Die Transformation der Elektra vom Schauspiel Hofmannsthals zum Libretto Strauss'. Dargestellt am Beispiel der Orestszene.


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

24 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Zusammenarbeit Strauss-Hofmannsthal bei dem Libretto zu Elektra

3. Die Orestszene
3.1 Die Ausgangssituation
3.2 Zusammenfassung der Szene bei Hofmannsthal
3.3 Die Gewichtung der Szene innerhalb der Oper

4. Die Zusammenarbeit in der Orestszene – Untersuchung des Briefwechsels

5. Motivation der Änderung des Dramentextes bei der Transformation in die Oper
5.1 Intensität und Spannungsverlauf
5.2 Allgemeine Änderungen aufgrund der Transformation in ein anderes Medium
5.3 Sonstige Motivationen, Publikum, Ort und Zeit

6. Analyse

7. Zusammenfassung und Ergebnisse

8. Literaturverzeichnis

9. Anhang

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit befaßt sich mit der Transformation des Schauspieltextes Elektra von Hugo von Hofmannsthal in das Opernlibretto zur gleichnamigen Oper von Richard Strauss (Op. 58).

Es soll zunächst der Frage nachgegangen werden, warum eine Veränderung des Textes bei der Übernahme in das andere Medium überhaupt notwendig ist. Geklärt werden soll auch, ob sich in bezug auf die Oper, beziehungsweise die daraus beispielhaft ausgewählte Szene, von einer Zusammenarbeit zwischen Hofmannsthal und Strauss sprechen läßt. Im Hinblick darauf wird der Briefwechsel zwischen den beiden Autoren einer näheren Betrachtung unterzogen. Anschließend werden anhand exemplarischer Analysen einzelne Teilszenen auf ihre Veränderungen hin untersucht: „Was wird geändert?“ und: „Wie gravierend sind die Änderungen?“ werden hierbei die Leitfragen sein. Dabei wird sich auch der Gesamtrahmen der Analyse auf die Orestszene beschränken.

2. Die Zusammenarbeit Strauss/Hofmannsthal bei dem Libretto zu Elektra

Das von Hugo von Hofmannsthal nach der Vorlage Sophokles’ verfaßte Drama Elektra wurde am 30. Oktober 1903 uraufgeführt. Nur wenige Jahre später begann Richard Strauss die Vertonung des Dramas zur Oper. Wie aus dem Briefwechsel hervorgeht, geschah dies im Frühjahr 1906: Im Brief vom 11.3.1906 teilte er Hofmannsthal mit, daß er den Text „bereits [...] zum Hausgebrauch zusammengestrichen“ habe.[1] Die Kürzungen, die er zu dem Zeitpunkt vornahm, waren bis auf wenige Ausnahmen endgültig.[2] Die letzte Notiz über seine Arbeit an Elektra schickte Strauss am 10.8.1908 an Hofmannsthal. In ihr merkte er an: „‚Elektra’ naht der Vollendung: ich bin beim Eintritt des Ägisth!“[3] Die Uraufführung der Oper fand am 25. Januar 1909, fast drei Jahre nach Beginn der Komposition, im Königlichen Opernhaus in Dresden unter der musikalischen Leitung von Ernst von Schuch statt.[4]

Elektra steht am Anfang der Periode des gemeinsamen Opernschaffens Hofmannsthals und Strauss’: Die Oper Elektra ist ihr erstes gemeinsames Werk, sie nimmt „innerhalb des gemeinsamen Schaffens von Hofmannsthal und Strauss [...] eine Sonderstellung ein, da sie das einzige Werk ist, das nicht von vornherein als Oper geplant war“.[5] Für eine Zusammenarbeit Hofmannsthals mit Strauss im Falle der Elektra bedeutet das folgendes: Strauss hatte von einem Bühnenwerk auszugehen, das ohne Hinblick auf eine Vertonung abgeschlossen worden war.[6] Strauss lag der fertige Text vor, von dem er auszugehen hatte, und auf deren Entwicklung er daher keinen Einfluß mehr nehmen konnte. An diesem hatte er die Veränderungen vorzunehmen, die den Text seinem anderen Bestimmungszweck in der anderen Kunstform der Oper zuführten.

Dies bedeutete allerdings nicht, daß Hofmannsthal außerhalb des Schaffensprozesses des Librettos stand. Der Briefwechsel aus der Kompositionszeit der Elektra zeigt vielmehr, daß beide das Libretto als ein gemeinsames Projekt betrachteten.

Dennoch wird die – bei den folgenden Opern so enge – Zusammenarbeit der Künstler bei diesem Werk oft als recht gering oder sogar bedeutungslos eingestuft.[7] Tatsächlich ist der quantitative Anteil Hofmannsthals an Änderungen, am Gesamtumfang des Textes gemessen, recht gering. Zudem geht der Impuls zu Abwandlungen – soweit sie im Briefwechsel dokumentiert sind – fast immer von Strauss aus.[8]

Vor Beginn seiner Arbeit an Elektra hatte Strauss den Text gekürzt, ab Dezember 1906 fragte er bei wenigen Stellen des Handlungsverlaufes Hofmannsthal nach einer Änderung oder Erklärung. Dabei verlief die Kooperation keineswegs einheitlich: Zu Anfang war Strauss über weite Teile ohne Hofmannsthals Mitarbeit ausgekommen, es genügte das Material, das ihm bereits vorlag. Später wandelte sich die Verfahrensweise bei der Bearbeitung des Textes. Zu den Kürzungen und Umstellungen Strauss’ kamen Einfügungen, die der Autor des Sprechdramas anfertigen mußte. Die Kooperation wurde dementsprechend enger und das bereits einmal abgeschlossene Werk in seiner Transformation zumindest ansatzweise zu einer Gemeinschaftsarbeit Hofmannsthals und Strauss’.

Im wesentlichen beschränkt sich die produktive Zusammenarbeit, die auf die endgültige Gestalt des Librettos Einfluß nahm, auf zwei der Szenen.[9] Zum einen ist dies die Schlußszene, in der die Schwester Elektras, Chrysothemis, zum zweiten Male auftritt, und für die Strauss eine Vereinheitlichung der Statistenhandlung und mehrfach zusätzliche Verse von Hofmannsthal forderte.[10] Die zweite gravierende Änderung wurde in der Orestszene vorgenommen, die im folgenden näher untersucht werden soll. Auf den ersten Blick scheint zumindest der qualitative Anteil Hofmannsthals an der Entstehung der Szene hoch zu sein, da es sich hier um eine Erweiterung des Textes handelt. Hofmannsthal fügte Verse hinzu, die zusätzlich gebraucht wurden und die Strauss an keiner anderen Stelle des Schauspieltextes, etwa durch Umstellungen, gewinnen konnte.

Hofmannsthal sandte die verlangten Auskünfte und Verse; Strauss teilte im Gegenzug zuweilen mit, welchen Fortschritt seine Komposition machte.[11] Allerdings nahmen die Diskussionen der Elektra nicht den größten Anteil im Briefwechsel dieser Zeit ein: Die Autoren klärten zugleich ihre Rechte an der Vermarktung der entstehenden Koproduktion, sprachen Treffen ab und diskutierten alternative bzw. künftige Stoffe für ihre Zusammenarbeit, v.a. die Semiramis.

3. Die Orestszene

3.1 Die Ausgangssituation

Im Kontext der Elektra liegt auf der Orestszene besonderes Gewicht, da sie einen Wendepunkt des Geschehens beinhaltet: Im Vorfeld der Orestszene haben sich sämtliche Hoffnungen Elektras zerschlagen. Zunächst war es die Hoffnung, Orest würde die Rache ausführen, wenn er an den Hof zurückkehre, die Elektra wegen der (falschen) Nachricht, daß Orest tot sei, aufgeben mußte. Sie entschied, die Ermordung ihrer Mutter Klytämnestra und des Stiefvaters Aegisth mit Hilfe ihrer Schwester Chrysothemis auszuführen. Doch auch diese Hoffnung zerschlug sich, diesmal an der persönlichen Ablehnung einer solchen Tat und der Weigerung von Seiten Chrysothemis’. Elektra steht damit vor Orests Eintritt völlig allein da. Sie hat beschlossen, die Ermordung allein durchzuführen und gräbt zu diesem Zweck das Beil aus, mit dem ihr Vater erschlagen wurde und das sie zum Zweck der Rache in der Erde versteckt hatte.

In der Orestszene tritt eine Wendung des Geschehens ein: Elektras Pläne werden erneut umgestürzt, sie wird von der handelnden Person, die sie für die kurze Zeit zwischen dem Entschluß, allein Rache zu nehmen, und der Ankunft Orests war, wieder zur passiven, sich selbst darstellenden, aber nicht handelnden Figur. Durch die Rückkehr des totgeglaubten Orest erhalten Elektras anfängliche Hoffnungen erneut Auftrieb: Der heimgekehrte Bruder wird die Rache ausführen.

3.2 Zusammenfassung der Szene bei Hofmannsthal

Elektra ist mit dem Ausgraben des Beils beschäftigt, als ihr Bruder Orest den Hof betritt. Sie erkennt ihn nicht, sondern hält ihn für einen Fremden und fühlt sich von ihm gestört. Deshalb fordert sie ihn auf, sie allein zu lassen, macht aber Andeutungen über ihr Handeln und ihre Situation. Orest erkennt sie zunächst nicht als seine Schwester und stellt sich als der Bote vor, der Augenzeuge am angeblichen Tod Orests war. Aus ihrer heftigen Reaktion schließt er, daß sie mit ihm verwandt ist und begreift schließlich, daß sie Elektra ist, wenn auch seelisch und körperlich in einem sehr herabgekommenen Zustand. Zunächst teilt er ihr mit, daß Orest lebt und er zur Rache in den Palast gekommen sei, dann eröffnet er ihr seine wahre Identität. Seine Schwester schildert daraufhin ihren Niedergang und vergleicht ihn mit den Erinnerungen an die bessere Zeit, in der ihr Vater noch lebte. Orest kommen Bedenken an der Durchführung seines Planes, die Elektra aber durch den Hinweis auf ihren verkommenen Zustand und den Mordhergang an Agamemnon zurückweist. Zuletzt rühmt sie die segensreiche, heilende Wirkung, die der Mord an Klytämnestra haben werde. Der Pfleger Orests tritt auf und weist sie an, ruhiger zu sein, um das Vorhaben nicht zu gefährden. Elektra dankt ihm dafür, Orest begleitet zu haben. Die Szene schließt in einem erneuten Lob Elektras auf diejenigen, die helfen, Rache zu nehmen und der dringenden Aufforderung von Seiten des Pflegers, die Tat zu begehen, da die Zeit drängt.

Im Anschluß an die Orestszene folgen Elektras Warten auf die Durchführung der Rachetat und die Erschlagung von Mutter und Stiefvater.

3.3 Die Gewichtung der Szene innerhalb der Oper

Die Orestszene hat immer wieder das Interesse der Musik- und Literaturwissenschaftler auf sich gezogen, sie wird aufgrund ihrer inhaltlichen Wendung und v.a. wegen der auf die Erkennung Orests durch Elektra folgenden lyrischen Teilszene als Höhepunkt der Oper bezeichnet.[12] „Sie ist die Peripetie des Dramas“[13], und hier „entfaltet sich die größte lyrische Steigerung der gesamten Oper“.[14]

Aufmerksamkeit auf die Orestszene lenkt auch ein Kommentar Strauss’, laut dem Elektra gerade durch seine Umarbeitung der Orestszene zu einem hervorragenden Libretto geworden sei: „Als ich zuerst [ Elektra ] sah, erkannt ich wohl den glänzenden Operntext (der es nach meiner Umarbeitung der Orestszene tatsächlich geworden ist)“.[15]

4. Zusammenarbeit in der Orestszene – Untersuchung des Briefwechsels

Insgesamt sind es sieben Briefe in der Korrespondenz zwischen Hofmannsthal und Strauss, in denen auf die Orestszene Bezug genommen wird. Die frühsten stammen vom 27.4. und 18.7.1906, die übrigen wurden zwischen dem 22.6.1908 und dem 16.8.1908 verfaßt.

Um die relevanten Passagen zusammenzufassen, so werden bezüglich der Orestszene fünf Punkte angesprochen.

1. Am 22.6.1908 schreibt Strauss die Mitteilung: „Die Partitur ist fertig bis zum Eintritt des Orest.“[16] Am 6.7.1908 heißt es bereits: „‚Elektra’ schreitet vorwärts und wird gut. Die Szene zwischen Elektra und Orest ist, glaube ich, sehr gelungen“.[17] Die Komposition der Szene dürfte sich somit in diesem kurzen Zeitraum von zwei Wochen abgespielt haben.
2. Im Schreiben vom 10.8.1908 wiederholt sich Strauss, indem er wiederum schreibt: „‚Elektra’ naht der Vollendung: ich bin beim Eintritt des Ägisth! In der Partitur ist die Orestszene bereits fertig und, glaub ich, sehr gut geworden!“[18] Er lenkt damit doppelt Aufmerksamkeit auf diese Szene, denn üblicherweise wiederholt er sich nicht. Es macht den Eindruck, als habe diese Szene besondere Anforderungen an ihn gestellt und eine um so intensivere Auseinandersetzung damit bewirkt, bevor er zu einer Lösung fand. Vor diesem Hintergrund – in einfachen Worten: des Stolzes über das Gelingen einer schwierigen Arbeit – kann auch das bereits angeführte Zitat aus Betrachtungen und Erinnerungen verstanden werden.

[...]


[1] Willi Schuh (Hg.), Briefwechsel. Richard Strauss/Hugo von Hofmannsthal, Zürich 1978, S. 17.

[2] Bryan Gilliam, Richard Strauss’s Elektra, Oxford 1991, S. 35.

[3] Briefwechsel S. 45.

[4] Studienpartitur: Elektra. Tragödie in einem Aufzuge von Hugo von Hofmannsthal, Richard Strauss Edition, Wien 1996, Bd. 4, o.S.

[5] Günter Schnitzler, Kongenialität und Divergenz. Zum Eingang der Oper Elektra von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss, in: ders. (Hg.), Dichtung und Musik, Stuttgart 1979, S. 175-193, S. 176.

[6] Zur Präsenz der Musik in Hofmannsthals Texten vgl. ebd. S. 177f.

[7] U.a. von: Matthew Boyden; Richard Strauss. Die Biographie; Wien 1999, S. 311. Françoise Salvan-Renucci, „Ein Ganzes von Text und Musik“. Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss, Tutzing 2001, S. 26. Gilliam S. 19.

[8] Hofmannsthal und Strauss trafen sich während des Transformationsprozesses mehrfach persönlich und besprachen auch die Elektra. Vgl. z.B. den Brief von Strauss vom 22.12.1907, Briefwechsel, S. 32f.

[9] Vgl auch: Anna Amalie Abert; Richard Strauss. Die Opern; Velber 1972, S. 37. Zur Einteilung in Szenen vgl. ebd. S. 33.

[10] Briefwechsel vom 22.12.1907, 20.2.1908, 22.6.1908 und 6.7.1908.

[11] Briefwechsel vom 22.6.1908, 6.7.1908 und 10.8.1908.

[12] Gilliam, S. 42. Joanna Bottenberg, Shared Creation. Words and Music in the Hofmannsthal-Strauss Operas, Frankfurt am Main 1996, S. 109.

[13] Carl Dahlhaus, Vom Musikdrama zur Literaturoper, München 1989, S. 167.

[14] Salvan-Renucci, S. 218. Salvan-Renucci schildert genauestens die Veränderungen des Spannungsverlaufs, besonders an diesem Wendepunkt. Ebd. S. 218f.

[15] Richard Strauss, Betrachtungen und Erinnerungen, Willi Schuh (Hg.), Zürich und Freiburg 1957², S. 229.

[16] Briefwechsel, S. 37.

[17] Briefwechsel, S. 42.

[18] Briefwechsel, S. 45.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Transformation der Elektra vom Schauspiel Hofmannsthals zum Libretto Strauss'. Dargestellt am Beispiel der Orestszene.
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Musikwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar Hofmannsthal/Strauss
Note
2
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V37013
ISBN (eBook)
9783638364867
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Hausarbeit befaßt sich mit der Transformation des Schauspieltextes Elektra von Hugo von Hofmannsthal in das Opernlibretto zur gleichnamigen Oper von Richard Strauss. Einleitend wird der Briefwechsel zwischen den beiden Autoren einer näheren Betrachtung unterzogen und seine Bedeutung gewichtet, zudem steht die Frage nach der Notwendigkeit einer Veränderung des (Libretto-)Textes an herausragender Stelle. Exemplarische Analysen einzelner Teilszenen runden die Untersuchung ab.
Schlagworte
Transformation, Elektra, Schauspiel, Hofmannsthals, Libretto, Strauss, Dargestellt, Beispiel, Orestszene, Hauptseminar, Hofmannsthal/Strauss
Arbeit zitieren
Sabine Stölting (Autor), 2005, Die Transformation der Elektra vom Schauspiel Hofmannsthals zum Libretto Strauss'. Dargestellt am Beispiel der Orestszene., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37013

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