Textverstehen im Literaturunterricht am Beispiel der Kurzgeschichte "Ein netter Kerl" im Bezug zum Kommunikationsmodell nach Schulz von Thun


Hausarbeit, 2016
20 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

Hinführung

Textverstehen im kompetenzorientierten Unterricht

Das Ziel des literarischen Verstehens
Gabriele Wohmann: Ein netter Kerl (1978)
Schulz von Thun: Die vier Seiten einer Nachricht

Aufgabenkultur im Deutschunterricht

Vorstellung einer Lernaufgabe
Konzeptuelle Vorgaben
Die Tätigkeit
Inhaltserschließung
Gattungserschließung
Die Analyse

Fazit

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Hinführung

„ Wer sich dem Notwendigsten widmet, gehtüberall am sichersten zum Ziel. “

(Johann Wolfgang von Goethe)

Im Germanistikstudium sollte man meinen, dass sich die Studenten in der Germanistik auskennen - und zwar nicht nur in Rechtschreibung und Grammatik, sondern auch im Bereich der Literaturwissenschaften. Eine Gedichtanalyse zu verfassen sollte also kein Problem darstellen. Allerdings ist das viel weniger der Fall - ein einfaches Gedicht mit dem Auftrag, dieses hinsichtlich eines gewissen Schwerpunkts zu analysieren, stellt selbst Germanistikstudenten an seine Grenzen. Auch im Literaturunterricht im Deutsch- unterricht in der Schule sieht es nicht wirklich anders aus und selbst sehr leistungsstarke Schülerinnen und Schüler verlieren leicht den Faden. Gemeint sind Gedichtinterpretati- onen, Dramenanalysen, Kurzgeschichtenmerkmale - alle interpretierenden bzw. analy- sierenden Tätigkeiten demotivieren Schülerinnen und Schüler gleichermaßen. Eine alte Sprache, Metaphorik und Ironie - und dann soll all das auch noch wiedergefunden wer- den. Und wie schreibe ich nochmal den Einleitungssatz richtig? Selbst in der Oberstufe und den darauffolgenden Abiturprüfungen ist die literarische Analyse wohl die Königs- disziplin im Deutschunterricht und der Notendurchschnitt konsequent schlechter als bei normalen Aufsätzen. In den meisten Fällen liegt das jedoch nicht an der Kompetenz der Schülerinnen und Schüler, sondern vielmehr daran, dass Aufgaben im Literaturunter- richt meistens sehr offen gestellt werden - und durch diese Offenheit werden die Auf- gaben komplex. Das wiederum hat zur Folge, dass die Schülerinnen und Schüler mit der Aufgabenstellung überfordert sind und sie nicht wie gewünscht lösen können. Die Schülerinnen und Schüler haben Probleme, sich auf die eigentliche Aufgabe zu fokus- sieren, da in den meisten Fällen kein Interpretationsschwerpunkt zu erkennen ist. Da- raufhin kommt es dazu, dass sie bei der Analyse weiterer literarischer Texte demotiviert sind und auch diese nicht ausreichend bearbeiten können.

In der folgenden Arbeit soll dargestellt werden, wie man dieser Demotivation entgegenwirken kann und inwiefern bei Komplexität und Offenheit Grenzen entstehen können - und wie diese möglicherweise überwunden werden können. Dazu gibt es einige Möglichkeiten, die im Folgenden ausgeführt werden sollen.

Textverstehen im kompetenzorientierten Unterricht

Der kompetenzorientierte Unterricht zielt vor allem auf eine starke curriculare Veranke- rung ab. Das Textverstehen ist eine grundlegende Voraussetzung für das Erlernen von Sachverhalten im Deutschunterricht. Ohne eine Lesekompetenz können Schreibkompe- tenz und andere Kompetenzen schlechter erlernt werden. Ein großes Problem hierbei stellt dar, dass eine einzelne gestellte Aufgabe häufig auf mehrere Kompetenzen gleich- zeitig abzielt. So ist beispielsweise bei einer Interpretation eines literarischen Stückes häufig ein literarischer Text zu lesen, welcher verstanden werden muss, um anschlie- ßend eine Interpretation zu verfassen. Fraglich ist allerdings, ob durch eine so gestellte Aufgabe heterogene Kompetenzen überprüft werden können. Denn auch, wenn die In- terpretation nicht dem richtigen Aufbau entspricht und viele Rechtschreib- und Gram- matikfehler enthält, so kann der Schüler oder die Schülerin trotzdem den literarischen Text sehr gewissenhaft gelesen haben. „Beim Textverstehen interagieren vier zentrale Einflussfaktoren: die Lesermerkmale (z.B. Vorwissen, Lesemotivation), die vom Leser in der konkreten Situation unternommenen Aktivitäten (z.B. der Einsatz von Lesestra- tegien), die Beschaffenheit des Textes (Lexik, Komplexität der Syntax, Propositions- dichte, inhaltliche Strukturiertheit, Anforderungen an das Vorwissen) und die sich stel- lenden Leseanforderungen.“1 Das Textverstehen verläuft also nicht in einem großen Schritt, sondern in verschiedenen Teilebenen. In der Unterrichtssituation ist es häufig so, dass sowohl der zu lesende Text vorgegeben wird, als auch Verstehensanforderungen durch Aufgabenstellungen festgelegt werden.2

„Dabei ist es aus didaktischer Sicht nicht nur relevant, wie hoch der mit der Bearbeitung einer Aufgabe verbundene kognitive Anspruch ist, der sich aus den Verstehensanforderungen im Wechselspiel mit dem jeweiligen Text und seiner Schwie- rigkeit ergibt. Vielmehr steuern Aufgabenstellungen den Lernprozess auch durch ein mehr oder weniger ausgeprägtes Maß an (aufgabenimmanenter) Unterstützung bei der Aufgabenbearbeitung, indem sie etwa den Lösungsprozess vorstrukturieren oder das Spektrum der Lösungsmöglichkeiten eingrenzen.“3 Das wiederum bedeutet, dass so- wohl Offenheit als auch Komplexität der Aufgabenstellung die Verstehensanforderung herauf- oder herabsetzen können. Die Offenheit und Komplexität kann sich 1.) auf das Produkt, 2.) auf das Untersuchungsfeld oder 3.) auf die Tätigkeiten beziehen.4 Dadurch ergeben sich unterschiedliche Möglichkeiten der Aufgabenstellung, die auch bei heterogenen Klassen eingesetzt werden können.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Einflussfaktoren des Textverstehens im Deutschunterricht (Winkler 2009, 50).

Die Abbildung 1 zeigt auf, dass Textbeschaffenheit, Merkmale des Lesers, Aktivitäten des Lesers, Instruktionsmerkmale und die Leseanforderung Einfluss auf das Textverste- hen nehmen. Gerade beim Verstehen von literarischen Texten ist die Leseanforderung recht hoch, da Schülerinnen und Schüler nicht wie bei einem Sachtext lediglich die In- formation aus dem Text herausfiltern müssen, sondern zusätzlich Deutung und Interpre- tation mit dem Lesen des Textes verbinden sollen. Die Textbeschaffenheit nimmt gera- de beim Thema Lyrik einen bedeutsamen Einfluss auf die Leseanforderungen.

Allerdings besitzen insgesamt alle literarischen Texte eine für sie charakteristische Textbeschaffenheit, welche allerdings in der Regel typischen Mustern verfolgt. Fraglich ist, ob die unterschiedlichen Einflussfaktoren durch Aufgabenstellungen so gerichtet werden können, dass sie einen durchweg positiven Einfluss auf das literarische Textver- stehen erhalten.

Dazu soll zunächst der Gegenstand eines literarischen Textes erarbeitet werden und im Anschluss eine Schulbuch-Aufgabe untersucht werden. Kann ein Wechselspiel zwi- schen Offenheit und Komplexität beobachtet werden und kann man durch Support die Aufgabe so verändern, dass die Einflussfaktoren wiederum beeinflusst werden? Was muss beachtet werden, damit eine Lernaufgabe auch als solche funktionieren kann? Stoßen Offenheit und Komplexität sowie Support und Demand an ihre Grenzen?

Das Ziel des literarischen Verstehens

Um eine Aufgabenstellung für Schülerinnen und Schüler zu entwerfen, ist es zunächst grundlegend, ein Verstehensziel zu formulieren, welches mithilfe der Aufgabenstellung erreicht werden soll. Dabei ist auf unterschiedliche Begebenheiten zu achten, die im folgenden Kapitel erläutert werden. Allerdings muss zunächst der Gegenstand der Auf- gabenstellung beleuchtet werden, das bedeutet, dass eine Analyse beziehungsweise In- terpretation bezüglich des literarischen Textes erfolgen soll. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf dem Thema der Kommunikationsprobleme, da die folgende Kurzgeschichte von einem Kommunikationsproblem in der Familie handelt. Die Schülerinnen und Schüler sollen das Kommunikationsproblem herausstellen und mithilfe des Kommuni- kationsmodells nach Schulz von Thun anhand eines ausgewählten Satzes das Kommu- nikationsproblem von Rita erläutern.

Gabriele Wohmann: Ein netter Kerl (1978)

Die Aufgabe der Schülerinnen und Schüler ist es, die Kurzgeschichte auf Basis des Kommunikationsmodells nach Schulz von Thun zu interpretieren und entsprechende Kommunikationsprobleme zu ermitteln beziehungsweise zu deuten. Die genaue Aufga- benstellung dazu wird im folgenden Kapitel beleuchtet. Der zu bearbeitende Gegen- stand ist demnach in erster Linie die Kurzgeschichte „Ein netter Kerl“, die im Jahr 1978 von Gabriele Wohmann verfasst wurde. Die Kurzgeschichte zeigt ein Kommunikati- onsproblem innerhalb einer Familie am Tisch auf und wird in personaler Erzählhaltung erzählt, da der Erzähler nicht allwissend ist, sondern nur das wiedergibt, was er sehen kann und nicht die Gedanken und Gefühle der beteiligten Personen. Auch greift er nicht ins Geschehen ein, sondern erzählt objektiv. Die Familie besteht aus der Mutter, dem Vater und drei Töchtern, nämlich Rita, Milene und Nanni. Rita hat an diesem Abend ihren neuen Freund vorgestellt Nach dem Besuch von Ritas Verlobtem (was zu Anfang der Geschichte noch gar nicht bekannt ist) steht dieser, insbesondere sein äußeres Er- scheinungsbild, im Mittelpunkt des Gesprächs. Da Rita bis zu einem bestimmten Zeit- punkt ihre Verlobung mit ihm noch nicht bekannt gegeben hat und die Familie ihre nonverbalen Botschaften nicht zu deuten in der Lage ist, entsteht eine Kommunikati- onsstörung. Nanni legt ein sehr pubertäres Verhalten an den Tag, was darauf schließen lässt, dass sie die jüngste der drei Töchter ist. Ihr fehlt es, genauso wie den anderen Fa- milienmitgliedern, an Respekt gegenüber dem neuen Partner ihrer Schwester: „Ich auch, wirklich, ich find ihn auch nett, rief sie. Könnt ihn immer wieder ansehen und mich ekeln.“5

Ähnlich wie ihre Tochter Nanni fängt die Mutter an, den neuen Freund ihrer Tochter auf dessen Äußerlichkeiten zu reduzieren und wird dabei sehr verletzend: „Furchtbar fett für sein Alter.“6 Milene hingegen ist zu Anfang die ei nzige, die versucht, ihre Schwester zu unterstützen, indem sie deren Freund nicht nur auf Äußerlichkeiten reduziert: „Aber er hat dann doch auch wieder was Liebes, […] doch, Rita, ich finde er hat was Liebes, wirklich.“7 Allerdings lässt auch sie sich im Verlauf des Gesprächs von den anderen Familienmitgliedern anstecken und ist dann nicht mehr in der Lage, ihre eigene Meinung zu verteidigen.

Während sich die Frauen der Familie über das Aussehen von Ritas Verlobtem lustig machen, versucht der Vater auf einer ganz anderen Ebene den jungen Mann schlecht zu reden: „Er war ja so ängstlich, dass er seine letzte Bahn noch kriegt, […] sowas von ängstlich.“8 Der Vater ist das Familienoberhaupt und wünscht sich für seine Tochter offensichtlich einen anderen Mann, weshalb er nun versucht, diesen vor seiner Tochter schlecht zu reden. Nun mischt sich auch Rita ein. Sie ist die ganze Zeit über ruhig ge- blieben und war sehr angespannt: „Rita setzte sich gerade und hielt sich mit den Händen am Tisch fest.“9 Diese Angespanntheit entwickelt sich weiter, während Rita keinen Ton von sich gibt, sondern viel mehr alles herunterschluckt, was sie hätte sagen wollen: „Ri- ta hielt sich am Sitz fest. Sie drückte die Fingerkuppen fest ans Holz.“10 Scheinbar be- merkt nur ihre Schwester Milene diese Mittel der nonverbalen Kommunikation, denn im Gegensatz zu den anderen reagiert sie auf dieses Verhalten und versichert ihrer Schwester nochmals, dass sie den Freund ihrer Schwester „komischerweise ganz nett“11 findet. Doch auf den Kommentar ihres Vaters reagiert Rita, um ihren Freund in Schutz zu nehmen, vor all den bösen Worten, die über ihn gesprochen werden, jetzt, wo er nicht mehr am Tisch sitzt. Sie versucht, seine Angst, sich zu verspäten damit zu erklären, dass er noch bei seiner Mutter lebt und dass diese auch nicht ganz gesund ist12, doch diesen Zusatz hätte sie sich sparen können.

In Form eines Motivs, nämlich der Welle, versucht der Erzähler an dieser Stelle deutlich zu machen, wie das Lachen all ihrer Familienmitglieder über Rita hereinbricht - es ver- birgt sie, es nimmt sie in sich auf und sie hat keine Chance, diesem zu entkommen.13 Rita wird dadurch als sehr hilflos charakterisiert und die Situation scheint aussichtslos. Doch Rita kann nun nicht mehr stumm bleiben, sondern platzt aus sich heraus - mit einem Verhalten, mit dessen Hilfe sie es schafft, ihrer Familie den Wind aus den Segeln zu nehmen. Es scheint wie ein Triumph, als sie es wagt, ihrer Familie zu berichten, dass sie mit „[der] große[n] fette[n] Qualle“14 bereits verlobt ist und dieser von nun an öfter das Haus betreten wird. Alle verstummen und nun ist Rita in der Position, in der sie lachen kann, aus Schadenfreude und Überlegenheit.

Durch die personale Erzählhaltung wird der Leser in eine Richtung gelenkt; da man die Gedanken der einzelnen Personen nicht deuten kann, empfindet man automatisch Mit- leid für Rita. Auch ist man in der Deutung der nonverbalen Mittel, die von ihrer Seite genutzt werden, von der Erzählhaltung abhängig, da diese alle Informationen an den Leser weiterträgt.

Nach dem Wendepunkt, nämlich Ritas Bekanntgabe ihrer Verlobung, verstummt Nanni, und auch die anderen Familienmitglieder sind beschämt und verlegen. Rita hingegen verhält sich nun provokativ gegenüber ihrer Familie, indem sie all die verletzenden Kommentare, die diese zuvor über ihren neuen Freund getätigt haben, erneut aufgreift und dadurch ihre Wut kundgibt: „He, Nanni, bist du mir denn nicht dankbar, mit der Qualle hab ich mich verlobt, stell dir das doch mal vor.“15

[...]


1 Winkler, Iris: Lernaufgaben im Literaturunterricht. In: Kiper, Hanna et. Al (Hrsg.): Lernaufgaben und Lernmaterialien im kompetenzorientierten Unterricht. W.Kohlhammer Verlag.

2 Ebenda.

3 Ebenda.

4 Köster, Juliane: Konzeptuelle Aufgaben: Jenseits von Orientierungslosigkeit und Gängelei. In: Köster et. Al (Hrsg.): Aufgabenkultur und Lesekompetenz. Deutschdidaktische Positionen. Peter Lang Verlag. Frankfurt u.a. S. 165-185.

5 Wohmann, Gabriele: Ein netter Kerl. 1978. In: Biermann, Heinrich; Schurf, Bernd (Hrsg.): Texte, Themen und Strukturen. Deutschbuch für die Oberstufe. Cornelsen, Berlin: 1999. S. 88. Z. 32ff.

6 Ebenda. Z. 4.

7 Ebenda. Z. 12ff.

8 Ebenda. Z. 37ff.

9 Ebenda. Z.7f.

10 Ebenda. Z.24f.

11 Ebenda. Z.27f.

12 Vgl. Ebenda. Z.40ff.

13 Vgl. Ebenda. Z. 45ff.

14 Ebenda. Z. 58.

15 Ebenda. Z. 71ff.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Textverstehen im Literaturunterricht am Beispiel der Kurzgeschichte "Ein netter Kerl" im Bezug zum Kommunikationsmodell nach Schulz von Thun
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V371032
ISBN (eBook)
9783668495852
ISBN (Buch)
9783668495869
Dateigröße
694 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Gibt es Grenzen von Offenheit und Komplexität bei der Steuerung der Einflussfaktoren des Textverstehens?
Schlagworte
Literatur, Ein netter Kerl, Hausarbeit, Seminararbeit, Literaturunterricht, Textverstehen, Kompetenzorientierung, Schulz von Thun
Arbeit zitieren
Anna Zantopp (Autor), 2016, Textverstehen im Literaturunterricht am Beispiel der Kurzgeschichte "Ein netter Kerl" im Bezug zum Kommunikationsmodell nach Schulz von Thun, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371032

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