Die mittelalterliche Stadt Goslar als Handelszentrum


Essay, 2016
4 Seiten

Leseprobe

Die mittelalterliche Stadt als Handelszentrum

- am Beispiel Goslar -

Stellt man sich eine typische Stadt im Mittelalter vor, so ist das Zentrum dieser imaginären Stadt oft der Markt, auf dem das tägliche Leben der Bewohner hauptsächlich ausgetragen wird. Doch war es nicht nur der gesellschaftliche Aspekt, der den Markt als so ein wichtiges Merkmal der mittelalterlichen Städte kennzeichnete. Vielmehr bildete der Markt als Umschlagplatz für Waren jeglicher Art die Basis des Handels und repräsentierte folglich die Stellung der mittelalterlichen Stadt als Handelszentrum im Reich.

Diese Klassifizierung des Marktes als tragendes Element der mittelalterlichen Stadt ist sicherlich für viele Orte zutreffend, dennoch lohnt es sich, einen genauen Blick auf einzelne Beispiele zu werfen, wie es hier im Folgenden mit der Ortschaft Goslar und dessen Rolle als Handelszentrum im Verlauf von 500 Jahren – zwischen 1000 und 1500 – geschehen soll.

Die Stellung, die Goslar und der hiesige Markt in dieser Zeit einnahmen, ist bereits durch verschiedene Historiker erforscht und in zahlreichen Werken dargestellt worden. Während die Erzgewinnung am Rammelsberg und die einhergehende Verarbeitung weitgehend im Vordergrund der Forschung stehen und laut Sabine Graf dafür verantwortlich zu machen sind, dass Goslar zwischenzeitlich zur reichsten Stadt des mittelalterlichen Sachsens aufsteigen konnte, ist über andere Handelswaren weniger bekannt.

Lediglich Friedrich Bitter versucht, auch diese – abseits vom Bergbau stehenden – Güter näher ins Auge zu fassen, stellt aber selbst fest, dass über diese weniger bekannt ist. Ebenfalls legt er erstmals Goslars Verhältnis zum Hansebündnis dar, sagt aber, dass dies nicht überbewertet werden solle, wohingegen Evamaria Engel behauptet, die Mitgliedschaft in der Hanse habe enorm zum wirtschaftlichen Aufstieg Goslars beigetragen.

Auf Grundlage dieser bisherigen Kenntnisse, soll nun versucht werden, die Bedeutung des Marktes für die Stadt Goslar im Mittelalter – unter der Berücksichtigung dreier Fragen, die Schritt für Schritt im Folgenden beleuchtet werden – festzustellen.

Zuerst sollte ein Blick darauf geworfen werden, wann und in welcher Form der Markt in Goslar entstand. Sabine Graf findet darauf eine Antwort. So stellt sie fest, dass aufgrund von archäologischen und baugeschichtlichen Befunden davon auszugehen sei, dass Goslar aus mehreren Siedlungskernen des zehnten und elften Jahrhunderts zusammengeschmolzen ist. Dies macht sich auch heute noch in der ovalen Stadtform erkenntlich. Weiterhin beschreibt Graf, dass zeitgleich mit dem herrschaftlichen Ausbau der Pfalz durch Heinrich III. die Marktsiedlung Goslars nördlich der dort fließenden Gose gewachsen sei.

Selbstverständlich kann nur aufgrund der Bebauung einer Marktfläche nicht davon gesprochen werden, dass dieser Flecken als "Markt" zu bezeichnen ist. Denn um als Markt zu gelten, bedarf es noch mehr als lediglich das Vorhandensein einer Siedlung. So muss das königliche Privileg vorliegen, den Handel zu betreiben und Zölle auf Waren zu erheben. Dieses Recht besaßen die Kaufleute Goslars – laut Graf – bereits in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts. Darüber hinaus ist die Existenz einer Marktkirche fundamentales Kennzeichen für den mittelalterlichen Markt. Diese Marktkirche sei urkundlich, so Graf, zwar erst 1151 erwähnt, doch sei Goslar bereits in einer Urkunde Heinrichs IV. von 1064 als „ forum “ bezeichnet worden.

All diese aufgelisteten Faktoren sprechen nun dafür, dass der Markt Goslars definitiv bereits um 1064 bestanden haben muss, mit hoher Wahrscheinlichkeit jedoch auch vorher schon, da die durch Graf aufgelistete Urkunde sicher ein bereits gültigen Umstand – in diesem Fall das Abhalten des Marktes – rechtmäßig bekräftigt. Auf Grund der heute noch zu erkennenden Stadtform, lässt sich darauf schließen, dass Goslars Marktsiedlung nördlich der Gose parallel zum Ausbau der Pfalz entstanden sein muss.

Nachdem der Vorgang und der Zeitraum der Entstehung der Marktsiedlung Goslars nun erörtert wurde, soll im weiteren Verlauf geklärt werden, für welche Waren und Gewerbe Goslar im Mittelalter – während des oben genannten Zeitraums – bekannt war.

Friedrich Bitter findet darauf eine klare Antwort und stellt die Erzgewinnung im Rammelsberg und die Verarbeitung dieser Erze als wichtigste Handelsgüter Goslars dar. Ihm zufolge erlangte die verstärkte Kupfergewinnung ab 1010 eine wirtschaftliche Bedeutung durch den Absatz in regionale Märkte, später fanden die Goslarer Kaufleute vor allem auch in überregionalen Märkten willige Abnehmer. Doch war es nicht nur Kupfer, das aus dem Rammelsberg gewonnen wurde, sondern auch Silber, welches Bitter als ein noch wichtigeres Gut bezeichnet, da es vermehrt vorhanden und einfacher zu verarbeiten gewesen sei. Der Bergbau, die Verhüttung und der Metallhandel als die wichtigsten wirtschaftlichen Kräfte in der Entwicklung Goslars führten dazu – so Graf – dass Goslar zur reichsten Stadt Sachsens des 11. und 12. Jahrhunderts aufsteigen konnte.

Bitter stellt jedoch fest, dass die Erze zwar das Primärgut des Ausfuhrhandels Goslars waren, es aber noch weitere – vor allem für regionale Märkte bedeutsame – Produkte gab, für die Goslar bekannt war. Das mit dem Wasser der Gose zubereitete Bier, das den gleichen Namen trägt wie der Fluss, wurde rasch zu einem bedeutsamen Handelsgut. Es sei – Bitter zufolge – sogar die wichtigste Ware für nahegelegene Handelspartner gewesen, vor allem im Harzraum.

Neben dem Export von Bier und vor allem den Erzeugnissen des Bergbaus gab es noch andere – eher mit geringerer Bedeutung behafteter – Ausfuhrgüter, die Goslar, erneut überwiegend für regionale Märkte, bekannt gemacht hatten wie zum Beispiel Bau- und Brennholz sowie Holzkohle von den zahlreichen Bäumen der Harzregion.

Nun lässt sich also festhalten, dass Goslars geographischen Lage am Rammelsberg dazu führte, dass die Stadt im Mittelalter hauptsächlich mit den im Bergbau gewonnenen Erzen und deren Verarbeitungsprodukten handelte, in der Harzregion doch daneben auch willige Abnehmer fand für andere Produkte wie Bier und Holz.

Zuletzt kommt die Frage nach den Handelsbeziehungen Goslars im Mittelalter auf; es ist notwendig festzustellen, mit wem Goslar Handel getrieben hat.

Es wurde dahingehend bereits darauf hingewiesen, dass das in Goslar zubereitete Gosebier vor allem auf regionalen Märkten hohen Absatz fand. Bitter führt weiterhin an, dass Goslar einen engen Handel mit Braunschweig und Quedlinburg, sicher aber mit dem gesamten sächsischen Reich gehabt haben musste. Goslars wichtigster Absatzmarkt aber – so Bitter – lässt sich im Westen finden, in Städten wie Köln, wo die im Bergbau und deren Verarbeitung gewonnen Waren für Münzen und vor allem Schmuck genutzt wurden.

Evamaria Engel stellt darüber hinaus die Bedeutung der Hanse für den Handel Goslars dar. So schreibt sie, dass Goslar seit dem letzten Drittel des 13. Jahrhunderts Mitglied dieses Bündnisses war und den Metall-, besonders den Kupferhandel unter den Hansemitgliedern bestimmte. Der Handel erstreckte sich dabei – laut Engel – über Köln bis in das Maasgebiet und über Hamburg sogar bis nach Flandern. Sicher ist, dass Goslar mit jedem in der Hanse tätigem Mitglied Handel trieb und durch weitere, überregionale Bündnisse – Engel nennt hier Abkommen mit sächsischen, wendischen, pommerschen und brandenburgischen Städten – weitere Absatzmärkte erschloss.

Zusammenfassend lässt sich nun also sagen, dass Goslars Markt um die Gose herum parallel zum herrschaftlichen Ausbau der kaiserlichen Pfalz entstand und bereits 1064 als "forum" bezeichnet wurde, die Kaufleute Goslars bereits in der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts als "mercatores", was nahelegt, dass der Markt Goslars bereits zu dieser Zeit bestanden haben muss. Weiterhin kann man als Ergebnis festhalten, dass Goslars Handel maßgeblich durch den Bergbau am Rammelsberg bestimmt wurde. Trotz anderer – meist für regionale Märkte – bedeutsamer Absatzprodukte wie das Gosebier oder Hölzer, gelten die Erze sowie die daraus gewonnene Metalle als Lebensader für den Handel Goslars. Durch Goslars Zugehörigkeit zu zahlreichen Bündnisse innerhalb Sachsens, aber auch zu anderen Städten, besonders Köln, erlangte die Stadt einen reichsweiten Ruf und erschloss sich besonders durch die Hanse zahlreiche – mitunter internationale – Absatzmärkte, wodurch es für eine gewisse Zeit zur reichsten mittelalterlichen Stadt Sachsens aufsteigen konnte.

Literaturverzeichnis

1. Bitter, Friedrich: Der Handel Goslars im Mittelalter (Beiträge zur Geschichte der Stadt Goslar 10), Goslar 1940.
2. Engel, Evamaria: Goslar und die Hanse. In: Engelke, Hansgeorg (Hrsg.): Goslar im Mittelalter. Vorträge beim Geschichtsverein (Beiträge zur Geschichte der Stadt Goslar 51), Bielefeld 2003, S. 215-228.
3. Graf, Sabine: Goslar im Mittelalter. In: Hauptmeyer, Carl-Hans und Rund, Jürgen (Hrsg.): Goslar und die Stadtgeschichte. Foschungen und Perspektiven 1399-1999 (Beiträge zur Geschichte der Stadt Goslar 48), Bielefeld 2001, S. 75-100.
4. Jarck, Horst-Rüdiger; Schildt, Gerhard: Die braunschweigische Landesgeschichte. Jahrtausendrückblick einer Region. Braunschweig 2001.
5. Kroker, Angelika/ Stöber, Martin/ Titz-Matuszak, Ingeborg: Goslar Der Stadtführer. Ein Führer durch die alte Stadt der Kaiser, Bürger und Bergleute, Wernigerode 2016.
6. Michael, Thomas: Diercke Weltatlas. Braunschweig 2002.
7. Wilke, Sabine: Das Goslarer Reichsgebiet und seine Beziehungen zu den territorialen Nachbargewalten. Politische, verfassungs- und familiengeschichtliche Untersuchungen zum Verhältnis von Königtum und Landesherrschaft am Nordharz im Mittelalter, Göttingen 1970.
8. Igel, Karsten: Markt. URL: http://www.uni-muenster.de/Staedtegeschichte/portal/einfuehrung/aspekte/markt.html, letzter Zugriff: 05.01.2017.

[...]

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Die mittelalterliche Stadt Goslar als Handelszentrum
Hochschule
Universität Osnabrück
Autor
Jahr
2016
Seiten
4
Katalognummer
V370611
ISBN (eBook)
9783668478114
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Reihe
Aus der Reihe: e-fellows.net stipendiaten-wissen
Schlagworte
Mittelalter, 1000-1500, Goslar, Markt, Handel, Stadt, Stadtgeschichte, Stadtforschung, Hanse
Arbeit zitieren
Valentin Loos (Autor), 2016, Die mittelalterliche Stadt Goslar als Handelszentrum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/370611

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die mittelalterliche Stadt Goslar als Handelszentrum


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden