[...] Aufgabe dieser Arbeit soll es nun sein, die grundlegenden Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Werke sowie die jeweilige zentrale Problematik zu analysieren. Dazu ist es zunächst notwendig, sowohl gesellschaftliche als auch persönliche Hintergründe der Autoren sowie die Stoff- und Entstehungsgeschichte zu berücksichtigen. Des weiteren sollen die äußere Form, die sprachliche Gestaltung, Handlung, Personenkonzeption und - konstellation im direkten Vergleich betrachtet werden. Im zweiten Teil der Arbeit soll dann auf die jeweilige zentrale Problematik eingegangen werden. Hierzu werden formelle Unterschiede herangezogen, die im ersten Teil erarbeitet wurden sowie der geschichtliche Hintergrund berücksichtigt. Dritter Teil der Arbeit ist dann der Versuch einer Annäherung an eine populäre Fragestellung insbesondere in Bezug auf Kleist. Hier sollen tragische sowie komische Elemente der Handlung und die ambivalente Konzeption des Personals näher untersucht und anhand ausgewählter Textstellen belegt werden.4 Den Schluss der Arbeit bildet schließlich die Zusammenfassung der gewonnenen Erkenntnisse und der Ausblick: Welche neuen Fragen haben sich bei der Beschäftigung mit dem Thema gestellt? 4 Zur leichteren Unterscheidung werden im laufenden Text bei der Nennung der Personen die Namen in der jeweiligen Originalsprache verwendet (z. B. Alkmene /Alcmène). So sollen Verwechslungen vermieden werden, ohne dass eine permanente Berücksichtigung der Fußnoten nötig ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kleist und Molière: Zwei Dramen, eine Fabel?
2.1 Zweimal Amphitryon: Entstehungsgeschichte und zeitgenössische Rezeption
2.1.1 Molière
2.1.2 Kleist
2.2 Äußere Form, Struktur und Gliederung
3. Zentrale Problematik
3.1 Molières „Amphitryon“. Eine Gesellschaftskomödie.
3.1.1 Die Gott/Mensch-Beziehung
3.1.2 Die Gestalt des Sosie: Identitätskrise und Knechtschaft
3.2 Molières „Amphitryon“ und Kleists „Alkmene“? Die Verschiebung des Schwerpunkts
3.3 Komödie vs. Tragödie
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die grundlegenden Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Dramen von Molière und Heinrich von Kleist. Dabei wird untersucht, wie beide Autoren den antiken Amphitryon-Stoff vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Zeit und Intention bearbeiten, wobei insbesondere die Verschiebung des dramatischen Schwerpunkts auf die Figur der Alkmene und die unterschiedliche gesellschaftskritische sowie erkenntnistheoretische Ausgestaltung beleuchtet werden.
- Vergleichende Analyse der Stoff- und Entstehungsgeschichte
- Gegenüberstellung von äußerer Form, Struktur und Personenkonzeption
- Untersuchung der gesellschaftskritischen Dimensionen bei Molière
- Analyse der existentiellen Krisen und des Bewusstseins bei Kleist
- Kontrastierung von komischen und tragischen Elementen
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Die Gestalt des Sosie: Identitätskrise und Knechtschaft
In der zweiten Szene des ersten Aktes trifft Sosie, zum ersten Mal auf den Gott Mercure, der dessen Gestalt angenommen hat. Mercure hat die Aufgabe, seinem Herrn Jupiter ungestörte Zeit mit Alcmène, der Frau Amphitryons zu ermöglichen. Er muss also Sosie, aufhalten, der sich mit einem Auftrag seines Herrn Amphitryon auf dem Weg zu Alcmène befindet.
An dieser Stelle findet sich erstmals das für die Handlung des „Amphitryon“ so zentrale Doppelgängermotiv. Sosie wird mit einem zweiten Ich konfrontiert und muss erleben, dass ihm seine eigene Identität geraubt wird, weil er der körperlich Unterlegene ist. Er beginnt, an seiner eigenen Identität zu zweifeln, weil Mercure Dinge weiß, die eigentlich nur der wahre Sosie wissen kann.
SOSIE bas, à part. „Il ne ment pas d’un mot, à chaque repartie, Et de moi je recommence à douter tout de bon . Près de moi, par la force, il est déja Sosie; Il pourrait bien encor l’être par la raison.20
Sosie wird durch das, was er sieht, hört und begreifen kann, in eine Krise der Selbsterkenntnis gestürzt. Er ist bereit zu glauben, dass der Mann, der vor ihm steht, Sosie ist – muss aber gleichzeitig erfahren, wer er selbst dann ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel stellt die Relevanz des Amphitryon-Mythos für die komparatistische Literaturwissenschaft dar und erläutert die Zielsetzung der Arbeit, die beiden Dramen in einen direkten Vergleich zu setzen.
2. Kleist und Molière: Zwei Dramen, eine Fabel?: Das Kapitel beleuchtet die Entstehungsgeschichte, die zeitgenössische Rezeption sowie die formale Struktur beider Stücke und zeigt erste wesentliche Unterschiede auf.
3. Zentrale Problematik: Hier werden die inhaltlichen Kernaspekte diskutiert, insbesondere Molières Gesellschaftskritik am Absolutismus und Kleists Fokus auf die Bewusstseinskrise des Individuums.
4. Fazit: Das Fazit stellt fest, dass beide Dramen trotz der gleichen Stoffquelle völlig unterschiedliche Intentionen verfolgen und als jeweils eigenständige, bedeutende Werke ihrer Epochen zu würdigen sind.
Schlüsselwörter
Amphitryon, Kleist, Molière, Komparatistik, Mythologie, Doppelgänger, Identitätskrise, Gesellschaftskritik, Absolutismus, Bewusstsein, Lustspiel, Tragödie, Alkmene, Sosie, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit vergleicht die zwei berühmten Bearbeitungen des antiken Amphitryon-Stoffes von Jean-Baptiste Molière und Heinrich von Kleist.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt der Untersuchung?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die unterschiedlichen Entstehungsbedingungen, die formale Gliederung der Stücke, das Motiv des Doppelgängers sowie die jeweils spezifische gesellschaftliche oder existenzielle Problemstellung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die grundlegenden Unterschiede in der Intention und der Gewichtung beider Autoren herauszuarbeiten und zu analysieren, warum trotz identischer Fabel völlig verschiedene Schwerpunkte (gesellschaftskritisch bei Molière vs. existenz-philosophisch bei Kleist) gesetzt werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine komparatistische, vergleichende Literaturanalyse, die den Szenenablauf, die Personenkonstellationen und den geschichtlichen Hintergrund beider Werke gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die formale Strukturierung (Akte/Szenen), eine Analyse der gesellschaftskritischen Ebene bei Molière sowie die Untersuchung der Verschiebung des Fokus auf das innere Bewusstsein bei Kleist.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Schlagworte umfassen Doppelgängermotiv, Identitätskrise, Absolutismuskritik, Bewusstsein, Komödie und Tragödie.
Inwieweit spielt die Figur des Sosie bei Molière eine besondere Rolle?
Sosie dient als Dienergestalt dazu, die Willkür der Götter und damit indirekt die gesellschaftlichen Hierarchien des 17. Jahrhunderts kritisch zu hinterfragen.
Wie unterscheidet sich die "Erkenntniskrise" bei Kleists Alkmene von der bei Molière?
Kleist führt eine explizite Szene ein, in der Alkmene durch eine fehlerhafte Initialie auf einem Geschenk realisiert, dass sie ihren Gatten nicht korrekt identifiziert hat, was sie in eine tiefe existenzielle und moralische Krise stürzt.
Welche Bedeutung hat das "Ach" am Schluss von Kleists Stück?
Das Schlusswort der Alkmene wird als ambivalenter Ausruf gedeutet, der statt eines klassischen komödiantischen Happy Ends das Bewusstsein über den Betrug und den Verlust ihrer moralischen Reinheit ausdrückt.
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- Anonym (Author), 2004, Kleist und Molière: Zwei Bearbeitungen des Amphitryon-Stoffes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37071