheitsbildern zwangssterilisiert wurden, sofern ein amtsärztliches Gutachten über den Gesundheitszustand der betroffenen Person vorlag. Das bedeutet also, dass Menschen zur Sterilisierung gezwungen werden konnten. Die Vorgehensweise der Untersuchungen und Gutachtenausstellung für die Eingriffe wird in dieser Arbeit anhand eines konkreten Fallbeispiels über eine Zwangssterilisation aus dem Landeshauptarchiv Koblenz näher analysiert.

Das Gesetz basierte auf einem preußischen Gesetzesentwurf aus dem Jahr 1932, welcher freiwillige Sterilisationen ermöglichen sollte. Zwar erfuhr dieser Vorschlag Unterstützung seitens Medizinern wie Politikern, jedoch wurde er nicht mehr verabschiedet, aber als Grundlage für das Sterilisationsgesetz genommen.

Diese rassenhygienischen Maßnahmen der NS- Politik steigerten sich, sodass im weiteren Verlauf Menschen, welche als beeinträchtigt gewertet wurden, der "Gnadentod" gewährt wurde. Diese seit 1940 ausgeführten Euthanasiemorde[4] stellen das verstärkte Verlangen der Nationalsozialisten und Eugeniker im Land nach einer Auslese "minderwertigen Erbgutes" besonders deutlich dar. Denn schon seit 1883 entstand auf der Grundlage der Darwin'schen Theorie die Erbgesundheitslehre oder auch Eugenik/ Eugenetik, welche weltweit für Diskussionen in der Wissenschaft führte. 1920 kam es unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs und immer lauter werdenden Forderungen amerikanischer Eugeniker auch in Deutschland zum Durchbruch des "Euthanasie"- Gedankens, als der Jurist Karl Binding und der Psychiater Alfred Erich Hoche in ihrer Schrift über "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens" eine "Lebensverkürzung" für Kranke, "geistig Tote" und anderweitige "Ballastexistenzen" forderten, um Kosten zu sparen. Diesen Gedanken griff Hitler wieder auf, indem er 1929 forderte, zumindest 700000 bis 800000 der Schwächsten zu "beseitigen". So ergab es sich, dass nach seiner Ernennung zum Reichskanzler die Pflegesätze in psychiatrischen Anstalten drastisch reduziert wurden und begonnen wurde, (z.B. bei Hilfsschülern) zwischen ökonomisch Brauchbaren und 'nutzlosen' zu unterscheiden.

Da Hitler den deutschen "Volkskörper", also das Reich, als befallen ansah, zählten auch Juden und "Zigeuner" zu denen, die sterben mussten, um dem Ziel eines perfekten und ausnahmslos gesunden Volkes gerecht zu werden[5]. Denn die "Lösung der Judenfrage"[6] war aus eugenischer Betrachtung von Anfang an eindeutig eine medizinische. Doch selbst, wenn man nicht zu der großen Gruppe von Menschen gehörte, welche getötet wurden, bekam man die Härte der von der nationalsozialistischen Ideologie geleiteten Gesundheitspolitik zu spüren. Die „Befindlichkeiten" des Einzelnen spielten keine übergeordnete Rolle mehr. Anstatt das geholfen wurde, dokumentierte man das Krankheitsbild und die Häufigkeit der Infektionen eines Jeden, um mögliche Gefahrenquellen für den baldigen gesunden "Volkskörper" erkennen zu können. Es galt die Divise Vorsorge statt Fürsorge und dementsprechend sollten sich dauerhaft Kranke und Suchtpatienten nicht fortpflanzen können. Man sah die Zwangssterilisationen also als Vorsorge an, um nicht noch mehr 'krankes Leben' in die Welt zu setzen und das Volksganze von einer solchen 'Bürde' zu befreien. Später wurde der Gedanke durch die Morde erweitert, um die schon lebenden Beeinträchtigten aus dem "Volkskörper" auszulesen.

Zur Verwaltung und Ausführung dieser rassenhygienischen Maßnahmen benötigten die Nationalsozialisten ein flächendeckendes[7] und einheitliches Netz aus Behörden, welches sie mit der Einrichtung staatlicher Gesundheitsämter nach dem GVG aufbauten und für ihre Zwecke ausrichteten.

Die vorliegende Arbeit thematisiert die Entstehung und Stellung des Gesundheitsamtes im Nationalsozialismus, wobei der Fokus auf seinem Wirken in der Erb- und Rassenpflege und den damit verbundenen Zwangssterilisationen liegt. Auch den Einfluss der Amtsärzte, welche oftmals als Mittäter dieser 'ausmerzenden Maßnahmen' gesehen werden, gilt es zu bewerten. Die Analyse und Bewertung der Gesundheitsämter und Amtsärzte soll sich an den damaligen Wissensstand sowie die wissenschaftlichen Standards richten.

2. Das Gesundheitsamt

2.1 Motive der Verstaatlichung

Die Schaffung staatlicher Gesundheitsämter am 1. April 1935 durch das GVG vom 3. Juli 1934 legte den Grundstein für die jahrelang gut strukturierte Überwachung von Bürgern und Ärzten. Denn auch die Ärzteschaft sollte ideologisch "gleichgeschaltet" werden, um in Zusammenarbeit mit den Gesundheitsämtern und den Organisationen der NSDAP das Deutsche Reich "reinzuwaschen". Die vorher kommunalen Gesundheitsämter waren weder in jedem Stadt-/ Landkreis vertreten, noch besaßen sie einheitliche Bestimmungen, die ihnen vorschrieben, wie sie sich der rassenhygienischen Maßnahmen annehmen sollten. "Die bisherige >>Einmannbehörde<< des Kreis- oder Bezirksarztes wäre (mit dem Vollzug der neuen Aufgaben zur Erfüllung der Erb- und Rassenpflege) völlig überfordert gewesen"[8]. Das Gesundheitswesen der Weimarer Republik, welches aus einem staatlichen Gesundheitsbeamten des Kreises bestand, galt es aus Sicht der Nationalsozialisten dringend zu überwinden, um die gesetzten eugenetischen Ziele zu erfüllen. Somit führte das GVG "die staatlichen Aufgaben im Gesundheitswesen, die kommunale Gesundheitsfürsorge und die nationalsozialistische >>Erb- und Rassenpflege<< in einem Amt" zusammen.[9] Da schon vor der Machtübertragung auf Hitler die Forderungen nach einer Verstaatlichung der Medizinalverwaltung laut wurden, aufgrund des Konfliktpotenzials zwischen den kommunalen Gesundheitsämtern und staatlichen Kreisärzten, betrachtete man eine Vereinheitlichung auch aus anderen Perspektiven als die geeignetste Lösung für Wirtschaft und Kommunen. Letzten Endes waren die staatlichen Gesundheitsämter das ausschlaggebendste Instrument der Nationalsozialisten zur Umsetzung ihrer Ideologie und somit ein "nationalsozialistisches Organisationsgesetz"[10].

In der Regel wurde für jeden Stadt-und Landkreis (Gau) je ein Gesundheitsamt eingerichtet, mit Ausnahme von größeren Städten, die aufgrund des hohen Verwaltungsaufwandes mehrere Gesundheitsämter erhielten[11]. Die Einführung und Vereinheitlichung staatlicher Gesundheitsämter stellte also einen von den Nazis benötigten Bürokratisierungsprozess dar[12], welcher sich zum einen durch die Bestimmungen des GVG und die Arbeitsteilung der Organe des Gesundheitsamtes, also Amtsärzte, Fürsorgerinnen sowie Hilfsärzte und Geschäftsführer auszeichnete und zum anderen durch die deutliche Ausdehnung des Tätigkeitsbereiches der Gesundheitsämter bemerkbar machte. Diese Ausdehnung bezieht sich auf die rassenpolitischen Maßnahmen, welche den Verfall des Volkes in den drei Dimensionen, Geburtenrückgang, Verbreitung "minderwertiger Erbanlagen" und Paarung ungleicher Rassen, verhindern sollten[13]. Für die Beseitigung "schlechten Erbgutes" benötigte man selbstverständlich medizinisches Eingreifen, was sich in den zahlreichen Zwangssterilisationen und Abtreibungen zeigt.

2.2 Rechte und Pflichten des Gesundheitsamtes

Das "Gesetz zur Vereinheitlichung des Gesundheitswesens" von Arthur Gütt, Ernst Rüdin und Falk Ruttke besteht aus den drei Durchführungsverordnungen, welche den Gesundheitsämtern, dem Reichsgesundheitsamt sowie den Amtsärzten ihre Rechte und Pflichten zuweisen und ausdrücklich hervorheben, dass eine Zusammenarbeit mit den gesundheitspolitischen Institutionen der Nationalsozialisten, wie dem Hauptamt für Volksgesundheit sowie dem Rassenpolitischen Amt, von entscheidender Bedeutung für die Gesundheitsämter sei und unter allen Umständen erfüllt werden müsse. So schreibt Paragraph 4, 1. der Durchführungsverordnung vor, dass "das Gesundheitsamt mit Organisationen der NSDAP, die sich mit gesundheitlichen Belangen befassen, in engem Einvernehmen arbeiten soll". Bei der Erfüllung seiner Aufgaben mussten sich die Gesundheitsämter stets mit den Ämtern der NSDAP absprechen und sich bei der Ausführung rassenpolitischer Maßnahmen einig sein. Ganz allgemein galt, dass Gesundheitsämter nicht berechtigt waren, Kranke ärztlich zu behandeln oder "wirtschaftliche Fürsorge" zu betreiben, im Sinne der Bezahlung von Krankenhausrechnungen, Medikamenten und Arbeitsausfall[14]. Jedoch wurde dies in den kommunalen Gesundheitsämtern oftmals anders geregelt, da das Auftreten der Gesundheitsämter meistens mit Geldausgaben verbunden war und auch die Amtsärzte ihre Aufgaben nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten durchführen sollten, wobei bei diesem Grundsatz bedacht werden muss, dass die Schaffung eines gesunden Volksganzen eine dem wirtschaftlichen Aspekt übergeordnete Rolle für Gesundheitsämter und Ärzte einnehmen musste. Schließlich war dies der eigentliche Grund für die Errichtung staatlicher Gesundheitsämter. Die Gesundheitspolitik, allen voran Reichsgesundheitsführer Conti, sah vor, dass den Gesundheitsämtern "die ärztliche Feststellung und Begutachtung zufällt", womit vordergründig auf die amtsärztlichen Gutachten für Zwangssterilisationen verwiesen wurde, da alle Fälle in den Erbgesundheitsgerichten eingereicht wurden und ein Gutachten zur Feststellung der Krankheit benötigt wurde. Aus diesem Grund war das Gesundheitsamt laut der 2. Durchführungsverordnung dazu verpflichtet, sich auf „Erfordern der zuständigen Behörden gutachtlich zu äußern". Auf dem Gebiet der Erb-und Rassenpflege sollte es daher die notwendigen Untersuchungen durchführen und etwaige Feststellungen sofort an die genannten Organisationen der NSDAP sowie die Erbgesundheitsgerichte weiterleiten. Das führte zu einer engen Hand-in-Hand-Arbeit zwischen den einzelnen Organen, welche in unmittelbarem Schriftverkehr zueinander standen. Dies geht mit einer weiteren bedeutenden Pflicht der Gesundheitsämter einher, welche besagt, dass diese die gesundheitlichen Verhältnisse des Bezirkes zu beobachten haben. Denn auch die Überwachung des Bezirkes ist an die Zusammenarbeit zwischen Gesundheitsamt, Ämtern der NSDAP sowie, in diesem Fall, den Haus- und Fachärzten gebunden. Letztere sollten auffällige Fälle an das Gesundheitsamt weitergeben, die wiederum nach Absprache mit dem Hauptamt für Volksgesundheit die amtsärztliche Untersuchung anordneten. Zwar war die Überwachung des Bezirkes schon Aufgabe der Kreisärzte gewesen, wobei ebenfalls die Kooperation zwischen Kreisarzt, kommunalem Gesundheitsamt sowie der Polizei gefordert war, jedoch beinhaltete die Regelung in der Weimarer Republik die Einhaltung der Gewerbehygiene, die Abwasserentsorgung und die Kontrolle von Herbergen und anderen Schlafstellen, während sie ab 1933 die Erfassung 'erbkranker' Menschen im Sinn hatte.

"Bei Gefahr im Verzuge", also nur in Ausnahmesituationen, durften Gesundheitsämter selbstständig Anordnungen treffen, ohne die Ausführung der Maßnahmen den zuständigen Behörden der NSDAP zu überlassen[15]. Dies geschah vorwiegend auf den Gebieten der Seuchenbekämpfung und der "Überwachung des Verkehrs mit Lebensmitteln und Bedarfsgegenständen" (Paragraph 4, 1. der Durchführungsverordnung). Anhand dieser besonderen Regelung lässt sich die Position der Gesundheitsämter gut festmachen. Zwar waren sie in vielen Punkten an die Zusammenarbeit und das Einverständnis anderer Organisationen gebunden, jedoch besaßen sie aufgrund dieser Verordnung die außerordentliche Erlaubnis, in das Leben eines Jeden einzugreifen, solange äußerste Eile aufgrund der Seuchenbekämpfung geboten war. Da jedoch nicht definiert wurde, ab welchem Zeitpunkt Gefahr im Verzug angemeldet werden konnte, bot dies einen breiten Spielraum für die Gesundheitsämter, welcher deutlich macht, dass, trotz der Ausführlichkeit des Vereinheitlichungsgesetzes, einige Mängel in der Genauigkeit der Verordnungen bestanden, die es den Gesundheitsämtern möglich machten, doch noch selbstständig und ohne Zustimmung anderer Ämter arbeiten zu können. Zusätzlich dazu wurde durch das GVG die gerichtsärztliche Tätigkeit den Gesundheitsämtern übertragen, was in Absatz 1, § 3 festgehalten wurde. Dort heißt es: "Die Professoren für gerichtliche Medizin unterstehen bei ihrer gerichtsärztlichen Tätigkeit verwaltungsgemäß dem Amtsarzt und Leiter des Gesundheitsamtes; Die Gutachtertätigkeit üben sie jedoch für das Gesundheitsamt unter eigener Verantwortung aus"[16]. Damit erhielten die Gesundheitsämter einen für sie weder vor noch nach dem Dritten Reich nie da gewesenen Status als Leiter über die Gerichtsmedizin, was schon 1935, nach zahlreichen Protesten seitens der Gerichtsmediziner, zurückgenommen werde musste. Jedoch stellt auch diese kurzfristig wirksam gewesene Regelung gut dar, wie sehr sich die Nationalsozialisten um eine Neuorganisation des Gesundheitswesens bemühten[17] und ein Machtmonopol der Gesundheitsämter schufen, über welches sie wiederum die Kontrolle übernahmen und damit ein wirksames, flächendeckendes Netz entstehen ließen. Anhand des GVG und den aufgeführten Paragraphen ist unschwer zu erkennen, dass die Intention hinter (fast) jeder Regelung die war, das Gesundheitsamt nicht nur an rassenpolitischen Maßnahmen zu beteiligen, sondern es als DAS Mittel zur Ausführung und Koordination dieser Maßnahmen werden zu lassen.

Es kristallisierten sich in der Zielsetzung der Nationalsozialisten für die nunmehr staatlichen Gesundheitsämter drei wesentliche Leitmotive heraus, welche zum obersten Anliegen von Gesundheitsämtern in den Jahren nach 1933 werden sollten. Zum einen die Erhöhung der Geburtenrate durch Schaffung von Anreizen, die zu großen Teilen finanzieller Art waren. Diese, aus Sicht der Nazis, verbesserte "biologischen Substanz des Volkskörpers"[18] durch Geburten aus "erbgesunden Familien" bezeichnet man als positive Auslese. Das Gegenstück dazu, die negative Auslese, bildet das zweite Leitmotiv der von der nationalsozialistischen Ideologie beherrschten Gesundheitsämter und wurde durch das Eingreifen in unerwünschte Nachkommenschaft erfüllt, indem man Eheverbote aussprach sowie Zwangssterilisationen und Zwangsabtreibungen anordnete. Das dritte Leitmotiv lässt sich an den Bestimmungen von 1935 gegen 'fremdrassige' festmachen, welche Menschen jüdischen Glaubens und später Sinti und Roma daran hindern sollten, mit 'erbgesunden' Deutschen eine Beziehung einzugehen, da dies eine verheerende 'Rassenmischung' darstellte. Bei all diesen Aufgabenbereichen und Zielsetzungen war der Vorteil von den staatlichen Gesundheitsämtern, "dass damit die neuen Aufgaben der Erbgesundheits- und Rassenpflege ohne Gründung von besonderen Rassenämtern und ohne die damit in Zusammenhang stehende finanzielle Mehrbelastung erfüllt werden können".[19]

"Zur Verwirklichung dieser Maßnahmen setzten die Nationalsozialisten den gesamten Verwaltungsapparat ein, wobei insbesondere bei den ersten beiden bevölkerungspolitischen Maßnahmen die Gesundheitsämter eine zentrale Rolle spielten." [20]

Speziell bei der Umsetzung zur Förderung der Geburtenrate und der Beseitigung 'minderwertiger' Erbanlagen durch sogenannte 'ausmerzende Maßnahmen' diente das Gesundheitsamt jedoch nicht nur als einfacher Verwaltungsapparat, viel mehr war es das ausschlaggebendste Organ zur Erfüllung dieser übergeordneten Zielsetzung.

Zur Umsetzung der positiven Auslese zählte die Mütterberatung, welche in den entsprechenden Fürsorgestellen sowie durch Hausbesuche erfolgte.

"Die Gesundheitsämter sollten ab 1935 den Willen zum Kind in der erbgesunden Bevölkerung stärken, die Schwangeren und Wöchnerinnen beraten und ihnen Anleitung für eine gesunde Aufzucht der Kinder geben sowie diese gesundheitlich überwachen." [21]

Von Beginn der Schwangerschaft an war es die außerordentliche Pflicht der Gesundheitsamtes, sich dem Nachwuchs sowie der Mutter, welche in der nationalsozialistischen Ideologie als Erfüllerin der angestrebten höheren Geburtenrate zum Wohle des Volksganzen betrachtet wurde, anzunehmen und vor allem das Kind zukünftig zu überprüfen, um "minderwertiges Erbgut" möglichst schnell erkennen und 'ausmerzen' zu können. Neben der Mütterberatung trat also auch die Säuglings- und Kinderfürsorge als jüngster Aufgabenbereich des Gesundheitsamtes hinzu. Hierbei wurden im Zuge der Hausbesuche Karteikarten angelegt, um das Neugeborene auf seine Entwicklung sowie den Gesundheitszustand zu überprüfen. Diese erbbiologische Bestandsaufnahme diente ab 1936 zur Erfassung von "Erbkranken" und erlebte durch das GVG sowie die Zusammenarbeit zwischen Gesundheitsämtern, Fürsorgestellen und Hebammen seinen höchsten Erfassungsgrad, womit ab 1939 die Tötung erbkranken Nachwuchses einher ging. Diese schrittweise Ermordung "minderwertiger" Kinder wird als Kinder-"Euthanasie" bezeichnet, welche stets mit der Gesundheit des Volksganzen begründet wurde und durch die Übermacht der Nationalsozialisten bis Kriegsende reibungslos und wenig aufsehen erweckend erfolgte. Die sechs Jahre lange systematische Erfassung, Beobachtung und spätere Tötung vermeintlich "erbkranker" Kinder waren ebenfalls Teil der 'Fürsorge' der Gesundheitsämter und repräsentieren den eklatanten Missbrauch des öffentlichen Gesundheitsdienstes durch die Nazis in ganz besonderer Weise.

[...]


[1] Donhauser, Johannes, Das Gesundheitsamt im Nationalsozialismus- Der Wahn vom >>gesunden Volkskörper<< und seine tödlichen Folgen- Eine Dokumentation, Georg Thieme Verlag, 2007, S. 8-9

[2] Kater, Michael H., Ärzte als Hitlers Helfer, Piper 2002, S. 61

[3] Vgl. Kater 2002, S.60

[4] Euthanasie: aus dem Griechischen ευθανασια ( guter/ schöner Tod)

[5] Vgl. Donhauser 2007, Seite 10-12

[6] Vgl. Kater 2002, S. 298

[7] Vgl. Donhauser 2007, Seite 9

[8] Zitiert nach Donhauser 2007, S.13

[9] Vgl. Woelk, W., Die Rolle der Medizin in der Schulpolitik des Nationalsozialismus- das Beispiel Hilfsschule aus: Welkerling, E., Wiesemann, F., Unerwünschte Jugend im Nationalsozialismus, >>Jugendpflege<< und Hilfsschule im Rheinland 1933- 1945, Klartext, 2005, S.168

[10] Zitiert nach Woelk 2005, S. 168

[11] Gütt, Arthur, Der Amtsarzt- Ein Nachschlagewerk für Medizinal- und Verwaltungsbeamte, Gustav Fischer, 1936, S. 23

[12] Vossen, Johannes, Gesundheitsämter im Nationalsozialismus: Rassenhygiene und offene Gesundheitsfürsorge in Westfalen 1900- 1950, Klartext, 2001, S. 207

[13] Vgl. Donhauser 2007, S. 13

[14] Vgl. Gütt 1936, S. 23

[15] Vgl. Gütt 1936, S. 24

[16] Zitiert nach Donhauser 2007, S. 17

[17] Vgl. Vossen 2001, S. 208

[18] Zitiert nach Donhauser 2007, S. 13

[19] Zitiert nach Vossen 2001, S.211

[20] Zitiert nach Donhauser 2007, S. 13

[21] Zitiert nach Vossen 2001, S. 210

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Medizin im Nationalsozialismus. Die Rolle der Gesundheitsämter bei der Erb- und Rassenpflege
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
50
Katalognummer
V369622
ISBN (eBook)
9783668477650
ISBN (Buch)
9783668477667
Dateigröße
720 KB
Sprache
Deutsch
Reihe
Aus der Reihe: e-fellows.net stipendiaten-wissen
Anmerkungen
Ich habe diese Arbeit im Rahmen einer Besonderen Lernleistung im Fach Geschichte in der 12.Klasse angefertigt. Dies ist eine umfangreichere Facharbeit. Für meine Arbeit habe ich zudem den ,,Sonderpreis des Ministeriums für Bildung Rheinland-Pfalz" erhalten.
Schlagworte
Medizin, Nationalsozialismus, Geschichte, Gesundheitsämter, Zwangssterilisationen
Arbeit zitieren
Shabnam Ahmadshahi (Autor), 2016, Medizin im Nationalsozialismus. Die Rolle der Gesundheitsämter bei der Erb- und Rassenpflege, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369622

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