Inwieweit diente das Schicksal der Susanna Margaretha Brandt als Vorlage für Goethes Gretchen in der Tragödie "Faust"?


Hausarbeit, 2016

15 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2 Der Kindsmord in der Epoche des Sturm und Drangs
2.1 Gründe für einen Kindsmord
2.2 Der Kindsmord und seine rechtlichen Folgen
2.3 Der Kindsmord als literarisches Motiv

3. Die Gretchentragödie und ihr Vorbild
3.1 GretchensLebensablauf
3.2 Susanna Margaretha Brandts Lebensablauf
3.3 Vergleich von Gretchens und Susanna Margaretha Brandts Lebensablauf

4. Fazit

1. Einleitung

Der Jurist Johann Wolfgang von Goethe beobachtete 1772 in Frankfurt einen Kindsmordprozess gegen die Dienstmagd Susanna Margaretha Brandt (kurz: Susanna) und arbeitete die Problematik in den Stoff der Tragödie Faust I ein. Die Beobachtungen bilden die Grundlage für die Gretchentragödie. Doch inwieweit nutzte Goethe das Schicksal der jungen Dienstmagd Susanna als Vorbild für seine Gretchenfigur und in welchen Punkten weicht er von der Vorlage ab?

Beim Lesen von der Tragödie Faust I bleibt einem oft die Gretchentragödie besonders im Gedächtnis. Man stellt sich die Frage wie es soweit kommen konnte, dass Gretchen von einem unschuldigen, frommen Mädchen zu einer Kindermörderin werden konnte. Welche Gründe drängten sie dazu gegen die Gesetze der Natur zu handeln und ihr eigenes Neugeborenes zu töten? Gretchens Schicksal basiert auf historischen Hintergründen. Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein war es üblich, ein Mädchen, das ein uneheliches Kind erwartete, öffentlich zu demütigen und zu entehren. Da kommt die Frage auf wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass so viele Frauen im 18 Jahrhundert uneheliche Kinder bekamen, obwohl sie doch die Konsequenzen für solch ein Vergehen kannten?1 2

2. Der Kindsmord in der Epoche des Sturm und Drangs

2,1 Gründe für einen Kindsmord

Was bewegte die jungen Frauen dazu nicht nur ungewollte Schwangerschaften geheimzuhalten und damit schwere Strafmaßnahmen von Seiten des Staates in kauf zu nehmen, sonder sogar soweit zu gehen das eigene Kind zu töten?

Für ein unverheiratetes schwangeres Mädchen im 18 Jahrhundert scheint es schlimmer gewesen zu sein, ein uneheliches Kind zur Welt zu bringen und dies öffentlich zu bekennen, als das eigene Kind zu töten und so die uneheliche Geburt „ungeschehen zu machen“. Sie waren dazu bereit ihre Kinder zu töten, um ihre Ehre und ihren Ruf zu retten. Dieses Verhalten lässt sich zum einen durch die Strafen für Unzuchtsdelikte erklären, die äußerst demütigend waren und darauf abzielten, die Selbstachtung des Bestraften zu Grunde zu richten, sowie ein Weiterleben in dem gewohnten Milieu auszuschließen. Zum Anderen war das Ansehen eines einfachen Mädchens, das sich nicht von diesen Strafen freikaufen konnte, ruiniert. Dadurch war sie nicht nur in Gefahr keine Ehe mehr schließen und keine Anstellung mehr finden zu können, sie geriet auch in ein Außenseiterdasein, weil keiner Verständnis für sie aufbrachte und niemand bereit war sie zu integrieren. Kindsmörderinnen waren oft Dienstangestellte, die damit rechnen mussten, bei einer Geburt eines unehelichen Kindes verstoßen zu werden und somit ihr verbleibendes Leben in äußerster Armut zu verbringen. Ihnen blieb häufig nur der Weg nach unten, in die Prostitution.3 Aus Furcht vor diesem Schicksal sahen die Betroffenen oft keinen andern Ausweg, als das Neugeborene zu töten. Häufig ging dem die Leugnung der Schwangerschaft und diverse Abtreibungsversuche voraus.4

2.2 Der Kindsmord und seine rechtlichen Folgen

Die Gesetze des 18. Jahrhunderts sahen für den Kindsmord die Todesstrafe vor, weil die Tat aus religiösen Gründen besonders verwerflich sei - Durch diese Tat wird dem Neugeborenen nämlich die Taufe und damit der Weg ins Paradies verwehrt. Die „Constitutio Criminalis Cornelia“ (kurz: Cornelia oder CCC), die „Peinliche Halsgerichtsordung Kaiser Karls V“, verlangte für den Kindsmord drei Voraussetzungen: Leben, Lebensfähigkeit des Kindes und die heimliche Tötung durch die Mutter. Für eine Verurteilung war ein Geständnis oder die Überführung der Täterin durch zwei Zeugen erforderlich, was bei einer heimlichen Tat wie der Kindstötung selten der Fall war. Eine Überführung auf der Grundlage von Indizien war nicht möglich. Zur Herbeiführung eines Geständnisses war auch die Folter erlaubt, damit ein vehementes Abstreiten der Tat nicht zur allgemeinen Verteidigungsstrategie verwendet werden konnte. „Nach Artikel 131 CCC sollte die Täterin gewonlich lebendig begraben vnd gepfelt werden; sofern die bequemlicheyt des wassers darzu 'vorhanden kam ersatzweise Ertränken in Betracht.“5 Zur Zeit, als Susanna Margaretha Brandt wegen Kindsmord zum Tode verurteilt wurde, sahen die Juristen die persönliche Notlage der Betroffenen als einen Milderungsgrund. Dies führte zur gelinderten Hinrichtungsart der Enthauptung6

Außerdem ist zu beachten, dass es bei einem Kindsmordprozess nicht nur um den Tatbestand der Kindstötung ging, sondern dass viele andere Probleme wie z.B. die voreheliche oder außereheliche Sexualität, die Konflikte zwischen Liebesbeziehung und Konvenienzverbindungen sowie Verführung und Vergewaltigung, eine Rolle spielten. Mit anderen Worten ging es auch um die gesellschaftliche Akzeptanz nichtehelicher Sexualität.7

2.3 Der Kindsmord als literarisches Motiv

Die Aktualität des Themas zeigt sich 1780 in dem Widerhall auf die Preisfrage im siebten Heft der akademischen Zeitschrift „Rheinische Beiträge zur Gelehrsamkeit“: „ Welches sind die besten Mittel, dem Kindermord Einhalt zu thun, ohne die Unzucht zu begünstigen?“8 Sie wurde zusätzlich auch in vielen anderen Zeitschriften veröffentlicht, fast vierhundert Antworten gingen ein und zahlreiche Autoren veröffentlichten ihre Stellungnahmen zu dieser Frage. Die Konzentration auf die Kindsmordthematik ist insbesondere in den deutschsprachigen Werken des Sturm und Drang auffällig.9 Gründe dafür sind zum einen, dass die Verurteilung und Hinrichtung lediger Frauen, die aus sozialer Not und Furcht vor der gesellschaftlichen Ausgrenzung und Demütigung ihr Kind töteten, juristisch auf der Tagesordnung standen. Zum Anderen, weil die Autoren durch ihre Werke die juristische Praxis und das Verhalten der Gesellschaft anklagen konnten. Wie intensiv die Beschäftigung der Autoren mit den Hintergründen und den Folgen der Kindstötung war zeigt die folgende Aufzählung einiger prominenter Vertreter des Sturm und Drangs, die sich in ihren Werken mit dieser Thematik befasst haben: Friedrich Schiller (Die Kindsmörderin), Heinrich Leopold Wagner (Die Kindermörderin) und Johann Wolfgang Goethe (Urfaust / Faust I).10 Auch die Tatsache, dass Goethe den Prozess der Dienstmagd Susanna Margaretha Brandt verfolgte, die am 14. Januar 1772 in Frankfurt wegen Kindstötung hingerichtet wurde, und ihr Schicksal als Vorbild für das „Gretchen“ seines Faust nutzte, zeigt wie aktuell das Thema in dieser Zeit war.11 Goethe ging sogar soweit gegen Heinrich Leopold Wagner den Vorwurf des Gedankenraubes zu erheben.

[...]


1 Vgl. Jochen Schmidt, Goethes Faust. Erster und Zweiter Teil. Grundlagen - Werke - Wirkung, München, 20113, S. 176-185.

2 Vgl. Schmidt, Goethes Faust, 20113, S. 180.

3 Vgl. Gretchentragödien an der Lahn: Forschungsprojekt zum Kindsmord im 19. Jahrhundert - Auch Fälle aus dem Gießener Gebärhaus. In: Gießener Allgemeine, 23.07.2016.

4 Kent D. Lerch u.a, Die Leiden des jungen „Gretchen“ Ein Frankfurter Kriminalfall anno 1771/1772: Der Prozess gegen die Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt, http://www.forschung-frankfurt.uni- fra.nkfint.de/36050778/llLerch.pdf? (25.07.2016).

5 Vgl. ebd.

6 Vgl. Matthias Luserke, Sturm und Drang. Autoren - Texte - Themen, Stuttgart, 1997, S. 218ff.

7 Vgl. Beat Weber, Die Kindsmörderin im deutschen Schrifttumvon 1770-1795, Bonn, 1974, S. 355.

8 Vgl. ebd. S. 354ff.

9 Vgl. Schmidt, Goethes Faust, 20113, S. 180f.

10 Vgl.Lerchu.a,DieLeidendesjungen „Gretchen“ http://www.forschung-frankfurt.uni- fra.nkfnrt.de/36050778/llLerch.pdf? (25.07.2016).

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Details

Titel
Inwieweit diente das Schicksal der Susanna Margaretha Brandt als Vorlage für Goethes Gretchen in der Tragödie "Faust"?
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,3
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V370343
ISBN (eBook)
9783668480957
ISBN (Buch)
9783668480964
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
inwieweit, schicksal, susanna, margaretha, brandt, vorlage, goethes, gretchen, tragödie, faust
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Inwieweit diente das Schicksal der Susanna Margaretha Brandt als Vorlage für Goethes Gretchen in der Tragödie "Faust"?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/370343

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