Reptilien in der tierärztlichen Praxis. Haltungsbedingte Krankheiten sowie Aspekte von Public Health bezogen auf Zoonosen in der Reptilienhaltung


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2017
27 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Reptilien in menschlicher Obhut
2.1 Taxonomie
2.2 Häufig gehaltene Spezies

3 Vorstellungsgründe und haltungsbedingte Krankheitsursachen
3.1 Chelonia (Schildkröten)
3.1.1. Metabolic bone disease:
3.1.2. Gicht:
3.1.3. Hypervitaminose A:
3.1.4. Jodmangel:
3.1.5. Hypovitaminose A:
3.1.6. Hypovitaminose-E:
3.1.7. SCUD (Septicaemic cutaneous ulcerative disease):
3.1.8. Pneumonie:
3.2 Sauria (Echsen)
3.2.1 Metabolic bone disease bei Echsen:
3.2.2. Haltungsfehler beim Leguan:
3.2.3. Bißverletzungen:
3.3 Serpentes (Schlangen)
3.3.1. Gicht bei Riesenschlangen:
3.3.2. Thiaminmangel:
3.3.3. Biotinmangel:
3.3.4. Häutungsprobleme/Blisterdisease

4 Public Health: Zoonotische Aspekte bei der Haltung von Reptilien in menschlicher Obhut

5 Literatur

1 Einleitung

In diesem Werk soll das Thema Reptilien als Patienten in der alltäglichen tierärztlichen Praxis im Hinblick auf Vorstellungsgründe und vor allem auf haltungsbedingte Krankheitsursachen und zoonotischen Gesichtspunkten behandelt werden.

Da die Klasse Reptilia einen großen Umfang an Spezies umfasst, sollen in dieser Arbeit lediglich auf einige Spezies, die häufig in der tierärztlichen Praxis vorgestellt werden, eingegangen werden. Dies sind vor allem europäische Landschildkröten (Testudo), nordamerikanische Wasserschildkröten (Trachemys), Agamen (Pogona), Leguane (Iguana iguana), Lidgeckos (Eublepharis) sowie Riesenschlangen (Boidae). Auch soll der Schwerpunkt klar auf die Krankheitsursachen gesetzt werden, die primär haltungsbedingt auftreten.

Die artgerechte Haltung ist gerade bei Reptilien in menschlicher Obhut ein zentrales Thema, da gerade durch Haltungsfehler und falsche Ernährung viele Krankheiten sowie Krankheitsbilder ausgelöst werden. Optimalerweise sollte reptilienspezialisierte Veterinärmedizin vor allem Prophylaxemedizin darstellen, jedoch sind die Erfahrungen aus der eigenen Praxis dahingehend, dass weiterhin die falsche Haltung und Ernährung ein großes Problem darstellen und so zu nachfolgenden Erkrankungen führen. Im Rahmen der haltungs-, bzw. ernährungsbedingten Krankheitsursachen sollen die häufigsten Vorstellungsgründe dargestellt werden. Für weitere Krankheitsursachen sei auf weitergehende Fachliteratur verwiesen.

Zu guter Letzt soll auf zoonotische Gesichtspunkte zu sprechen kommen, da dies im Rahmen einer menschlichen Obhut ein immer wiederkehrendes Thema in öffentlichen Diskussionen darstellt.

2 Reptilien in menschlicher Obhut

2.1 Taxonomie

Reptilien stellen eine eigene Klasse mit 4 Ordnungen mit ca. 9900 Spezies in der Taxonomie der Vertebraten dar. Reptilien sind meist tetrapode Vertebraten, die alle poikilotherm (ectotherm), also wechselwarm sind.

Sie besiedeln nahezu alle Lebensräume der Erde mit Ausnahme der Polregionen sowie Regionen oberhalb der Schneegrenzen. Im Gegensatz zu Amphibien haben Reptilien amniotische Eier bzw. produzieren Eihüllen und haben kernhaltige Erythrozyten und unterscheiden sich so deutlich von Säugetieren und Vögeln.

Die phylogenetisch älteste Ordnung ist Chelonia (Schildkröten). Diese unterteilt sich in die Pleurodira (Halswender) und die Cryptodira (Halsberger) mit ca. 310 rezenten Arten. Die Familie Testudinidae stellen die eher landbewohnenden, ariden Spezies dar. Darunter fallen die europäischen Testudospezies. Die Familie Emydidae stellen die an Süßwasser adaptierten Spezies dar wie die Schmuckschildkröten.

Eine weitere Ordnung ist die Crocodylia mit den Familien Alligatoridae (Alligatoren und Kaimane), Crocodylidae (Krokodile) sowie Gavialidae (Gaviale). Diese Familien sind jedoch in der tierärztlichen Praxis eher die Ausnahme.

Auch die Ordnung der Rhynchocephalia (Brückenechsen) sind keine häufigen Vertreter in der Praxis.

Größte Ordnung der Reptilien stellt die Ordnung der Squamata (Schuppenkriechtiere) dar. Die Unterordnungen Amphisbaenia (Doppelschleichen), Sauria (Echsen) sowie Serpentes (Schlangen) werden unterschieden. Zu den Sauria werden die Agamidae (Agamen), Euplepharidae (Lidgeckos), die Iguananidae (Leguane) gezählt.

Zu den Serpentes gehören die Boidae (Riesenschlangen), die häufige Vertreter des Patientenguts sind.

2.2 Häufig gehaltene Spezies

Nachfolgend sollen kurz die häufig gehaltene Spezies und damit die häufiger vorgestellten Patienten vorgestellt werden, auf welche dann bei den Vorstellungsgründen eingegangen werden soll.

Von der Ordnung Chelonia werden von den Testudinidae oft Vertreter der Gattung Testudo wie Testudo hermanni (Griechische Landschildkröte) oder Testudo marginata, Testudo graeca, Testudo horsfieldii als Patienten vorgestellt. Die Gattung der Europäischen Landschildkröten werden unter ähnlichen, wenn auch nicht gleichen Haltungbedingungen gehalten. Auch die Ernährung kann als ähnlich beschrieben werden.

Die Familie der Emydidae präsentieren sich in der tierärztlichen Praxis meist durch die Buchstaben-Schmuckschildkröten der Gattung Trachemys wie Trachemys scripta scripta (Gelbwangen-Schmuckschildkröte) oder die Trachemys scripta elegans (Rotwangen-

Schmuckschildkröte). Die Haltungsbedingungen für semi-aquatile und aquatile Spezies unterscheiden sich sehr stark von denen der ariden Spezies. Ebenso ist die Ernährung dieser Arten deutlich unterschiedlich, da sie meinst omnivor bis carnivor sind, die Landschildkröten sind pflanzenfressend. Dazu kommt, dass Europäische Landschildkröten im Außengehege am besten mit Frühbeet gehalten werden sollten. Die aquatilen Spezies werden meinst in Aquaterrarien gehalten. Eine Hibernation (Winterruhe) sollte ebenfalls eingehalten werden.

Weitere häufige vertretene Spezies sind aus der Familie Agamidae Pogona vitticeps (Streifenköpfige Bartagame) sowie Pogona henrylawsoni (Zwergbartagame), bei den Leguanartigen vor allem Iguana iguana (Grüner Leguan). Häufig vorgestellte Geckoartige sind Eublepharis macularius (Leopardgecko). Diese werden in Terrarien gehalten. Jede Spezies weist eigene Haltungsbedingungen sowie Charakteristika der Ernährung auf. Temperaturen sowie Luftfeuchtigkeit der Terrarien sind auf jede Art abzustimmen und Spezialliteratur zu entnehmen.

Bei den Riesenschlangen stellen Python regius (Königspython) sowie Boa constrictor (Abgottschlange) und Boa imperator (ehemals B. c. imperaor) die häufigsten Patienten dar. Auch Riesenschlangen werden in Terrarien gehalten, wobei auch bei diesen Spezies auf unterschiedlichen Temperaturen und Luftfeuchtigkeiten geachtet werden muss.

Anhand dieser Spezies sollen die häufigsten haltungsbedingten Erkrankungen nachfolgend vorgestellt werden.

3 Vorstellungsgründe und haltungsbedingte Krankheitsursachen

3.1 Chelonia (Schildkröten)

Europäische Landschildkröten:

3.1.1. Metabolic bone disease:

Reptilien werden sehr häufig mit Knochenstoffwechselstörungen in der tierärztlichen Praxis vorgestellt. Die Definition dieser Störungen ist uneinheitlich und die Bedürfnisse an Kalzium und Vitamin D3 bei Reptilien sind immer noch weitgehend unbekannt (Mader, 2005). Alle Erkrankungen des Knochenstoffwechsels der Reptilien werden deshalb unter dem Überbegriff Metabolic Bone Disease (MBD) zusammengefasst, zuvor wurde oft der Begriff Osteodystrophia fibrosa verwendet (Baumgartner & Gabrisch, 2008). Die Ursache dieser Krankheit beinhaltet eine Störung des Kalziumhaushalts, die jedoch wiederum mehrere Ursachen haben kann. Es wird ein Ca:P-Verhältnis von 1:1 bis 2:1 als ideal in der Nahrung von Reptilien angesehen. Gerade in der Wachstumsphase kann davon ausgegangen werden, dass ein vermehrter Ca-Bedarf entsteht. MBD kann differenziert werden in ernährungsbedingten sekundären Hyperparathyreoidismus sowie in renalen sekundären Hyper-parathyreoidismus.

Der ernährungsbedingte sekundäre Hyperparathyreoidismus (Synonyme: NSHP (=nutritional secondary hyperparathyroidism) und fibröse Osteodystrophie) (Kölle, 2013). Die NSHP ist die Folge einer Kombination fehlerhafter Haltungs- und Ernährungsbedingungen. Die Ursachen sind entweder eine ungenügende Kalzium- oder Vitamin-D3-Versorgung, ein falsches Ca:P-Verhältnis in der Ernährung, der Mangel oder das völlige Fehlen von natürlichem Sonnenlichts (UV-Strahlung, vor allem des UVB- Bereichs von 290-320nm) (Göbel, 2009). UV-B-Licht ist für den Knochen- und Panzeraufbau bei Echsen wie auch bei Schildkröten unerlässlich. Das UV-Licht wird von spezialisierten Hautzellen aufgenommen, die aus den inaktiven Vorstufen von Vitamin D3, aktives Vitamin D3 (Calcitriol) bilden, welches notwendig ist, damit aus dem Darm Calcium resorbiert werden kann (Schneller & Pantchev, 2011). Calcium ist unverzichtbar für viele Funktionen im zellulären Stoffwechsel. Bei Fehlen von UV-B- Licht, Vitamin D oder Calcium ist der Ca-Stoffwechsel nicht gewährleistet, es kommt zu einer Hypocalcämie und damit zu einer mangelhaften Kalzifizierung des Knochen und es kann zu der klinischen Ausprägung der MBD kommen. Ein Vitamin D-Mangel wird bei Jungtieren Rachitis bei adulten Tieren Osteomalazie genannt.

Häufige Symptome sind verzögertes Wachstum, Bewegungsunlust, Lahmheiten, gummiartig verbiegbare Gliedmaßen oder Kiefer, eine Deformierung der Wirbelsäule sowie bei Schildkröten ein weicher, eindrückbarer Panzer oder verformter oder konvex verformter Carapax (budding), fehlende Aktivität, Apathie und Inappetenz.

Häufig sind die Symptome nicht therapierbar oder nur in Grenzen durch korrekte Haltung (Außenhaltung während der Sommermonaten) und adäquate Ernährung zu Verbesserung.

3.1.2. Gicht:

Diese Krankheit tritt vor allem bei in menschlicher Obhut gehaltenen Reptilien auf, kann jedoch auch bei freilebenden Reptilien auftreten. Auch bei prähistorischen Reptilien wie dem Tyrannosaurus rex soll Gicht vorgekommen sein. Häufige Patienten sind Europäische Landschildkröten (Kölle, 2000).

Eine Gicht kann primär durch Enzymdefekte oder sekundär durch vermehrtes Auftreten von Nukleinsäuren auftreten („Kim Oliver Heckers - hundkatzepferd“, o. J.). Bisher konnten beim Reptil keine gesicherten Nachweise einer primären Gicht erfolgen. Bei einer Gicht kommt es zu vermehrter Ablagerung von Harnsäure und harnsauren Salzen in Organen. Harnsäure ist das Endprodukt des Purinstoffwechsels und kann auf zwei Wegen entstehen. Der De-Novo-Weg bildet aus Nicht-Purinen in der Leber Purine. Der Salvage-Weg bildet Purinbasen aus endogenen sowie exogenen Nukleinsäuren. Danach wird die Purinbase Adenin über Hypoxanthin durch die Xanthin-Oxidase zu Xanthin und Guanin verstoffwechselt. Xanthin wird dann weiter durch die Xanthin-Oxidase zu Harnsäure abgebaut (Dantzler, o. J.). Vor allem bei aride lebenden Reptilien ist das Endprodukt Harnsäure und weniger der bei Säugetieren vorkommende Harnstoff (Schmidt-Nielsen, B ). Eine vermehrte Produktion von Harnsäure kann als Ursache oftmals proteinreiches Futter (z.B. Katzenfutter), Dehydratation, jedoch auch nephrootoxische Medikamente, Haltung unter dem Temperaturoptimum sowie andere Nierenerkrankungen sein. Es wird nach Ablagerungsort der Harnsäure zwischen der viszeralen und der Gelenkgicht unterschieden.

Eine Therapie kann durch Allopurinolgaben (Xanthin-Oxidase-Hemmer) mit der Dosierung 15-50mg/kg versucht werden, jedoch ist vor allem eine artgerechte Haltung und Fütterung und somit eine vermehrte Proteinzufuhr zu verhindern anzustreben.

3.1.3. Hypervitaminose A:

Bei Landschildkröten tritt häufiger eine Hypervitaminose A auf. Ursachen sind Fütterungsfehler sowie iatrogene Ursachen durch Vitamin-A-Gaben per Injektionen. Häufige Gründe für eine Falschfütterung ist eine falsche Anwendung von Vitaminsupplementierungen, die in öligen und wässrigen Lösungen erhältlich sind. Hier kommt es zu Überdosierungen gerade durch wässrige Lösungen, die besser im Darm der Schildkröten resorbiert werden. Auf eine Überdosierung von Vitamin A reagieren Landschildkröten sehr empfindlich und sind dafür anfälliger als andere Spezies. Es wird angenommen, dass Landschildkröten eine geringere Bindungskapazität für Vitamin A in der Leber haben und so schneller eine Intoxikation entsteht.

Aus der Anamnese ist eine Überdosierung zu entnehmen. Die gutgemeinten „Vitaminspritzen“ oder „Aufbauspritzen“ bei einem nicht reptilienkundigen Tierarzt oder das übereifrige Supplementieren mit vielen verschiedenen Vitaminpräparaten sind ein deutlicher Hinweis. Eine Übersteigerte Gabe von Vitamin A führt als Konsequenz zu Epitheldegenerationen wie Akanthose, Parakeratose und führt zu Proliferation vom Stratum germinativum.

Mögliche klinische Symptome sind hochgradige Dermatitiden, die vor allem im Bereich des Halses und Gliedmaßen auftritt. Die Haut kann sich dabei einschließlich der tiefsten Schichten von Körper lösen. Es handelt sich hierbei teilweise um einen vollständigen Verlust des Epithels, was zu großflächigen offenen und schmerzhaften Wunden führt. Außerdem sind systemisch Inappetenz und Apathie zu sehen. Zuerst löst sich die Haut trocken ab, danach folgt meist eine Blasenbildung und eine Freilegung des darunterliegenden Gewebes in Form von grauen, rötlichen Arealen. Das ungeschützte Gewebe ist anfällig für sekundären Infektionen. Die beschrieben Symptomatik tritt oftmals ca. 10-14 Tage nach Überdosierung auf.

Die Therapie ist aufwendig und sehr langwierig und entspricht der einer Brandwunde. Lokal muss das Gewebe vor Infektion geschützt werden und bestehende Infektionen behandelt werden. Der Kreislauf des Tieres muss unterstützt werden um das Allgemeinbefinden zu verbessern, Analgetika sind häufig ratsam (Kölle, 2013, S. 133).

3.1.4. Jodmangel:

Landschildkröten können an einem Jodmangel leiden, wenn in der Ernährung Futterpflanzen aus Jodmangelgebieten verfüttert werden. In Regionen in Süddeutschland können die Futterpflanzen, wie Kräuter oder Gemüse, wenn sie in den eigenen Gärten gewonnen werden, einen geringeren Jodgehalt aufweisen und so langfristig bei den Tieren einen Jodmangel verursachen. Eine weitere Ursache kann die Aufnahme von strumigenen Futterpflanzen sein. Strumigene Wirkstoffe können in Kohlsorten vorhanden sein und können auf hauptsächlich 3 Wegen in den Stoffwechsel einwirken. Abgesehen von der Hemmung der Schilddrüsenhormonsynthese, führen vor allem die Hemmung der Jodaufnahme und die Hemmung der Bildung von organischen Jodverbindungen dann auch sekundär zu einem Jodmangel. Die Hemmung der Jodaufnahme erfolgt durch Thiocyanate, die bei der Verstoffwechslung von Senfölglycosiden entstehen können. Hierbei verhindern die Thiocyanate mittels kompetitive Hemmung reversibel die Iodination, also die Aufnahme von Jod in die Schilddrüse. Durch erhöhte Jodgabe kann dieser Effekt gemindert werden. Die Hemmung der Bildung von organischen Jodverbindungen beruht auf der Hemmung der Thyreoperoxidase und verhindert so die Katalysierung vom Stoffwechsel der Jodspeicherung während der Iodisation der Thyreoglobulinen.

Die Tiere können klinisch verringerte Aktivität und auch eine vergrößerte Schilddrüse (Struma) zeigen. Therapeutisch ist eine Zufuhr von Jod von 0,3mg/kg zu empfehlen. Dies kann durch Zugabe von Kaliumjodid in Badewasser oder oral erfolgen. Auch kann Seealgenmehl in geringer Dosierung zugegeben werden (Kölle, 2013, S. 139).

Nordamerikanische Buchstaben-Schmuckschildkröten:

3.1.5. Hypovitaminose A:

Eine Unterversorgung mit Vitamin A (hierzu zählen mehrere chemische Verbindungen der Retinoide, die aus der Nahrung aufgenommen oder aus Retinoiden synthetisiert werden) ist ein häufiges haltungsbedingtes Problem, welches durch eine Fehlernährung, häufig durch einen einseitigen Ernährungsplan entsteht. Oftmals werden Wasserschildkröten nur carnivor ernährt. Daher kommt es durch mangelnder pflanzlicher Nahrung zu einem Mangel an Retinoiden.

Es kommt im Zuge dieser Hypovitaminose zu einem systemischen Krankheitsbild mit einer starken Ausprägung durch eine Otitis media sowie durch Lidödemen. Die Therapie besteht kausal in einer artgerechten omnivoren Ernährung (Wildkräuter, Wasserlinsen) sowie lokalen sowie systemischen Vitamin A- Gaben. Außerdem müssen lokal oftmals die eitrigen Massen an den Augenlidern unter Lokalanästhesie entfernt werden (Pees, 2015).

3.1.6. Hypovitaminose-E:

Ein Mangel an Vitamin-E tritt überwiegend bei Wasser- und Sumpfschildkröten auf. Hier führt eine übermäßige und einseitige Ernährung mit fettem Fisch und zu geringer Gabe von pflanzlichen Futter zu schwerwiegenden Erkrankungsbildern wie Herzmuskeldystrophie, in leichteren Fällen zu Steatitis. Auch bei Leguanen, Waranen und Krokodilen sind Vitamin-E-Mangel durch Fütterungsfehler beschrieben (Paterson, 2008, S. 113).

Vitamin E ist ein Überbegriff einer chemischen Gruppe von Tocopherolen, Tocomonoenolen und Tocotrieenolen. Diese haben einen hydroxylierten Chromanring als Grundgerüst. Chemische Eigenschaften sind die antioxidantischen und so membranenstabilisierenden Wirkungen. Hauptfunktionen im Körper hat Vitamin E als Radikalfänger, ist an der Steuerung von den Keimdrüsen beteiligt und kann cholesterolsenkende Eigenschaften besitzen. Es wird nur von photosynthetisch aktiven Organismen produziert, wie Pflanzen und Cyanobakterien.

Klinische Symptome eines Vitamin-E-Mangels sind perakute Todesfälle, kardial bedingte Ödeme auf Grund der Herzmuskeldystrophie sowie Knoten im Fettgewebe der Tiere.

Die Therapie besteht aus parenteralen Vitamin-E-Präparaten auch oftmals sinnvoll in Kombination mit Selen. Eine Fütterungsoptimierung ist unumgänglich, hier sollte auf abgelagerten, älteren gefrorenen Fisch verzichtet werden und hochwertige pflanzliche Öle sowie ausreichend pflanzliche Nahrung angeboten werden.

3.1.7. SCUD (Septicaemic cutaneous ulcerative disease):

SCUD ist eine sehr häufig auftretende haltungsbedingte Erkrankung bei aquatilen Arten bei der ulzerative, nekrotische Veränderungen des Panzers und der Haut symptomatisch sind. Auch eine ernährungsbedingte Beteiligung ist in Diskussion. Hierbei handelt es sich um eine Mischinfektion bei der häufig die Erreger Beneckia chitinovora sowie gramnegative Citrobacter und Serratia sp. nachgewiesen werden (Hoppmann & Barron, 2007).

Ursächlich sind oft falsche Wassertemperaturen, schlechte Wasserqualität (zu hohe Nitrat/Nitritwerte) sowie eine übermäßige Ernährung mit Krabben möglich. Therapeutisch sind die Haltungbedingungen vor allem die Wasserparameter des Aquaterrariums zu verbessern sowie auf eine ausgewogene, vielfältige Ernährung zu achten. Lokal ist meist unter Allgemeinanästhesie die nekrotischen Bereiche des Panzers oder der Haut zu entfernen. Außerdem ist oftmals eine systemische und lokale Antibiose sowie Analgesie angezeigt.

3.1.8. Pneumonie:

Eine Pneumonie ein eine häufige Erkrankung meist infektiöser Ursache, die jedoch im Ausgang durch eine schlechte Haltung begründet ist und somit eine sekundäre Folge ist. Häufige Symptome ist eine abnormale Schwimmhaltung, die durch eine nicht symmetrische Belüftung der Lungen erzeugt wird. Diese Symptomatik kann jedoch auch bei Tympanien des Magen-Darm-Trakt vorliegen und macht eine sorgfältige Diagnostik mittels Bildgebung unumgänglich. Eine Pneumonie bakterieller Herkunft ist nach Antibiogramm und folgendem Antibiotikum zu therapieren. Es ist aber vor allem zu hinterfragen welche Haltungsparameter und Ernährungsparameter zu verbessern sind. Auf Grund von falscher Haltung haben die Tiere oftmals keine optimale Temperaturen für ihren Stoffwechsel oder erfahren dadurch einen chronischen Stress. Chronisches Stressgeschehen führt langfristig zu einer Immunsuppression, also zu einer Herabsetzung der Aktivität und Effektivität des Immunsystems. Als Folge können auch fakultative Infektionserreger eine klinische Symptomatik verursachen wie eine bakterielle Pneumonie. Die Anamnese der Haltungsbedingungen ist also die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Therapie und auch der Verhinderung von Rezidiven. Oftmals zeigen sich Fehler in der Art der Überwinterung, in der Temperierung des Aquaterrariums oder es zeigt sich ein starker Parasitenbefalls. Reptilien in menschlicher Obhut zeigen, bedingt durch den erhöhten Infektionsdruck in den räumlich begrenzten Terrarien, häufig Parasitosen, die oftmals starke negative Folgen haben können. Daher sind wiederum folgende Sekundärinfektion bakterieller Herkunft keine Seltenheit. Weitere Haltungsfehler sind fehlende Möglichkeiten des Abtrocknens der Tiere. In freier Wildbahn werden Sumpfschildkröten regelmäßig beim Sonnenbaden beobachtet, dies hat große Relevanz bei der Thermoregulierung und ist somit für den ganzen Metabolismus nötig. Außerdem ist es für die Panzergesundheit nötig eine tägliches Abtrocknen zu gewährleisten, um mikrobielle Übersiedelung zu verhindern. Sonnenplätze sind leicht in Terrarien zu installieren, werden jedoch häufig vergessen, da irrtümlich vom Besitzer angenommen wird, die Tiere bräuchten nur einen Lebensraum unter Wasser.

Auch ist eine artgerechte Ernährung grundlegend wichtig für die Gesundheit und somit für das Immunsystem. Eine ausgewogene Ernährung, also ein breites Spektrum ist für omnivore Spezies sehr wichtig. Es sollte also eine breite Palette von tierischer sowie pflanzlicher Nahrung bereitgestellt werden.

3.2 Sauria (Echsen)

Bartagame:

3.2.1 Metabolic bone disease bei Echsen:

Viele Patienten des Spezies Pogona vitticeps sowie P. henrylawsoni werden mit MBD vorgestellt. Die pathologischen Vorgänge sind mit denen der Landschildkröten vergleichbar, doch ist Ursache der falschen Haltung zu unterscheiden. Während Landschildkröten in den wärmeren Monaten im Freigehege zu halten sind, werden Bartagamen ganzjährig im Terrarium gehalten. Hier besteht also von vornherein keine Möglichkeit dem Tier natürliches UV-Licht zuzuführen. Daher muss auf artgerechte Lichtquellen geachtet werden mit denen der Bedarf an Wärme, Helligkeit und UV-Licht gedeckt wird.

Ernährung, UV-Licht-Mangel. Nur durch eine artgerechte UV-B-Bestrahlung kann für eine ausreichende Vitamin D3- Synthese gesorgt werden. UV-B-Strahlen nehmen im elektromagnetischen Spektrum den Wellenlängenbereich von 280 bis 320nm ein. Die Synthese des biologisch aktiven 1,25(OH)2-Cholecalciferols (Calcitriol) findet bei Reptilien, ähnlich wie auch bei den Säugetieren, in mehreren Syntheseschritten statt (Carman, Ferguson, Gehrmann, Chen, & Holick, 2000). Trifft Strahlung mit einer Wellenlänge von 290-315nm auf die Haut, so wird die Umwandlung fotochemisch und temperaturabhängig von 7-Dehydrocholesterol (Provitamin D3) zu Präcalciferol (Prävitamin D3) induziert („Spectral irradiance of fluorescent lamps and their efficacy for promoting vitamin D synthesis in herbivorous reptiles.“, o. J.).

Die Vitamin-D3-Synthese hat ihr Maximum bei etwa 297nm.

Das ultraviolette Licht wird in drei Bandbreiten unterteilt, das UV-A (320-400nm), UV-B (290-320nm) (Ferguson et al., 2010) und UV-C (100-290nm) (Göbel & Ewringmann, 2005). Das Vorhandensein von UV-Licht führt bei Reptilien zu verbessertem Wohlbefinden, einige Spezies werden vitaler sowie aktiver nach UV-Exposition (Adkins, Gyimesi, 2003). Strahlende Farben des Schuppenkleids, Appetit und Reproduktionsverhalten nehmen bei vielen Reptilien durch die UV-Exposition zu, die Tiere machen generell einen gesünderen Eindruck (Köhler, Grießhammer, & Schuster, 2013).

Da Bartagamen oft als Einsteigerspezies der Reptilienhaltung bezeichnet werden, wird oft bei der Anamnese der Haltungsbedingungen beim Tierbesitzer augenscheinlich, dass oftmals einfache handelsübliche Leuchtmittel verwendet werden, die keine ausreichende UV-B-Strahlung bieten. Bei der Wahl des richtigen Leuchtmittels stehen Leuchtstoffröhren, Quecksilber-Dampflampen, LED-Lampen und andere Versionen zu Auswahl. Hierbei sollte eine fachlichen Beratung in Anspruch genommen werden, und darauf geachtet werden Leuchtmittel speziell für Wüstenreptilien zu verwenden. Außerdem muss auf den richtigen Installationsabstand im Terrarium geachtet werden. Eine fensternahe Position und somit Sonnenexposition des Terrariums sollte unterbleiben, da Fensterglas oder Plexiglas das UV-Licht herausfiltert und eine solche Position die Gefahr einer Überhitzung birgt. Zusätzlich zur korrekten Strahlenexposition der Tiere sollte auch auf eine bedarfsdeckende Versorgung mit Calcium sowie von oraler Vitamin D - Supplementierung geachtet werden um so Metabolic bone disease zu vermeiden.

Grüner Leguan:

3.2.2. Haltungsfehler beim Leguan:

Iguana iguana (Grüner Leguan) ist ein häufiger Patient in der alltäglichen tierärztlichen Reptilienpraxis. Die enormen Kosten die bei Unterbringung und Versorgung der Tiere auftreten, werden bei der Anschaffung häufig unterschätzt. Häufige prinzipielle Fehler sind bei der Haltung von Leguanen 1. mangelnde Größe und Strukturierung der Terrarien. 2. fehlerhafte Ernährung. 3. fehlerhafte/ungenügende Leuchtmittel. Die mangelnde Größe und Strukturierung führt schnell zu weiteren Folgeproblemen: Einzelhaltungen führen zu Verhaltensproblemen wie Aggressionen, mangelnder Raum bei Gruppenhaltungen zu Revierkämpfen und Problemen beim Paarungsverhalten. Eine artgerechte Haltung eines Grünen Leguans erfordert große Terrarien, die Klettermöglichkeiten, Ruheplätze in lichtexponierten Höhen bieten. Auf eine ausreichende Strahlungsintensität sowie ausreichendes UV-Licht ist zu achten um MBD vorzubeugen. Der Grüne Leguan ist ein soziales Reptil, daher ist eine Gruppenhaltung im richtigen Geschlechterverhältnis sehr wichtig. Ein breites natürliches Nahrungsspektrum anzubieten ist nicht immer möglich. Doch sollte eine artgerechte Ernährung durch eine herbivore Diät auch bei juvenilen Tieren durchgeführt werden. Dabei ist der Gastrointestinaltrakt auf Fermentation von Zellulose im Dickdarm ausgelegt, die durch Bakterien durchgeführt wird. Der neuro-hormonelle Einfluss auf die Nahrungsverwertung ist bei Leguanen deutlich ausgeprägt, d.h. die Verdaulichkeit der Diät ist maßgebend von der Umgebungstemperatur jedoch auch von der Lichtintensität abhängig. Es zeigt sich das Haltungsbedingungen sowie artgerechte Ernährung Hand in Hand gehen. Häufige Folgeerkrankung einer falschen Ernährung ist die Gicht, da oftmals eine proteinhaltige Diät verfüttert wird.

Leopardgecko:

3.2.3. Bißverletzungen:

Ein häufiger Vorstellungsgrund bei der Haltung von Euplepharis macularius (Leopardgecko) stellen Bissverletzungen, die sich die Tiere gegenseitig zufügen, dar. Hierbei kommt es durch Überpopulation im Terrarium zu Revierkämpfen oder auch Kämpfen um Futter oder die Gunst von Weibchen in der Paarungszeit. Oftmals beißen die physisch stärkeren Männchen die Unterlegenen an Kopfoberseite sowie Schwanzansatz. Sie verbeißen sich in das Körperteil und vollführen eine rotierende Bewegung, ähnlich wie Krokodilartige dies bei der Jagd zeigen. Dabei können die Haut, jedoch auch Muskulatur sowie Fettgewebe des Schwanzes verletzt werden. Die Verletzungen können auch tödlich enden. Je nach Schweregrad der Läsion ist sogar eine chirurgische Behandlung nötig, gerade wenn es sich um tiefe Rissverletzungen am Schwanzansatz handelt. In leichteren Fällen ist eine lokale Wunddesinfektion nötig.

Wichtigste Maßnahmen ist die artgerechte Haltung in der richtigen Gruppenzusammensetzungen. Es wird empfohlen mindestens im Verhältnis 1,2 oder 1,3 (also 1 Männchen mit 2 bzw. 3 Weibchen) zu halten. Auch eine Pärchenhaltung ist nicht angeraten, da in der Fortpflanzungzeit das Weibchen so sehr großen Stress durch das Männchen ausgesetzt werden kann.

3.3 Serpentes (Schlangen)

Boa constrictor und Python regius:

3.3.1. Gicht bei Riesenschlangen:

Die Gicht spielt bei haltungsbedingten und ernährungsbedingten Erkrankungen bei den Riesenschlangen eine große Rolle (Kölle, 2000).

Hauptursachen sind dabei ein chronischer Wassermangel der Tiere sowie ein falsches Temperaturmanagement im Terrarium. Außerdem ist eine einseitige Ernährung eine mögliche Krankheitsursache.

In menschlicher Obhut wird den Tieren oft ein Wassergefäß als Wasserquelle angeboten, was jedoch für viele Spezies nicht der natürlichen Wasseraufnahme entspricht. Tiere in freier Wildbahn regulieren ihren Wasserhaushalt auch durch Aufnahme von Flüssigkeit in Form von Morgentau auf den Blättern oder Gräsern. Wasserstellen wie Flüsse oder Seen werden von vielen Schlangenspezies nicht häufig frequentiert auf Grund von Gefahr von Beutegreifern. Angebotene Wasserstellen sollten jedoch auf jeden Fall den Tieren entsprechend ihres Aktivitätszyklus (Python regius dämmerungs-, sowie nachtaktiv) ohne Stress dem Tier zur Verfügung stehen. Bei ausgesetztem Stress wie Überpopulation des Terrariums oder häufiges Hantieren mit den Tieren kann eine verminderte Wasseraufnahme auftreten, was eine Gicht begünstigen kann.

Ein weiterer wichtiger Punkt sind das richtige Temperaturmanagement des Terrariums. Die häufige Annahme der Besitzer, dass Reptilien es möglichst warm mögen, ist fehlerhaft und sehr unspezifisch. Jede Spezies hat seine Vorzugstemperaturen, die in einem Temperaturgefälle im Terrarium angeboten werden sollten.

Auch die Luftfeuchtigkeit ist von Spezies zu Spezies unterschiedlich.

So kommt es häufig zu einer chronischen Hypo- oder Hyperthermie (Zwart, 1964). Außerdem sollte natürlich eine Tag-Nacht-Absenkung sowie eine Jahreszeiten-Simulation von Temperatur und Feuchtigkeit stattfinden. Eine Hibernation (Winterruhe) ist bei den tropischen Schlangenspezies wie Python regius und Boa constrictor bzw. Boa imperator nicht nötig, jedoch eine Trockenzeit zu simulieren. Der Verdauungsvorgang bei Riesenschlangen ist ein sehr energiezehrender Prozess und kann mehrere Monate Zeit benötigen.

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Details

Titel
Reptilien in der tierärztlichen Praxis. Haltungsbedingte Krankheiten sowie Aspekte von Public Health bezogen auf Zoonosen in der Reptilienhaltung
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
27
Katalognummer
V370858
ISBN (eBook)
9783668486737
ISBN (Buch)
9783668486744
Dateigröße
720 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
reptilien, praxis, haltungsbedingte, krankheiten, aspekte, public, health, zoonosen, reptilienhaltung
Arbeit zitieren
Nicolai Sternberg (Autor), 2017, Reptilien in der tierärztlichen Praxis. Haltungsbedingte Krankheiten sowie Aspekte von Public Health bezogen auf Zoonosen in der Reptilienhaltung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/370858

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