Lässt sich Konvergenz in eine bestimmte Richtung innerhalb und zwischen den Wohlfahrtsstaatsregimen der Europäischen Union feststellen?


Hausarbeit, 2011

24 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund
2.1. Begriffsklärung
2.2. Castles: The Future of the Welfare State
2.3. Esping-Anderson: The Three Worlds of Welfare Capitalism
2.3.1. Wil Arts/John Gelissen: Three Worlds of welfare capitalism or more?
2.3.2. Ferrera: The „Southern“ Model of Welfare in Social Europe
2.4. Weitere relevante Annahmen und Theorien
2.5. Einteilung in fünf Wohlfahrtsregime

3. Hypothesen

4. Methodische Konzeption
4.1. Untersuchungsform, -einheiten, -Zeitraum
4.2. Operationalisierung
4.2.1 Gesamtsozialausgaben
4.2.2. Konvergenz

5. Empirische Befunde

6. Fazit

7. Anlagen

8. Literaturverzeichnis

Zusammenfassung/ Abstract:

Die Arbeit befasst sich mit der Frage, ob Konvergenz innerhalb oder zwischen den fünf gebildeten europäischen Wohlfahrtsregimen messbar ist und wenn ja, ob diese in eine bestimmte Richtung verläuft. Dazu wurden 24 Mitgliedsländer in Regime eingeteilt und an Hand von Gesamtsozialausgaben in Prozent am BIP und Gesamtsozialausgaben pro Kopf für den Zeitraum von 2000-2008 untersucht. Es konnte Konvergenz nachgewiesen werden, nicht aber die Richtung vorhergesagt. Der Einfluss der Zugehörigkeit zu einem Regime konnte ebenfalls nicht belegt werden.

This seminar paper tries to answer the question whether there is convergence within and in between the five European welfare regimes and if there is one in which direction it will move. Therefore 24 members of the EU were divided into welfare regimes and were analyzed with the help of two variables. Social expenditures as a percentage of the GDP and social expenditures per capita. Researched were the years between 2000 and 2008. This analysis shows that there is convergence but that the direction remains unknown. The membership to one of the regimes does not predict the direction as well.

1. Einleitung

Die zunehmende weltweite Vernetzung und die steigende Unfähigkeit Probleme auf nationaler Ebene zu lösen führt zu einer erhöhten Interdependenz der Staaten. Diese wirkt sich insbesondere in Europa besonders stark aus. Doch sind hier von längst nicht nur die traditionellen Ressorts, wie Wirtschaft oder Außenpolitik betroffen, sondern auch in zunehmenden Maße die Sozialpolitik. Auch in diesem Bereich kommt es auf Zusammenarbeit und gemeinsame Problemlösungsstrategien an. Deshalb beschäftigt sich diese Arbeit mit der Frage: „Lässt sich Konvergenz in eine bestimmte Richtung innerhalb und zwischen den Wohlfahrtsstaatsregimen der EU feststellen?“. In vorangegangen Untersuchungen wurden bereits nach unterschiedlichen Kriterien Wohlfahrtsstaaten in Regime unterteilt. Diese Vorgehensweise soll fortgeführt werden. Dabei wurde die EU bislang noch nicht in ihrer Gesamtheit untersucht. Dies versucht diese Arbeit zu leisten. Insbesondere den im Zuge der Osterweiterung beigetretenden Ländern soll mehr Beachtung zu Teil werden. Dies versucht diese Arbeit zu leisten.

Nach dem in aller Kürze die wesentlichen Begriffe, die im Weiteren eine zentrale Rolle einnehmen werden, definiert und zu Ähnlichem abgegrenzt wurden, soll ein Überblick über die für uns relevante Forschung gegeben werden. Als Rahmen und stützendes Gerüst unserer Überlegungen sollen uns vor allen Anderen Francis Castles mit seinen Überlegungen in „The Future of the Welfare State“, Gosta Esping-Anderson und sein Untersuchungen in „The Three Worlds of Welfare Capitalism“ und Will Arts und John Gelissen mit „Three Worlds of Welfare Capitalism or more?“, sowie Maurizio Ferrera mit „The ,Southern‘ Model of Welfare in Social Europe“ dienen. Insbesondere diese Überlegungen sollen zusammengeführt und erweitert werden. Dafür werden im Folgenden die Ergebnisse dieser Untersuchungen kurz dargestellt und ihre Bedeutung und Relevanz für unsere eigenen Forschungen aufgezeigt. Den Abschluss dieses Absatzes soll ein grober Überblick über weitere relevante Überlegungen, die zur Lösung unserer Fragestellung beitragen sollten, bilden, bevor dann unserer eigener Ansatz vorgestellt werden soll. In einem nächsten Schritt soll dann auf die methodische Konzeption eingegangen werden, in der unter anderem auch die Auswahl der Untersuchungsform, der Untersuchungseinheiten und des Untersuchungszeitraums sowie die Operationalisierung erklärt wird. Es folgt die Besprechung der empirischen Befunde und den Ergebnissen. Die Arbeit schließt dann mit einem Fazit ab.

2. Theoretischer Hintergrund

2.1. Begriffsklärung

Da unsere Forschung dem Wohlfahrtsstaat gewidmet ist, soll zunächst erst einmal klar definiert werden, was unter einem solchen zu verstehen ist. Die verbreiteteste Definition lautet:

„Wohlfahrtsstaat ist die Kurzbezeichnung fur einen Staat, der eine Anzahl unterschiedlicher (Fürsorge-) Maßnahmen, Programme und Politiken anwendet, die der sozialen, materiellen und kulturellen Wohlfahrt der Bevölkerung dienen. Die Bezeichnung stammt aus der anglo- amerikanischen Politikwissenschaft (welfare state) und wird häufig gleichlautend für den Begriff Sozialstaat verwendet, ist aber umfassender zu verstehen und wird (aus der neo-liberalen Kritik heraus) in jüngster Zeit eher mit einer individuellen Bevormundung, mit Einschränkung von Eigeninitiative und Verantwortung in Verbindung gebracht, als mit den (im deutschen üblichen) Begriffen Wohlfahrt und Wohlergehen.“ (Schubert/Klein 2006)

Die Aufteilung in Wohlfahrtstaatsregime stellt einen wichtigen methodischen Schritt in unserer Forschung dar, deshalb muss der Begriff des Regimes ebenfalls näher erläutert werden:

„Ein Regime ist eine bestimmte Konstellation sozialer, politischer und ökonomischer Abkommen die so ein bestimmtes Wohlfahrtssystem produzieren, das wiederum zu einer bestimmten Art der sozialen Schichtung führt und sich aufgrund der darin zum Ausdruck gebrachten Interessen selbst stabilisiert“ (Taylor-Goobyl996, S.200).

Gesamtsozialausgaben sollen als Indikator für Wohlfahrtsstaatlichkeit dienen. Dabei soll im Weiteren dieses als solche bezeichnet werden:

“Social expenditure is the provision by public (and private) institutions of benefits to, and financial contributions targeted at, households and individuals in order to provide support during circumstances which adversely affect their welfare, provided that the provision of the benefits and financial contributions constitutes neither a direct payment for a particular good or service nor an individual contract or transfer. Such benefits can be cash transfers, or can be the direct (“in kind”) provision of goods and services.”(Vgl. SOCX 2007, S. 10)

Konvergenz beschreibt die von uns vermutete Angleichung der Staaten. In der Wissenschaft hat sich folgender Begriff von Konvergenz ausgebildet:

“[...] any increase in the similarity between one or more characteristics of a certain policy [...] acrossagiven setofpoliticaljurisdictions [...] overagiven period of time.”(Knill 2005: 768).

2.2. Castles: The Future of the Welfare State

Die zentrale Fragestellung in Castles’ Forschung lautet gibt es ein “a race to the bottom“ zwischen den Wohlfahrtsstaaten? Diesen Abwärtstrend leitet er aus einem demographischen Wandel (Rückgang der Geburtenrate im Verbund mit steigender Lebenserwartung) und denen aus der Globalisierung entstehenden Risiken, in Folge dessen die Wohlfahrtsstaaten gezwungen sein werden ihre Sozialausgaben zu kürzen, um konkurrenzfähig bleiben zu können, her. In seiner Langzeitstudie vergleicht er 21 OECD- Staaten und deren Gesamtsozialausgaben zwischen den Jahren I960 und 1998. Castles kann aufzeigen, dass unter den Staaten eine Konvergenz vorliegt. Dies gelingt ihm mithilfe des Variationskoeffizienten aus dessen Abnahme er auf Angleichung der Staaten schließen kann Er stellt aber fest, dass ein „race to the bottom“ nicht stattfindet und einen aus Krisen entsprungenen Mythos darstellt. Viel mehr weist er nach, wie sich die Gesamtsozialausgaben gemessen am prozentualen Anteil des Bruttoinlandsprodukts erhöhen, also eher von einem Aufwärtstrend auszugehen ist.

Castles Vergleichsstudie bildet für uns aus gleich zweierlei Gründen eine wichtige Basis. Zum Einen beweist er, dass man den Wohlfahrtsstaat über Gesamtsozialausgaben messen kann und zum Andern zeigt er auf, wie eine Form der Konvergenzmessung möglich wäre.

Desweiteren bildet er die „family of nations“ die er nach Gemeinsamkeiten in Geschichte, Sprache und Kultur einteilt. Castles benennt folgende Familien: die skandinavische, die westeuropäische, die südeuropäische und die englischsprachige (Vgl. Castles 2004.). Diesen Ansatz wird diese Arbeit jedoch nicht weiter verfolgen, sondern auf die Typologie von Esping-Andersen zurückgreifen, wie im Folgenden aufgeführt.

2.3. Esping-Anderson: The Three Worlds ofWelfare Capitalism

Das innovative und neue an Esping-Andersons Vergleichsstudie war die Einteilung von Wohlfahrtsstaaten in so genannte Wohlfahrtsstaats-Regime (welfare-states-regimes). Dies geschieht an Hand von unterschiedlichen ordnungspolitischen Zielsetzungen der Sozialpolitik, aber auch in Bezug auf historische und aktuelle Konstellationen sozialpolitischer Akteure. Zentrales Unterscheidungskriterium ist aber der Grad der Dekommodifizierung. Unter Dekommodifizierung versteht Esping-Andersen die graduelle Loslösung von Marktkräften.

„The introduction of modern social rights implies a loosening of the pure commodity status. De­commodification occurs, when a service is rendered as a matter of right, and when a person can maintain a livelihood without reliance on the market.” (Esping-Anderson 1990: 21-22.)

Weitere Vergleichskriterien die er auf die Wohlfahrtsregime anwendet sind der Anteil der freiwilligen Fürsorgeleistungen an den Gesamtsozialausgaben, den Anteil privater Ausgaben für Alter und soziale Sicherheit (also Privatisierung), den Progressionsgrad des Steuersystems, die Bedeutung sozialer Sicherungssysteme von Berufsgruppen, insbesondere der Beamtenschaft, das Merkmal der Gleichheit der sozialen Leistungen sowie den Grad der Vollbeschäftigungsgarantie.

In Folge dessen bildet er drei Wohlfahrtsregime: Das Liberale, das Sozialdemokratische und das Konservative. Das liberale Regime zeichnet sich durch eine hohe Privatisierung, Marktnähe und eine relativ starke Bedeutung freiwilliger Fürsorgeleistungen aus. All das verhält sich im sozialdemokratischen Regime gegensätzlich und im Unterschied zum liberalen weist das sozialdemokratische Regime einen hohen Dekommodifizierungsgrad auf. Auch ist die Vollbeschäftigungsgarantie hier vergleichsweise hoch. Konservative Wohlfahrstsregime bewegen sich in einem mittleren Bereich zwischen liberalen und sozialdemokratischen Regimen, bei ihnen ist aber eine starke Ausprägung sozialer Sicherungssysteme der Beamtenschaft zu erkennen. Hinzu kommt ein relativ hoher Anteil an freiwilligen Fürsorgeleistungen an den Gesamtsozialausgaben sowie ein niedriger Privatisierungsanteil und fehlende Vollbeschäftigungsgarantie (Vgl. Esping-Anderson 1990).

Auch wenn Esping-Andersen Typologie die Wohlfahrtsstaatsforschung stark angeregt hat, wird sie dennoch zu nehmend kritisiert. So wird angeführt, dass eine genaue Zuordnung nicht immer möglich sei, da die Typologie eine Mischung aus Ideal- und Realtypen sei. Desweiteren wird die empirische Konsistenz der Typologie und die fehlende Einordnung wichtiger Fälle, beispielsweise der südeuropäischen Länder, in die Klassifizierung beanstandet (Vgl. Schmid 2002; Bazant/Schubert 2008).

Trotz der in Teilen massiven Kritik an Esping-Andersons Typologie wollen wir sie dennoch aufgreifen und erweitern. Ein Versuch diese Erweiterung zu leisten haben bereits einige Forscher geleistet. Sie sollen nun im Weiteren besprochen werden, da ihnen ebenfalls eine zentrale Rolle in unserer Forschung zukommt.

2.3.1. Wil Arts/John Gelissen; Three Worlds of welfare capitalism or more?

Wie bereits erwähnt, schlug Esping-Anderson mit seiner vorgenommen Einteilung der Wohlfahrtsstaaten in drei Regime hohe Wellen in der Forschung. Dabei wurden seine Annahmen zum Teil begeistert aufgenommen, zum Teil aber auch stark kritisiert. Andere Forscher hingegen haben auf Esping-Andersons Ansatz basierend, die Typologie um ein oder zwei Regime erweitert. Will Arts und John Gelissen haben in ihrem Aufsatz diese Bemühungen nachgezeichnet.

Nach dem sie sich in der ersten Hälfte ihres Aufsatzes detailliert mit der an Esping- Anderson hervorgebrachten Kritik auseinandersetzen, werden im zweiten Teil folgende Forscher mit ihren getroffenen Erweiterungen vorgestellt: Leibfried, Castles und Mitchell, Siaroff, Ferrera, Bonoli und Korpi und Palme. Allen gemein ist die grundsätzliche Weiterführung der von Esping-Anderson getroffenen Einteilung. Die drei Regime liberal, konservativ und sozialdemokratisch tauchen, zwar teils unter anderem Namen (anglo­saxon, bismarckian oder scandinavian), so oder zumindest in ähnlicher Zusammensetzung wieder auf. Freilich gibt es immer wieder Einzelfälle bei denen die Einordnung anders ausfällt (beispielsweise die Niederlande), aber grundsätzlich besteht die Neuerung im Hinzufügen eines weiteren Regimes. Hier gibt es je nach dem Kriterium nach denen die Regime gebildet werden unterschiedliche Ausprägungen. Während Leibfried das Regime der „Latin Rim“- Staaten hinzufügt, ergänzt Siaroff durch ein Regime das er „Late Female Mobilization“ nennt. Wie auch Bonoli arbeitet Ferrera, der in unseren Überlegungen eine zentrale Rolle einnehmen soll, mit dem vierten Regime der südeuropäischen Staaten (Vgl. Arts/Gelissen 2002).

2.3.2. Ferrera; The „Southern“ Model of Welfare in Social Europe

Das von Maurizio Ferrera durch das südeuropäische Regime ergänzte Modell soll uns als Ausgangspunkt für unser weiteres Vorgehen dienen. Dazu zunächst eine kurze Darstellung der Arbeit Ferreras. Er unterteilt in folgende vier Regime: das Skandinavische (Schweden, Dänemark, Norwegen, Finnland), das Angelsächsische (Vereinigtes Königreich, Irland), das Bismarcksche (Deutschland, Frankreich, Belgien, Niederlande, Luxemburg, Österreich, Schweiz) und das Südeuropäische (Italien, Spanien, Portugal, Griechenland). Ferrera spricht sich ausdrücklich für die Einführung des „southern model“ aus (Ferrera 1996: 4-7.). Dabei beruht seine Unterteilung auf vier Dimensionen. Erstens den Zugangsvoraussetzungen („rules of access), zweitens die für eine Auszahlungen nötigen Bedingungen (conditions under which benefits are granted), drittens die Finanzierungsregelungen für die soziale Sicherheit (regulations to finance social protection) und die Vorkehrungen, um die verschiedenen Formen der sozialen Sicherheit zu verwalten (arrangements to administrate the various social security schemes).

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Lässt sich Konvergenz in eine bestimmte Richtung innerhalb und zwischen den Wohlfahrtsstaatsregimen der Europäischen Union feststellen?
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Politik- und Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Vergleichende Politikwissenschaft
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
24
Katalognummer
V370020
ISBN (eBook)
9783668474345
ISBN (Buch)
9783668474352
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konvergenz, Wohlfahrststaat, EU, Wohlfahrtsstaatsregime
Arbeit zitieren
Lukas Richter (Autor), 2011, Lässt sich Konvergenz in eine bestimmte Richtung innerhalb und zwischen den Wohlfahrtsstaatsregimen der Europäischen Union feststellen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/370020

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