Dieser Essay geht folgender Frage nach: Inwiefern kann man in Bezug auf das Römisch-deutsche Reich in hochmittelalterlicher Zeit (900-1250) von einem „sakralen Königtum“ bzw. „sakralen Kaisertum“ sprechen?
Um einschätzen zu können, inwiefern man in Bezug auf das römisch-deutsche Reich in hochmittelalterlicher Zeit von einem sakralen König- bzw. Kaisertum ausgehen kann, empfiehlt es sich selbstredend, den Begriff der Sakralherrschaft, der nicht nur vielfältig aufgefasst werden kann, sondern der auch in der wissenschaftlichen Forschung mittlerweile inflationär benutzt zu werden scheint und deswegen auf immer mehr Bezüge anwendbar wird, einzugrenzen. An dieser Stelle soll deswegen davon ausgegangen werden, dass Sakralherrschaft bzw. sakrales Königtum drei Merkmale aufweist: 1. die Phantasie des Auserwähltseins des Königs von Gott selbst bzw. die Gabe der Herrschaft an den König durch Gott, 2. die Vorstellung, der König sei Stellvertreter Gottes (oder Christi) auf Erden und 3. die priesterähnliche Verantwortung des Herrschers für seine „Gemeinde“ bzw. auch für den ordnungsgemäßen Ablauf bestimmter Rituale, die den Zusammenhalt und die Existenz des Kosmos weiterhin sichern sollen.
Diese drei Merkmale legitimier(t)en die Herrschaft ergo sakral, wobei in der Erlebniswelt des Mittelalters wohl nicht von purer Berechnung hinsichtlich der Macht, sondern von tatsächlich geglaubten Realitäten diesbezüglich ausgegangen werden kann. Das Sakrale ist hier in Bezug auf die Herrschaft im Weltbild des Herrschers wie auch der Untertanen also nicht als einzig Jenseitiges zu definieren, sondern als etwas Göttliches, das im Weltlichen wie im weltlichen Wirken (des Königs, des Kaisers) seinen Ausdruck findet. Eine Beschränkung der Sakralherrschaft auf einzelne Kulturkreise scheint dabei nicht zu existieren. Die Vorstellung eines Sakralkönigtums existiert und existierte zu allen Zeiten und allen Orten, in mehrerlei Kulturen unabhängig voneinander, darf allerdings mit dem Gottkönigtum nicht verwechselt werden, wobei beide Herrschaftsformen, Sakral- wie Gottkönigtum, als „abgeschwächte“ bzw. besondere Erscheinungsformen des „sakralen Königtums“ nach James George Frazer verstanden werden können (wobei dessen Thesen hierzu wiederum umstritten sind).
Inhaltsverzeichnis
1. Definition und Merkmale der Sakralherrschaft
2. Sakralherrschaft im 10. und 11. Jahrhundert: Ottonen und frühe Salier
3. Symbolik und Liturgie der sakralen Herrschaft
4. Krise der Herrschersakralität: Der Gang nach Canossa
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen und die praktische Ausgestaltung des sakralen Königtums bzw. Kaisertums im Römisch-deutschen Reich zwischen 900 und 1250, um die religiöse Legitimierung weltlicher Macht zu erörtern.
- Definition des Begriffs der Sakralherrschaft
- Die Rolle des Königs als Stellvertreter Gottes
- Symbolische Inszenierung von Herrschaft durch Krönung und Liturgie
- Einfluss des Investiturstreits auf das Gottesgnadentum
- Wandel von religiöser zu zunehmend säkularer Machtlegitimation
Auszug aus dem Buch
Die Inszenierung der sakralen Herrschaft
Die Vorstellung des Sakralkönigtums verwirklichte sich im 10. und 11. Jahrhundert auch bzw. vor allem in speziellen Ereignissen, die nach liturgieähnlichen Abläufen realisiert wurden, wie gottesdienstähnlichen Siegesfeiern, aber auch in Herrscherweihen, die in ihrem Ablauf und in ihren Handlungen, mit Salbung und Krönung und unter Gebeten und geistlichen Gesängen hinweisen auf die drei oben beschriebenen Merkmale des Sakralkönigtums. Auch die (Kaiser-)Krone an sich (entstanden frühestens 960, spätestens 1152), deren Bedeutung sich im 10. Jahrhundert erheblich steigerte, weist durch vielerlei Zeichen hin auf ein Begreifen der Herrschaft als etwas sakrales; ein jedes Stück, ein jeder Hinweis an ihr lässt sich symbol-theologisch ausdeuten (die achteckige Grundform, die Anzahl der Steine, die Inschrift, die bildlichen Darstellungen etc.). In ihrer Gesamtheit ist sie ein Symbol des himmlischen Jerusalems und damit Zeichen des Glaubens einer verschmolzenen Priester-Königsherrschaft, die weltliche und geistliche Herrschaft verbindet.
Beides, Krone wie Krönung, aber auch das Einberufen und Leiten von Synoden durch den Kaiser, also auch die Kirchenhoheit der Ottonen und der frühen Salier, sind intensiviertes und verdichtetes Erbe der Karolingerzeit. Auch der Auftritt des Herrschers (auf Feiern, Hochzeiten, anderen ritualisierten öffentlichen Akten) überhaupt muss durchsetzt gewesen sein mit Zeichen, Symbolen und Handlungen, die auf eine sakral geglaubte Herrschaft hingewiesen haben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Definition und Merkmale der Sakralherrschaft: Dieses Kapitel erläutert die drei zentralen Kriterien der Sakralherrschaft, insbesondere das Auserwähltsein durch Gott und die priesterähnliche Verantwortung des Herrschers.
2. Sakralherrschaft im 10. und 11. Jahrhundert: Ottonen und frühe Salier: Hier wird analysiert, wie die karolingische Tradition unter den Ottonen intensiviert wurde, wobei der König als „Nächster nach Christus“ an Bedeutung gewann.
3. Symbolik und Liturgie der sakralen Herrschaft: Das Kapitel behandelt die materielle und rituelle Manifestation des Sakralen durch Insignien wie die Kaiserkrone sowie durch öffentliche Akte und Bilddarstellungen.
4. Krise der Herrschersakralität: Der Gang nach Canossa: Der Text beschreibt den Wendepunkt des Investiturstreits, durch den die religiöse Aura der Herrschaft und das theokratische Königtum massiv an Glaubwürdigkeit verloren.
5. Zusammenfassung: Abschließende Betrachtung, dass die priesterähnliche Sakralität des Herrschers nach den Konflikten des 11. Jahrhunderts in der ursprünglichen Form nicht mehr haltbar war.
Schlüsselwörter
Sakralherrschaft, Sakralkönigtum, Kaisertum, Römisch-deutsches Reich, Gottesgnadentum, Investiturstreit, Canossa, Heinrich IV., Ottonen, Salier, Herrschaftslegitimation, Priesterkönigtum, Liturgie, Stellvertreterschaft Gottes, Mittelalter.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen Ausprägung und der Legitimierung der sakralen Herrschaft im Römisch-deutschen Reich zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen die Rolle des Herrschers als religiöse Instanz, die symbolische Bedeutung von Insignien und Ritualen sowie der Wandel der Machtlegitimation.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, inwiefern die Herrschaft der ottonischen und salischen Kaiser tatsächlich als sakral begründet bzw. wahrgenommen werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse historischer Diskurse, ritueller Handlungen, bildlicher Darstellungen und symbolischer Herrschaftszeichen der untersuchten Epoche.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Intensivierung sakraler Vorstellungen im 10. Jahrhundert und den anschließenden Bruch durch den Investiturstreit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Werk?
Wesentliche Begriffe sind Sakralkönigtum, Gottesgnadentum, Herrschaftslegitimation, Regnum und Sacerdotium.
Warum wird der "Gang nach Canossa" als Wendepunkt genannt?
Er symbolisiert die Unterwerfung der weltlichen unter die geistliche Macht und markiert das Ende der unangefochtenen sakralen Würde des salischen Herrschers.
Verliert der Kaiser durch den Investiturstreit seine religiöse Bedeutung?
Ja, laut Autor entfällt nach dem Investiturstreit die Priesterähnlichkeit des Herrschers als zentrales Element der sakralen Legitimation.
Was bedeutet die "priesterähnliche Verantwortung" des Königs?
Es handelt sich um die Fürsorgepflicht des Herrschers für das Seelenheil seiner Untertanen und die Sicherung der göttlichen Ordnung auf Erden.
- Arbeit zitieren
- Anne S. Respondek (Autor:in), 2012, "Sakrales Königtum" bzw. "sakrales Kaisertum" ? Das Römisch-deutsche Reich im Hochmittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/370935