Ästhetik des Hässlichen und Kranken in Gottfried Benns Gedicht "Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke"


Hausarbeit, 2017
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Ästhetik-Begriff
2.1. Ästhetik-Begriff im Expressionismus

3. Gottfried Benns Mann und Frau gehn durch die
Krebsbaracke

3.1. Form und Aufbau
3.2. Inhalt
3.3. „Komm, hebe ruhig diese Decke auf“
3.4. Naturalismus – Antinaturalismus

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang

1. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit wird auf die ‚Ästhetik des Hässlichen‘ im Frühexpressionismus anhand eines exemplarischen Gedichts von Gottfried Benns eingegangen. Bei der Betrachtung des Ästhetik-Begriffs in seinem literaturhistorischen Kontext, fällt auf, dass im Verlauf der Geschichte immer wieder die ‚Ästhetik‘ den Anlass zu zahlreichen literarischen, künstlerischen und philosophischen Texte gab. Der Inhalt dieser Hausarbeit fokussiert primär der Ästhetik des Hässlichen in Benns Gedicht Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke (A1)[1]. Dabei wird das Gedicht auf seine formalen und inhaltlichen Merkmale untersucht, die zentralen Motive der Krankheit, des Zerfalls und der Sexualität herausgearbeitet und versucht die Frage nach der speziellen Ästhetik des Hässlichen in Benns Werk zu beantworten. Abschließend wird auf die expressionistischen Merkmale des Gedichts eingegangen um dieses vom Naturalismus abgrenzen.

2. Der Ästhetik-Begriff

Schon in den antiken Dramen und Erzählungen herrschte eine genaue Vorstellung davon, was Ästhetik zu sein hatte. Diese Vorstellungen hatten sich in den folgenden Jahrhunderten bis weit ins 18. Jahrhundert kaum gewandelt. Literatur und insbesondere die Poesie, die als ‚schöne Literatur‘ galt, hatte auch formal, inhaltlich sowie sprachlich dem Qualitätskriterium der Schönheit zu genügen. Während die Ästhetik-Vorstellung der Komödie nicht allzu große Probleme bereitete, da sie das Hässliche unter dem Deckmantel des Komischen betrachtete, stellte die Tragödie die Dichter und Schriftsteller im 18. Jahrhundert vor eine Herausforderung. Der Frage, wie der ästhetische Anspruch der Zeit trotz Todschlägen, Vater- und Kindermördern, Blutschanden und Kriege in der Tragödie[2] (bzw. Trauerspiel) gewahrt werden konnte, widmete sich Johann Christoph Gottsched, als er 1733 die dramaturgische Umsetzung des Cato-Selbstmords in seinem Drama Sterbender Cato begründete:[3]

„Es ließ sich aber diese Todesart des Cato deswegen nicht so, wie sie gewesen, vorstellen: Weil sie sich auf der Schaubühne unmöglich zeigen ließ. Wie hätte man das schreckliche Spektakel ertragen können, daß ein Mann seinen Bauch mit eigenen Händen aufreißt und das Eingeweide herauszerret […]. [Die Darstellung des Sterbens ohne Blutvergießen] wäre bei diesem wahren Catonischen Tode nicht möglich gewesen. Vielmehr würde sein Selbstmord dadurch so abscheulich geworden sein, als wenn Medea ihre Kinder vor den Augen der Zuschauer ermordet oder Atreus Menschenfleisch auf der Schaubühne gesotten und dem Thyestes zu essen vorgesetzt hätte. Beides aber verbietet uns Horaz:[4]

Medea darf den Mord an ihrer Leibesfrucht

Nicht öffentlich begehn. Des Atreus Eifersucht

Giebt dem Thyestes zwar das Fleisch gekochter Knaben;

Doch darf man Topf und Herd nicht selbst gesehen haben;

Wo sie gesotten sind. Verwandelt Progne sich,

Wird Kadmus eine Schlang; alsdann bediene dich

Der Freyheit nimmermehr, dergleichen sehn zu lassen:

Ich glaub es wahrlich nicht, und werd es ewig hassen.“[5]

Dass sich Gottsched zu Beginn des 18. Jahrhunderts noch immer an antike Normen und die horazischen Regeln „für die Darstellung des Schrecklichen, Gräßlichen und Abscheulichen auf der Bühne“[6] bezieht, gibt uns eine Vorstellung des Kunstverständnisses zu dieser Zeit, welches „tendenziell auf die ganze Kunst ausgedehnt und eher verschärft als gemildert“[7] wurde. Die Grundlage für eine Ästhetik des Hässlichen schuf Anfang des 19. Jahrhunderts die veränderte Maxime, dass den Künsten nun „zugestanden oder abverlangt wurde, „interessant“ zu sein“[8] und die Leitdifferenz „schön/ häßlich“[9] durch die Kriterien „interessant/uninteressant“[10] erweitert wurden. Schließlich war es auch Charles Baudelaires Gedichtsammlung Les Fleurs du Mal /Die Blumen des Bösen (1857), welche:

„es erlaubte, das Häßliche und Widerwärtige nicht mehr nur in funktionalem Sinn (als Kontrastprinzip und Steigerungsmittel des Schönen) eingeschränkt positiv zu werten, sondern es als eigenwertiges Faszinosum anzuerkennen und zu genießen […]. Mit ihr wurde jene Periode der Geschichte des Häßlichen eröffnet, […] insofern sie die früheren Bedenken gegenüber dem Häßlichen vollends abstreifte und das Häßliche, Widerwärtige, Ekelhafte mehr oder minder vorbehaltlos als Gegenstand der Kunst anerkannte, ja geradezu als ihr Echtheitssiegel betrachtete.“[11]

2.1. Ästhetik-Begriff im Expressionismus

Die Konstituierung des Interessanten verhalf auch den jungen Künstlern des Expressionismus, die „an der klassischen Antike orientiere Ästhetik“[12] nach französischem Vorbild abzustreifen, und zu zerschlagen. Das Wesen und Ziel von Kunst sollte nicht länger mehr eine schmückende und verschönernde Funktion innehaben, sondern vielmehr etwas demonstrieren und teilweise auch nicht mehr als das.[13]. In den Kunstrichtungen der Jahrhundertwende wurde mehrfach betont, dass „die Künste nicht dem Schönen zustreben“. [14] Sie sollte etwas zum Vorschein bringen, vorgestalten, die „blutreiche Alltäglichkeit“[15] offenlegen. Statt wie beispielweise in der Komödie unter dem Vorwand des Komischen oder in der Romantik nur unter dem des Schrecklichen und Schaurigen, brachen die Expressionisten gänzlich mit den ästhetischen Traditionen und bezogen das Hässliche ausnahmslos in ihre Kunst mit ein und proklamierten es zum Teil des Ganzen. Wenngleich das Hässliche partiell noch immer als ein Verstoß gegen das Schöne angesehen wurde, erfuhr es im Expressionismus eine erhebliche ästhetische Aufwertung bei einer zeitgleichen entästhetisierten Kunst.[16]

3. Gottfried Benns Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke

Das Gedicht Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke ist eines der früheren Werke Gottfried Benns und ist eines der im Morgue -Zyklus erschienenen Gedichte, welcher noch in seinem Erscheinungsjahr als die „Sensation des Jahres 1912“[17] betitelt wurde. Fast alle Gedichte des Zyklus sind in einem medizinischen Umfeld zu verorten. Der Morgue-Zyklus hob sich vorwiegend durch seine auffallend provokanten Themen wie Krankheit, Zerfall, Tod und Fleischlichkeit von der Lyrik seiner Zeit ab. In einem sachlichen, nüchternen Duktus, rückt er das Hässliche in der „spezifischen Gestalt des Menschen und seiner Fleischlichkeit“[18] in das Zentrum seiner Werke und beschreibt die körperlichen Zustände der Menschen in der Krebsbaracke. In der Fachliteratur wurde Benns Morgue-Zyklus insbesondere im Hinblick auf die Ästhetik des Hässlichen immer wieder gerne zu Analysezwecken herangezogen.

3.1. Form und Aufbau

Das Gedicht Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke verzichtet vollständig auf Reime und wirkt in seiner metrischen Gestaltung zunächst prosaisch und schlicht. Vorwiegend besteht der Text aus aneinander gereihten Parataxen, welche sich auf zwei oder mehr Verse verteilen, jedoch ohne die einzelnen Syntagmen dabei zu zertrennen[19]. Zudem tragen auch die weitestgehend normale Syntax und der parallele Auslauf von Vers und Satz zu einer alltagsprachlichen Lesart des Gedichts bei.[20] [21] Insgesamt besitzt das Gedicht sieben Strophen. Bis auf zwei Vierzeiler bestehen die Strophen aus drei Versen.

Das umgangssprachlich verkürzte „gehn“ im Titel weist auf die Einhaltung eines fünf-hebigen Trochäus hin, welcher bei dem ausgeschrieben Verb „gehen“ gestört werden würde. Worte der außersprachlichen Redesituation, wie die Imperative „Hier" (u.a. V12) „Komm" (V5, V9) und „Fühl" (V11), sowie die Betonung der bedeutungstragende Lexeme wie „Bett" (V4), „wäscht" (V21) oder „Saft" (V24) verleihen den sonst auftaktig alternierenden Blankverse einen deutlichen semantischen Akzent.[22] Der Versuch, das Gedicht mit klassischen, metrischen Mitteln der Lyrik zu bezwingen, scheitert an diesen sinnbetonten Auftakten. Rein formal sprengt das für die Lyrik ungewohnte Thema somit auch die traditionellen Darstellungskonventionen. Die Metrik verweigert sich zwar einer lyrischen Regelmäßigkeit, aber dennoch verweist „noch nichts auf den rauschhaften Sprachduktus […] oder die Zertrümmerung der Syntax“[23] hin, welche in Benns späteren Werken zu finden sind.

Der Titel gibt zum einen das Thema des Gedichts wieder und kennzeichnet bereits im Vorfeld die Akteure (Mann und Frau) sowie den ungewöhnlichen Schauplatz: Die Krebsbaracke. Obwohl die dramaturgisch anmutende Sprechermarkierung („Der Mann:“ (V1)) einen Dialog erwarten lässt, bleibt es bei einer monologischen Gesprächsführung des Mannes. Es ist anzunehmen, dass es sich bei der mit „du“ (V10) Angesprochenen um die im Titel erwähnte Frau handelt, welche die Empfängerin der Erläuterungen des Mannes ist, jedoch selbst eine passive Zuhörerin bleibt.[24] Strophenanfänge, die sich entlang des Gedichtes immer wieder wiederholen („Hier“ (u.a. V12), „Komm“ (V5, V9)) geben dem Gang entlang der Krebsbaracke und zugleich den Fortverlauf der Krankheit etwas Unausweichliches, was im letzen Vers metaphorisch mit „Erde ruft“ (V24) besiegelt wird.

Die „formale Minimalbedingung“[25] um als Gedicht zu gelten, erfüllt der Text jedoch allemal, da er deutlich erkennbar in Verse gebrochen ist.[26]

3.2. Inhalt

Inhaltlich ist einerseits das Verhältnis der im Gedicht erwähnten Akteure zu betrachten. Anderseits bieten die Motive Krankheit, Zerfall, Wahrheit und Sexualität ein hohes Potential an hässlicher Ästhetik, welche ebenfalls zu untersuchen sind.

Die Rollensituation von „Mann und Frau“ (A1) ist nicht ganz eindeutig und es bleibt ungeklärt, ob es sich bei der Frau um eine Kollegin, Medizinstudentin, Patientin oder seine Partnerin handelt. Durch das Expertenwissen des Mannes sowie durch seine Kenntnisse über die Kranken und seinen direkten Zugang zu den Patienten in der Krebsbaracke, liegt es nahe, den Mann als Arzt oder zumindest als ein sachkundiger Kenner der Krankheit zu identifizieren. Da die weiteren Gedichte des Morgue-Zyklus ebenfalls durch die Rollenfigur des Pathologen bestimmt werden ist diese Annahme durchaus wahrscheinlich.

Die Sprache des Mannes ist sachlich und distanziert. Lediglich in hyperbolischen Vergleichen wie: „Hier diese blutet wie aus dreißig Leibern“ (V12), ,,[w]ie man Bänke wäscht" (V24) oder in der Metapher: „Hier schwillt der Acker schon um jedes Bett“ (V22) erfolgt eine Steigerung und Subjektivierung des Ausdrucks.[27]

Das Motiv der Krankheit stellt gewiss eines der Hauptmotive in Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke dar. Sicherlich ist es an dieser Stelle sinnvoll, Benns Tätigkeit als Arzt zu erwähnen, da diese Berufswahl eine Faszination für medizinische Inhalte bzw. für den menschlichen Organismus vermuten lässt.[28] In seinem Gedicht Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke nähert sich Benn dem Menschen durch dessen Körperlichkeit. Getrennt von der Persönlichkeit wird der Körper lediglich hinsichtlich seiner Fleischlichkeit betrachtet und durch seine anatomischen Einzelteile bzw. seinen „Funktionen und Sekretionen“[29] dargestellt.[30] „Fleisch“ (V11), „Fett“ (V6) „faule Säfte“ (V6) und auch der angedeutete Gestank werden dabei zu Synonymen des Körpers.[31] Zudem rücken die verwendeten Metaphern der Krebserkrankungen („zerfallene Schöße“ (V2), „zerfallene Brust“ (V3)) das Hässliche- und Kranke-Moment des Gedichts zusätzlich in den Vordergrund. Der lediglich auf seine Säfte und Gerüche reduzierte Mensch evoziert Ekel und Ablehnung und wird letztlich vollends seinem Körper beraubt, wenn dieser im ersten Vers durch personifizierte Betten („Bett stinkt bei Bett“ (V4)) entfremdet wird. Benn löst damit das Individuum völlig auf und setzt den Menschen und das, was dessen Leben ausmacht („Rausch und Heimat“ (V8)) auf leblose Bettreihen, Krankheiten und Symptome herab. Astrid Gehlhoff-Claes beschrieb Benn expressionistisches Kunstfertigkeit dabei wie folgt:

„Die Reduktion der Person auf stichwortartige hervor getriebene Einzelheiten, bezeichnenderweise körperliche Mißbildungen oder Symptome physischen Zerfalls, ist ein metaphorisches Lieblingsverfahren Benns […]“[32]

Die Krebserkrankung in dem Gedicht scheint unheilbar und der Krankheitsverlauf unausweichlich zu sein, was u.a. die Metapher „Hier schwillt der Acker schon um jedes Bett“ (V22) unmissverständlich aufzeigt. Die Schwere der Krebserkrankungen fordert schließlich auch das Motiv des körperlichen Zerfalls, welches unter anderem durch die zer- und ver- Präfixe „zerfallene“(V2, V3) und „verkrebst“ (V15) verdeutlicht wird. Der Mensch wird Gleichbedeutend für eklige Fäulnisvorgänge und krankhafte Auswüchse verwendet, er wird quasi selbst zu einer Personifikation der Deformation.[33] Dieser Effekt wird durch Vergleiche und Metaphern in Benns Gedicht zusätzlich verstärkt. Während diese Stilmittel traditionell auf eine positive, poetische Wirkungskraft abzielen, werden sie hier zur Verstärkung unbequemer und hässlicher Inhalte eingesetzt.

Im Gegensatz zum Naturalismus haben die Expressionisten nicht den Anspruch ein möglichst wirklichkeitsgetreues Abbild der Realität zu schaffen. Auch handelt es sich bei dem expressionistischen Aufzeigen von Zerfall und Tod um kein barockes Memento-mori-Motiv mit Appell-Funktion. Die Wirklichkeit der frühen Expressionisten war noch immer stark geprägt von den wilhelminische Normen und Konventionen der Jahrhundertwende sowie einem philisterhafte Bürgertum.[34]

„Kunst wurde ganz nach ästhetischem, Leben ganz nach statistisch materiellem Maß gemessen.[…] man fühlte immer deutlicher die Unmöglichkeit einer Menschheit, die sich ganz und gar abhängig gemacht hatte von ihrer eigenen Schöpfung, von ihrer Wissenschaft, von Technik, Statistik, Handel und Industrie, von einer erstarrten Gemeinschaftsordnung, bourgeoisen und konventionellen Bräuchen.“[35]

Das Hässliche in der Lyrik der Expressionisten wurde daher nicht nur als eine Provokation des veralteten Ästhetik-Begriffs gedacht, sondern wurde als eine als Waffe „in dem Kampf gegen eine unmenschlich gewordene Zivilisation“[36] eingesetzt. Dabei ist das Hässlichkeit-Postulat der Expressionisten eng mit der immer wiederkehrenden Forderung nach einem ‚neuen Menschen‘ verbunden.[37] Auch in Benns Darstellungen des Hässlichen lässt sich eine Ablehnung der damaligen Realität und Wirklichkeit ablesen. Das Hässliche fungiert als ein Mittel im Kampf gegen die hässlich gewordene Wirklichkeit und unterstützt sein Bestreben, „eine tiefere Sicht der Wirklichkeit freizugeben“.[38]

Durch seine extrem medizinischen Herangehensweise und der damit verbundenen, ‚hässlichen Sprache‘ zerstört Benn die schöne Fassade der vorhandenen Wirklichkeit und überschreitet die Grenze der herrschenden Ästhetik-Normen mit dem Ziel eine neue, wahrhafte Wirklichkeit offenzulegen.[39] Die Verdrossenheit der Expressionisten sowie die tendenziell apokalyptische Forderung nach einer neuen Ordnung, einer neuen Kultur und eines neuen Menschen wird durch Kurt Pinthus in seiner „Menschheitsdämmerung“ zusammengefasst:

„Aus der strotzenden Blüte der Zivilisation stank ihnen der Hauch des Verfalls entgegen, und ihre ahnenden Augen sehen bereits als Ruinen eine wesenlos aufgedunsene Kultur und eine ganz auf dem Mechanischen und Konventionellen aufgetürmte Menschheitsordnung. Ein ungeheurer Schmerz, schwoll empor – […] Benn höhnte die faulende Abgebrauchtheit des Kadavermenschen und pries die ungebrochenen Ur-Instinkte […]. Der wirkliche Kampf gegen die Wirklichkeit hatte begonnen mit jenen furchtbaren Ausbrüchen, die zugleich die Welt vernichten und eine neue Welt aus dem Menschen heraus schaffen sollten. Man versucht, das Menschliche im Menschen zu erkennen, zu retten und zu erwecken.“[40]

In Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke wird dieser Kampf weder kriegerisch noch aggressiv dargestellt. Es findet sich auch „kein Finale mit Posaunen und Fagott“[41]. Die menschliche Wirklichkeit geht aus sich selbst heraus zugrunde; leise und langsam setzen Zerfalls- und Fäulnisvorgänge ein, welche „auch die Fassaden bürgerlicherer Gesundheit wie feuchte Schimmelbildung durchziehen„[42].Dabei wird die „Zersetzung […] nicht nur hingenommen, sie wird mit Lust genossen und gewollt“[43]. Die von Menschenhand gestaltete Wirklichkeit und ihre „Unantastbarkeit des Logischen“[44], ihr „cognito ergo sum“[45] ist durch sich selbst entstanden und zerbricht auch an sich selbst. Das ‚Ich‘ zerfällt. Durch die Zerschlagung der Wirklichkeit wird die menschliche Hybris wird tief schürfend desillusioniert.

Somit stellt das Hässliche und Kranke nicht nur eine Provokation dar, die schocken und Emotionen auslösen soll. Oft bedarf es des Hässlichen als „einen Durchgangspunkt in der Erscheinung der Idee“[46]. Das Unschöne und Fleischliche relativiert alles aus dem Bewusstsein entstandene und öffnet eine Pforte zu Benns ideologischer Weltanschauung:[47]

„Nicht nur der bewusst entschiedene Bruch des Menschen mit der empirischen Welt als Realitätsleugnung, sondern die innerpsychische Destruktion von Wirklichkeit, der Wirklichkeitszerfall und die Depersonalisation schaffen die schöpferischen Bedingungen für die Zusammenhangsdurchstoßung und die seltenen Stunden mystischer Partizipation.“[48]

[...]


[1] Das Gedicht ist im Anhang (A1) beigefügt. Das Werk, aus welchem dieses entnommen wurde ist im Literaturverzeichnis als Primärliteratur aufgeführt.

[2] Vgl. Kiesel, Helmut: Geschichte der literarischen Moderne. Sprache . Ästhetik . Dichtung im zwanzigsten Jahrhundert. München 2004, S. 99.

[3] Gottsched, Johann Christoph: Anhang. Auszüge aus der zeitgenössischen Diskussion über Gottscheds Drama. In: Sterbender Cato. Ditzingen 2015, S.111 f..

[4] Ebd., S.111 f..

[5] Ebd., S.112, Anm. 20.

[6] Kiesel: literarische Moderne, S. 100.

[7] Ebd., S. 100.

[8] Ebd., S. 100.

[9] Ebd., S. 101.

[10] Ebd., S. 101.

[11] Kiesel: literarische Moderne, S.102.

[12] Eykman, Christoph: Die Funktion des Häßlichen in der Lyrik Georg Heyms, Georg Trakls und Gottfried Benns. Zur Krise der Wirklichkeitserfahrung im deutschen Expressionismus. Bonn 31985, S. 111.

[13] Vgl. Eykman: Die Funktion des Häßlichen, S. 110.

[14] Ebd., S. 109f..

[15] Ebd. S. 109f..

[16] Vgl. Kiesel: literarische Moderne, S. 101f..

[17] Delabar, Walter: Inversion des Begehrens. Gottfried Benns Morgue. In: Gottfried Benn (1886—1956). Studien zum Werk. Hg.v. Walter Delabar, Ursula Kocher. Bielefeld 2007 (Bd. 2), S. 14.

[18] Eykman: Funktion des Häßlichen, S. 136.

[19] glattes Enjambement.

[20] Vgl. Gehlhoff-Claes, Astrid: Der lyrische Sprachstil Gottfried Benns. Düsseldorf 2003, S. 75.

[21] Eykman: Funktion des Häßlichen, S. 141.

[22] Hanna, Christian M.: Morgue und andere Gedichte (1912). In: Benn Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hg. v. Christian M. Hanna, Friederike Reents, Stuttgart 2016, S. 78.

[23] Ebd., S. 78.

[24] Vgl. ebd., S. 79.

[25] Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtsanalyse. Stuttgart 32015, S. 63.

[26] Vgl. ebd., S. 63.

[27] Vgl. Gehlhoff-Claes: Der lyrische Sprachstil, S. 30.

[28] Vgl. ebd., S. 27.

[29] Ebd., S. 28.

[30] Vgl. ebd., S. 27f.

[31] Selbstverständlich bringt solch ein menschlicher Zerfall auch eine Verhässlichung mit sich.

[32] Gehlhoff-Claes: Der lyrische Sprachstil, S. 72.

[33] Vgl. ebd., S. 31.

[34] Christoph Eykman geht in seinem Werk „Die Funktion des Häßlichen“ nochmals verstärkt auf Benns Empfindung der Wirklichkeit als ein „Bewußtseinsprodukt“ der Menschheit und kritisierte die „fortschreitenden Verhirnung“ der Gesellschaft. (Eykman S. 116).

[35] Pinthus, Kurt: Menschheitsdämmerung. Berlin 2016, S. 26.

[36] Eykman: Funktion des Häßlichen, S. 131.

[37] Gann, Thomas: Gehirn u. Züchtung. Gottfried Benns psychiatrische Poetik 1910-1933/34. Bielefeld 2007, .S. 22.

[38] Gehlhoff-Claes: Der lyrische Sprachstil, S. 28.

[39] Vgl. ebd., S. 27.

[40] Pinthus: Menschheitsdämmerung, S. 27.

[41] Der Ptolemäer, S. 103.

[42] Gehlhoff-Claes: Der lyrische Sprachstil, S. 23.

[43] Ebd., S.26.

[44] Vgl. Benn, Gottfried.: Doppelleben. Wiesbaden 1950, S. 31 f..

[45] Vgl. ebd., S. 31 f..

[46] Rosenkranz, Karl: Ästhetik des Häßlichen. Ditzingen 2015, S.13.

[47] Vgl. Eykman: Funktion des Häßlichen, S. 264.

[48] Reddmann, Ralf: Leben und Geist. Gottfried Benn im Spannungsfeld von Kunstautonomie und Autonomieästhetik. Marburg 2010 (Bd. 5), S. 19.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Ästhetik des Hässlichen und Kranken in Gottfried Benns Gedicht "Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke"
Hochschule
Universität Stuttgart
Veranstaltung
Literarischer Expressionismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V371122
ISBN (eBook)
9783668495975
ISBN (Buch)
9783668495982
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
negative Ästhetik, Ästhetik des Hässlichen, Gottfried Benn, literarischer Expressionismus
Arbeit zitieren
Marie-Christine Bechtel (Autor), 2017, Ästhetik des Hässlichen und Kranken in Gottfried Benns Gedicht "Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371122

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