Der Austausch zwischen dem Religionshistoriker Gershom Scholem und der politischen Denkerin Hannah Arendt ist in ihrem Briefwechsel aus dem Jahr 1963 dokumentiert. Über vier Briefe tauschen sich die Adressaten offen und freundlich miteinander aus, wobei man nur schwer von einem wahren Dialog sprechen kann. Im Zentrum steht dabei Arendts kurz zuvor erschienenes Buch "Eichmann in Jerusalem: A Report on the Banality of Evil" und der Eichmann-Prozess selbst.
Die voliegende Hausarbeit fasst zunächst die einzelnen Kritikpunkte und Repliken zusammen. Dabei wird die Thematik des Zeitpunkts des Arendt’schen Urteils bzw. Berichts näher untersucht. Als Ausgangspunkt hierfür dient Scholems These, diese Generation dürfe noch nicht über die Handlungen im Holocaust urteilen. Ziel ist es herauszuarbeiten, warum Arendt die Handlung des Urteilens ins Zentrum stellt. Ihr eigenes Urteil bringt sie — entgegen eigener Behauptung es handle sich lediglich um einen Prozessbericht — in Eichmann in Jerusalem klar zum Ausdruck.
Inhaltsverzeichnis
1 Die Kritikpunkte
1.1 Kritik an der Person Arendts
1.2 Kritik an der Haltung Arendts
1.3 Kritik am Inhalt und am Zeitpunkt des Arendt’schen Urteils
2 Das Urteilen: Arendts Verständnis politischer Freiheit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den dokumentierten Briefwechsel zwischen Gershom Scholem und Hannah Arendt aus dem Jahr 1963, um die Kontroverse um Arendts Werk Eichmann in Jerusalem aufzuarbeiten. Dabei liegt der Fokus auf der Analyse der Kritikpunkte Scholems – insbesondere hinsichtlich des Zeitpunkts und Inhalts von Arendts Urteil – sowie der Herausarbeitung von Arendts Verständnis des Urteilens als politischer Handlung und ihrer damit verbundenen Ausübung politischer Freiheit.
- Analyse der Kritikpunkte Scholems an Hannah Arendt (Person, Haltung, Inhalt).
- Untersuchung der zeitlichen und inhaltlichen Dimensionen des Arendt’schen Urteils.
- Darstellung von Hannah Arendts Verständnis des Urteilens als politische Handlung.
- Diskussion der Bedeutung von Öffentlichkeit und Meinungsaustausch für politische Freiheit.
- Reflexion über die Rolle der Ironie und der persönlichen Haltung in Arendts Werk.
Auszug aus dem Buch
1.1 Kritik an der Person Arendts
Scholem beginnt seine Kritik mit der emotionalen Feststellung, Arendts Buch habe ein „[...] Gefuehl der Bitterkeit und Scham [...]“ in ihm hervorgerufen, das sich „[...] nicht ueber das Referierte, sondern ueber die Referentin [...]“ erstreckt. Dieses Gefuhl wird, so Scholem, durch Arendts Ton und durch ihre fehlende Liebe zu den Juden bei ihm hervorgerufen. Ihr Ton sei herzlos und hämisch und damit sei Eichmann in Jerusalem der Thematik ganz unangemessen, im Stil der Leichtherzigkeit geschrieben und frei von Herzenstakt. Dieser fehlende Takt des Herzens, so vermutet Scholem, sei vorallem auf Arendts fehlende Liebe zu den Juden, „[...] was die Juden Ahabath Israel nennen [...]“ (Hervorh. im Original), zurückzuführen.
Arendt geht sowohl auf die Kritik ihres Stils, als auch auf ihre angeblich fehlende Liebe zu den Juden ein. Den ersten Punkt begründet Arendt in ihrem Brief vom 20.07.1963 damit, Ironie genutzt und diese auch deutlich gemacht zu haben. In der englischen Originalausgabe ihres Buches führen insbesondere drei Textstellen zur Kritik: erstens, ihre Bezeichnung von Leo Baeck als >Jewish Fuhrer<, ihre Darstellung des Armbindenverkaufs durch jüdische Funktionäre unter Berufung auf die Darstellung Raoul Hilbergs und ihre Bezeichnung Eichmanns als Zionist.
In ihrer oben genannten Replik geht Arendt lediglich auf die Textstelle über Eichmann ein, die folgendermaßen lautet: „Von nun an war er für immer Zionist. Seit damals, das wiederholte er immer wieder, habe er kaum etwas anderes im Kopf gehabt als die >politische Lösung< der Judenfrage.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Die Kritikpunkte: Dieses Kapitel systematisiert Gershom Scholems Kritik an Hannah Arendts Buch in die Teilbereiche ihrer Person, ihrer Haltung sowie der inhaltlichen und zeitlichen Aspekte ihrer Darstellung.
1.1 Kritik an der Person Arendts: Hier wird der Austausch über Scholems Vorwurf einer fehlenden emotionalen Bindung Arendts zum jüdischen Volk sowie die Auseinandersetzung über ihren ironischen Schreibstil thematisiert.
1.2 Kritik an der Haltung Arendts: Dieses Kapitel behandelt Scholems Vorwurf einer unausgewogenen Darstellung des Verhaltens von Juden während des Holocaust sowie Arendts vermeintliche Ressentiments gegenüber dem Zionismus.
1.3 Kritik am Inhalt und am Zeitpunkt des Arendt’schen Urteils: Es wird die fundamentale Uneinigkeit bezüglich der Berechtigung eines historischen Urteils über das jüdische Verhalten während der Katastrophe sowie die Frage der Verantwortung Eichmanns beleuchtet.
2 Das Urteilen: Arendts Verständnis politischer Freiheit: Dieses Kapitel analysiert, wie Arendt das Urteilen als eine politische Handlung im öffentlichen Raum konzipiert, die wesentlich zur Entstehung von Reflexion und politischer Freiheit beiträgt.
Schlüsselwörter
Hannah Arendt, Gershom Scholem, Eichmann-Kontroverse, Eichmann in Jerusalem, Banalität des Bösen, Urteilen, politische Freiheit, Holocaust, Zionismus, Ahabath Israel, öffentlicher Raum, Handeln, Reflexion, Verantwortung, Totalitarismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Briefwechsel zwischen dem Religionshistoriker Gershom Scholem und der politischen Denkerin Hannah Arendt aus dem Jahr 1963, der als Reaktion auf Arendts Buch Eichmann in Jerusalem entstand.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Kritik Scholems an Arendts Person und ihrem Werk, der Streit über die Angemessenheit historischer und moralischer Urteile über den Holocaust sowie Arendts philosophische Begründung des Urteilens.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel der Arbeit ist es, die Kritikpunkte Scholems strukturiert zusammenzufassen und herauszuarbeiten, warum Hannah Arendt die Handlung des Urteilens ins Zentrum stellt und welche politische Dimension sie dieser zuschreibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer textanalytischen Aufarbeitung des publizierten Briefwechsels zwischen Arendt und Scholem sowie einer Interpretation zentraler Passagen aus Eichmann in Jerusalem und Arendts politischen Schriften.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der Kritik Scholems – unterteilt in Person, Haltung sowie Inhalt und Zeitpunkt des Urteils – und eine anschließende Untersuchung von Arendts Verständnis des Urteilens als Akt politischer Freiheit.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie politische Freiheit, Urteilen, Banalität des Bösen, öffentlicher Raum und die Auseinandersetzung mit der unbewältigten Vergangenheit.
Wie begründet Scholem seine Kritik am Zeitpunkt von Arendts Urteil?
Scholem ist der Ansicht, dass es der Generation an der notwendigen Distanz fehlt, um ein historisches Urteil über das jüdische Verhalten während der Katastrophe zu fällen, weshalb ihm Arendts Zeitpunkt verfrüht erscheint.
Was versteht Arendt unter der politischen Dimension des Urteilens?
Für Arendt wird ein moralisches Urteil erst dann politisch, wenn es öffentlich vollzogen wird. Durch die Öffentlichkeit entsteht eine Sphäre für den Meinungsaustausch, die erst Pluralismus und damit politische Freiheit ermöglicht.
Warum betont Arendt die "non-participation" in ihrem Urteil?
Arendt urteilt, dass auch während der "Endlösung" Raum für freien Entschluss und Handeln – also zur Nicht-Teilnahme – bestand, wobei sie diesen Maßstab auf einzelne Personen und nicht auf ein Kollektiv anwendet.
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- Carolin Kuntz (Autor), 2017, Die Eichmann-Kontroverse. Ein Austausch zwischen Gershom Scholem und Hannah Arendt, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/370918