Street Ghosts. Zwischen Street Art und Medienkunst

Ein Diskurs zu den Unterschieden und Gemeinsamkeiten der Stile und Techniken am Beispiel von Paolo Cirio.


Hausarbeit, 2017
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit
1.2.1 Definition „Street Art“
1.2.2 Definition „Medienkunst“
1.2.3 Definition „Street Ghosts“

2. Projektanalyse
2.1 Street Ghosts als Street Art
2.2 Street Ghosts als Medienkunst
2.3 Einordnung: Street Art oder Medienkunst?
2.4 Paolo Cirio als Konzeptkünstler

3. Fazit
3.1 Zusammenfassung und Ausblick

4. Anhang
4.1 Literaturverzeichnis (nach Erscheinen)
4.2 Abbildungsverzeichnis (nach Erscheinen)

“ s the publicly accessible pictures are of individuals taken

without their permission, I reversed the act: I took the pictures of individuals without Google’s permission and posted them on public walls. In doing so, I highlight the viability of this sort of medium as an artistic material ready to comment and shake our society. ”

Auszug aus artist's statement von Paolo Cirio. 15. September 2012, New York.

1. Einleitung

1.1 Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit

Die Bearbeitung der Themenstellung ist in drei Bereiche gegliedert. Zunächst werden „Street Art“ und „Medienkunst“ definiert und das Kunstwerk „Street Ghosts“ von Paolo Cirio wird vorgestellt. Im zweiten Teil werden diese beiden künstlerischen Richtungen mit seiner Projektarbeit in Verbindung gesetzt und es wird analysiert, ob Street Ghosts einer dieser Stile zugeordnet werden kann. Die Zuordnung erfolgt mittels typischer Merkmale für die Kunstrichtungen. Im weiteren Verlauf der Arbeit werden die analysierten Ergebnisse mit dem Künstler in Verbindung gesetzt und abschließend zusammengefasst.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In den 90er Jahren, entwickelte sich in Paris und London ein neues Phänomen. Mit Bezug auf die in den 70er Jahren in Amerika aktive Graffti-Bewegung, „zementieren, hängen oder nageln Aktivisten [...] Skulpturen in den öffentlichen Raum."[1] „Street Art“, auch „Urban-Art“ und „Post-Graffiti“ genannt, ist als Aktivität bis heute ein fester Bestandteil des Straßenbildes geworden.

Mit dem Aufruf „Reclaim the Streets - Holt Euch die Straßen zurück“ greifen die meist anonymen Künstlerinnen und Künstler den öffentlichen Raum an. Die Aufforderung ist

„Kritik an der flächendeckenden Werbung in den Städten, an einem einheitlich geordneten Erscheinungsbild und der Unisexifizierung der Städteräume.“[2]

Der Wunsch, das Straßenbild mitzugestalten, stellt sich jedoch gegen rechtliche Aspekte und wird mit Sachbeschädigung geahndet. Die sich im Untergrund bewegende Kunstszene hat es aber schon längst in offizielle Kunstinstitutionen geschafft und wird entgegen dem eigentlichen Sinne in Galerien, wie zum Beispiel der „OZM (One Zero More) Art Space Gallery für Urban Art“ in Hamburg, kommerzialisiert.

1.2.2 Definition „Medienkunst“

Der Begriff „Medienkunst“ ergibt bei einer Suchanfrage bei Google knapp 600 Millionen Aufrufe.[3] Die Beiträge, die sich hinter den einzelnen Ergebnissen verbergen, weisen unterschiedliche Ansätze, Kriterien und Definitionen des Wortes auf. Ihre Wurzeln hatte die Medienkunst schon in den 70er Jahren. Sie ist ein vielschichtiger Begriff, welcher sich einer Anzahl verschiedener Kunstformen bedient. Das Zentrum für Kunst und Medien (ZKM, Karlsruhe) hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle Kunstformen, bzw. Mediengattungen, zu präsentieren. Es ist ein Zentrum für „raumbasierte Künste wie Malerei, Fotografie und Skulptur, als auch der zeitbasierten Künste, wie Film, Video, Medienkunst, Musik, Tanz, Theater und Performance“.[4] Hier erscheint Medienkunst als eine Gattung, die alle in sich vereint. Die Street Art-Forscherin, Katja Kwastek, beschreibt Medienkunst „as an umbrella term for very different types of artistic expression“[5].

Diese umfassende Entwicklung der Medienkunst begann in den 90er Jahren. Während sie in den frühen 70er und 80er Jahren noch mit den damals neuen technischen Mitteln (Farbfernsehen, WorldWideWeb) in Verbindung stand, bezog sie sich ab ca. 1995 auf ein breiteres Feld künstlerischer Arbeiten. Heutzutage ist Medienkunst jedoch weitestgehend historisiert und wird immer seltener für aktuelle Kunst benutzt.

1.2.3 Definition „Street Ghosts“

Der italienische Künstler Paolo Cirio beschäftigt sich mit Rechts-, Wirtschafts- und Zeichensystemen. Er setzt die Rolle von Medien in der Gesellschaft, Kultur, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft künstlerisch um. 2012 kam ihm die Idee, an bestimmten Orten bei Google Street View nach Personen zu suchen, welche er anschließend lebensgroß als Poster farbig auf dünnem Papier ausdruckt, an den Konturen ausschneidet und an den exakt gleichen Ort, wie online bei Google, in der realen Welt mit Kleister an die Wand klebt.[6]

Er bringt die Personen durch Poster dorthin zurück, wo sie auch in der virtuellen Welt verewigt sind. Die Personen sind eine exakte Kopie und werden in Originalgröße an den realen Ort platziert, wo sie aufgenommen worden sind. Cirio fügt auf jedem Plakat jedoch immer an einer Seite ein kleines Goolge-Wasserzeichen ein.

Mit Street Ghosts hat Cirio ein Ready-Made („der Name Ready-Made geht auf Marcel Duchamp zurück, der seit 1913/14 Objekte des täglichen Gebrauchs aus ihrer üblichen Umgebung holte und als Kunstwerke deklarierte“[7] ) geschaffen, bei dem er die vorhandenen Informationen von Google Street View nutzt, um daraus Kunst zu machen. Cirio

verdeutlicht durch sein Kunstprojekt die Bedeutung moderner Medien als Brücke zwischen virtueller und realer Welt, sowie die alltägliche Verletzung unserer Privatsphäre durch Internet-Konzerne. Dieses Kunstwerk konfrontiert den Betrachter mit ästhetisch verpackten Daten und der Möglichkeit, dass auch sein Abbild für immer in der digitalen Welt verewigt ist.

2. Projektanalyse

2.1 Street Ghosts als Street Art

Bereits im ersten Satz des „artist’s statement“ spricht Cirio von Street Art: „[...] the bodies of people captured by Google’s Street View cameras, whose ghostly, virtual presence I marked in Street Art fashion [,..]”[8]. Er benutzt die Daten von Google Street View und bringt sie in materieller Form im Öffentlichen Raum an. Dort sind die „Geister“ nun den vorliegenden Konventionen ausgesetzt: Bildlichkeit, Öffentlichkeit und Vergänglichkeit.

Bildlichkeit

Die Entstehung von Street Art geht auf die Graffiti-Bewegung in den 60er Jahren in New York zurück. Die mit Farbspray an die Wand gesprühten Zeichen wurden immer beliebter und überfluteten nach kurzer Zeit den öffentlichen Raum.[9] Ende der 60er Jahre übermittelten Studentengruppen politische Botschaften mit sogenannten „Pochoir“ (Schablonengrafittis). Spätestens jetzt war die Ära für Street Art geboren und der neue Stil entwickelte sich bis heute zu einem ständigen Begleiter des Öffentlichen Raumes. Sie haben als großflächiges Mural (Wandbemalung), Sticker, Urban

Knitting, oder Cut-Outs ihren Weg in die Straßen gefunden.

Cirio wählt für sein Kunstprojekt die Technik Cut-Outs. Cut-Outs lassen sich in der Größe und Motiv beliebig variieren. Die späteren Abbildungen werden am Computer nach Belieben bearbeitet, ausgedruckt und ausgeschnitten und im Öffentlichen Raum zum Beispiel an einer Hausfassade mit Leim angebracht. Das Zusammenspiel aus Stadtarchitektur und Plakat entwickelt „eine ganz neue Wirkungs­und Aussagekraft - eine eigene Welt.“[10] Wenn das Cut-Out einmal an der Wand befestigt wurde, ist es nicht mehr abzulösen, ohne, dass es zerrissen wird und Reste an der Fassade zu sehen bleiben. Es beginnt mit der Architektur der Stadt eins zu werden.

Dieses Spannungsverhältnis aus Plakat und Wand bildet einen wichtigen Aspekt bei Cirio. Denn erst dann, wenn die Figuren aus Google Street View an der exakt gleichen Stelle in der Wirklichkeit angebracht und mit der Wand „verschmolzen“ sind, sind die „Geister“ aus dem Internet in die reale Welt zurückgekehrt. Daher gab Cirio seiner Kunst auch den Namen Street Ghosts. Unwillkürlich entsteht ein spannender Kontrast zwischen einer alltäglichen, robusten Steinwand und der gefrorenen Bewegung der plakatierten Person. Cirio transformiert die Personen aus dem WorldWideWeb auf Papier und transferiert sie dann in die Realität.

Cirio erreicht mit der Bildlichkeit bei Street Art, viele Zuschauer. Street Art-Künstler werben für sich selbst, eine Einstellung oder einen bestimmten Gedanken. Daher soll das Kunstwerk leicht verständlich sein. Bilder sind dabei einfacher auf einen Blick wahrzunehmen als Buchstaben. Eingängige Bilder ermöglichen Betrachtern mit unterschiedlichstem Habitus einen großen Interpretationsspielraum. Ein kunstwissenschaftliches Hintergrundwissen wird nicht vorausgesetzt. Die Street Ghosts erscheinen im Straßenbild lediglich mit einem winzigen Wasserzeichen von Google. Wenn das Plakat also wahrgenommen wird, steht dem Interpretationsspielraum nichts im Wege.

Öffentlichkeit

Street Art nutzt den Öffentlichen Raum als Medium. Jeder wird unausweichlich im Straßengeschehen mit der Kunst konfrontiert. Die Kunstwerke besetzen das Straßenbild. Diese bilden einen Gegenpol zur Kulturindustrie mit Wunsch nach Mitgestaltung der Stadt. Denn die Stadt ist ein von Menschen geschaffener, erbauter, zerstörter und erlebter Raum und soll demnach auch als Diskussionsraum genutzt werden. Die omnipräsente Werbung und gesetzliche Vorschriften machen aus dieser Idee jedoch einen „urbanen Raum [, der] durchorganisiert und funktionalistisch ist“[11]. Nach Paragraph 303 des Strafgesetzbuches ist jegliche Art urbaner Kunst Sachbeschädigung und wird „mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder mit

Geldstrafe bestraft“[12]. Die Künstler autorisieren sich selbst und greifen bewusst in das Straßenbild ein. Auch Paolo Cirio verbreitet im urbanen Raum sein Kunstwerk - illegal. Einst wurde er bei der Anbringung einer seiner Street Ghosts gefilmt - mit ständiger Ausschau nach der Polizei, um im Notfall alle Materialien zusammenzupacken und den Ort schnellstmöglich zu verlassen.[13] Eine Erlaubnis zum Anbringen der Plakate besitzt er nicht.

Erst durch Street Art wird der Öffentliche Raum zur Schnittstelle von Stadt und Kommunikation. Die meisten Bürgerinnen und Bürger sehen in Street Art oft keine Verschandelung. Dies ist aber auch abhängig von der Technik, die benutzt wird. Cut-Outs mischen sich unter die Werbung und fallen oft kaum auf. Falls doch, werden sie gerne fotografiert und in sozialen Netzwerken hochgeladen. Sucht man zum Beispiel bei „Instagram“ nach dem Hashtag „#streetghosts“, lassen sich verschiedene von Privatpersonen hochgeladene Street Ghosts entdecken. Insofern erscheinen die Geister nicht nur bei Google Street View und als Plakat, sondern auch weitere Abbilder von ihnen sind in anderen Netzwerken und auch in Museen präsent und gewinnen dadurch eine größere Publizität.

Vergänglichkeit

Cirio schafft mit den Street Ghosts eine neue Zeitebene: Die „Person x“ ist einmal an der Wand vorbeigelaufen (t1). Dabei wurde sie von dem Google Street View Auto fotografiert und ist nun für immer online an diesem Ort gefangen (t2). Dieser Prozess wäre nun eigentlich beendet. Cirio fertigt jedoch eine Kopie als Plakat der Kopie von „Person x“ an und bringt sie an den Aufnahmeort in der realen Welt zurück. Das entstandene Plakat der Person schwebt nun zwischen dem Moment, als sie an dem Ort vorbeigelaufen ist, der Zeit für die sie immer an diesem Ort im Internet zu sehen sein wird und der Zeitspanne, an der sie als Plakat an den Ort in der Wirklichkeit zurückgekommen ist (t3).

Die Vergänglichkeit von Street Art ist ein wichtiger Faktor in ihrer Kunstszene. Die Haltbarkeit von Street Art ist oft nur von kurzer Dauer. Sie lebt für den Augenblick. Ein Cut-Out wird niemals die Lebensdauer eines Gemäldes erleben. Jederzeit können sie entfernt, übermalt oder verändert werden. Cirio geht auf dieses Problem auf zweierlei Weise ein.

Einerseits ist diese Vergänglichkeit ein Bestandteil des Werkes. Die „Person x“ ist im Internet für immer vertreten. Auch wenn die Straße ein weiteres Mal von Google Street View aufgenommen wird, sind die Daten der vorherigen Aufnahmen immer gespeichert. Das Plakat greift die „unendliche Haltbarkeit“ der Person im Internet auf und verbindet sie mit dem Medium Papier, das der Kurzlebigkeit unterliegt.

Andererseits begegnet er dem Faktor Zeit, indem er seine Werke auch in Museen ausstellt. Im White Cube (In der Museumstheorie ist der White Cube eine Art „Nullform“ des Raumes: rechteckiger Raum, weiße Wände, neutrales Licht und standarisierte klimatische Bedingungen)[14] werden sie von allen möglichen Störfaktoren abgeschottet und in der Museumskartei archiviert. Sie erscheinen hier allerdings nicht in dem belebten Kontext der Stadt und der Vergänglichkeit von Street Art.

Die klassische Technik des Cut-Outs und die leichte Verständlichkeit mit großem Interpretationsspielraum sind zwei Gründe dafür, dass das Projekt Street Ghost, Street Art ist. Außerdem bringt Cirio seine Kunstwerke illegal im öffentlichen Raum an. Dabei regt er zur Kommunikation, unter anderem in sozialen Netzwerken an. Zwei weitere Eigenschaften von Street Art sind Illegalität und der Wunsch nach einer Diskussionsfläche. Sein Werk unterliegt der Vergänglichkeit. Nichtsdestotrotz muss erwähnt werden, dass die Intention Cirios für das Kunstwerk nicht ohne die Homepage[15], die Cirio eigens für das Projekt erstellt hat, funktionieren würde. Cirio kann über seine website auf seine Projekte aufmerksam machen und diese kommentieren. Darauf reagiert er aber mit einer digitalen Konservierung seines Werkes auf seiner Homepage und damit, dass er seine Werke im Museum ausstellt. Dies spricht aber vehement gegen die Idee der Street Art im öffentlichen Raum mit der Kontingenz, dass das Kunstwerk schon morgen wieder verschwunden sein könnte.

2.2 Street Ghosts als Medienkunst

Régis Debray, französischer Philosoph, Journalist und Schriftsteller, hat drei Epochen einer medientechologischen Entwicklung etabliert. Angefangen mit der „Logosphäre“ vor über 200.000 Jahren mit mündlichem Austausch und handschriftlicher Aufzeichnung, über die „Graphosphäre“, beginnend um 1410 mit der Technologie des Buchdrucks, bis hin zu „Video-/Hypersphäre“. Diese wurde mit dem Farbfernsehen 1968 eingeleitet und führte zu einer veränderten Zeitwahrnehmung. Das Moment triumphiert über die Dauer.[16] Spätestens die Mediologische Revolution (WorldWideWeb), 1992, schloss endgültig mit dem alten linearen Zeitempfinden und der lokalen Begrenzung von Wissen ab. Von dem einen zum anderen Augenblick sind die Grenzen des Ortes durch das Internet aufgehoben und Wissen erfährt eine potentiell grenzenlos und virtuell[17] kommunizierbare Welt.

Erfahrung des Raumes „Die neuen Medien verändern mit der Prägung [von] neuen Raum [,..]-Begriffen politisches Bewusstsein.“ Wie Paolo Cirio hinterfragen Künstler politische Aussagen, aktuelles Zeitgeschehen, Bilder und Formen kritisch. Der Künstler nimmt dabei die Rolle eines Vermittlers ein, der dem Betrachter ermöglicht, mit dem Kunstwerk zu interagieren und es zu diskutieren. Der Betrachter erfährt dabei eine neue ästhetische Erfahrung. Er ist nicht mehr Außenstehender, der das Kunstwerk im Museum bestaunt und seine Komposition untersucht, sondern ist selbst Teil des Werkes. Jeder kann zudem unwissentlich Street Ghost sein. Die Grenzen des Raumes und die Weite des Kunstwerkes sind im Öffentlichen Raum nicht auszumachen. „Grenzverwischungen von Kategorien wie Innen/Außen, Öffentlich/Privat oder Auditiv/Visuell“[18] stehen im Mittelpunkt von Medienkunst. Auch Ciro greift diese Verhältnisse auf. Street Ghosts sind im Öffentlichen Raum, welcher weitestgehend durch Gesetze und Vorschriften geregelt und privatisiert ist, und sind visuelle Poster von Bildern von Privatpersonen, die ohne ihre Erlaubnis veröffentlicht wurden. Es handelt sich um ästhetisch verpackte Daten. Die Daten aus dem Internet werden zu Kunst. Durch die Street Gosts werden die eigentlich immateriellen Daten erfahrbar. Die digitale[19] Welt wird greifbar. Die Street Ghosts sind sozusagen eine Brücke zwischen der analogen[20] Graphosphäre und der zeitlosen, digitalen Hypersphäre. „ Media is the interface that bridges the two worlds, and maintains a constant mutual influence between them.”[21]

Körperwahrnehmung

In allen Bereichen menschlicher Tätigkeiten wird die Veränderung der technischen Möglichkeiten diskutiert, besonders in der Kunst. Der Körper und dessen Re­Präsentation stehen dabei stets im Mittelpunkt[22]. Es stellt sich die Frage nach der Existenz des Körpers im Zeitalter technisch erzeugter Bilder.

Der individuelle Körper ist transparent geworden, jedoch keineswegs obsolet. In verschiedenen sozialen Netzwerken schafft er sich multiple Identitäten. Cirio greift dieses Phänomen auf. Seine Street Ghosts schaffen Körperabbildungen auf Postern von Körperabbildungen auf Google Street View. Neben der Identität des Menschen in der realen[23] Welt und der Identität des Selben im WorldWideWeb, hat Cirio eine dritte Identität geschaffen, welche sich zwischen der ersten und zweiten befindet. Deswegen ist diese dritte auch die, eines Geistes: „Ghostly human bodies appear as casualties of the info-war in the city [...] between corporations, governments, civilians and algorithms."[24]

Cirios Street Ghots fügen sich genau in die neue Erfahrung des Raumes und Körpers in der Video-/Hypersphäre ein. Der Betrachter ist Teil des Kunstwerkes geworden. Jeder kann als Street Ghost im Öffentlichen Raum erscheinen. Dabei wird eine neue Identität geschaffen, die in verschiedenen Realitäten existiert, im Internet und in der Wirklichkeit.

2.3 Einordnung: Street Art oder Medienkunst?

Ob Paolo Cirios Street Ghosts nun eindeutig Street Art oder Medienkunst ist, lässt sich schwer beantworten. Sein Kunstwerk hat Eigenschaften von beiden Kunststilen. Es greift auf verschiedene Techniken aus der Street Art zurück, stellt aber auch die neuen Ideen mit dem Aufkommen der Video-/Hypersphäre in den Fokus.

Auf der einen Seite nutzt Cirio bewusst den Öffentlichen Raum zum Hauptstandort seines Projektes. Viele Street Art-Künstlerinnen und Künstler drücken damit ihren Wunsch nach einer Diskussionsplattform in der Stadt aus. Als Gegenpol zur Kulturindustrie ist es eine Antwort auf die funktionalistische und durchorganisierte Stadt. Dieser hat daher auch festgelegte Grenzen, die sich in Gesetzen, wie zum Beispiel der Sachbeschädigung durch Street Art, ausdrücken. Um sein Projekt jedoch weiterhin vorstellen zu können, scheint Cirio den White Cube aufgesucht zu haben.

Aus Sicht der Medienkunst sind Grenzen aufgehoben. Der Raum ist grenzenlos geworden. Diese Grenzen beziehen sich jedoch auf den virtuellen Raum. Da der Öffentliche Raum nicht diskussionsunterstützend wirkt, dient das WorldWideWeb als Alternative. Der unbeschwerte Daten- und Meinungsaustausch bewirkt, dass der Betrachter Teil des Kunstwerkes ist und zur kritischen Hinterfragung verschiedener Themen aufgefordert wird. Dabei ist Cirio der Vermittler zwischen Werk und Betrachter. Dies erreicht er dadurch, dass potentiell jeder ein Street Ghost sein kann. Diese Kontingenz unterstützt die Wirkungskraft seines Werkes.

Eine besondere Wirkungs- und Aussagekraft wird auch durch die Verbindung aus Plakat und Architektur der Stadt erreicht. Die Technik des Cut-Outs steht dabei im Vordergrund. Es wird an die Wand geleimt und verbindet sich fest mit diesem Standort. Erst diese Art der Umsetzung ermöglicht überhaupt das Projekt. Nichtsdestotrotz ist das Papier als Medium unter anderem auch Wetterfaktoren ausgesetzt und unterliegt somit der Vergänglichkeit. Wie schnell und durch welche Einflüsse es nicht mehr im Straßenbild zu sehen ist, ist nicht zu bestimmen, spielt aber bei Street Art jedoch eine große Rolle.

Für Medienkunst hingegen ist das Moment wichtiger als eine Zeitspanne. „Digitale Techniken und interaktive Medien haben [...] das traditionelle Verständnis von Kunstwerk, Publikum und Künstler in Frage gestellt. Vielfach wird das Kunstwerk in eine offene [...] Struktur transformiert, die einen ständigen Informationsfluss voraussetzt und den Betrachter/Mitwirkenden [...] einbezieht“[25]. Cirio spielt bewusst mit diesen verschiedenen Zeitebenen von Vergänglichkeit des Plakates, ewige Haltbarkeit der Daten bei Google Street View und der realen Person. Bedeutend ist der Augenblick, wenn die Person als Poster das erste Mal wieder an die Stelle ihrer Erscheinung zurückkehrt.

Ist das Werk von Cirio also Street Art oder Medienkunst? Die Antwort mag überraschen: es ist beides und noch mehr.

Street Ghosts greifen auf Elemente der Street Art und der Medienkunst zurück. Aspekte der Medienkunst sind sicherlich das Recht am eigenen Bild und die Verbindung von digitaler und analoger bzw. einer virtuellen und realen Welt. Für die Umsetzung hingegen hat Cirio Cut-Outs gewählt, also eine Technik der Street Art. Allgemein lässt Medienkunst keine Definition über das Medium selbst zu: „If media art is regarded as an artistic category defined by technical or formal characteristics, then [...] all art is media art, insofar as all art seeks to convey a message by means of a medium of some kind”[26]. Das Papier des Plakates ist genauso ein Medium, wie die Kamera des Google Street View Autos oder die Internetseite. Medienkunst lässt sich also nicht auf elektronische oder digitale Kunst beschränken, sondern zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich mit einem neuen Raum-Zeit-Verhältnis beschäftigt und dieses oft durch intermediale und interdisziplinäre Kunst umsetzt. Insofern ist Street Art ein Medium in der Medienkunst, das zur Umsetzung der Intention genutzt wird. „Die Mehrheit der medienkünstlerischen Arbeiten ist charakterisiert durch einen simultanen Einsatz verschiedener Einzelmedien und in besonderer Weise geprägt durch die Wechselwirkung und Übergängigkeit dieser Medien.“[27]

Table 1 - Street Art und Medienkunst

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.4 Paolo Cirio als Konzeptkünstler

Paolo Cirio ist daher auch nicht ein reiner Street Art, oder Medienkünstler. Vielmehr weisen die genutzten Elemente aus beiden Stilrichtungen darauf hin, dass er ein Konzeptkünstler ist. Konzeptkunst beschreibt, dass ein Kunstwerk sich nicht durch die Ausführung, als vielmehr durch die dahinterstehende Idee auszeichnet. Als erkennbare Kunstrichtung erschien diese gleichzeitig zur Graffiti-Bewegung in den 60er Jahren. Der US-amerikanische Entwickler des Begriffes „Konzeptkunst“, Sol LeWitt, schrieb seinerzeit: „In der Konzeptkunst bildet die Idee oder das Konzept den wichtigsten Aspekt des Werkes.“[28]

Cirio verfolgt in diesem Sinne zwei Strategien zur Umsetzung. Er dokumentiert, wie er Street Ghosts an den Wänden der Stadt befestigt. Dadurch bezeichnet er den Akt der Wiederkehr als Geist als Kunst („Dokumentation“). Des Weiteren lenkt er dadurch die Aufmerksamkeit auf ein gesellschaftliches oder politisches Thema („Politisches/gesellschaftliches Statement“)[29]. In der Tat sind viele Medienkünstler Konzeptkünstler: „Charakteristisch für viele Medienkünstlerinnen und Künstler der Gegenwart ist ein breites heteronomes Spektrum ihrer Arbeiten.“[30] Cirio kombiniert unter anderem Installationen, Bilder, Fotografien, Diagramme, Dokumente, Videos und Cut-Outs. Auch Cirio selbst bezeichnet sich als Konzeptkünstler.[31]

[...]


[1] Reinecke, Julia: Street Art. Eine Subkultur zwischen Kunst und Kommerz. 2. Aufl., transcript, Bielefeld 2012.

[2] Jakob, K.: Street Art in Berlin. 7. Aufl., Jaron, Berlin 2016.

[3] Stichwortsuche "Medienkunst". In: https://www.google.de/#q=medienkunst, Informationsabfrage am 02.05.2017.

[4] Zentrum für Kunst und Medien "Über Uns". In: http://zkm.de/ueber-uns, Informationsabfrage am 03.05.2017.

[5] Kwastek, K.: Aesthetics of Interaction in Digital Art. Massachusetts Institute of Technology, Massachusetts 2013.

[6] Cirio, P.: Street Ghosts. In: http://streetghosts.net/, Informationsabfrage am 02.04.2017.

[7] Daniels, D.: Duchamp und die anderen. Der Modellfall einer künstlerischen Wirkungsgeschichte in der Moderne. 2. Aufl., DuMont, Köln 1994.

[8] Cirio, P.: Street Ghosts, artist’s statement. In: http://streetghosts.net/, Informationsabfrage am 02.04.2017.

[9] Kwastek, K.: Aesthetics of Interaction in Digital Art. Massachusetts Institute of Technology, Massachusetts 2013.

[10] Krause, D., Heinicke, C.: Street Art. Die Stadt als Spielplatz. 2. Aufl., Archiv der Jugendkulturen, Berlin 2010.

[11] Jakob, K. et al.: Street Art. Kreativer Aufstand einer Zeichenkultur im urbanen Zwischenraum. In: Geschke, S.M. (Hrsg.): Straße als kultureller Aktionsraum. Interdisziplinäre Betrachtungen des Straßenraumes an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis. VS, Wiesbaden 2009.

[12] Besonderer Teil (§§ 80 - 358), 27. Abschnitt, §§303-305a. Strafgesetzbuch in der Fassung der Bekanntmachung vom 13. November 1998 (BGBl. I S. 3322), das durch Artikel 1 des Gesetzes vom 13. April 2017 (BGBl. I S. 872) geändert worden ist.

[13] The Influencers festival, Street Ghosts - Paolo Cirio & The Influencers, Barcelona 2013, https://vimeo.com/85017360, Informationsabfrage am 02.05.2017.

[14] Tyradellis, D.: Müde Museen. Oder: Wie Ausstellungen unser Denken verändern könnten. Körber Stiftung, Hamburg 2014.

[15] Cirio, P.: Street Ghosts. In: http://streetghosts.net/, Informationsabfrage am 26.04.2017.

[16] Meyer, Prof. Dr. T., Schwalbe, C.: Mediologie der Bildung des Menschen. In: http://mms.uni-hamburg.de/wp- content/uploads/2009/02/handout_mediologie_kommunikologie.pdf, Informationsabfrage am 02.05.2017.

[17] Virtuell bezeichnet das Vorgestellte in einer nicht realen existierenden Umgebung. Dabei kann es durchaus real wirken, hat aber nicht die Möglichkeit der Verwirklichung. Der Status der Virtualität lässt dies nicht zu. Virtuell definiert sich über den Status der Verwirklichung, welcher dem Realen gegeben ist. (Lapczyna, E. et al.: Eingang In die Höhle. In: Die Herausforderung des visuellen Wahrnehmungsrealismus auf dem Gebiet des Interfacedesigns, https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/neuwerk/article/download/30484/24146 Informationsabfrage am 02.05.2017.)

[18] Lehmann, A.: Kunst und Neue Medien. Ästhetische Paradigmen seit den sechziger Jahren. UTB, Tübingen 2008.

[19] Digital ist ein Begriff, der nicht im rein wissenschaftlichen Sinne verstanden werden sollte. Damit etwas digital ist, muss es nicht unbedingt elektrisch betrieben sein, oder elektrische Eigenschaften haben. „Digital" meint lediglich, dass etwas in eigenständig, zählbare Einheiten zerlegt ist. Dies kann entweder über nummerische Werte, Finger einer Hand oder Striche auf einem Blatt Papier sein. Das romanische Alphabet ist genauso digital wie die Tastatur eines Pianos. (Cramer, F.: What is "Post-digital". In: http://www.aprja.net/what-is-post-digital/, Informationsabfrage am 02.05.2017.)

[20] Analog meint hingegen, dass sich etwas aus verschiedenen Signalen/Abschnitten auf einer konstanten Skala zusammensetzt. Eine Schallwelle, ein magnetisches Feld und Tonwerte können analog sein. (Cramer, F.: What is "Post-digital". In: http://www.aprja.net/what-is-post-digital/, Informationsabfrage am 02.05.2017.)

[21] Cirio, P.: Street Ghosts, artist's statement. In: http://streetghosts.net/, Informationsabfrage am 02.04.2017.

[22] Lehmann, A.: Kunst und Neue Medien. Ästhetische Paradigmen seit den sechziger Jahren. UTB, Tübingen 2008.

[23] Real bezeichnet das, was in der Wirklichkeit vorhanden ist. Es orientiert sich an dem in unterschiedlichen Kontexten Gegebenen. Dies kann je nach Weltbild variieren. Ein Videospiel wäre in der realen Welt virtuell. Innerhalb es Videospiels sind die gegebenen Spielflächen jedoch real. (Lapczyna, E. et al.: Eingang In die Höhle. In: Die Herausforderung des visuellen Wahrnehmungsrealismus auf dem Gebiet des Interfacedesigns, https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/neuwerk/article/download/30484/24146 Informationsabfrage am 02.05.2017.)

[24] Cirio, P.: Street Ghosts, artist's statement. In: http://streetghosts.net/, Informationsabfrage am 02.04.2017.

[25] Paul, C.: Digital Art. 3. Aufl., Deutscher Kunstverlag, München 2011.

[26] Kwastek, K.: Aesthetics of Interaction in Digital Art. Massachusetts Institute of Technology, Massachusetts 2013.

[27] Lehmann, A.: Kunst und Neue Medien. Ästhetische Paradigmen seit den sechziger Jahren. UTB, Tübingen 2008.

[28] Parks, J. A.: Kunst verstehen von A-Z. Analyse. Technik. Praxis.. 2. Aufl., Dietrich Reimer, Berlin 2016.

[29] Parks, J. A.: Kunst verstehen von A-Z. Analyse. Technik. Praxis.. 2. Aufl., Dietrich Reimer, Berlin 2016

[30] Lehmann, A.: Kunst und Neue Medien. Ästhetische Paradigmen seit den sechziger Jahren. UTB, Tübingen 2008.

[31] Cirio, P.: Paolo Cirio - Conceptual Artist, 1979. U.S., NYC.. Curriculum Vitae, 2017.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Street Ghosts. Zwischen Street Art und Medienkunst
Untertitel
Ein Diskurs zu den Unterschieden und Gemeinsamkeiten der Stile und Techniken am Beispiel von Paolo Cirio.
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V371229
ISBN (eBook)
9783668490901
ISBN (Buch)
9783668490918
Dateigröße
609 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Street Art, Medienkunst, Paolo Cirio, Street Ghosts, Urban Art, Mediengeschichte, Medien, Kunst, Graffiti, Cirio, Paolo
Arbeit zitieren
Cornelius Gesing (Autor), 2017, Street Ghosts. Zwischen Street Art und Medienkunst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371229

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