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"Traditionelle" und "Moderne" Medizin im "aufgeklärten" Japan

Warum das Konzept von Tradition und Moderne im Fall der Medizin Japans unangebracht ist

Título: "Traditionelle" und "Moderne" Medizin im "aufgeklärten" Japan

Tesis (Bachelor) , 2016 , 44 Páginas , Calificación: 1,7

Autor:in: Desiree Richter (Autor)

Orientalismo / Sinología - Japonología
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Diese Arbeit widmet sich der Frage, warum das Konzept von Tradition und Moderne im Fall der Medizin Japans unangebracht ist und de facto fälschlich benutzt wird. Um den nötigen geschichtlichen Hintergrund zur Beantwortung dieser Frage zu liefern, werden zunächst die Wurzeln der Kanpō-Medizin, der traditionellen chinesischen Medizin (TCM), erläutert und wichtige Merkmale herausgearbeitet, die für die späteren Entwicklungen von Bedeutung sind.

In Japan koexistieren zwei Medizinsysteme scheinbar friedlich: das Medizinsystem nach westlichem Vorbild und das ältere, die Kanpō-Medizin. Ersteres gelangte über holländische Handelsschiffe im 18. Jahrhundert nach Japan und wurde zunächst für das japanische Militär eingesetzt. Letzteres wurde im 6. Jahrhundert von chinesischen Mönchen über Korea nach Japan gebracht und von dort an gelehrt und verbreitet. Aus diesen chinesischen Wurzeln entwickelte sich eine eigene, japanische Form. Man spricht von einer Medizin die aus der traditionellen chinesischen Medizin abgeleitet ist. Es liegt daher nahe von einer traditionellen und einer modernen Medizin in Japan zu sprechen.

Grundsätzlich wird der Gegensatz „Tradition und Moderne“ für Diskussionen über das Thema Japan häufig angesprochen und benutzt, um die Exotik des Landes fassen zu können. Bilder aus japanischen Großstädten auf denen neben kleinen, schintoistischen Schreinen hochmoderne Wolkenkratzer emporragen, sind die typischen Motive, die für „Tradition und Moderne“ Japans erscheinen. Doch dieses bekannte und inflationär gebrauchte Stereotypenpaar, ist in sich schon äußerst problematisch, da viele vermeintliche Traditionen gerade mal so alt sind, wie ihr modernes Gegenstück. Genauso trügerisch ist es im Fall der Medizin in Japan.

Sie erscheint nur auf den ersten Blick als harmonisches Bild von traditioneller und moderner Medizin. Dass in Wirklichkeit beide Seiten einschneidende Momente durchschritten haben, die durch die historisch einzigartigen Umstände der Landesabschließung und deren Folgen zu begründen sind, fällt erst bei näherer Betrachtung auf. Ebenso sind die heutigen Formen und Praktiken beider Richtungen nicht mehr mit ihren Anfängen zu vergleichen. Dies lässt sich nicht nur für Japan, sondern generell für die Situation der Medizin weltweit sagen, was allein schon Grund genug wäre, die gegensätzliche Japan-Kategorisierung mit Skepsis zu betrachten.

Extracto


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorgeschichte

3. Medizin in der Edo-Zeit

3.1 Die Kanpō-Medizin im abgeschlossenen Feudalsystem

3.2 Die Rezeption der westlichen Medizin in Edo-Japan

3.3 Die Landesöffnung

4. Die Modernisierung der Medizin zur Meiji-Zeit

5. Nationalismus und Medizin im Japan des 20. Jahrhunderts

6. Nachkriegszeit bis Gegenwart

7. „Tradition und Moderne“?

8. Fazit

Zielsetzung & Themen der Arbeit

Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung und den gesellschaftlichen Status der Kanpō-Medizin in Japan, um kritisch zu hinterfragen, ob die häufig bemühte Kategorisierung der japanischen Medizingeschichte als harmonisches Zusammenspiel von „Tradition und Moderne“ den tatsächlichen Gegebenheiten entspricht oder ein Konstrukt darstellt.

  • Historische Entwicklung der Kanpō-Medizin und ihre chinesischen Ursprünge
  • Einfluss der Abschließung Japans und der anschließenden Modernisierung (Meiji-Zeit) auf den medizinischen Kanon
  • Vergleich der japanischen Entwicklung mit der Integration traditioneller Medizin in China
  • Analyse der Kanpō-Medizin als „erfundene Tradition“ im Kontext des japanischen Nationalismus

Auszug aus dem Buch

3.1 Die Kanpō-Medizin im abgeschlossenen Feudalsystem

1603 erlangte die Tokugawa-Familie den lang erkämpften Sieg um die Vorherrschaft Japans, das durch über hundert Jahre andauernden Bürger- und Familienkriege zersplittert war. Daraufhin errichteten sie das Schogunat, eine Militärregierung. Die Landeseinigung durch die Tokugawa sicherte ihnen die Macht und die Gefolgschaft der übrigen Fürstenfamilien im Land, die dem Shogun, der fortan zur Treue verpflichtet waren. Um die 260 Fürstentümer zu kontrollieren wurden den Lehnsherren hohe Steuern und verpflichtende Reisen in die Hauptstadt auferlegt. Doch nicht nur die strikte Kontrolle im Inneren des Landes, sondern auch die Kontrolle über die Beziehungen zum Ausland war ein Thema, das die neue Regierung, auch bakufu genannt, sehr fokussierte. Es isolierte Japan auf politischer, ökonomischer und gesellschaftlicher Ebene vom Rest der Welt und ließ nur ausgewählte Nationen mit Sondergenehmigung zum Handel an bestimmten japanischen Häfen stationieren. Diese Form der Isolationspolitik wird als „Land in Ketten“ bezeichnet. Jedoch führten die isolierenden Ketten zu einem weitgehend stabilen Frieden im Land, den die Bevölkerung mehr als 250 Jahre lang genießen durfte. Denn für den Schogun war klar, dass ausländischer Einfluss das Land nicht leichter regierbar machen würde. Der Regierungssitz der Tokugawa in Edo wurde zum neuen Knotenpunkt Japans und aus dem einstigen Fischerdorf-Aerial entstand eine zu respektierende Großstadt. Die zweite, wichtige Großstadt war Kyoto, in der der japanische Kaiser, der Tenno, residierte. Doch dieser hatte in der Edo-Zeit keine politische Gewalt und lebte eine repräsentative Rolle. Alle Entscheidungen fielen beim Schogun in Edo (Zöllner 2006: 45–46).

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Rolle der Medizin im Spannungsfeld zwischen Schulmedizin und alternativen Heilverfahren und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Einordnung der Kanpō-Medizin in Japan.

2. Vorgeschichte: Dieses Kapitel zeichnet die Ursprünge der Kräutermedizin in China und deren Transfer sowie erste Adaptionen nach der Ankunft in Japan im 6. Jahrhundert nach.

3. Medizin in der Edo-Zeit: Es wird die Phase der Isolation beschrieben, in der sich die Kanpō-Medizin eigenständig entwickelte, gefolgt von der ersten, schleichenden Rezeption westlicher Medizin durch holländische Schiffsärzte.

4. Die Modernisierung der Medizin zur Meiji-Zeit: Das Kapitel analysiert den radikalen Modernisierungskurs Japans nach 1868, der zur gesetzlichen Marginalisierung der Kanpō-Medizin zugunsten westlicher Standards führte.

5. Nationalismus und Medizin im Japan des 20. Jahrhunderts: Es wird untersucht, wie die Kanpō-Bewegung unter dem Einfluss des japanischen Nationalismus versuchte, ihre Medizin als nationale Identität wiederzubeleben.

6. Nachkriegszeit bis Gegenwart: Die Entwicklung von der Besatzungszeit bis zum „Kanpō-Triumph“ 1976, bei dem erstmals Medikamente der Kanpō-Medizin in das staatliche Versicherungssystem aufgenommen wurden, steht hier im Fokus.

7. „Tradition und Moderne“?: Hier erfolgt die theoretische Reflexion und Dekonstruktion des Konzepts „Tradition und Moderne“ unter Anwendung der Theorie der „erfundenen Tradition“.

8. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass die Kanpō-Medizin keine harmonische Komponente eines pluralistischen Systems ist, sondern eine durch historische Umwälzungen geprägte Nische einnimmt.

Schlüsselwörter

Kanpō-Medizin, Japan, Medizingeschichte, Edo-Zeit, Meiji-Zeit, Schulmedizin, Tradition und Moderne, erfundene Tradition, westliche Medizin, Medizinalpolitik, Nationalismus, Gesundheitswesen, komplementäre Medizin, Integration, Japanisch-Chinesischer Krieg.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung und den heutigen Status der Kanpō-Medizin (traditionelle japanische Medizin) im Kontext der Modernisierung Japans und hinterfragt das gängige Narrativ einer friedlichen Koexistenz zwischen „Tradition und Moderne“.

Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?

Zentrale Themen sind die Auswirkungen politischer Isolations- und Öffnungsprozesse (wie die Meiji-Restauration), die Rolle des Nationalismus bei der Definition von Tradition sowie der Vergleich der medizinischen Entwicklung in Japan und China.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das Ziel ist es, zu analysieren, warum das Konzept von „Tradition und Moderne“ im Fall der japanischen Medizin unangebracht ist und wie historische Ereignisse die heutige Position der Kanpō-Medizin geformt haben.

Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?

Die Autorin nutzt eine historisch-analytische Methode, stützt sich auf Fachliteratur zur japanischen Medizingeschichte sowie auf eigene empirische Beobachtungen (z.B. Besuche in Museen und Buchhandlungen) zur Validierung ihrer These.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich chronologisch von der Edo-Zeit über die Meiji-Restauration bis zur Nachkriegszeit und untersucht die Verdrängung sowie die spätere Wiederbelebung der Kanpō-Medizin durch medizinpolitische Maßnahmen.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?

Die Arbeit ist primär durch die Begriffe Kanpō-Medizin, Medizingeschichte Japans, Modernisierung, erfundene Tradition und Medizinalpolitik charakterisiert.

Wie unterscheidet sich die Entwicklung der Medizin in Japan von jener in China?

Während China seine traditionelle Medizin (TCM) trotz politischer Herausforderungen stärker in das nationale Gesundheitssystem integrieren und den Austausch auf Augenhöhe („integrated medicine“) fördern konnte, wurde die Kanpō-Medizin in Japan durch Gesetze der Meiji-Zeit nachhaltig an den Rand gedrängt.

Was bedeutet der Begriff „erfundene Tradition“ im Kontext dieser Arbeit?

Die Autorin nutzt das Konzept nach Eric Hobsbawm, um aufzuzeigen, dass die heutige Kanpō-Medizin bestimmte „traditionelle“ Werte erst im 20. Jahrhundert betonte, um im nationalistischen Umfeld eine Daseinsberechtigung als nationale Identität zu reklamieren.

Final del extracto de 44 páginas  - subir

Detalles

Título
"Traditionelle" und "Moderne" Medizin im "aufgeklärten" Japan
Subtítulo
Warum das Konzept von Tradition und Moderne im Fall der Medizin Japans unangebracht ist
Universidad
University of Dusseldorf "Heinrich Heine"  (Modernes Japan)
Calificación
1,7
Autor
Desiree Richter (Autor)
Año de publicación
2016
Páginas
44
No. de catálogo
V369968
ISBN (Ebook)
9783668487338
ISBN (Libro)
9783668487345
Idioma
Alemán
Etiqueta
Japan Medizin Geschichte alternative Medizin Heilverfahren Meiji Restauration China chinesische Medizin Kanpo
Seguridad del producto
GRIN Publishing Ltd.
Citar trabajo
Desiree Richter (Autor), 2016, "Traditionelle" und "Moderne" Medizin im "aufgeklärten" Japan, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/369968
Leer eBook
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