Deutschland verändert sich. Die soziale und ökonomische Entwicklung auf kommunaler Ebene

Eine Stichprobe im Spiegel der Statistik


Wissenschaftliche Studie, 2017
61 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Die demografische Entwicklung von 2003 bis 2014

3. Arbeitsmarktindikatoren

4. Indikatoren der sozialen Lage

5. Zur Entwicklung der kommunalen Steuereinnahmen von 2003 bis 2015

6. Schluss

7. Quellen und Anmerkungen

1. Einführung

Deutschland befindet sich seit einigen Jahren in einer spannenden und in vieler Beziehung nicht einfachen Entwicklungsphase. Zum einen ist das Land wirtschaftlich relativ erfolgreich, begünstigt auch durch einige wirtschaftlich positive Rahmenbedingungen wie dem relativ niedrigen Ölpreis und dem niedrigen Wechselkursstand des Euro. Auch die Geldpolitik der sehr niedrigen Zinsen hat verschiedene wirtschaftsfördernde Effekte. Der deutsche Export befindet sich jedenfalls im Höhenflug. Die Arbeitslosigkeit konnte in den vergangenen Jahren deutlich verringert werden. Es beginnt sich nunmehr teilweise schon ein Arbeitskräftemangel auszuprägen, vor allem ein Fachkräftemangel. Die gegenwärtige wissenschaftlich-technische Entwicklung ist in vieler Beziehung revolutionär. Zahlreiche die Produktivität der Wirtschaft stark steigernde Impulse gehen vor allem von der IT-Branche aus.

Andererseits ist die soziale und wirtschaftliche Situation eines nicht unerheblichen Teils der Bevölkerung unbefriedigend, schwierig, ja sogar existenzbedrohend schlecht, trotz des Abbaus der Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren. Dazu kommen Unsicherheiten auch durch weltpolitische Krisenherde und militärische Konflikte, in die Deutschland teilweise direkt involviert ist. 2015 wurde unser Land stark von der globalen Flüchtlingskrise betroffen. Vor allem auf kommunaler Ebene sind die entsprechenden Belastungen sehr groß. Außerdem tangiert eine nicht geringe Dichte bürokratischer Restriktion die Lebensqualität. (Das ist eine deutsche Tradition, die zuletzt aber noch zugenommen hat.) Auch die demografische Entwicklung ist ein Faktor, der langfristig und in ganz kleinen Schritten zunehmend den wirtschaftlichen und den gesellschaftlichen Reproduktionsprozess in Deutschland belastet. Besonders die anhaltende relative Geburtenschwäche hat negative Folgewirkungen wie schon jetzt vor allem im Osten Deutschlands den Mangel an jungen Nachwuchskräften.

In Deutschland spielen traditionell die Kommunen, die Städte und Gemeinden, eine maßgebliche Rolle als Träger der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. (Das kann zurückverfolgt werden bis zu der sog. Städtischen Umwälzung im 12./13. Jahrhundert.) Auch die differenzierte und widersprüchliche Entwicklung in unserem Land spielt sich ganz konkret auf der kommunalen Ebene ab.

Die Bertelsmann Stiftung hat verdienstvoller Weise seit einigen Jahren einen „Wegweiser Kommune“ entwickelt. Das ist eine riesige Datenbasis zur Analyse, Bewertung und Qualifizierung der Entwicklung auf der kommunalen Ebene. Das Projekt der Bertelsmann Stiftung hat eine Vielzahl statistischer Daten und damit Entwicklungsindikatoren für insgesamt knapp über 3.000 deutsche Kommunen (mit mehr als 5.000 Einwohnern) zusammengetragen. Das ist eine sehr gute Grundlage für die wissenschaftliche Analyse der kommunalen Situation und Entwicklung in unserem Land.

Im Folgenden soll versucht werden, über eine vergleichende soziale und ökonomische Betrachtung auf kommunaler Ebene allgemeine Entwicklungstrends und –wege für Deutschland abzuleiten. Allerdings sollen/können nicht alle ca. 3.000 Kommunen untersucht werden. Vielmehr sollen über eine entsprechende Stichprobe erste Erkenntnisse gewonnen werden. Wenn nötig, kann die Untersuchungsbasis später natürlich jederzeit erweitert werden.

In die Stichprobe wurden 21 Kommunen einbezogen, 13 ostdeutsche und 8 westdeutsche. Die Auswahl der Kommunen erfolgte vor dem Hintergrund der konkreten Erkenntnisziele teilweise zufällig, z.T. aber bewusst mit dem Ziel, die Situation und Entwicklung der Städte und Gemeinden im südöstlichen Umfeld von Berlin einem überregionalen, stichprobenartig sogar deutschlandweiten Vergleich zu unterziehen. Die Konzentration auf das südöstliche Umland von Berlin hat zum einen einen beruflichen Hintergrund. Der Autor ist Bürgermeister einer dieser Kommunen. Die anderen aus diesem Bereich sind Nachbar- bzw. Partnerkommunen (u.a. im Regionalen Wachstumskern „Schönefelder Kreuz“). Zum anderen sind die südöstlichen Umlandkommunen von Berlin besonders interessant unter dem Aspekt des schon jahrzehntelang vieldiskutierten möglichen und gewünschten Ost-West-Angleichungsprozesses. Die entsprechende politische Zielsetzung und Diskussion geht mindestens bis auf das „Überholen ohne einzuholen“ des damaligen ostdeutschen SED-Chefs Walter Ulbricht in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zurück./1/

Der polit-propagandistische Topos von den „blühenden Landschaften“ des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl hatte Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts Millionen Menschen in Ostdeutschland bewegt. Aktuell gibt es dazu hingegen die nüchterne Analyse des Wirtschaftshistorikers Jörg Roesler mit dem Befund „Aufholen, ohne einzuholen! Ostdeutschlands rastloser Wettlauf 1965-2015. Ein ökonomischer Abriss“./2/ Was ist nun wirklich Sache? Was ergibt der kommunale Vergleich?

Die anderen ostdeutschen Kommunen sind zumindest städtebaulich interessant, zumeist auch in einem schönen naturräumlichen Umfeld gelegen. Für ihre Auswahl in die Stichprobe gibt es wissenschaftlich-zufällige unterschiedliche biografische Hintergründe für den Autor. Der erste Besuch (als Kind) in dem kleinen Sebnitz nahe der Hinteren Sächsischen Schweiz war schon 1959. Der Auswahl der westdeutschen Kommunen liegen ebenfalls z.T. unterschiedliche biographische Verbindungen zugrunde, z.B. zum Weinfest in Cochem oder eine kommunale Partnerschaft der Heimatstadt des Autors mit Taufkirchen im südlichen Umland von München. Uelzen und Unna (früher immerhin zeitweilig preußisch!) sind reine Zufallswahlen. Roth im Fränkischen ist für den Bürgermeister einer seit Jahrzehnten sportorientierten Kommune (Fußball organisiert seit 1910!) u.a. interessant wegen der zahlreichen Botschaften zu Fitness und Gesundheit von dort./3/ Für den hiesigen Untersuchungszweck aber ohne Belang, also insofern ist die Stadt zufällig in die Stichprobe aufgenommen worden.

Für die vergleichende Betrachtung der 21 deutschen Kommunen wurden insgesamt knapp 40 Indikatoren ausgewählt, die die Situation und Entwicklung der Städte und Gemeinden und in nächster Instanz die Entwicklung in Deutschland insgesamt, das Ost-West-Verhältnis inbegriffen, anschaulich und aussagekräftig reflektieren sollen. Die Datenauswertung erfolgte in zwei Schritten, Mitte 2014 und Anfang 2017.

2. Die demografische Entwicklung von 2003 bis 2014

Der wichtigste zusammenfassende und besonders aussagekräftige demografische Indikator ist die Entwicklung der Bevölkerungszahl in den Kommunen. Die Entwicklung der Bevölkerungszahl sagt u.a. viel aus über die Attraktivität, die Anziehungskraft, der Städte und Gemeinden. Die Auswertung ergibt folgendes Bild:

Tab. 1: Die Entwicklung der Bevölkerungszahl in den 21 Vergleichs­kommunen von 2003 – 2014 (Reihenfolge der Kommunen nach der Bevölkerungs­entwicklung von 2003 bis 2014 in %)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

* Sebnitz ist eigentlich seit längerem schon eine Stadt mit stark rückläufiger Bevölkerungszahl. Von 2003 bis 2011 gab es einen Rückgang von 10.88 %. In 2012 wurden die Ortsteile Altendorf, Lichtenhain, Mittelndorf, Ottendorf und Saupsdorf der ehemaligen Gemeinde Kirnitschtal nach Sebnitz eingemeindet, was die Bevölkerungszunahme bis 2014 bedingte.

Quelle: Bertelsmann Stiftung: www.wegweiser-kommune.de ; eigene Berechnungen

Die Bevölkerungszahl der Stichprobe insgesamt war von 2003 bis 2014 rückläufig um fast 3,5 Prozent. Diese leichte Schrumpfung überrascht nicht. Die Gesamtbevölkerungszahl der Bundesrepublik Deutschland verringerte sich im gleichen Zeitraum immerhin auch um 1,61 Prozent, trotz der Sogwirkung der sehr großen deutschen Städte, gerade auch auf ausländische Bürger.

Vor etlichen Jahren wurde die demografische Situation und Entwicklung in Deutschland nicht selten auf den Begriff „demografische Krise“ gebracht. Heute wird zurückhaltender von „demografischem Wandel“ gesprochen. Durchaus auch aus guten Gründen, z.B. vor dem Hintergrund einer positiveren Einstellung zum Alter und zum demografischen Alterungsprozess unserer Gesellschaft. Andererseits führt die neue Begrifflichkeit aber auch zu einer Unterschätzung unserer aktuellen demografischen Probleme, etwa die anhaltende relative Geburtenschwäche in Deutschland mit der zeitversetzten, heute schon spürbaren Nachwuchsarbeitskräfte-Verknappung. Auch die anhaltende relative Verringerung der Zahl vor allem der (jüngeren) Frauen im gebärfähigen Alter mit der Folge der weiteren negativen Bevölkerungsreproduktion (weitere Verringerung der Geburtenzahlen) ist durchaus kritisch zu sehen.

Die Stichprobe zeigt zugleich eine sehr starke Differenzierung der Bevölkerungsentwicklung auf der kommunalen Ebene zwischen den verschiedenen Teilen/Regionen unseres Landes in historisch sehr kurzer Zeit, in den elf Jahren von 2003 bis 2014. Deutschland ist bevölkerungsseitig in einer rasanten Bewegung. Der Wettbewerb der Kommunen um Einwohner, vor allem um hochqualifizierte Fachkräfte, ist sehr intensiv. Dabei spielt ein ganzes Bündel von Standortbedingungen im Wettbewerb um Einwohner eine bestimmende Rolle. Für die Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten der Bürger hat der Wettbewerb der Kommunen um wertschöpfungsstarke Unternehmen mit anspruchsvollen Arbeits-plätzen eine besondere Bedeutung.

In der Stichprobe schwankt die Einwohnerentwicklung 2003 - 2014 zwischen (fast) 16 Prozent plus in der Flughafengemeinde und Nachbargemeinde von Berlin Schönefeld und minus 14 Prozent im ebenfalls brandenburgischen Finsterwalde und fast minus 14 Prozent in Unna am Rande des Ruhrgebietes (NRW) sowie mit einem ähnlichen Minus das thüringische Sondershausen. Abgesehen von Unna ist die Bevölkerungsbewegung nach Oben und nach Unten vor allem ein ostdeutsches Problem. Die Ausdifferenzierung und Bewegung der Bevölkerungszahl ist hier besonders ausgeprägt. Der kommunale Standortwettbewerb ist im Osten Deutsch-lands erst wieder seit reichlich 25 Jahren im Gange. Vorher war er für Jahrzehnte wesentlich modifiziert und abgeschwächt. Man kann einen nachholenden Korrekturbedarf angesichts der neuen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (Marktwirtschaft) annehmen. Dabei hat Finsterwalde in den 25 Jahren von Ende 1989 bis 2014 einen Einwohnerverlust von 31,33 Prozent, von 23.892 /4/ auf 16.407 Einwohner, erlitten. Bemerkenswert, wenngleich für einen Beteiligten nicht wirklich überraschend, ist andererseits die positive Bevölkerungsentwicklung im südöstlichen Umland von Berlin. Die Nähe der Hauptstadt und Metropole Berlin, eine relativ gut ausgebaute Infrastruktur und der gegenwärtige internationale Flughafen Schönefeld sowie die Perspektive, als Flughafenregion künftig noch wesentlich mehr an Bedeutung zu gewinnen, sind entscheidende Wachstumstreiber.

Ein gegenwärtig in Deutschland vieldiskutiertes Thema ist der Ausländeranteil im Land. Auch die ausländischen Bürger leben konkret in unseren Städten und Gemeinden. Vermutlich sind die diesbezüglichen Anteilswerte zwischen den Kommunen recht unterschiedlich. Unsere Stichprobe weist auf die entsprechende Differenzierung in Deutschland hin. Mit der Einschränkung, dass hier die Entwicklung von 2003 bis 2014 reflektiert wird, die Effekte der großen Flüchtlingswelle ab 2015 auf die kommunale Ebene also noch nicht erfasst werden. Außerdem gibt es von verschiedenen Kommunen keine Angaben zu dem Anteil der Bürger ohne deutsche Staatsbürgerschaft in ihrem Bereich (betrifft die bayerischen und mecklenburgischen Kommunen). Siehe dazu Tab. 2:

Tab. 2: Der Ausländeranteil (= Anteil der Bürger ohne deutsche Staatsbürger­schaft in Prozent) in den 21 Vergleichskommunen 2003 und 2014 (Reihenfolge der Kommunen nach dem Prozentwert für 2014)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

* ohne Sondershausen

Quelle: Bertelsmann Stiftung: www.wegweiser-kommune.de ; eigene Berechnungen

Von 2003 bis 2014 halten sich Wachstum und Veränderung der Ausländeranteile in Grenzen. Das einfache arithmetische Mittel des Ausländeranteils der 15 Kommunen unserer Stichprobe, für die für beide Jahre Angaben vorliegen, beläuft sich für 2003 auf 4,47 Prozent, für 2014 auf 4,63 Prozent. Also annäherde Stabilität in diesem Zeitraum, bei Unterschieden zwischen und Schwankungen in den Kommunen. In den einbezogenen westdeutschen Kommunen sind die Ausländeranteile etwas höher, bei Zuwächsen aber auch im Osten.

Für die natürliche Bevölkerungsentwicklung bzw. –reproduktion ist die Fertilität, also die Geburtlichkeit, die Geburtenhäufigkeit bei den Frauen im gebärfähigen Alter (13/15 bis 49 Jahre) von wesentlicher Bedeutung. Bekanntermaßen ist die Geburtenrate in Deutschland schon seit Jahrzehnten deutlich zu niedrig, um eine quantitativ einfache Reproduktion der Bevölkerung („stationäre Bevölkerung“) zu erreichen. Welches Bild von der Geburtlichkeit im Land bietet unsere Stichprobe? Gibt es größere Unterschiede zwischen den Kommunen in Deutschland? Die Bertelsmann Stiftung hatte in ihrer Datenbank vor Jahren einen etwas „sperrigen“ Indikator zur Analyse und Bewertung der Fertilität zur Verfügung gestellt, den sog. Fertilitätsindex. Dieser zeigt an, wie weit die jeweilige Stadt/Gemeinde hinsichtlich der Geburtlichkeit von dem (für die einfache Bevölkerungsreproduktion landesweit zu geringen) Bundeswert abweicht. Bezogen auf die jeweils gemittelten Werte der vier Jahre bis 2003 und bis 2011 zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Kommunen und zum Teil deutliche Schwankungen zwischen den beiden erfassten Perioden.

Tab. 3: Der Fertilitätsindex in den 21 Vergleichskommunen 2003 und 2011 (gemittelter Wert der 4 Jahre bis 2003 und bis 2011; Frauen im Alter von 15-49 Jahren; Reihenfolge der Kommunen nach der Höhe des Fertilitätsindex)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bertelsmann Stiftung: www.wegweiser-kommune.de ; eigene Feststellungen (Reihenfolge)

In den vier Jahren bis 2011 lag der Fertilitätsindex in Teterow um 37 Prozent über dem bundesdeutschen Durchschnitt, in Wildau lag er in dieser Zeit um reichlich 14 Prozent unter dem bundesdeutschen Durchschnitt.

Eine signifikante Ost-West-Relevanz ist beim Fertilitätsindex nicht zu erkennen. Die Ursachen der Unterschiede und Schwankungen müssen hier gemeindespezifisch ermittelt werden.

Für ihre kommunalen Bevölkerungsprognosen bis 2030 hat das Projektteam der Bertelsmann Stiftung sogenannte Total Fertility Rates (TFR) für die einzelnen Kommunen berechnet. Die TFR unterscheiden sich zwischen unseren 21 Vergleichskommunen erheblich, bleiben dabei aber überall deutlich unter der – volkswirtschaftlich betrachtet – für die einfache Bevölkerungsreproduktion wünschenswerten Zahl von durchschnittlich (reichlich) 2 Geburten pro Frau im gebärfähigen Alter.

Tab. 4: Total Fertility Rate (TFR) für die Bevölkerungsprognose bis 2030 für die 21 Vergleichskommunen (ausgehend von den tatsächlichen Geburtenziffern von 2009-2012, Altersspanne der Frauen von 13 bis 49 Jahre; Reihenfolge der Kommunen nach der Höhe der TFR)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bertelsmann Stiftung: www.wegweiser-kommune.de; eigene Feststellungen (Reihenfolge)

Teterow scheint demografisch auf einem relativ guten Weg zu sein. Aber hier muss noch weiter/tiefer geforscht werden. Die TFR für Teterow ist immerhin deutlich über 50 Prozent (56,64 %) höher als die für Wildau berechnete TFR. Für Wildau als Hochschulstadt wurde offenbar berücksichtigt, dass hier die Geburten-wahrscheinlichkeiten der jungen Frauenjahrgänge (unter 25 Jahre) besonders niedrig sind (Studium geht vor!)./5/

Für die kommunale Voraus-Planung genauer und wichtiger ist der Indikator „Geburten pro 1.000 Einwohner“. Hierbei wird neben den Geburtenziffern indirekt auch die Struktur der jeweiligen kommunalen Bevölkerung mit berücksichtigt (Alter, Geschlecht u.a.). Der Indikator der Geburten pro 1.000 Einwohner gilt als relativ stabil/konsistent und damit für die Planung und Prognose, z.B. der notwendigen Kita-Kapazitäten, als gut geeignet.

Tab. 5: Geburten pro 1.000 Einwohner in den 21 Vergleichskommunen im Jahr 2014 (Reihenfolge der Kommunen nach der Höhe der durchschnittlichen Geburtenzahlen/1.000EW)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bertelsmann Stiftung: www.wegweiser-kommune.de

Auf Prozentwerte umgerechnet sind die Unterschiede zwischen den Kommunen nicht unerheblich. Die Zahl der Geburten ist umgerechnet auf 1.000 Einwohner in der Gemeinde Schönefeld immerhin um zwei Drittel (66,1%) höher als in der Nachbargemeinde (!) Schulzendorf. Vielleicht ergibt die weitere Analyse noch Aufschlüsse zu dieser zunächst sehr erstaunlichen Differenz.

Für die Planung und Prognose der kommunalen Entwicklung sind nicht nur die Geburtenzahlen wichtig, sondern auch die natürliche Bevölkerungsbewegung insgesamt, also neben der Altersentwicklung der kommunalen Bevölkerung auch das Verhältnis bzw. der Saldo von Fertilität (resp. Geburtenziffern) und Mortalität (resp. Sterbeziffern). Die natürliche Bevölkerungsbewegung unterliegt im Allgemeinen nur relativ geringen Veränderungen im Laufe der Entwicklung. Die gegenwärtige Realität der Bevölkerungsentwicklung auf kommunaler Ebene in unserem Lande ist aber eine ganz andere, wie Tabelle 1 anschaulich belegt. Die kommunale Bevölkerungs-entwicklung in Deutschland ist dabei vor allem wanderungsbestimmt (hohe territoriale Mobilität). Die Wanderungsbewegung ist vielfach sehr dynamisch, unterliegt oft schnellen Veränderungen, was die kommunale Planung und Prognose sehr erschwert und den Anpassungs- und den Wettbewerbsdruck auf die Kommunen deutlich erhöht. Die entsprechenden Indikatoren machen das für unsere Stichprobe gut erkennbar:

Tab. 6: Die Salden der Bevölkerungsbewegung der 21 Vergleichskommunen im Jahr 2014 (Reihenfolge der Kommunen nach der Höhe des Gesamtsaldos)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

* Saldo aus Geburten- und Sterbeziffern pro 1.000 Einwohner.

** Saldo aus Zuzügen und Fortzügen pro 1.000 Einwohner. Die Wanderungssalden sind Mittelwerte der vier Jahre von 2011 bis 2014.

*** Summe aus natürlichem und Wanderungssaldo, ebenfalls bezogen auf 1.000 Einwohner.

Quelle: Bertelsmann Stiftung: www.wegweiser-kommune.de ; eigene Berechnungen

Von unseren 21 Vergleichskommunen hat nur die Flughafengemeinde Schönefeld einen positiven natürlichen Bevölkerungssaldo (= mehr Geburten als Sterbefälle), berechnet für 2014. Den schlechtesten natürlichen Saldo hat das beschauliche Cochem an der Mosel im Bundesland Rheinland-Pfalz. Drei ostdeutsche Kommunen – Sebnitz, Sondershausen und Finsterwalde – folgen nur knapp dahinter. Beim Wanderungssaldo sind die Unterschiede zwischen den Kommunen noch größer als beim natürlichen Saldo. Einsamer Spitzenreiter ist das (relativ) kleine Bestensee südöstlich von Berlin, vor dem Villen-Vorort von Berlin Zeuthen und dem bayerischen Geretsried und der Flughafengemeinde Schönefeld. Nur fünf unserer 21 Vergleichskommunen hatten (2011 bis) 2014 einen negativen Wanderungssaldo (einen negativen natürlichen Saldo hatten immerhin 20 der 21 Kommunen der Stichprobe). Der Gesamtsaldo war bei 8 Kommunen negativ, bei 12 Kommunen positiv. Beim linksrheinischen Hückelhoven haben sich natürlicher Saldo und Wanderungssaldo ausgeglichen. Die Zahlen des Gesamtsaldos belegen – wie auch schon Tabelle 1 – die relativ starke Position des Berliner Umlandes, hier des südöstlichen, im bundesdeutschen Vergleich.

Die Wanderungsbilanz der Kommunen kann, was für die kommunale Planung nicht unwichtig ist, noch nach verschiedenen Altersgruppen spezifiziert werden. Interessant für die Kommunen ist zunächst die Wanderung der 18- bis 24-jährigen, die auch als Bildungswanderung bezeichnet wird, weil sie in diesem Alter oft zum Zweck der Ausbildung erfolgt. Die kommunalen Unterschiede in der sog. Bildungswanderung sind auch in unserer Stichprobe extrem groß. (Die Zahlen sind auf jeweils 1.000 Einwohner berechnet.)

Tab. 7: Der Wanderungssaldo der 18- bis 24-Jährigen (sog. Bildungswande-rung) in den 21 Vergleichskommunen 2003, 2011 und 2014 (Reihen-folge der Kommunen nach dem Saldo von 2014; die Salden sind jeweils Mittelwerte der vier Jahre bis einschließlich dem genannten Jahr.)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bertelsmann Stiftung: www.wegweiser-kommune.de; eigene Feststellungen (Reihenfolge)

Die kleine Stadt Wildau südöstlich am Stadtrand von Berlin hat einen sehr starken positiven Saldo des Wanderungsgeschehens der 18- bis 24-Jährigen. Die kleine Stadt hat eine große (und sehr bekannte) Hochschule in ihrer Mitte. Die zieht natürlich junge Leute nach Wildau. Bemerkenswert ist auch der stark positive Saldo des kleinen Cochem an der Mosel in der entsprechenden Altersgruppe (Rang 2 für 2014). Insgesamt 13 Kommunen unserer Stichprobe haben zum Teil erhebliche Wanderungsverluste bei den 18- bis 24- Jährigen zu verzeichnen. Merk-würdigerweise gerade auch Schulzendorf und Mittenwalde, beides (fast) Nachbargemeinden von Wildau.

Ein quantitativ deutlich größeres Gewicht als die sog. Bildungswanderung hat die Familienwanderung, also die Wanderung der unter 18-Jährigen und 30- bis 49-Jährigen zusammen, auf die kommunale Bevölkerungsentwicklung. (Der Anteil der entsprechenden Jahrgänge an der (kommunalen) Gesamtbevölkerung ist deutlich größer.) Die Attraktivität der Kommune für Familien, die oft für längere Zeit an dem- selben Ort bleiben, wird erkennbar. Ebenso ergeben sich daraus u.a. Aufgaben der Kommunen im Wohnungsbau sowie in Bezug auf Kita- und Schulkapazitäten. Der Saldo wird auch hier berechnet auf je 1.000 Einwohner und als Mittelwert der jeweils vier Jahre bis zu dem genannten Jahr.

Tab. 8: Der Wanderungssaldo der unter 18-Jährigen und der 30- bis 49-Jähri-gen (sog. Familienwanderung) in den 21 Vergleichskommunen 2003, 2011 und 2014 (Reihenfolge der Kommunen nach der Höhe des Saldos für 2014)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bertelsmann Stiftung: www.wegweiser-kommune.de; eigene Feststellungen (Reihenfolge)

Die Wanderungsbilanzen der Stichprobekommunen sind bei der sog. Familienwanderung insgesamt deutlich günstiger als bei der Bildungswanderung (die natürlich in der Regel zu den großen (Universitäts-)Städten tendiert). Nur drei der 21 Stichprobenkommunen haben eine negative Familienwanderung in der Periode von 2011 bis 2014. Besonders gut sind hier die Ergebnisse der (südöstlichen) Umlandkommunen Berlins. Bestensee macht als Wohnstandort seinem Namen offenbar viel Ehre. Die Berlinnähe ist aber offensichtlich insgesamt ein positiver standortprägender Faktor. Und nicht wenige Berliner zieht es nach der Familien-gründung ins Umland, als Teil des sog. Suburbanisierungsprozesses. Nur das etablierte (und historisch sehr spannende) bayerische Geretsried südöstlich von München kann in Bezug auf die Attraktivität für Familien mithalten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 61 Seiten

Details

Titel
Deutschland verändert sich. Die soziale und ökonomische Entwicklung auf kommunaler Ebene
Untertitel
Eine Stichprobe im Spiegel der Statistik
Autor
Jahr
2017
Seiten
61
Katalognummer
V369700
ISBN (eBook)
9783668478183
ISBN (Buch)
9783668478190
Dateigröße
694 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ost-West-Angleichung, demografische Entwicklung, Aufschwung, Kommunen, Konjunktur
Arbeit zitieren
Uwe Malich (Autor), 2017, Deutschland verändert sich. Die soziale und ökonomische Entwicklung auf kommunaler Ebene, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369700

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