Kindlicher Spracherwerb und Sprachverlust bei Alzheimer-Demenz


Examensarbeit, 2016

69 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

4.1
Altersbedingte Veränderungen der sprachlichen Fähigkeiten ...36
4.2
Demenz im Allgemeinen ...39
4.3
Alzheimer-Demenz ...39
4.3.1 Biologische Fakten ...40
4.3.2 Alzheimer-Demenz ...42
4.3.3 Schutz vor Alzheimer-Demenz ...44
4.4
Die Sprache bei Alzheimer-Demenz...46
4.4.1 Wortfindungsstörungen ...50
4.4.2 Pragmatische Störungen ...51
4.4.3 Konversationsmaximen Grice ...52
4.4.4 Sprachliches Handeln: Illokutionen ...53
4.5
Die Kommunikation bei Alzheimer-Demenz ...56
4.5.1 Exkurs: Schriftsprache bei Alzheimer-Demenz...59
5
Fazit ...60
6
Literaturverzeichnis...63

IV
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Sprache und Gehirn ... 13
Abbildung 2: Kognitive und organische Voraussetzungen für den Spracherwerb ... 14
Abbildung 3: Spracherwerbsphasen ... 17
Abbildung 4: Alter und Alzheimer-Demenz ... 40
Abbildung 5: Alzheimer-Demenz und Gehirn ... 41
Abbildung 6: Phasen Alzheimer-Demenz ... 46

V
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Sprachverlust bei Alzheimer-Demenz ... 48

Einleitung
1
1 Einleitung
,,Die Sprache ist der Leib des Denkens."
(Georg Wilhelm Friedrich Hegel)
Die Sprache des Menschen und dessen kognitive Fähigkeiten stehen ­ wie durch
das einleitende Zitat erkennbar ­ in einem engen Zusammenhang. Der Erwerb der
menschlichen Sprache ist ein komplexer Prozess, durch welchen der Mensch über
viele Jahre an Fähigkeiten und Kompetenzen gewinnt. Die Sprache ist für jeden
Menschen eine wichtige Eigenschaft, die es ihm ermöglicht, mit anderen Men-
schen in der Umgebung in Kontakt zu treten, soziale Beziehungen zu pflegen und
seine Innenwelt, also seine Gedanken und seine Gefühle, nach außen mitzuteilen.
Allerdings durchläuft er dabei zunächst unterschiedliche Phasen, die schlussend-
lich dazu führen, dass der Mensch dialogfähig wird und seine Sprache bestimmten
Typen bzw. Formen von Konversationen anpassen kann. Sprache kann demnach
als eine Fähigkeit, die es dem Menschen ermöglicht, sich selbst und seine Innen-
welt darstellen zu können, definiert werden. Die einzelnen Spracherwerbsphasen
sind von komplexen kognitiven Vorgängen geprägt. Einen sehr weitreichenden
und guten Überblick über diese Thematik schafft vor allem das Werk ,,Kindlicher
Spracherwerb im Deutschen" von Fritz et. al. aus dem Jahr 2012, das nicht nur
den Verlauf des Spracherwerbs thematisiert, sondern auch Forschungsmethoden
und Erklärungsansätze für selbigen aufzeigt. Außerdem wird auch ein Fokus auf
die pragmatischen Fähigkeiten gelegt, der im Anschluss noch wichtig für die
Thematik des Sprachverlusts werden wird.
Es erscheint schwer vorstellbar, dass eine Fähigkeit, die so komplex veranlagt ist,
verloren gehen kann. Allerdings werden die Menschen heutzutage immer älter.
Mit dem Alter verliert der Mensch einige seiner kognitiven Fähigkeiten, insge-
samt laufen kognitive Prozesse bei älteren Menschen langsamer ab als bei jünge-
ren. Und je älter der Mensch ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, an Alz-
heimer-Demenz zu erkranken. Es leben in Deutschland etwa 1,2 Millionen Men-

Einleitung
2
schen, die an Alzheimer-Demenz leiden und somit die Sprachfähigkeit verlieren ­
Tendenz steigend. Doch wie genau wird die Sprache eigentlich verloren? Wie
kann etwas, das so langes Training beinhaltet, einfach so verlernt werden? Das
Werk ,,Sprachförderungen bei demenziellen Störungen" von Berthold Simons
stellt sehr detailliert heraus, welche sprachlichen Fähigkeiten bei Alzheimer-
Demenz eingeschränkt sind und wie diese sich auf Dialogizität des Menschen
auswirken, während das Werk ,,Kommunikation trotz gestörter Sprache" von
Volkbert Roth näher erläutert, inwieweit die kognitiven Fähigkeiten im Alter mit
dem Verlust der Sprache einhergehen.
Die vorliegende Arbeit wird sich zu Beginn den einzelnen kindlichen Erwerbs-
phasen der Sprache in ihren Grundzügen widmen und herausstellen, wie ein
Mensch bestimmte sprachliche Fähigkeiten erlernt, um anschließend in Gesprä-
chen die Möglichkeit zu besitzen, seine Gedanken und Gefühle nach außen zu
transportieren. Dabei besitzen die Dialogfähigkeit und auch die Konversations-
kompetenz eine tragende Rolle, da der gesamte Erwerb darauf abzielt, eben diese
Parameter zu erlangen und diese stetig weiterentwickeln zu können. Der aktuelle
Forschungsstand zu dieser großen Thematik, die im Folgenden lediglich in den
Grundzügen dargestellt werden kann, zeigt auf, dass der Spracherwerb in enger
Verbindung zu einem möglichen Sprachverlust steht. Hierbei spielt vor allem die
Mehrsprachigkeit eine große Rolle, wie im Folgenden noch erläutert wird. Die
Alzheimer-Demenz gewinnt auch in der Forschung an hoher Relevanz, da die
Menschen wie bereits erwähnt immer älter werden und es somit immer mehr
Menschen gibt, die an Alzheimer-Demenz erkranken. Bis heute gibt es kein Me-
dikament, das Alzheimer-Demenz heilen kann, allerdings wurde in zahlreichen
Studien festgestellt, dass es Möglichkeiten gibt, Demenz vorzubeugen. Auch diese
Ergebnisse sind von Bedeutung für die vorliegende Arbeit. Bei der Arbeit handelt
es sich um eine Theoriearbeit, in welcher unterschiedliche Literatur zum Thema
miteinander in Verbindung gesetzt wird, sodass ein entsprechender Überblick
bzw. Ausblick ermöglicht wird. In der Spracherwerbs- wie auch in der
Alzheimerforschung zur Sprache werden allerdings unterschiedliche direkte und

Einleitung
3
indirekte Methoden verwendet. Befragungsverfahren, Beobachtungsverfahren und
experimentelle Methoden dienen dazu, die unterschiedlichen Befunde zu erhalten.
Für die zu behandelnde Thematik wird Literatur aus unterschiedlichen Bereichen
verwendet, wobei sich die Arbeit hauptsächlich auf sprachwissenschaftliche Lite-
ratur stützt. Trotzdem wird beispielsweise das Werk ,,Biologie" von Campbell
und Reece eine naturwissenschaftliche Ergänzung darstellen, um auch die biologi-
schen Begebenheiten für den Spracherwerb darzustellen. Im Oberkapitel ,,Spra-
che" werden zu Beginn der Arbeit die unterschiedlichen Spracherwerbstheorien,
die nebeneinander existieren, vorgestellt. Diese gliedern sich in 2.1.1 Behavioris-
mus, 2.1.2. Kognitivismus und 2.1.3 Nativismus. Dieses Kapitel dient als Grund-
lage für das folgende Kapitel 3 zum kindlichen Spracherwerb. Hier werden die
unterschiedlichen Erwerbsphasen in ihren Grundzügen vorgestellt, wobei zu-
nächst ein grober Überblick über die bereits erwähnten biologischen Vorausset-
zungen gegeben wird. Im weiteren Verlauf des Kapitels wird der Erwerb der
einzelnen Fähigkeiten in chronologischer Reihenfolge unter besonderer Rück-
sichtnahme der Ausführungen von Fritz et. al dargestellt, während das Werk
,,Spracherwerb" von Gisela Klann-Delius aus dem Jahr 2008 weitere Aspekte
veranschaulicht. Dieses Oberkapitel gliedert sich folglich in unterschiedliche
Unterkapitel, wie beispielsweise den Erwerb der syntaktischen, morphologischen
oder pragmatischen Fähigkeiten.
Nachfolgend schließt sich das Kapitel 4 zum Sprachverlust an. Dieses Kapitel
beinhaltet sehr heterogene Aspekte, beispielweise die Thematik der Demenz im
Allgemeinen, die Kommunikation bei Alzheimer-Demenz als sehr wichtiges
Bezugskapitel zum Spracherwerb, aber auch Ausführungen zu wichtigen sprach-
wissenschaftlichen
pragmatischen
Theorien,
wie
beispielsweise
die
Konversationsmaximen oder die Sprechakttheorien. Das Fazit, welches im Kapitel
5 zu finden ist, wird den Zusammenhang des kindlichen Spracherwerbs und des
Sprachverlusts herausstellen und aufzeigen, welche Fähigkeiten grundlegend sind,
um die Dialogfähigkeit des Menschen bis ins hohe Alter zu bewahren.

Sprache
4
2 Sprache
Wenn der Spracherwerb sowie der Sprachverlust thematisiert werden, so ist es
sinnvoll, zunächst festzulegen, was unter Sprache zu verstehen ist. ,,Die Fähigkeit,
eine Sprache zu sprechen und zu verstehen, ist diejenige Fähigkeit, die den Men-
schen gegenüber anderen Spezies auszeichnet."
1
Beschränkt man sich vorerst auf die allgemeinen Informationen, die bei dem
Gedanken an Sprache präsent werden, so ist die Sprache das, was wir nutzen, um
unserer Gefühle und Gedanken nach außen zu tragen. ,,Als allgemeines und zu-
gleich wichtigstes Charakteristikum für Sprache gilt [...], daß [sic!] sie struktu-
riert, also kein Aggregat von einzelnen Elementen ist."
2
Sprache verfolgt ein Ziel,
vielmehr noch verfolgt der Mensch, der Sprache nutzt, ein Ziel, welches durch die
Sprache selbst zu erreichen ist. Man könnte den Sprachgebrauch hierbei als ,,re-
gelgesteuertes Kommunikationsverhalten"
3
definieren, auch wenn diese Regeln
als subjektiv angesehen werden müssen.
Es kann davon ausgegangen werden, dass ein Sprecher beim Sprachgebrauch
bestimmte Regeln einhält, die allerdings nie irgendwo festgehalten wurden. Dabei
ist zu klären, was es eigentlich bedeutet, der Sprache mächtig zu sein und wie es
dazu kommt, dass der Mensch die Sprache sprechen kann. Die folgenden Ausfüh-
rungen werden dabei als Grundlage für das nachfolgende Kapitel zum kindlichen
Spracherwerb dienen.
1
Friederici, Angela D.: Gehirn und Sprache: Neurobiologische Grundlagen der Sprachverarbei-
tung. In: Krämer, Sybille (Hrsg.) (1994): Geist ­ Gehirn- künstliche Intelligenz. Zeitgenössische
Modelle des Denkens. Ringvorlesung an der Freien Universität Berlin. Berlin: de Gruyter. S. 113.
2
Hüllen, Werner; Jung, Lothar(1979): Sprachstruktur und Spracherwerb. Düsseldorf: Bagel
(Studienreihe Englisch, 46). S. 14.
3
Hüllen und Jung 1979, S.62.

Sprache
5
2.1 Spracherwerbstheorien
Um den Spracherwerb in den folgenden Kapiteln genauer zu beleuchten, wird ein
kurzer Überblick über die unterschiedlichen Theorien gegeben. Der Spracherwerb
wurde von vielen Sprachwissenschaftlern auf unterschiedliche Art und Weise
untersucht und definiert. Dadurch ergeben sich viele unterschiedliche Theorien,
die alle auf spezifischen Merkmalen und Begebenheiten fußen. Zu nennen sind
dabei ­ allen voran ­ Chomsky und Skinner, welche die nativistische und die
behavioristische Spracherwerbstheorie geprägt haben. Im Folgenden werden diese
Theorien bzw. Modelle, welche nebeneinander existieren und unterschiedliche
Bereiche beleuchten, kurz erläutert und somit ein Einblick in die Spracherwerbs-
theorie gegeben.
2.1.1 Behaviorismus
Ähnlich wie Watson und Pawlow zählt auch Burrhus Frederic Skinner zu den
Bahavioristen. Skinner stellt ,,die Sprache als gelerntes Verhalten, als Summe
einzelner, durch Konditionierung, Verstärkung und Generalisierung antrainierter
Sprechgewohnheiten und zufälliges Netz assoziativer Verknüpfungen sprachlicher
Ausdrücke dar".
4
Das bedeutet, dass Verhaltensmuster bestimmte Reaktionen auf
Reize darstellen und diese durch Lob und Anerkennung verstärkt werden.
5
,,Die
wohl älteste Vorstellung über den Bedeutungsaufbau interpretiert diesen als Ver-
knüpfung bzw. Assoziation zwischen Wirklichkeit und [...] Gedanken und Sym-
bolen."
6
Nach klassisch behavioristischen Vorstellungen
,,evoziert z.B. der Stimulus ,Ansichtigwerden eines Baumes` die Reaktion
,Gedankliche Abbildung eines Baumes`, wobei ein im Erstpracherwerb
gleichzeitig vermitteltes Symbol wie ,tree` durch häufiges mit dem Gegen-
stand gemeinsames Auftreten später auch selbstständig als Stimulus wirkt,
4
Miller, S; Jungheim, M.;Ptok, M.: Erstspracherwerbsforschung und Spracherwerbstheorien. In:
HNO 4 (2014). S.242-247.
5
Ebenda.
6
Hüllen und Jung 1979, S.89.

Sprache
6
der die Vorstellung bzw. Bedeutung des Gegenstandes ,Baum` hervorruft
(Stimulus-Generalisation)."
7
Im klassischen Behaviorismus reduziert man die komplexe Verhaltensweise der
sprachlichen Semantisierung auf elementar assoziative Verknüpfungen von Wirk-
lichkeit und Symbol.
8
Demnach wird die Bedeutung eines Wortes als eine Assozi-
ation definiert, die es im Hörer selbst hervorruft
9
, ,,wobei Bedeutungsaspekte auf
der Ebene des Sprachsystems, also losgelöst von den Kommunikationspartnern,
praktisch nicht existieren."
10
Der Behaviorismus geht davon aus, dass beim Kind selber lediglich ein allgemei-
ner Lernmechanismus angeboren ist, der das Kind aufgrund vom Beherrschen
gewisser Strategien dazu befähigt, sich kognitive Kenntnisse anzueignen. Der
Spracherwerb erfolgt also im Sinne des Behaviorismus durch Lernprozesse. ,,Wie
häufig eine gewisse Äußerung auftritt, entscheidet folglich darüber, wann und
welche sprachlichen Einheiten erworben werden."
11
Das Kind kommt im Sinne
des Behaviorismus also als ,,Tabula rasa"
12
auf die Welt und die Umwelt sowie
Erfahrungen in dieser Umwelt füllen diese im Laufe der Zeit. Der Behaviorismus
sieht die Imitation als wesentlichen Auslöser für die Entwicklung von sprachli-
chen Fähigkeiten.
2.1.2
Kognitivismus
,,Während der Bedeutungsaufbau in Kommunikationssituationen nach be-
havioristischen Vorstellungen eher durch eine passive Haltung des Hörers,
d.h. als Verhaltens- oder Bewußtseinsreponse [sic!] zu konkreten Situatio-
nen, erfolgt, sieht die Psycholinguistik in Anlehnung an Chomsky [...] den
Hörer als aktiven Partner [...]."
13
Der Kognitivismus betont ,,die enge Verzahnung von Sprache bzw. Sprachent-
wicklung und Intellekt."
14
Laut dem Kognitivismus steuern kognitive Prinzipien
7
Hüllen und Jung 1979, S.90.
8
Vgl. Ebenda.
9
Vgl. Ebenda.
10
Ebenda.
11
Miller et al. 2014, S. 246.
12
Ebenda.
13
Hüllen und Jung 1979, S.93.
14
Miller et al. 2014, S. 246.

Sprache
7
den Lernprozess und alle sprachlichen Konstruktionen werden erlernt. ,,Der geis-
tige Zugewinn des Kindes zeigt sich somit auch im Spracherwerbsprozess".
15
,,Innerhalb dieser Theorie wird das Kind als bestrebt angesehen, ein kogni-
tives Gleichgewicht zu schaffen. Resultieren größere Widersprüche zwi-
schen kindlichen Erfahrungen und kognitiven Strukturen, wird dieses
Gleichgewicht gestört und das Kind wird versuchen, das kognitive Schema
anzupassen".
16
Der Hörer gliedert also laut dem kognitivistischen Modell die auf ihn einwirkende
Sprache mittels ,,Identifikation und Kategorisierung"
17
der sprachlichen Elemente.
Das kognitivistische Modell geht von einer zentralen Stellung satzsyntaktischer
Aspekte aus. ,,Dies gilt sowohl für die direkt wahrnehmbare Oberflächenstruktur
als auch für die angenommene Tiefenstruktur."
18
Grundlegend für die kognitivis-
tische Spracherwerbstheorie ist das Betrachten der sprachlichen Strukturen und
des Spracherwerbs als Teil der Gesamtentwicklung und in Verbindung mit der
kognitiven Entwicklung.
2.1.3 Nativismus
Noam Chomsky erklärte den behavoristischen Ansatz für ungültig, da ,,die Theo-
rie der Imitation [...] heute nicht mehr gestützt [wird], da kaum ein Satz sich je
exakt wiederhole und Kinder folglich auch Sprachformen verwenden, die sie von
Erwachsenen so nicht gehört haben."
19
Chomsky definiert als notwendige genetische Anlagen für den Spracherwerb die
sogenannte ,,Universalgrammatik". ,,Sie ist ein System von Prinzipien, die mit
Hilfe von Parametern auf die konkreten Sprachen bezogen werden."
20
Diese
angeborene Eigenschaft beinhaltet ,,hochabstraktes universelles, also für alle
Sprachen geltendes, Wissen".
21
Chomsky geht davon aus, dass alle Kinder ,,die-
15
Ebenda.
16
Ebenda.
17
Hüllen und Jung 1979, S.93.
18
Ebenda.
19
Miller et. al. 2014, S. 247.
20
Bartschat, Brigitte (1996): Methoden der Sprachwissenschaft. Von Hermann Paul bis Noam
Chomsky. Berlin: Schmidt. S.185.
21
Miller et. al. 2014, S. 247.

Sprache
8
selben genetisch bedingten Begrenzungen"
22
in Bezug auf den Grammatikerwerb
besitzen.
,,Die genetische Vorgabe erklärt dann auch, weshalb der Erstspracherwerb
an einen bestimmten Reifungsgrad geknüpft ist, wodurch (ältere) ,Wolfs-
kinder`
23
nicht mehr sprechen lernen, Erwachsene eine zweite Sprache an-
ders erlernen als Kinder und diese mit Akzent sprechen u.a.m. Er betont,
es wäre absurd anzunehmen, allein das, was man bei der Geburt hat bzw.
sieht, sei genetisch bedingt, weitaus mehr als dies sei zu berücksichti-
gen."
24
Laut Chomsky ist der Spracherwerb zusammenfassend eine ,,Ableitung aus vor-
gegebenen Prinzipien und Parametern."
25
Diese Prinzipien und Parameter befähi-
gen das Kind dazu, notwendige Informationen herauszufiltern, die es zum Aufbau
weiterer Regeln benötigt. ,,Nach Chomsky ist der sprachliche Input, dem Kinder
ausgesetzt sind, ohne solche inhärenten Mechanismen nicht ausreichend, um das
vollständige Regelwerk einer Sprache zu erwerben."
26
Grundlegend für den Nati-
vismus ist also das angeborene Wissen über die Grundstruktur der Sprache.
Diese Ausführungen erlauben es nun, sich im folgenden Kapitel den Grundzügen
des kindlichen Spracherwerbs zu widmen und herauszustellen, welcher Chronolo-
gie der Erwerb folgt.
22
Ebenda.
23
Siehe hierzu auch Kapitel 3.1.
24
Bartschat 1996, S. 185.
25
Miller et. al. S. 247.
26
Ebenda.

Die Grundzüge des kindlichen Spracherwerbs
9
3
Die Grundzüge des kindlichen Spracherwerbs
Die Sprache ist eine angeborene Fähigkeit, die über viele Jahre hinweg an Reife
und Möglichkeiten gewinnt. Bereits im Mutterleib reagieren Babys auf sprachli-
che Reize von außen. Dabei rückt vor allem die Sprache der Mutter in den Vor-
dergrund, denn die Stimme der Mutter bietet dem Kind etwas Vertrautes. Man
kann also sagen, dass auch der Primärspracherwerb durch gewisse Vorgaben
,,gesteuert" wird. Folgende Steuerungsfaktoren beeinflussen den Primärspracher-
werb: die Anregungen, Vorgaben und Korrekturen, die die Personen des sozialen
Umfelds tätigen, wie beispielsweise die Mutter, sowie auch die Sprachfähigkeiten
und Sprachgewohnheiten der Personen, die in der Umgebung des Kindes leben.
27
Dass die Entwicklung der sprachlichen Fähigkeiten bereits vor der Geburt be-
ginnt, lässt sich daran erkennen, dass sich Kinder, die wenige Tage alt sind, schon
zu sprachlichen Reizen hinwenden.
28
Bereits Säuglinge sind demnach dazu fähig,
Unterschiede zwischen einzelnen Lauten wahrzunehmen.
29
Es findet eine katego-
riale Lautwahrnehmung statt. ,,Mit dem Begriff der kategorialen Lautwahrneh-
mung wird darauf verwiesen, dass kontinuierliche akustische Signale von Hörern
in abgegrenzte Lautkategorien unterteilt werden."
30
Säuglinge sind beispielsweise
bereits im ersten Lebensmonat dazu in der Lage, stimmlose und stimmhafte Laute
zu unterscheiden. Auch die unterschiedlichen Artikulationsorte können bereits in
diesem Alter kategorial unterteilt werden.
31
Schon im Mutterleib werden dement-
sprechend die ersten Fähigkeiten bezüglich der späteren Sprache erworben. Wie
der weitere Erwerb der sprachlichen Fähigkeiten in seinen Grundzügen verläuft,
wird in den folgenden Kapiteln dargestellt und erläutert. Dabei ist zu beachten,
dass die Sprache in unterschiedlichen Phasen erworben wird, die in dieser Arbeit
lediglich in Grundzügen angesprochen und erläutert werden. Es wird gezeigt,
27
Vgl. Hüllen und Jung 1979, S. 23.
28
Vgl.Fritz, Gerd; Gloning, Thomas; Kilian, Jörg (Hrsg.) (2012): Kindlicher Spracherwerb im
Deutschen. Verläufe, Forschungsmethoden, Erklärungsansätze. Berlin: de Gruyter (Germanisti-
sche Arbeitshefte, 45). S.23.
29
Vgl. Ebenda.
30
Fritz et al. 2012, S.24
31
Vgl. Fritz et al. 2012, S. 234.

Die Grundzüge des kindlichen Spracherwerbs
10
welcher Chronologie der Spracherwerb folgt, um im Erwachsenenalter pragmati-
sche Fähigkeiten zu erlangen, die es dem Individuum ermöglichen, kommunikati-
ve Situationen zu meistern und mit anderen Individuen in den Austausch zu tre-
ten. Grundlegend zu erwähnen ist hierbei, dass der Primärspracherwerb themati-
siert wird.
,,Der Primärspracherwerb ist ein natürlicher Prozeß [sic!], der ohne ge-
zielten Einfluss von außen zu einem bestimmten Zeitpunkt beginnt, in
Phasen abläuft und zu einem bestimmten Zeitpunkt mit einem im großen
und ganzen [sic!] vorhersehbaren Ergebnis endet."
32
Zusätzlich ist der Primärspracherwerb auch ein integrierter Prozess, ,,insofern er
untrennbar mit der körperlichen und seelischen Reifung des Kindes und seiner
Sozialisation einhergeht."
33
Dabei können beispielsweise die sprachlichen Äuße-
rungen als Indikator für die seelische oder die soziale Entwicklung genutzt wer-
den. ,,Der Primärspracherwerb ist insofern ein komplex-kommunikativer Prozeß
[sic!], als das Kind in ihm nicht nur zu verstehen und zu sprechen, sondern sich
insgesamt kommunikativ zu verhalten lernt."
34
3.1 Primärspracherwerb vs. Fremdsprachenerwerb
Wie bereits erwähnt, dienen die folgenden Kapitel dazu, die Entwicklung der
Erstsprache darzustellen und diese zu erklären. Außerdem wird thematisiert, wie
es dazu kommen kann, dass diese Sprache wieder verloren wird. Dabei ist es
wichtig, den Primärspracherwerb vom Fremdspracherwerb abzugrenzen und zu
verdeutlichen, dass der Primärspracherwerb andere Funktionen erfüllt als der
Erwerb einer Fremdsprache. Es ist zunächst grundlegend festzuhalten, dass der
Primärspracherwerb natürlich verläuft, während der Fremdspracherwerb gesteuert
wird.
I.
,,Zum natürlichen Spracherwerb gehört die Fähigkeit zur Imitation. Alle
Theorien stimmen darin überein, daß [sic!] hierüber der erste Kontakt zur
32
Hüllen und Jung 1979, S.20.
33
Ebenda.
34
Hüllen und Jung 1979, S.22.

Die Grundzüge des kindlichen Spracherwerbs
11
sprachlichen Realität gewonnen wird."
35
Bei dem Erwerb der Fremdspra-
che hingegen kann nicht von gleicher Imitation gesprochen werden, da in
diesem Fall bereits eine Auseinandersetzung mit dem vorhandenen
Sprachbesitz stattgefunden hat.
II.
,,Zum natürlichen Spracherwerb gehört die Fähigkeit zum Strukturieren. In
diesem Bereich sind Übereinstimmungen zwischen Erst- und Fremd-
spracherwerb wahrscheinlich. [...] Mit Sicherheit werden beim natürlichen
Spracherwerb allgemeine Strukturierungsfähigkeiten entwickelt, die auf
jede Sprache projizierbar sind."
36
III.
,,Zum natürlichen Spracherwerb gehört die Fähigkeit zum Trainieren. Sie
scheint hier angeboren und selbstverständlich zu sein, muß [sic!] jedoch
beim gesteuerten Fremdspracherwerb eigens auf die Lernsituation hin
entwickelt und erworben werden."
37
IV.
,,Zum natürlichen Spracherwerb gehört die Fähigkeit zum Explizieren.
Damit sind kognitive Leistungen gemeint, die partnerbezogenes Sprechen
ermöglichen [...]".
38
V.
,,Zum natürlichen Spracherwerb gehört die Fähigkeit zum Agieren. Damit
ist das Vermögen angesprochen, die sozialen Bedingungen der Kommuni-
kation zu erkennen und mitzugestalten."
39
Natürlich bauen die fünf zuvor genannten Fähigkeiten alle aufeinander auf. All
diese Fähigkeiten sind auch in den Fremdspracherwerb inkludiert, allerdings wird
in diesem Fall lediglich auf die bereits erlernten Fähigkeiten zurückgegriffen, die
durch den Primärspracherwerb schon veranlagt sind. Das wiederum stärkt das
Gedächtnis, weshalb der Erwerb von Fremdsprachen die kognitiven Fähigkeiten
bis ins hohe Alter erhalten und fördern kann.
35
Hüllen und Jung 1979, S.57.
36
Ebenda.
37
Ebenda.
38
Ebenda.
39
Ebenda.
Ende der Leseprobe aus 69 Seiten

Details

Titel
Kindlicher Spracherwerb und Sprachverlust bei Alzheimer-Demenz
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
2,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
69
Katalognummer
V371034
ISBN (eBook)
9783668530157
ISBN (Buch)
9783668530164
Dateigröße
1327 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alzheimer, Demenz, Spracherwerb, Kinder, Maxime, Examensarbeit, Sprachverlust, Linguistik, Germanistik, Deutsch, Lehramt
Arbeit zitieren
Anna Zantopp (Autor), 2016, Kindlicher Spracherwerb und Sprachverlust bei Alzheimer-Demenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371034

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