"Sakrales Königtum" bzw. "sakrales Kaisertum" ? Das Römisch-deutsche Reich im Hochmittelalter


Essay, 2012

7 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Um einschätzen zu können, inwiefern man in Bezug auf das römisch-deutsche Reich in hochmittelalterlicher Zeit von einem sakralen König- bzw. Kaisertum ausgehen kann, empfiehlt es sich selbstredend, den Begriff der Sakralherrschaft, der nicht nur vielfältig aufgefasst werden kann, sondern der auch in der wissenschaftlichen Forschung mittlerweile inflationär benutzt zu werden scheint und deswegen auf immer mehr Bezüge anwendbar wird, einzugrenzen. An dieser Stelle soll deswegen davon ausgegangen werden, dass Sakralherrschaft bzw. sakrales Königtum drei Merkmale aufweist: 1. die Phantasie des Auserwähltseins des Königs von Gott selbst bzw. die Gabe der Herrschaft an den König durch Gott, 2. die Vorstellung, der König sei Stellvertreter Gottes (oder Christi) auf Erden und 3. die priesterähnliche Verantwortung des Herrschers für seine „Gemeinde“ bzw. auch für den ordnungsgemäßen Ablauf bestimmter Rituale, die den Zusammenhalt und die Existenz des Kosmos weiterhin sichern sollen. Diese drei Merkmale legitimier(t)en die Herrschaft ergo sakral, wobei in der Erlebniswelt des Mittelalters wohl nicht von purer Berechnung hinsichtlich der Macht, sondern von tatsächlich geglaubten Realitäten diesbezüglich ausgegangen werden kann. Das Sakrale ist hier in Bezug auf die Herrschaft im Weltbild des Herrschers wie auch der Untertanen also nicht als einzig Jenseitiges zu definieren, sondern als etwas Göttliches, das im Weltlichen wie im weltlichen Wirken (des Königs, des Kaisers) seinen Ausdruck findet. Eine Beschränkung der Sakralherrschaft auf einzelne Kulturkreise scheint dabei nicht zu existieren. Die Vorstellung eines Sakralkönigtums existiert und existierte zu allen Zeiten und allen Orten, in mehrererlei Kulturen unabhängig voneinander, darf allerdings mit dem Gottkönigtum nicht verwechselt werden, wobei beide Herrschaftsformen, Sakral- wie Gottkönigtum, als „abgeschwächte“ bzw. besondere Erscheinungsformen des „sakralen Königtums“ nach James George Frazer verstanden werden können (wobei dessen Thesen hierzu wiederum umstritten sind).

In Bezug auf das 10. Jahrhundert und eingegrenzt auf das Römisch-deutsche Reich lässt sich sagen, dass die Vorstellungen eines Sakralkönigtums aus der karolingischen Herrschaft quasi „hinübergerettet“ worden und in vielerlei Hinsicht intensiviert und vielfältig ausgestaltet, allerdings nicht mehr theoretisch begründet, erörtert und diskutiert worden sind. Verschriftlichte Diskurse finden sich kaum noch bzw. gar nicht mehr. Diese Intensivierung hat sich niedergeschlagen in Wort (meint hier: Liturgie, nicht: Diskurse!) und Bild. So ist die Salbung des Königs mit der Krönung Ottos des Großen (936) Usus und Tradition geworden; auch findet sich zu diesen Zeiten die Vorstellung des Königs als „Nächstem nach Christi“ (alter post Christum). In Berichten von späteren Kaiserkrönungen und Königsweihen der Salier Anfang des 11. Jahrhunderts wird von der „Stellvertreterschaft Gottes“ (bzw. Christi) gesprochen, die Auserwähltheit des Königs betont und Kaisertum wie Königtum als heilig beschrieben. Einher ging damit die Vorstellung von einem König, der Recht und christliche Gnade unter dem Gedanken des Friedens zu vereinigen habe nach dem Vorbild des römischen Rechts, wobei der Kaiser als ein gebildeter Mensch das christliche Recht (also nicht nur das justitielle Recht, sondern auch die religiös-christlich-spirituelle (Moral-)Vorstellung) zu realisieren habe. Hier wird klar, dass der König als priesterähnliche Figur geglaubt wird, denn er soll dafür sorgen, dass die Menschen, die unter seiner Herrschaft stehen, das Gebot Gottes kennen, ihm folgen und es verwirklichen – somit trägt er eine direkte Verantwortung auch für das Seelenheil seiner Untertanen. Die Vorstellung des Sakralkönigtums verwirklichte sich im 10. und 11. Jahrhundert auch bzw. vor allem in speziellen Ereignissen, die nach liturgieähnlichen Abläufen realisiert wurden, wie gottesdienstähnlichen Siegesfeiern, aber auch in Herrscherweihen, die in ihrem Ablauf und in ihren Handlungen, mit Salbung und Krönung und unter Gebeten und geistlichen Gesängen hinweisen auf die drei oben beschriebenen Merkmale des Sakralkönigtums. Auch die (Kaiser-)Krone an sich (entstanden frühestens 960, spätestens 1152), deren Bedeutung sich im 10. Jahrhundert erheblich steigerte, weist durch vielerlei Zeichen hin auf ein Begreifen der Herrschaft als etwas sakrales; ein jedes Stück, ein jeder Hinweis an ihr lässt sich symbol-theologisch ausdeuten (die achteckige Grundform, die Anzahl der Steine, die Inschrift, die bildlichen Darstellungen etc.). In ihrer Gesamtheit ist sie ein Symbol des himmlischen Jerusalems und damit Zeichen des Glaubens einer verschmolzenen Priester-Königsherrschaft, die weltliche und geistliche Herrschaft verbindet. Beides, Krone wie Krönung, aber auch das Einberufen und Leiten von Synoden durch den Kaiser, also auch die Kirchenhoheit der Ottonen und der frühen Salier, sind intensiviertes und verdichtetes Erbe der Karolingerzeit. Auch der Auftritt des Herrschers (auf Feiern, Hochzeiten, anderen ritualisierten öffentlichen Akten) überhaupt muss durchsetzt gewesen sein mit Zeichen, Symbolen und Handlungen, die auf eine sakral geglaubte Herrschaft hingewiesen haben. In der Darstellung des Königs bzw. Kaisers als Typus lassen sich ebenso Zeichen für diese Vorstellung finden. So sind die karolingischen Eigenarten im Siegel (Chrismon, Anrufung Gottes, Hinweis auf Gottesgnadentum der Herrscher usw.) natürlich von den frühottonischen Herrschern übernommen worden, neue Zeichen sind hinzugekommen, z.B. das Zeigen des Königs / Kaisers nicht mehr im Profil, sondern frontal (dato Eigenart bildlicher Heiligen- bzw. Christusdarstellungen!) bzw. als Ganzdarstellung (als Verweis auf den thronenden Christus), womit der Herrscher deutlich in die Nähe der Christusfigur gerückt (mit Insignien Krone und Stab und weiteren christlich-religiösen Attributen) bzw. als Stellvertreter Christi auf Erden etabliert wurde. Auch die Buchbilder (Miniaturen) wie auch andere Darstellungen (auf Bleimedaillons, Elfenbeintafeln u.a.) weisen jetzt in der Absicht der Darstellung deutlicher auf eine Nähe des Herrschers zu Gott hin, u.a. in der intensivierten Darstellung des Königs als unter Gottes (besonderem) Schutz und Segen stehend (Darstellung einer Berührung des Königskopfes durch Gottes Hand oder des Aufsetzens der Krone auf den Königskopf durch Christus, Ähnlichkeit der Herrscherkleidung mit Priestergewändern bzw. -schärpe etc.). Die Königs- bzw. Kaiserherrschaft wird hier noch weitaus stärker als in karolingischer Zeit in einer göttlichen Sphäre verankert geglaubt. Die bildliche Darstellung des Königs- / Kaisertums hat dabei in der Mitte des 11. Jahrhunderts eine zusätzliche Wandlung durch das Beifügen dynastischer Elemente erhalten.

Ende des 11. Jahrhunderts erlitt die geglaubte Herrschersakralität nach ihrer Hochzeit jedoch mit dem „Gang nach Canossa“ durch Heinrich IV. 1077 einen Einbruch. Dieser war mit der Begründung der Sündhaftigkeit vom Papst Gregor VII. abgesetzt worden und hatte sich diesem, wie die Form es vorschrieb, nach Verhängung des Kirchenbanns im Büßergewand unter- bzw. vor die Füße geworfen und damit symbolisch die Unterwerfung der weltlichen Herrschaft unter die aufsteigende und in ihrer Macht und ihrem Selbstbewusstsein als alleinige geistlich-religiöse Führungskraft sich mehrende geistliche Herrschaft in Gestalt des Papstes und seines geistlichen Primats dargestellt. Die Idee der Sakralherrschaft hat sich hernach freilich gewandelt bzw. vermindert; das Reich musste nach dieser Unterwerfung zwangsläufig als „entheiligt“ geglaubt werden. Die sakrale Würde des Salierkönigs hat sich dadurch – anders als durch andere Herrscherbußen zuvor, denn an der Spitze einer verchristlichten Gemeinschaft konnte jetzt schlechthin kein aus der Christengemeinde ausgestoßener Herrscher mehr stehen! – als deutlich beschädigt erwiesen, mithin ist der schwelende Konflikt zwischen Regnum und Sacerdotium als der beiden höchsten Gewalten um die Richtbarkeit des einen durch den anderen in einer Herrschafts- und Legitimationskrise zu Lasten des Saliers eskaliert. Dennoch wurde die Vorstellung der Herrschersakralität natürlich weiter gepflegt und zu festigen versucht. Die Idee der allgemeinverbindlichen traditionellen Herrschaft verblasste zwar zusehends, während der Glaube an die Einzigartigkeit päpstlich-priesterlicher Dominanz sich durchsetzte und ausbreitete. Als Wendepunkt in diesem Wandel, der zur Legitimation des Könige nun immer mehr säkuläre Gründe und Argumente einforderte, kann, wie gesagt, der „Gang nach Canossa“ bezeichnet werden. Im spätsalischen König- und Kaisertum nach Canossa ist das theokratische Königtum in eine deutliche Krise geraten, wenn es mithin teilweise auch noch fortbestanden hat.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Vorstellung der Herrschersakralität, die ihre Kontinuitäten schon weit vor der Karolingerzeit hatte, in ottonisch-salischer Zeit übernommen, aber in seiner Realisierung wie auch im Glauben intensiviert, ausgestaltet und verdichtet worden ist, ohne weiter theoretisch-verschriftlicht diskutiertes Konstrukt zu sein. Die Geistlichkeit hat die sakrale Königsherrschaft maßgeblich durch Gedanken und Taten mitgestaltet und gestützt; im Römisch-deutschen Reich des 10. und 11. Jahrhunderts erlangte sie in ihrer christlich-symbolisch-abergläubisch-archaischen Ausgestaltung ihren Höhepunkt. Wenngleich die Herrschersakralität ihre Existenz – freilich auf niedrigerer Ebene - weiterhin sichern konnte, hat ihr Bild durch den Gang nach Canosa dennoch einen Riss erlitten. In späteren Zeiten ist das Gottesgnadentum der Könige anders interpretiert, dargestellt und ausgestaltet worden. Spätestens nach dem Investiturstreit ist dem König- bzw. Kaisertum die Priesterähnlichkeit entfallen und damit eines der Merkmale für das Sakralkönig- bzw- Sakralkaisertum.

Literatur

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Dinzelbacher, Peter, Europa im Hochmittelalter 1050 – 1250, Darmstadt 2003

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Erkens, Franz-Reiner, Konvergenz und Divergenz politischer und religiöser Herrschaft, in: Fried, Johannes und Hehl, Ernst-Dieter (Hg.), WBG Weltgeschichte. Eine globale Geschichte von den Anfängen bis ins 21. Jahrhundert, Band III: Weltdeutungen und Weltreligionen 600 – 1500, S. 279 – 305

Fillitz, Herrmann, Die Insignien und Kleinodien des Heiligen Römischen Reiches, Wien / München 1954

Goez, Elke, Papsttum und Kaisertum im Mittelalter, Darmstadt 2009

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Le Goff, Jacques, Das Hochmittelalter, Frankfurt am Main 1965

Schulze, Hans K., Hegemoniales Kaisertum. Ottonen und Salier, Berlin 1991

Schütte, Bernd, Herrschaftslegitimierung im Wandel. Die letzten Jahre Kaiser Heinrichs IV. im Spiegel seiner Urkunden, in: Erkens, Franz-Reiner (Hg.), Die Sakralität von Herrschaft. Herrschaftslegitimierung im Wechsel der Zeiten und Räume, Berlin 2002, S. 165 - 180

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Details

Titel
"Sakrales Königtum" bzw. "sakrales Kaisertum" ? Das Römisch-deutsche Reich im Hochmittelalter
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
7
Katalognummer
V370935
ISBN (eBook)
9783668488960
ISBN (Buch)
9783668488977
Dateigröße
712 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sakral, Sakrales Königtum, Sakrales Kaisertum, Römisch-deutsches Reich, Hochmittelalter, Mittelalter
Arbeit zitieren
Anne S. Respondek (Autor), 2012, "Sakrales Königtum" bzw. "sakrales Kaisertum" ? Das Römisch-deutsche Reich im Hochmittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/370935

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