Autorenkonzeptionen. Vom poeta doctus zum Genie


Essay, 2016
5 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Autorkonzeptionen: vom poeta doctus zum Genie

Die Auffassungen hinsichtlich Autoren und schriftstellerischem Schaffen machten im Laufe der Zeit einen Wandel durch. Während in der Barockzeit um 1700 die Einstellung bestand, Lyrik folge gewissen Regelmäßigkeiten und sei damit erlernbar, dominierte um 1800 der autonome, geniale Autor. Die Genieästhetik führte zu einem radikalen Einschnitt in der Regelpoetik.

„Vater der deutschen Dichtkunst“[1] Martin Opitz setzt in seinem Werk „Buch von der deutschen Poetery“ (1624) den Maßstab zur Schematisierung deutscher Dichtung und führte in die Regel- und Nachahmungspoetik ein. Seine aufgestellten Forderungen, beispielsweise die Eingrenzung auf die Metren Jambus und Trochäus [2], die Anwendung des Alexandriners[3], sowie die Etablierung reiner deutscher Sprache[4] wurden zu einschneidenden Veränderungen. Das Opitz’sche Lehrbuch, welches an Vorbildern wie Aristoteles und Julius Caesar Scaliger orientiert war, präsentiert Poesie aufgrund der klaren Forderungen als systematisch erlernbares Handwerk. Durch das eingehende Studieren von Lehrbüchern könne jedes Individuum literarisch produzieren, möge die Vermutung lauten. Jedoch widerspricht Opitz dieser Spekulation. Nicht Regeln und Gesetze bilden den Poeten, sondern die „regung des Geistes“[5] muss zum Schreibakt anregen. Hierbei handelt es sich um etwas nicht Erlernbares, vielmehr um eine Eigenschaft und Haltung aus dem Subjekt selbst heraus. Angesichts des späteren Wandels der Autorenrolle erscheint dieser Gedanke modern und fortschrittlich, signalisiert bereits eine Tendenz zum späteren Geniebegriff.

Auch Literaturpapst Johann Christoph Gottsched agierte als Vertreter der Regelpoetik.

In Anlehnung an Aristoteles betont er in „Versuch einer Kritischen Dichtkunst“ (1730), dass Literatur eine Nachahmung aller natürlichen Dinge sei und spezifiziert den Poeten zudem als „Nachahmer“[6]. Gottsched betont die „natürlichen Gaben“[7] des Dichters, welche seiner Auffassung nach essentiell für dichterisches Schaffen sind. Jedoch verweist Gottsched folglich darauf, dass Talent, „Einbildungs-Kraft, Scharfsinnigkeit und Witz“ [8] allein nicht ausreichend sind, um literarischen Einfällen erfolgreich Gestalt zu geben. Jene Eigenschaften stellen lediglich Rohstoffe dar, welche zur vollen Entfaltung zunächst geschliffen und geformt werden müssen. Für die Aus- und Weiterbildung muss der potenzielle Poet Fleiß beweisen, üben und überdenken. Der Autor ist stets gefährdet sein Ansehen zu verlieren und in Verruf zu geraten, sollte er durch Schilderung falscher Tatsachen seine Unwissenheit preisgeben.[9] Umso bedeutsamer ist die Bildung seiner Person. Die Kombination von Talent und Gelehrtheit bringt demnach einen guten, gebildeten Autor hervor, den poeta doctus.

Gotthold Ephraim Lessing thematisiert in „Hamburgische Dramaturgie“ (1767) den Gegenentwurf zur Regelpoetik, welcher zur Zeit des Sturm und Drangs unter dem Begriff der Genieästhetik hervorging. Zu jener Zeit wurde der Dichter als Genie, von Natur aus mit Begabungen versehen, über die Gelehrtheit des poeta doctus gestellt. Das Genie ist ein nicht willkürlich vorgehendes Individuum, welches große Objekte ohne nötige Mittel produziert. Nach Lessing besitzt das Genie das Privileg kein Wissen erwerben zu müssen, da es über dieses bereits verfügt.[10] Im Gegensatz dazu sind Individuen, welche der Definition eines Genies nicht entsprechen, gezwungen Wissen und Kompetenzen durch Bildung zu erwerben. Die Genieästhetik bedeutete die Absage an Lehrbücher und den damit verbundenen Normen. Aus festgefahrener normativer Gattungspoetik entwickelte sich moderne und hybride Produktionsästhetik.

Edward Young thematisierte 1759/60 in „Gedanken über die Original-Werke“ ebenfalls den Geniebegriff.

[...]


[1] Niefanger, D.: Barock. Lehrbuch Germanistik. Stuttgart Weimar 200, S.82.

[2] Opitz, M.: Buch von der Deutschen Poetery (1624). Studienausgabe. Mit dem Aristarch (1617) und den Opitzischen Vorreden zu seinen Teutschen Poemata (1624 und 1625) sowie der Vorrede seiner Übersetzung der Trojanerinnen (1625). Hrsg. von Herbert Jaumann. Stuttgart 2002, S.49.

[3] vgl. ebd. S.53

[4] vgl. ebd. S.35

[5] vgl. ebd. S.19

[6] Gottsched J.G.: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. In: ders. Schriften zur Literatur. Hrsg. von Horst Steinmetz. Stuttgart 1989, S.39f.

[7] vgl. ebd. S.44

[8] vgl. ebd. S.44

[9] Gottsched 1730, S.46

[10] Lessing, G.E.: Hamburgische Dramaturgie. In: Lessings Werke. Hrsg. von Kurt Wölfel. Bd. 2. Frankfurt/Main 1967, 34. St.; S. 256.

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Autorenkonzeptionen. Vom poeta doctus zum Genie
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Jahr
2016
Seiten
5
Katalognummer
V371245
ISBN (eBook)
9783668494398
ISBN (Buch)
9783668494404
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Autor, Autorenkonzeption, Poeta doctus, Genie, Epoche
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Autorenkonzeptionen. Vom poeta doctus zum Genie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371245

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