"Traditionelle" und "Moderne" Medizin im "aufgeklärten" Japan

Warum das Konzept von Tradition und Moderne im Fall der Medizin Japans unangebracht ist


Bachelorarbeit, 2016

44 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorgeschichte

3. Medizin in der Edo-Zeit
3.1 Die Kanpō-Medizin im abgeschlossenen Feudalsystem
3.2 Die Rezeption der westlichen Medizin in Edo-Japan
3.3 Die Landesöffnung

4. Die Modernisierung der Medizin zur Meiji-Zeit

5. Nationalismus und Medizin im Japan des 20. Jahrhunderts

6. Nachkriegszeit bis Gegenwart

7. „Tradition und Moderne“?

8. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gesundheit ist das höchste Gut des Menschen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Menschen sich auf ihre Medizin verlassen wollen. Doch nicht selten gerät die hierzulande dominierende Schulmedizin an ihre Grenzen und die Patienten begeben sich auf die Suche nach Alternativen. Schlagworte wie „ganzheitlich“ und „nebenwirkungsfrei“ sind Begriffe, mit denen die alternativen Medizinrichtungen und Heilverfahren werben und bei enttäuschten Patienten ins emotionale Schwarze treffen. Unter alternativer Medizin sammeln sich Disziplinen wie Homöopathie, Bachblütentherapie, oder Oxyvenierung1 - jede eine „Wissenschaft“ für sich. Es bleibt jedoch zu beachten, dass die alternativen Medizinsysteme untereinander heterogen sind, also keine Gemeinsamkeiten im Ursprung, der Philosophie, den therapeutischen Methoden oder in der Anwendung haben. Dennoch werden sie gerne in dieselbe Schublade gesteckt: Wissenschaftlich nicht belegte, mit Skepsis betrachtete, aber dennoch, und Tendenz steigend, häufig wahrgenommene Behandlungen jenseits der Schulmedizin (Markus C. Schulte von Drach 2010).

Dabei entwickeln immer mehr Menschen eine enge, emotionale Bindung zu der jeweils bevorzugten komplementären Medizin und suchen in ihr Antworten für ein dauerhaft schmerzfreies Lebensgefühl oder eine höhere Lebensqualität. Dr. Eckart von Hirschhausen stellt daher in seinem Medizin-Kabarett Programm bewusst die von ihm erwählte Glaubensfrage der NeuzeitDZ „Schulmedizin oder alternative Medizin - Sag mir, auf welcher Seite stehst du?“ (Hirschhausen 2013).

In Japan würde sich diese Frage zunächst nicht stellen. Im Gegensatz zu Europa koexistieren dort zwei Medizinsysteme scheinbar friedlich: das Medizinsystem nach westlichem Vorbild und das ältere, die Kanpō-Medizin. Ersteres gelangte über holländische Handelsschiffe im 18. Jahrhundert nach Japan und wurde zunächst für das japanische Militär eingesetzt. Letzteres wurde im 6. Jahrhundert von chinesischen Mönchen über Korea nach Japan gebracht und von dort an gelehrt und verbreitet. Aus diesen chinesischen Wurzeln entwickelte sich eine eigene, japanische Form. Man spricht von einer Medizin die aus der traditionellen chinesischen Medizin abgeleitet ist. Es liegt daher nahe von einer traditionellen und einer modernen Medizin in Japan zu sprechen.

Grundsätzlich wird der Gegensatz „Tradition und Moderne“ für Diskussionen über das Thema Japan häufig angesprochen und benutzt, um die Exotik des Landes fassen zu können. Bilder aus japanischen Großstädten auf denen neben kleinen, schintoistischen Schreinen hochmoderne Wolkenkratzer emporragen, sind die typischen Motive, die für „Tradition und Moderne“ Japans erscheinen. Doch dieses bekannte und inflationär gebrauchte Stereotypenpaar, ist in sich schon äußerst problematisch, da viele vermeintliche Traditionen gerade mal so alt sind, wie ihr modernes Gegenstück. Genauso trügerisch ist es im Fall der Medizin in Japan. Sie erscheint nur auf den ersten Blick als harmonisches Bild von traditioneller und moderner Medizin. Dass in Wirklichkeit beide Seiten einschneidende Momente durchschritten haben, die durch die historisch einzigartigen Umstände der Landesabschließung und deren Folgen zu begründen sind, fällt erst bei näherer Betrachtung auf. Ebenso sind die heutigen Formen und Praktiken beider Richtungen nicht mehr mit ihren Anfängen zu vergleichen. Dies lässt sich nicht nur für Japan, sondern generell für die Situation der Medizin weltweit sagen, was allein schon Grund genug wäre, die gegensätzliche Japan-Kategorisierung mit Skepsis zu betrachten.

Diese Arbeit widmet sich daher der Frage, warum das Konzept von Tradition und Moderne im Fall der Medizin Japans unangebracht ist und de facto fälschlich benutzt wird. Um den nötigen geschichtlichen Hintergrund zur Beantwortung dieser Frage zu liefern, werden zunächst die Wurzeln der Kanpō-Medizin, der traditionellen chinesischen Medizin (TCM), erläutert und wichtige Merkmale herausgearbeitet, die für die späteren Entwicklungen von Bedeutung sind.

Insbesondere die Landesabschließung Japans bot sowohl der in Japan florierenden chinesischen Medizin, als auch der westlichen Medizin eine Entfaltungsmöglichkeit, die in dieser Art und Weise in der Geschichte einzigartig war und so in dieser Arbeit besonders unter die Lupe genommen wird. Nach der erzwungenen Landesöffnung zur Mitte des 19. Jahrhunderts häufen sich die Ereignisse um die Rechte und die Position der dominierenden Medizin für Japan. Einordnungen und Gesetzmäßigkeiten, die bis heute in Kraft sind, wurzeln in dieser Zeit, die durch Politik, Modernisierung, Imperialismus und Nationalismus die gesamte Medizin Japans bis heute nachhaltig geprägt hat. Nach der Betrachtung der historischen Entwicklung soll auch die gegenwärtige Situation, die sich aus diesen Ereignissen ergeben hat, betrachtet werden. Diese chronologische Kapitelabfolge zur Geschichte der Medizin in Japan dient letztendlich dazu, in Kapitel 7 die zentrale Frage nach der gegenwärtigen Situation der Medizin und dessen Einordnung hinsichtlich des Konzeptes von "Tradition und Moderne" im aufgeklärten Japan erörtern zu können.

Zur Untersuchung dieses Themas wurde insbesondere die Arbeit von Prof. Dr. Christian Oberländer herangezogen, die erstklassige Einblicke in die Bewegung der Kanpō-Medizin im 19. Und 20. Jahrhundert bietet, sowie eine logische und gut argumentierte Entwicklung der japanischen Medizin beschreibt. Margaret Lock erläutert in ihrer Forschung zur Kanpō-Medizin in Japan insbesondere die Situation der 1980er Jahre, die zur Erschließung des aktuellen Stands immens beigetragen hat. Zudem konnte aus dem Lehrbuch „Die Kanpō-Medizin für Medizinstudenten“ von Yasui Hiromichi2 ein interessanter Einblick aus japanischer Sicht die geschichtliche und heutige Rolle der Kanpō-Medizin gewonnen werden.

2. Vorgeschichte

Das Wort kanpō besteht in der japanischen Sprache aus zwei Schriftzeichen3, die übersetzt für „China“ und „Methode“ stehen. Da die Bedeutung des Wortes überdeutlich auf die Herkunft verweist, muss zunächst die Reise der Kanpō- Medizin mit ihren chinesischen Wurzeln dargestellt werden, um im späteren Verlauf auf eine vollständige Übersicht zu dieser Medizinrichtung zurückgreifen zu können.

Eine chinesische Legende besagt, dass die Kräutermedizin durch die Gottheit der Landwirtschaft, Sheng Nung, und den gelben Kaiser eingeführt worden ist. In dem Werk „Das Buch des gelben Kaisers zur Inneren Medizin“ sind die ersten Rezepte und Akkupunktur Angaben überliefert worden (Rister 1999: 7). Zhang Zhongjing lebte um den Zeitraum 190 v. Chr. in China und war Kräuterkundler. Seine Familie von gut 200 Verwandten neigte zu Fieber und Immunschwächeerkrankungen, was Zhang dazu berief, ihnen mit seinen Kräuterkenntnissen Heilung zu ermöglichen. So beschäftigte er sich eingehend mit Rezepten und Mixturen von zerstoßenen Kräutern und notierte seine Ergebnisse, die aufgrund der zahlreichen Versuchspersonen umfangreich ausfielen. Er schrieb so seine eigene Sammlung medizinischer Beobachtungen und Rezepturen, genannt shōkanron: „Diskussion über durch Kälte zugezogene und weitere Krankheiten“. Inhaltlich beschreibt Zhang in seinem Werk die genaue Benennung von Krankheiten und ihren Symptomen und verzichtet dabei auf psychologische Systeme als Unterstützung der Therapie. Als wichtigster Kerngedanke ist festzuhalten, dass Zhang den Patienten als Mensch in den Mittelpunkt der Behandlung stellt (Yasui 2008: 20-21).

Dieses aus der Not einer großen Familie und der Neugierde eines hilfsbereiten Heilers unter ihnen erschaffene Werk gilt in der Geschichte der Medizin als erste klinische Abhandlung. Es ist zudem der Vorläufer jedes späteren KanpōHandbuchs. Sogar heute werden die Erkenntnisse dieses Werkes in Japan noch angewandt: Man geht von über 20% der modernen angewandten Kräuterrezepturen in Japan aus (Rister 1999: 5-6).

Im 6. Jahrhundert fand die chinesische Medizin ihren Weg nach Japan. Dieser Moment gilt als erster markanter Einschnitt für die gesamte japanische Medizin. Lock spricht von einem Paradigmenwechsel, der im späteren Verlauf noch aufgegriffen wird (Lock 1985: 945). Denn buddhistische Mönche waren über Korea nach Japan gekommen, um kulturelle Schätze wie die chinesische Schrift, Glaubensrichtungen, die Jahreszählung und auch die chinesische Medizin einzuführen. Der erste offizielle Anhaltspunkt dazu seitens Japan lässt sich im Taihō-Kodex4 von 701 finden (Yasui 2008: 25). Zu diesem Zeitpunkt war das medizinische Wirken in Japan Aufgabe der Schinto-Priester. Zwar wurde das deutlich höher entwickelte System der chinesischen Heiler und ihre Lehren von den Priestern angenommen und verbreitet, jedoch verlagerte sich gleichzeitig ihr gesellschaftliches Ansehen auf eine marginalere Stellung (Lock 1985: 945). Eine Entwicklung, die sich in ähnlicher Weise Jahrhunderte später wiederholen sollte.

Bis in das 16. Jahrhundert wurden die üppigen Informationen und Rezepturen von Kräutern und ihren Anwendungsmöglichkeiten von China nach Japan überliefert. Nach und nach begannen die japanischen Heiler, diese Kenntnisse zu vereinfachen und in eigenen Sammlungen festzuhalten. Der Drang zur Vereinfachung entstand zum einen aus der Vielzahl an kursierenden Informationen, die dem Stille-Post Prinzip unterlagen und sich nur selten wirksam rekonstruieren ließen. Doch insbesondere die Materialbeschaffung war ein ausschlaggebender Faktor, der manch exotisches Gemisch, aufgrund von Importschwierigkeiten nach Japan, für den Kanon der Medizin schwer umsetzbar und daher untauglich machte (Rister 1999: 7). Schon damals bildete sich aus der traditionellen chinesischen Medizin eine eigene, japanische Form, die jedoch erst Jahrhunderte später den Namen Kanpō-Medizin erhielt.

Bis zur Landesabschließung im 17. Jahrhundert hatten sich so die chinesischen Lehren sehr weit in Japan verbreitet, jedoch kam es noch vor der Landesabschließung auch zur Berührung mit der westlichen Medizin durch einen angereisten Portugiesen. Der jesuitische Missionar Luis de Almeida landete an den Küsten Kyūshūs und errichtete dort 1556 ein erstes Krankenhaus nach europäischem Vorbild in der heutigen Stadt Ōita. Weitere Ärzte, die die Missionare begleiteten, machten die Japaner zu diesem Zeitpunkt schon mit dem damaligen Stand der Chirurgie vertraut, die im Europa der Medizin-Renaissance gefeiert wurde (Teraswa 1997: 2).

3. Medizin in der Edo-Zeit

In diesem Kapitel wird die Entwicklung der Medizin Japans zu Beginn der Edo- Zeit ab 1600, über die Landesabschließung der 1630er Jahre bis zur Zwangsöffnung und der anschließenden Meiji-Restauration 1868 aufgeführt. Thematisch wurde diese Epoche in die drei wichtigsten Phasen für die Kanpō- Medizin unterteilt: Zu Beginn bietet die Isolation des Landes eine beständige Entfaltungsmöglichkeit für die Heiler des Landes und sie beginnen ihre eigene Form der Medizin zu praktizieren, festzuhalten und zu überliefern. Im zweiten Unterkapitel wird das Auftauchen der westlichen Medizin durch die holländischen Schiffsärzte beschrieben. Außerdem werden die ersten Kritikpunkte der Kanpō-Medizin im Land aufgeführt. Im letzten Abschnitt leitet das Aufeinandertreffen beider Medizinsysteme zum Ende der Edo-Zeit die Ausgangslage für die darauffolgende Meiji-Zeit und den Folgen der Modernisierung ein.

3.1 Die Kanpō-Medizin im abgeschlossenen Feudalsystem

1603 erlangte die Tokugawa-Familie den lang erkämpften Sieg um die Vorherrschaft Japans, das durch über hundert Jahre andauernden Bürger- und Familienkriege zersplittert war. Daraufhin errichteten sie das Schogunat, eine Militärregierung. Die Landeseinigung durch die Tokugawa sicherte ihnen die Macht und die Gefolgschaft der übrigen Fürstenfamilien im Land, die dem Shogun, der fortan zur Treue verpflichtet waren. Um die 260 Fürstentümer zu kontrollieren wurden den Lehnsherren hohe Steuern und verpflichtende Reisen in die Hauptstadt auferlegt. Doch nicht nur die strikte Kontrolle im Inneren des Landes, sondern auch die Kontrolle über die Beziehungen zum Ausland war ein Thema, das die neue Regierung, auch bakufu genannt, sehr fokussierte. Es isolierte Japan auf politischer, ökonomischer und gesellschaftlicher Ebene vom Rest der Welt und ließ nur ausgewählte Nationen mit Sondergenehmigung zum Handel an bestimmten japanischen Häfen stationieren. Diese Form der Isolationspolitik wird als „Land in Ketten“ bezeichnet. Jedoch führten die isolierenden Ketten zu einem weitgehend stabilen Frieden im Land, den die Bevölkerung mehr als 250 Jahre lang genießen durfte. Denn für den Schogun war klar, dass ausländischer Einfluss das Land nicht leichter regierbar machen würde. Der Regierungssitz der Tokugawa in Edo wurde zum neuen Knotenpunkt Japans und aus dem einstigen Fischerdorf-Aerial entstand eine zu respektierende Großstadt. Die zweite, wichtige Großstadt war Kyoto, in der der japanische Kaiser, der Tenno, residierte. Doch dieser hatte in der Edo-Zeit keine politische Gewalt und lebte eine repräsentative Rolle. Alle Entscheidungen fielen beim Schogun in Edo (Zöllner 2006: 45-46).

Ein Verbot des Christentums in Japan, das über die Missionare dorthin gelangt war, sollte den Buddhismus als offiziell genehmigte Religion stärken. Alle Missionare, hauptsächlich spanischer oder portugiesischer Herkunft, waren so mitsamt ihren Ärzten des Landes verwiesen worden. Sie sollten die Stabilität nicht durch eine fremde Religion gefährden. Dieser Umstand legte ideale Voraussetzungen für die chinesische Medizin, die sich nun eigenständig und zunächst konkurrenzlos in Japan entwickeln konnte.

Die Gesellschaft der Edo Zeit war gegliedert in ein Hierarchie-System. Die Heiler im Land wurden jedoch nicht in einen separaten Stand eingeordnet, sondern waren in allen Ständen vorhanden und nahmen dort jeweils eine marginale Stellung ein. Dadurch war ein Patient immer höher angesehen als sein Arzt. Hinzukommt, dass er die Bezahlung in Reis und damit das Überleben des Arztes bestimmen konnte. Um die Gunst des Patienten langfristig für sich zu gewinnen, vollführten die Heiler zumeist als magisch oder religiös geltende Zeremonien, angereichert mit Raucheffekten und Feuer. Showeinlangen, die Eindruck hinterließen, jedoch medizinisch betrachtet wenig Nutzen hatten (Oberländer 1995: 38). Zudem konnte der Heiler sich innerhalb seiner Zeremonien an Autorität erfreuen, die für ihn außerhalb des Wirkens gesellschaftlich betrachtet rar war. Das Beheben von Beschwerden und die Ursachenforschung rückten in den Hintergrund zugunsten der möglichst effektvolle kurzfristige Linderung der Symptome. Eine Entwicklung, die im späteren Verlauf der Medizin Japans noch kritisiert werden sollte.

Viele Probleme mit der sinojapanischen Medizin lassen sich auf die Tatsache zurückführen, dass ein öffentlicher Medizindiskurs in der Edo-Zeit lange nicht denkbar war. Das Wissen jedes Arztes wurde geheim gehalten und er teilte es mit niemandem außer seinen Schülern, also legitimen Nachfolgern. Diese waren in Kinderjahren von der Familie des Arztes adoptiert worden und durften nach Verrichtung der täglichen Hausarbeit dem Arztvater und Lehrer über die Schulter schauen und seine gesammelten Schriften studieren. Das Beherrschen der Lesefähigkeit über die chinesische Schrift musste der Schüler zuvor erlernt haben, denn es war eine Grundvoraussetzung für die Aufnahme beim Arztvater, der entweder bei sich zuhause oder in einer Tempelschule ausbildete (Oberländer 1995: 36). Im späteren Heranwachsen erfolgten dann der erste gemeinsame Besuch bei den Stammpatienten und das Herrichten von Medikamenten unter Aufsicht. Die Ausbildung zum Arzt fand immer bei einer fremden Familie statt. Nicht selten wurden zwei Söhne befreundeter Ärzte lediglich „ausgetauscht“, um diese in die Fußstapfen des Vaters und des Arztvaters treten zu lassen (Oberländer 1995: 36-37). Das sicherte die kontinuierliche Weitergabe von medizinischem Wissen in der eigenen Linie, trug aber nicht zu einem öffentlichen Austausch bei. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich aus diesem Konkurrenzdruck heraus immer mehr medizinische Schulen bildeten, die ihre eigene Lehre als einzig wirksame anpriesen.

Eigene Schulen - auch für Medizin - konnte das jeweilige Fürstentum selbst errichten und verwalten. Darüber hinaus praktizierten unzählige, nicht registrierte Heiler im Land eine Mischung aus ostasiatischen Medizintechniken und überlieferter Volksmedizin (Lock 1980: 246). Es mangelte demnach nicht an medizinischen Lehren, wohl aber an einem einheitlichen Curriculum.

Es gab bis zum Ende der Edo-Zeit außerdem kein offizielles Lizensierungsverfahren, sprich keine ärztliche Ausweisung oder ein staatliches Approbationsverfahren für den Beruf des Arztes. Dennoch sah der Ausbildungsweg für viele angehende Mediziner sehr ähnlich aus: Nach erfolgreichem Aufenthalt und Studium bei einem Arztvater, zog der frischgebackene Mediziner typischerweise für zwei oder drei Jahre in die Großstädte Edo oder Kyoto, um sein Handwerk erstmalig allein zu erproben. Mit hoher Wahrscheinlichkeit beschäftigte er sich mit weiteren medizinischen Schulen, die er in den Städten kennenlernte, bildete sich fort, zog weiter und wandte sich schlussendlich der Familienplanung zu, sobald sein Patientenstamm ausreichend stabil erschien.

Insgesamt lässt sich für die sinojapanische Medizin der frühen Edo Zeit festhalten, dass sie sich durch ihr Überlieferungssystem immer weiter weg von der chinesischen Ursprungsmedizin hin zu einer eigenen Form entwickelte. Die gesellschaftlichen Strukturen der Edo-Zeit begünstigten dabei eine Entwicklung weg von den Lehren der personenzentrierten Heilung fokussiert auf Kräuter- medizin und hin zu individuell ausgelegten Kenntnissen und Techniken vermischt mit spirituellen Showeinlagen, die nur im ausgewählten Personenkreis weitergereicht wurden.

3.2 Die Rezeption der westlichen Medizin in Edo-Japan

In der Mitte des 18. Jahrhunderts war in den Städten plötzlich von einer neuen Medizin die Rede. Viele junge Mediziner waren fasziniert von dem fremden System, das ohne ein Studium der typischen Lehrbücher auf Chinesisch auskam. Sie stammte vom einzigen Handelspartner des abgeschlossenen Japans: Holland. Doch der Kontakt zu den Ausländern war im abgeschlossenen Edo-Japan eigentlich untersagt.

Im Hafen von Nagasaki war 1636 die künstliche Insel, Dejima, aufgeschüttet worden. Dass Holland von dort aus als einziger Handelspartner für die Japaner in Frage kam, hatte unter anderem den Grund, dass die Holländer keine religiösen Absichten verfolgten. Daher wurden, auf Anweisung des Schoguns, nur die holländischen Schiffe zum Ankern in den Hafen gelassen. Zur Besatzung jedes Handelsschiffes gehörte auch ein Arzt. Besonders am Anfang dieser Handelsbeziehungen im 17. Jahrhundert war es jedoch den Besatzungen nicht erlaubt, einen Fuß auf japanischen Boden zu setzen. Nur eine Genehmigung vom Schogun ermöglichte das. Mit der Zeit wurden die Gesetze jedoch gelockert und die Crew durfte sich zunehmend im Hafengebiet aufhalten und in Kontakt mit den Bewohnern rund um Dejima treten. Es bildeten sich Dolmetscher für beide Sprachen und ein Grundstein zum Wissensaustausch war gelegt (Zöllner 2006: 76-77). Dass auch die Medizin in Japan sich durch den Aufenthalt der holländischen Besatzung schließlich massiv verändern würde, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar. Es geschah vielmehr schleichend und mit dem illegalen Austausch von Kartenmaterial, Instrumenten und Wissen.

[...]


1 Oxyvenierung (synonym: Sauerstoff-Infusions-Therapie (SIT)) behandelt primär Durchblutungsstörungen durch Zuführen von Sauerstoff in die menschlichen Venen.

2 Japanische Namen und Begriffe werden in der Umschrift nach Hepburn wiedergegeben. Bei Personennamen werden in der japanischen Reihenfolge zuerst Familien- und dann der Vorname genannt. Sofern sie bekannt sind, werden bei Personen auch Geburts- und Todesjahr angegeben.

3 漢方 (kanpō)

4 Erste Sammlung über Gesetze und Regularien, die zur Stabilisierung der politischen Macht im Land erlassen worden und meist chinesischen Ursprungs waren.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
"Traditionelle" und "Moderne" Medizin im "aufgeklärten" Japan
Untertitel
Warum das Konzept von Tradition und Moderne im Fall der Medizin Japans unangebracht ist
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Modernes Japan)
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
44
Katalognummer
V369968
ISBN (eBook)
9783668487338
ISBN (Buch)
9783668487345
Dateigröße
1010 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Japan, Medizin, Geschichte, alternative Medizin, Heilverfahren, Meiji Restauration, China, chinesische Medizin, Kanpo
Arbeit zitieren
Desiree Richter (Autor), 2016, "Traditionelle" und "Moderne" Medizin im "aufgeklärten" Japan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369968

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: "Traditionelle" und "Moderne" Medizin im "aufgeklärten" Japan



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden