Das Dichten und die Kreuzzüge. Das Kreuzlied der Trobadors


Hausarbeit, 2016

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

1. Einleitung

„[…] ich gehe jetzt in fremde Lande: In großer Furcht, in großer Gefahr, in Krieg lasse ich meinen Sohn zurück […] Gnade erbitte ich […] und flehe zu Jesus im Himmel in meiner romanischen und in der lateinischen Sprache.“1

Guilhem IX., Herzog von Aquitanien oder in der französischen Literaturwissenschaft besser bekannt als der erste Trobador schildert in seinem Lied „Pos de chantar m’es pres talentz“ seine Gefühle und Gedanken, die ihn bewegen, als er zum ersten Kreuzzug aufbricht. Das Mittelalter, das Zeitalter der Kreuzzüge, gilt als Geburtsstunde der Trobadorlyrik. „Die Lyrik der Trobadors ist eine jener künstlerischen Leistungen, die, obwohl an eine bestimmte Epoche und an einem bestimmten Kulturraum gebunden, über ihre Zeit […] hinaus, alle Kraft und Schönheit bewahrt haben.“2 Der Terminus „Trobador“ kann mit dem Begriff „Erfinder“ gleichgesetzt werden, daher erschufen sie aus den grundlegenden Elementen razo, motz und son (Inhalt, Text und Melodie) die Lyrik des okzitanischen Mittelalters. „Romanisch“ beziehungsweise „Romance“ wurden die neuen Verschmelzungen des Lateinischen mit der Sprache der Eroberer entstandenen Varietäten genannt. Daher „Romane“, die darin verfasste Dichtung wovon auch „romantisch“ abgeleitet ist. Romantisch darf sie daher genannt werden, da ihr Fundament nicht die klassische Mythologie war sondern die ritterliche und christliche Mythologie.3 Bei dieser Lyrik handelt es sich um ein Phänomen, das die gesamte abendländische Liebeslyrik bis in die heutige Zeit prägt. Diese Art der Dichtung schlug eine enorme Welle. Ausgehend von Südfrankreich über Nordfrankreich und Flandern, über Burgund und Lothringen und das Elsas oder aber von der Provence über die Schweiz nach Deutschland. Aus der Trobadorlyrik entstand ihr nordfranzösisches Pendent: die Dichtung der Trouvères. In diesem Kontext tritt Eleonore von Aquitanien, die Enkelin des „ersten“ Trobadors, auf. Durch ihre Heirat bringt sie ihre okzitanische Kultur in den Norden Frankreichs und ihre Kinder Richard Löwenherz und Marie de Champagne bilden eine Einheit in der Geschichte der Entstehung der Trouvèrelyrik, die aus der immensen Strahlkraft der Trobadors entstand. Eine Besonderheit stellt ein engmaschiges Netz dar, das den Literaturbetrieb der Trobadors umspannt. Der eine kennt den anderen und jeder zitiert den anderen. Den Rahmen für diese Vernetzung stellt das gesamte 12. Jahrhundert dar, die Entstehungszeit der europäischen Liebeslyrik. Die Kreuzzüge gelten als interkultureller Ort der Begegnung. Am Ende des ersten Kreuzzuges, an dem auch der „erste“ Trobador Guilhem IX. teilnahm gibt es die Trobadorlyrik bereits. In Forschungskreisen wird vermutet, dass sie wesentliche Elemente aus dem Orient mitbringt. Zum Zeitpunkt des zweiten Kreuzzuges, der beinahe den gesamten europäischen Hochadel versammelt, sind die Möglichkeiten für einen regen internationalen Kulturaustausch besonders günstig. Der gemeinsame Weg, den alle Kreuzzugsteilnehmer in Richtung Jerusalem nehmen, bietet genügend Gelegenheiten für den Austausch unter okzitanischen, französischen und deutschsprachigen Sängern und Spielleuten. Somit bildet das „Singen auf den Kreuzzügen“ die erste Chance, die Kunst, die Lieder sowie die Kultur der Trobadors im europäischen Raum zu verbreiten.4 In der nachfolgenden Ausführung sollen die Kreuzzüge als einschneidende Zäsur in das europäische Mittelalter angesehen werden und die während dieser Zeit entstandene Lyrik, die Kreuzzugslyrik. Die Traditionellen lyrischen Formen der Trobadors wie beispielsweise Kanzone, Pastourelle oder Alba, werden hier vernachlässigt und der Fokus wird auf die altfranzösischen sowie altprovenzalischen Kreuzlieder einzelner Trobadors wie beispielsweise Marcabru gelegt. Es soll der Frage nachgegangen werden, wie das historische Ereignis der Kreuzzüge Zugang in die Lyrik fand und wie die Kreuzzugsidee beziehungsweise die Kreuzzugsthematik in der trobadoreseken Lyrik des Mittelalters umgesetzt wurde.

2. Das herzogliche Haus Aquitanien - Guilhem IX., der erste Trobador

Um in den Kultur- und Wirkungsbereich der trobadoresken Lyrik einzuführen, erscheint es eingangs unabdingbar, auch die historische Seite des okzitanischen Mittelalters, die Entstehungszeit der behandelten Lyrik sowie auch einzelne Details des ersten Trobadors, kurz anzuschneiden. Aus den Reihen der Herrscher von Poitiers, tritt die bemerkenswerte Persönlichkeit Herzog Guilhem IX. Er war der erste Dichter seiner Zeit der das Lateinische aus der bisherigen Dichtung verdrängte und als namentlich bekannter erster Trobador in der Volkssprache „lengua limosina“ dichtete. Am Hofe von Aragon, wo Guilhem um die junge Witwe Filippa von Toulouse warb, fand er dort eine äußerst tolerante Gesellschaft an, denn Christen, Juden und Mauren lebten in Frieden miteinander. Durch diesen regen kulturellen Austausch war er in erster Linie an der arabischen Dichtkunst interessiert. Ein besonders wichtiger Zeitgenosse Guilhems war der arabische Dichter Abraham Ibn Ezra, der als Wanderer und Gelehrter an den Höfen von Frankreich und Italien dichtete. Seine Art beziehungsweise seine Kunst zu dichten beeindruckte den Herzog in besonderem Maße und in Forschungskreisen wird vermutet, dass die Lyrik Abrahams einen immensen Einfluss auf die frühen Trobadors in Okzitanien genommen hat. Guilhem IX. war ein Mann ungeheurer Lebenslust und zugleich tiefen Kummers. Er war ebenso der erste weltliche Dichter, der anstelle von brutalen Ritterepen leidenschaftliche Balladen um Liebe, Abenteuer und höfische Minne dichtete und sang. Der Herzog eröffnet nicht nur die Riege der überlieferten bekannten Trobadors, sondern er zählt auch als einer der besten und begabtesten Dichtern seiner Zeit. Die elf überlieferten Kompositionen spiegeln die zwiespältige Persönlichkeit des Verfassers wieder. Sie haben witzigen, melancholischen oder freizügigen beziehungsweise teils obszönen Inhalt.5 Inwiefern die Themen seiner Lieder mit der psychischen Disposition des Herzogs zusammenhängen, so muss sich dem literaturwissenschaftlichen Instrument der Hermeneutik bedient werden, darauf soll aber hier nicht weiter eingegangen werden.

3. Die Ausbildung einer Kreuzzugsidee und der erste Kreuzzug

Der Mut, der Glaubenseifer sowie die Abenteuerlust des christlichen Ritterstandes. Dies sind nur wenige der zahlreichen Schlagworte Urbans II. in seiner berühmten Rede, die er auf dem Konzil von Clermont hielt. Der byzantinische Kaiser überzeugte den Papst von der Notwendigkeit einer Hilfeleistung gegen die Seldschuken. Daraufhin begann Urban II. eine Reise durch Frankreich mit dem Vorhaben, den Gedanken eines heiligen Krieges zu verbreiten und dafür zu werben. Für das Konzil ließ der Papst ungefähr 300 französische Geistliche zusammenkommen und hielt vor den Toren der Stadt seine große Kreuzpredigt. Im genauen Wortlaut ist die Rede nicht überliefert, lediglich einzelne Chroniken enthalten Fragmente dieses Textes. Urbans Argumente, um die Leute von der Kreuzzugsidee zu begeistern, ordnen sich folgendermaßen: Der Papst fordere alle gläubigen Christen auf, das Kreuz zu nehmen, um den unterdrückten Mitbrüdern zu helfen, denn die Heiden schänden die heiligen Städten unseres Herren. Er vermittelte in seiner Selbstinszenierung als Sprachrohr Gottes und wollte die Gläubigen zum Handeln aufrufen. Im Aufbau folgte seine Predigt einem dreigliedrigen Schema: Zuerst durch der eigentliche Apell am Kreuzzug teilzunehmen, dann durch das Versprechen eines Ablasses und schließlich erinnerte er die Zuhörer an ihre Sünden und die Dringlichkeit einer Läuterung. Er agierte besonders geschickt, da er wusste, dass die Bevölkerung geprägt von tiefer Leistungsfrömmigkeit war und die Teilnahme am Krieg ihnen die Vergebung ihrer Sünden und ihr Seelenheil ermöglichte.6 Daraufhin erhob sich eine enorme religiöse Begeisterung. Anstatt der von Byzanz erhofften Söldnerkontingente machte sich ein ganzes Kreuzfahrerheer auf den Weg. Wanderprediger verbreiteten die Nachricht auf Landstraßen und Marktplätzen, was zur Folge hatte, dass auch kleine Leute bald vom Kreuzzugseifer überwältigt wurden.7 Der Kreuzzug stand unter der Führung der heiligen Mutter Kirche. Urban II. setzte seine Reise durch Frankreich fort und predigte in Limoges, in Tours, in Bordeaux sowie in Toulouse. Die Beschlüsse des Konzils von Clermont wurden an die Bischöfe des Westens geschickt, der Brief rief die Gläubigen in Flandern auf und im weiteren Verlauf schloss sich der Bruder des Königs von Frankreich sowie eine Vielzahl von französischen Adeligen an. Den Aufrufen des Papstes folgten zwar noch viele andere Nationen, wie Deutschland, Spanien und Italien, aber im ersten Kreuzzug kämpfte vorwiegend die französische Ritterschaft. Mit der Eroberung Jerusalems 1099 war das bedeutendste politische Ziel erreicht: die Patriarchate von Jerusalem und Antiocha wurden zurückgewonnen. Nicht nur Ritter sind in den Orient gezogen. Die Kreuzzugsbotschaft hatte auch das Volk ergriffen. Bereits vor den Kreuzzügen hatten sich im 10. und 11. Jahrhundert religiöse Volksbewegungen gebildet und pilgerten in Richtung des Heiligen Landes. Auch wenn diesen Pilgern die kriegerische Haltung der Kreuzzugheere fehlte, so erschufen sie doch die erste Verbindung zwischen der abendländischen und orientalischen Kultur. Zeitgenössische Chronisten beschreiben die Pilgerfahrten von Fürsten und Bischöfen mit einer großen Anzahl an Rittern, Baronen und Gefolge. Sie berichten über Pilgerlieder, die während den Wanderungen vorgetragen wurden, die in ihren Versen die Verehrung des heiligen Kreuzes sowie die Erlösungssehnsucht wiedergeben.8 Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird auch ein Pilgerlied des ersten trobadoresken Lyrikers Guilhem IX. betrachtet, um vorhandene Gemeinsamkeiten beziehungsweise Unterschiede zu der Gattung des Kreuzliedes darzustellen.

4. Das Kreuzlied

„[Kreuzlieder sind] Dichtungen, die den Kreuzzugsgedanken in poetischer Form vertiefen oder historische Vorgänge wieder erkennen lassen wobei Kreuzzugsepik und - lyrik verschiedenen Gesetzen folgen.“9 Das Kreuzlied in seinen grundlegenden Zügen darf nicht als Gattung bezeichnet werden, sondern als eine im Wesentlichen durch seinen Inhalt bestimmte Gruppierung der Dichtkunst.10 Wird der Terminus „Kreuzlied“ im Allgemeinen ausgelegt, so können drei Arten des Kreuzliedes ausgemacht werden: Diejenigen Lieder, die für den Gesang der Menge bestimmt waren, die andere Sorte forderte zum Aufbruch zu den Kreuzzügen auf und die letztere Klasse sind Gesänge, die die Gefühle des Dichters vor oder während des Kreuzzuges zum Ausdruck bringen. Wird der Fokus aber auf die Gruppe der altprovenzalischen Kreuzlieder gelegt, so lässt sich feststellen, dass Gedichte der ersten Art dem Provenzalischen komplett fehlen, Lieder der dritten Familie haben keinen Anspruch darauf, eine eigene Gattung zu bilden, da sie entweder mit Gesängen der zweiten Art oder mit anderen provenzalischen Gattungen verschmelzen. Für das Kreuzlied bleibt demzufolge nur dasjenige Lied, welches zur Kreuzfahrt auffordert. Der Begriff „Kreuzlied“ deckt sich daher, was die Franzosen „exhortation à la croisade“, die Italienier „eanto per la crociata“ nennen und weiterhin deckt er sich auch mit dem was die Provenzalen als „prezicansa“ bezeichneten. Wenn im Provenzalischen „prezicansa“ mit dem Terminus „Kreuzlied“ assoziiert wird, so ist zu beachten, dass „prezicansa“ in diesem Fall mit eingeschränkter Semantik gebraucht wird. Der Begriff ist normalerweise viel weiter gefasst als lediglich „Kreuzlied“, er bedeutet vielmehr was sein eigentlicher Name preisgibt: eine Predigt;

[...]


1 Guilhem IX., Pos de chantar m’es pres talentz, in: Müller, Ulrich (Hrsg.), Kreuzzugsdichtung, Tübingen 1985, S.4-5.

2 Mölk, Ulrich, Trobadorlyrik, München u. Zürich 1982, S. 5.

3 Vgl. Ebd., S. 11.

4 Vgl. Rieger, Angelica, Trobadors und Trouvères, in: Mölk, Ulrich (Hrsg.), Mittelalter, Tübingen 2008, S. 73-75.

5 Vgl. Zeus, Marlis, Provence und Okzitanien im Mittelalter, Ein historischer Streifzug mit 88 Abbildungen und 25 Stammtafeln der regierenden Fürstenhäuser, Karlsruhe 2002, S. 183-186.

6 Vgl. Jaspert, Nikolas, Die Kreuzzüge, Darmstadt 2010, S. 34.

7 Vgl. Wisniewski, Roswitha, Kreuzzugsdichtung, Idealität in der Wirklichkeit, in: Impulse der Forschung, Bd. 44, Darmstadt 1984, S. 8.

8 Vgl. Wentzlaff-Eggebert, Friedrich-Wilhelm, Kreuzzugdichtung des Mittelalters, Studien zu ihrer geschichtlichen und dichterischen Wirklichkeit, Berlin 1960, S. 9-14.

9 Schneider, H./Wentzlaff-Eggebert, Friedrich-Wilhelm, in: Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, Bd. 1, Berlin 1965, S. 885 b.

10 Vgl. Böhmer, Maria, Untersuchungen zur mittelhochdeutschen Kreuzzugslyrik, Bulzoni 1968, S. 14.

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Details

Titel
Das Dichten und die Kreuzzüge. Das Kreuzlied der Trobadors
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Europäische Trobadordichtung
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V369868
ISBN (eBook)
9783668486713
ISBN (Buch)
9783668486720
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kreuzlied, Kreuzzug, Trobador, Okzitanien, Provence
Arbeit zitieren
Benedikt Eibl (Autor:in), 2016, Das Dichten und die Kreuzzüge. Das Kreuzlied der Trobadors, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369868

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