Die Liebes- und Ehekonzeption zwischen Iwein und Laudine in Hartmann von Aues "Iwein"

Handelt es sich um eine gestörte Mahrtenehe?


Hausarbeit, 2016

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Abbildungsverzeichnis

1. Einführung

2. Was ist Stress?
2.1. Definition
2.2. Gesundheitliche Risiken am Arbeitsplatz
2.3. Stressbewältigung
2.4. Stressmanagement

3. Resilienz
3.1 Definition
3.2 Risiko und Schutzfaktoren
3.3 Empirische Studie der Bertelsmann-Stiftung

4. Schlussfolgerung

5. Praxistransfer

6. Fazit

Literaturverzeichnis

l. Einleitung

Der Artusroman „Iwein", basierend auf der romanischen Vorlage „Yvain" von Chretien de Troyes' „Yvain", entstand im Jahre 1200 und war neben „Erec" der zweite von Hartmann von Aue nach Chrétien verfasste klassische Artusroman. Bei „Iwein" handelt es sich nicht bloß um Abenteuergeschichten, die zu der damaligen Zeit der Unterhaltung der höfischen Stände dienen sollten, vielmehr ist Hartmann von Aues Artusroman „Iwein" eine Widerspiegelung des Sozialverständnisses der sozialen Gruppe der Ritter. So muss Iwein neben ritterlichen Aufgaben, die er zu erfüllen hat, um seine Ehre zu bewahren, gleichzeitig einen Kampf mit sich selbst und seinen Gefühlen ausführen, da er sich unsterblich in die Witwe Laudine verliebt und infolge dessen in einem Konflikt zwischen der Bewahrung seiner ritterlichen Ehre und den Aufgaben eines liebenden Ehemanns an Laudines Seite steht. Somit steht die Liebe und die Beziehung, auch wenn sie in diesem Artusroman auf den ersten Blick nebensächlich scheint, im Mittelpunkt, da sie sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Ritter Iwein zieht und außerdem Grund für die Entstehung seines Wahnsinns ist. Hartmann von Aue zeigt in seinem Artusroman auf, welch große Macht die „Minne" besitzt, zu was die in diesem Artusroman personifizierte „Frau Minne" fähig ist und was geschieht, wenn man sich ihr sträubt. Der Artusroman besteht aus äventiure-Situationen, denen Iwein ohne die Macht der Minne höchstwahrscheinlich gar nicht ausgesetzt wäre und genau deswegen sollte man die Minne und die Beziehung zwischen Iwein und Laudine genauer untersuchen, da sie, auch wenn die Kämpfe des Ritter Iwein im Vordergrund zu stehen scheinen, eine zentrale Bedeutung in Hartmann von Aues Artusroman „Iwein" darstellen.

Da die Minne und die Beziehung zwischen Iwein und Laudine eine wichtige Funktion im „Iwein" haben, stellen diese auch das Zentralthema der folgenden Hausarbeit dar. Dabei wird zuerst auf die allgemeinen Formen der Liebe im Mittelalter eingegangen, um schließlich analysieren zu können, welche Form von Liebe zwischen Iwein und Laudine besteht. Lässt sich von Seiten Iweins von einer höfischen Liebe sprechen? Falls ja, was genau sind die Anzeichen, dass es sich um eine höfische Liebe handelt? Nicht zuletzt ist die unsterbliche, scheinbar einseitige Liebe, welche Iwein gegenüber Laudine empfindet, genauer zu betrachten, um dann schließlich zu dem Thema der Ehe überzugehen und die Heiratsabsichten sowohl von Iwein als auch von Laudine aufzuzeigen und zu deuten. Nachdem dies geschehen ist, wird schlussendlich die Frage behandelt, ob und warum es sich zwischen Iwein und Laudine um eine gestörte Mahrtenehe handeln könnte. Dabei wird Bezug auf den Ring, welcher Laudine Iwein übergibt, genommen.

Am Ende dieser Hausarbeit soll eine genaue Analyse der Beziehung zwischen dem Ritter Iwein und der Herrscherin Laudine vorliegen, durch die deutlich wird, warum Hartmann von Aue die „Frau

Minne" als höchste Macht beschreibt und inwiefern die Ehe zwischen Iwein und Laudine einer Mahrtenehe nahekommt.

2. Die Liebe im Mittelalter

2.1 Die hohe und niedere Minne

Der Begriff „Minne" stammt von dem althochdeutschen Wort „minna"[1] und bedeutet ursprünglich „Erinnerung" oder „Gedenken". In erster Linie steht der Begriff der Minne also nicht ausschließlich für die geschlechtliche Liebe, sondern auch für die Liebe in einer Freundschaft oder die Liebe zu Gott. Die ursprüngliche Bedeutung der Minne entwickelte sich weiter zu „Zuneigung" und „Gefallen", bis schlussendlich der Begriff der Liebe dominierte.[21] Die Minne wurde vor allem im sogenannten Minnesang zum Ausdruck gebracht, welcher den Sang über die Minne, den Sang zu einer Frau oder den Sang über die Liebe umfasste. Dabei wurde zwischen der„hohen" und der„niederen" Minne differenziert.

In der hohen Minne verliebt sich ein Ritter in eine für ihn unerreichbare Frau, welche einem hohen Stand angehört und idealisiert dargestellt wird. Die adlige Herrin erwidert die Liebe des Ritters nicht, woraufhin er ihr dient und dafür bestimmte Verhaltensweisen aufweisen muss, wie zum Beispiel Treue, Höflichkeit und Unterwürfigkeit. Die angestrebte sexuelle Erfüllung bleibt zwar aus, jedoch erlangt der Ritter in Folge seines Minnedienstes Ansehen am Hof, da er „besonders tapfer oder moralisch integer wird" oder „durch seinen Minnesang zur Unterhaltung beiträgt".[3] Doch auch die als unerreichbar dargestellte Adlige muss ihrer gesellschaftlichen Position entsprechend handeln. Als Angehörigkeit des weiblichen Geschlechts muss sie Emotionalität aufweisen, gleichzeitig aber auch die Disziplin als Adlige und unerreichbare Herrscherin bewahren. Bei der hohen Minne handelt es sich also eher um ein Gesellschaftsspiel, da sich beide beteiligten Personen ihrer gesellschaftlichen Position bewusst sind und dementsprechend handeln, anstatt sich von Gefühlen und der Liebe leiten zu lassen. Im Zuge dessen wäre es nicht angebracht bei der „hohen Minne" von echter, bedingungsloser Liebe zu sprechen.

Im Gegensatz zu der hohen Minne steht die „niedere Minne", welche am Ende des 12. Jahrhunderts auftritt und auch die Erfüllung der Liebe thematisiert, da sich der Mann nun nicht mehr in eine unerreichbare Adelige verliebt, sondern in eine Frau, welche keinem hohen Stand angehört und somit erreichbar ist. Die niedere Minne ist nicht wie die hohe von dem Spiel zwischen gesellschaftlichen Positionen geprägt, sondern vielmehr von „Körperlichkeit und Nähe". Die Minne wird deshalb als „nieder" bezeichnet, da „Adel und Klerus ihre Liebe als zivilisiert, diszipliniert und höherstehend ansahen".[4]

2.2 Die höfische Liebe

Es fällt schwer, den Begriff der höfischen Liebe einzugrenzen und daraus eine genaue Definition herauszubilden, da beim Lesen verschiedener Gattungen des Mittelalters deutlich wird, dass die Darstellungen der höfischen Liebe in den einzelnen Gattungen unüberwindbare Differenzen aufweisen und sich die aufgezeigten Ideale der höfischen Liebe oft widersprechen. So wird die höfische Liebe von der Forschung zum Einen als „gegenseitige Liebe" definiert, zum Anderen stellt aber die Unerreichbarkeit der Dame oder die Unerfüllbarkeit der Liebe eine Kennzeichnung der höfischen Liebe dar. Auch ist die höfische Liebe laut Forschern eine eheliche Liebe, gleichzeitig führen andere Forschungsergebnisse zu dem Entschluss, dass die höfische Liebe eine ehebrecherische sei. Kriterien der höfischen Liebe, die im Gegensatz zueinander stehen und deutlich machen, dass sich die höfische Liebe außerhalb von idealisierten Vorstellungen bewegt und es sich bei der höfischen Liebe um kein „festgefügtes System von Verhaltensregeln" handelt. Trotz allem gibt es einige grundlegende Merkmale höfischer Liebe, die jedoch nicht alle auf einmal in Erscheinung treten müssen, um eine Liebe zwischen zwei Menschen als höfisch bezeichnen zu können. Jene Merkmale haben sich in verschiedenen Gattungen erkennen lassen, sodass diese als allgemeine Kriterien für die höfische Liebe gelten können.

Ein erstes, relevantes Merkmal der höfischen Liebe ist die „Ausschließlichkeit einer Liebesbeziehung". Falls eine wahre Liebe besteht, dann lässt diese keine Liebesbeziehung zu einer weiteren Dame oder umgekehrt zu einem weiteren Mann zu. Dabei ist es gleichgültig, ob es sich um die Beziehung zwischen zwei Ehepartnern oder um eine außereheliche Beziehung handelt. Infolge Dessen ist die „Beständigkeit einer Liebesbeziehung" eine weitere Anforderung an die Definition der höfischen Liebe. Die Liebe sollte beständig sein, auch wenn es sich bei diesem Punkt um eine „literarische Utopie" handelt. Auch die „Aufrichtigkeit" und „triuwe" in der Liebe stellen ein weiteres Kriterium der höfischen Liebe dar. Diese inneren Eigenschaften sind in der höfischen Liebe nicht weg zu denken, da es in der Liebe auf die „innere Einstellung und Gesinnung ankommt". Die inneren Werte eines Menschen gewinnen somit an Bedeutung und stehen über Schönheit oder Reichtum, da es sich bei diesen Merkmalen bloß um Äußerlichkeiten handelt und diese täuschen können, was der Beziehung schaden würde. Bei der höfischen Liebe steht außerdem die Selbstlosigkeit im Vordergrund. Das bedeutet, der Liebende sieht von einem Nutzen für sich selbst ab und weiß sich „an der vollkommenen Liebe allein zu erfreuen". An dieser Stelle stehen sich die zwei Extrempositionen der „rein sexuellen Genussliebe" und der „Verzichtliebe" gegenüber. Sowohl die rein sexuelle Genussliebe, als auch die „Verzichtliebe" entsprechen nicht dem Ideal der höfischen Liebe, da diese der geglückte Einklang zwischen „egozentrischem, physisch-sinnlichem Begehren und selbstloser, nur am Wohl des Partners sich orientierende Liebe" ist.

Außerdem kann in der höfischen Liebe durchaus die Forderung nach „Gegenseitigkeit der Liebe" stehen. Teilweise findet sich diese Forderung sogar neben der „Verzichtliebe" im gleichen Minnelied. Es geht in der höfischen Liebe also sowohl um die gegenseitige Liebe, als auch um die einseitige, unerwiderte Liebe. Der Grund ist, dass es so möglich wurde, die „bedeutsame Spannung zwischen Begehren und Erfüllung" besser und intensiver darstellen zu können. Das einseitige Liebeswerben kann als eine Art Vorstufe einer glücklichen, erfüllten und beidseitigen Liebe gelten.

Des Weiteren ist die höfische Liebe durch „Freiwilligkeit und Rücksichtnahme" gekennzeichnet, somit ist die höfische Liebe eine „aus freier Entscheidung geschenkte Liebe". Da die höfische Kultur von Werten und Vernunft geprägt ist, sind „Maß Vernunft und Über­Vernunft" auch in der höfischen Liebe notwendig. Eine „feine, kultivierte Rede" sowie „vernunftbestimmtes Verhalten" stellten eine Voraussetzung in der höfischen Liebe dar.

Somit ist der Verlust der Vernunft und eine Maßlosigkeit in der höfischen Liebe unabdingbar. Als letztes Merkmal der höfischen Liebe ist die „Leidensbereitschaft" zu nennen, denn eine Liebe, die „gegen alles Zweckdenken an einer einmal auserwählten Person über lange Zeit festhält, dabei kaum mit baldiger Erfüllung sexuellen Verlangens rechnen darf, erfordert Leidensbereitschaft und Leidensfähigkeit".[5]

All diese Ideale erweisen sich oft als utopisch und für die Protagonisten schwer erfüllbar, jedoch dienen sie trotz allem einer Einrahmung der Anforderungen an eine höfische Liebe und machen somit eine grobe Definition möglich.

3. Die Liebe im „Iwein"

3.1 Die Anzeichen einer höfischen Liebe im „Iwein"

durch sí von himel tæte, wande im sín selbes stæte einen seihen minnen slac sluoc, die er in sínem hercen truoc, mohte die üz sínem gemuete deheins wíbe guete iemer benomen hân, daz het ouch sí benamen getân (V. 6500 - 6510)

Iwein trifft auf ein junges, schönes Mädchen mit lieblichem Reden und feinem Benehmen, bleibt jedoch standhaft und lässt die „verzehrende Liebe" zu seiner Gattin Laudine siegen. Wäre es möglich gewesen, dann hätte Iwein sich in das Mädchen verliebt, allerdings gehört sein Herz ausschließlich und bedingungslos Laudine, womit an dieser Stelle bereits zwei Kriterien an die höfische Liebe erfüllt werden können: zum Einen die „Ausschließlichkeit einer Liebesbeziehung", da für Iwein keine andere Frau außer seiner Gattin Laudine in Frage kommt, welche er unsterblich liebt und zum Anderen die „Beständigkeit der Liebe". Obwohl Iwein lange Zeit weg ist, von Laudine zurückgewiesen wurde und auf ein wunderschönes, junges Mädchen trifft, beweist er, dass seine Liebe zu Laudine eine wahre ist und dass diese auch über eine längere Dauer hinweg Bestand hat. Damit beweist Iwein zwar auch, dass die „triuwe" zu einer seiner inneren Eigenschaften gehört, was somit das dritte Kriterium an die höfische Liebe erfüllen würde, allerdings kann man Iweins „triuwe" auch in Frage stellen, da er die Einjahresfrist von Laudine versäumt[6]: ob ir erchennen woldet waz rîters triuwe wære. nú ist iu triuwe unmaære (V. 3172 ff.)

Lunetes Vorwurf gegenüber Iwein, dass er nicht wisse was zuverlässige Ritterlichkeit ist und ihm diese gleichgültig sei, zeigt deutlich, dass nach der Versäumnis der Frist an Iweins ritterlicher Zuverlässigkeit gezweifelt wird. Iweins „triuwe" ist in gewisser Weise paradox, da er bezüglich der Minnebeziehung zu Laudine „triuwe" beweist, diese „triuwe" bezogen auf die rechtliche Bindung jedoch bricht.[7] Wie bereits in Kapitel 2.2 erwähnt, sind innere Werte wie Zuverlässigkeit in der wahren Liebe von starker Bedeutung, die, wenn sie nicht vorhanden sind, der Beziehung schaden können und dies ist auch bezüglich der Beziehung zwischen Iwein und Laudine der Fall, da Iweins Unzuverlässigkeit dazu führt, dass Laudine ihn nie wieder sehen möchte und er daraufhin wahnsinnig wird. Dies zeigt besonders deutlich, wie wichtig solch inneren Werte in der Beziehung einer höfischen Liebe sind.

Ein weiteres Merkmal der höfischen Liebe ist, wie bereits in Kapitel 2.2 erwähnt, die Selbstlosigkeit. Dass Laudine nicht selbstlos ist, muss gar nicht in Frage gestellt werden, da sie sich schließlich zu ihrem eigenen Nutzen auf eine Beziehung zu Iwein einlässt, aber darauf wird in Kapitel 3.3 genauer eingegangen. Viel interessanter ist es zu untersuchen, ob Iwein eine Form der Selbstlosigkeit aufweist. Auf den ersten Blick würde man vermuten, dass er dies tut, da er Laudine bedingungslos liebt und mit einer bedingungslosen Liebe meist auch eine Selbstlosigkeit einhergeht.[8] Allerdings ist zu beachten, dass Iwein Laudine trotz großen Trennungsschmerz Laudines8 verlässt, damit er Gaweins Rat zu Folge Kämpfe ausführen kann, um seine ritterliche Ehre zu bewahren.[9] Auch dass er an Stelle Lunetes sterben möchte, lässt vermuten, dass er selbstlos ist, allerdings will er dies auch nur tun, um gegen sein schlechtes Gewissen anzukämpfen und weil er ein gewisses Pflichtgefühl verspürt, da Lunete so viel für Iwein getan hat.[10] Somit gehört die Selbstlosigkeit nicht zu Iweins Eigenschaften.

Auch das Kriterium der „Freiwilligkeit und Rücksichtnahme" trifft nicht auf Iweins Liebe zu Laudine zu, da durch folgende Textstelle sehr deutlich wird, dass er Laudine seine Liebe nicht freiwillig schenkt, sondern ohne eigene Entscheidungsfreiheit von der Minne übermannt wird: daz ich zefriunde hän erchorn mîne tôtvîendinne, daz ist niht von mînem sinne. ez hät ihr gebot getän. (V. 1654 - 1658)

Iwein fühlt sich durch Laudines Schönheit gezwungen, sie zu lieben[11] und somit ist seine Liebe gegenüber Laudine keine freiwillige Entscheidung. Jedoch erfüllt Iwein als weiteres Kriterium der höfischen Liebe das der „Leidensbereitschaft", da er, zu Beginn seiner Liebe zu Laudine, sehr darunter leidet, dass er seine Feindin liebt und diese seine Liebe noch nicht erwidert. Er ist sich sicher, Laudines Zuneigung niemals gewinnen zu können[3], dennoch hört er nicht auf zu hoffen, Laudines Herz mit Hilfe von „Frau Minne" letzten Endes doch erobern zu können: ez ist nie sô unmugelich, bestêt si sî als mich und rætet ir her ze mir, swie gar ich nú ir hulde enbir und het ir leides mê getän, si muose ir zorn allen län und mich in ir herze legen. (V. 1631 - 1637)

Dieses Kapitel zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Liebe, welche Iwein zu seiner Feindin, aus der schließlich seine Gattin wird, empfindet, durchaus einzelnen Merkmalen einer höfischen Liebe entspricht, wenngleich er zu manchen Merkmalen, wie zum Beispiel dem der Selbstlosigkeit, einen leichten Gegensatz aufweist. Da allerdings nicht alle Elemente einer höfischen Liebe Vorkommen müssen, um eine Liebe als höfische bezeichnen zu können[12] und die Liebe zwischen Iwein und Laudine wichtige Kennzeichen der höfischen Liebe aufweist, kann man behaupten, dass es sich zwischen Iwein und Laudine um eine höfische Liebe handelt.

3.2 Iwein wird von der höchsten Macht übermannt

Die Minne wird in Hartmann von Aues Werk „Iwein" personifiziert dargestellt und als „Frau Minne" bezeichnet: frou minne nam die ober hant, daz s î in viene und bant.

Si bestuont in mit uberkraft, und twaneh in des ir meistersehaft, daz er hereeminne truoe sîner vîendinne, diu im zem töde was gehaz. (V. 1537 - 1543)

Eine Textstelle, die deutlich zeigt, dass Iwein von der Minne übermannt wird und dass die Liebe als „übernatürliche, überpersönliche Macht" dargestellt wird, die „den Menschen gewaltsam von außen überwältigt."[13] Daraufhin ist Iwein seiner Liebe gegenüber Laudine hilflos ausgesetzt, kann also auf die Macht, welche „Frau Minne" auf ihn ausübt, nur passiv reagieren. Diese Passivität und Hilflosigkeit ist für den tapferen Ritter Iwein eine völlig neue Erfahrung, da er auf ritterlicher Ebene als unbesiegbar gilt, gleichzeitig aber so stark von der Minne überrollt wird, dass er keine Chance hat gegen diese zu gewinnen, da er seinen Gefühlen zu Laudine ausgeliefert ist und sie anhimmelt. Als Iwein erfährt, dass Laudine bereit ist, ihn zu heiraten, sagt er, dass er und sein Herz sich für immer in Laudines Gefangenschaft befinden möchten.[14] Dadurch wird deutlich, dass Iweins Gefühle gegenüber Laudine so stark sind, dass er sich ihr vollends hingibt und ihr die dominante Rolle überlässt. In seiner Beziehung mit Laudine ist Iwein also, wie es typisch für eine Liebe im Mittelalter war, der Unterwürfige, während er bezüglich seines ritterlichen Daseins der stolze, tapfere und siegessichere Gewinner ist. Als er sich auf Gaweins Rat hin dazu verpflichtet fühlt, seine ritterliche „êre" zu bewahren[15] entscheidet Iwein sich dazu, Gaweins Rat zu folgen und verlässt Laudine für ein Jahr. Das bedeutet, er entscheidet sich für seine Ehre und gegen seine Liebe, die bereits während des Abschiedes von starkem Sehnsuchtsschmerz geprägt ist.[16] Als er seine Einjahresfrist jedoch nicht einhält und Laudine dadurch vorerst verliert, kann Iwein diesen Verlust der Minnebeziehung zu Laudine nicht ertragen und gerät in den Wahnsinn, was wiederum die starke Kraft der Minne deutlich macht.[17] Hartmann von Aue stellt die „Minne" als im gesamten Roman mächtigste Figur dar, die in der Lage ist, jeden zu überwältigen: sít minne kraft hât sô vil, daz sí gewaltet, swem si wil (V. 1567 f.).

Der tapfere Ritter Iwein besitzt die nötige Ehre und Würde, um es mit der Minne aufzunehmen und ist deshalb ein von der Minne auserwähltes Opfer. Dies führt zu einem Kampf zwischen Iwein und seinen starken, von der Minne geprägten Gefühlen, welchen er nur verlieren kann, da die Minne die höchste Macht ist: swie manhaft er doch wære und swie unwandelbære an líbe und an sinne, doch meistert frou minne, daz im ein kranchez wíp verchêrte sinne und líp. der ein rehter adamas ríterlícher tugende was, der liefnü balde ein tôre gein dem walde. (V. 3251 - 3260)

Die starke Kraft der Minne hat Iwein so überwältigt, dass er seine Sinne verliert.[18] So wird des Öfteren in Hartmann von Aues Werk „Iwein" deutlich, welch starke Kraft die Minne hat und dass selbst ein tapferer Ritter wie Iwein nicht dagegen ankämpfen, geschweige denn gewinnen kann.

4. Die Ehe zwischen Iwein und Laudine 4.1 Iweins Heirat aus Liebe

Als Iwein Laudine zum ersten Mal sieht, trauert sie um ihren von Iwein ermordeten Mann.

Bei dem Anblick von Laudines Schönheit verliert Iwein den Verstand und wird sofort von der „Minne" ergriffen.[19] im tet der chuomber als wê an dem schœnen wíbe, daz erz an sínem líbe gemer het vertragen.

Sín heil begunder gote clagen, daz ir ie dehein ungemach von sínen schulden geschach. so nähen gienc im ir nôt, in dûhte des daz sín tôt unclægelicher wære danne ob sí ein vinger swære. (V. 1344 -1354)

Diese Textstelle macht deutlich, dass Laudines Schmerz und Kummer Iwein so nahe geht, dass er lieber sterben würde, als dass Laudine solch ein Leid empfindet. Es gibt die Ansicht, dass Iweins Mitleid mit Laudine „durch die sinnliche Schönheit des nackten Leibes hervorgerufen werde", was allerdings „nicht textgerecht" ist und „jeder psychologischen Erfahrung widerspricht".[20] Daraus lässt sich also schließen, dass Iwein einzig und allein aus Liebe zu Laudine unter ihrem Schmerz leidet.

Bei der Minne Iweins zu Laudine handelt es sich um eine „herzeminne"[21], was bedeutet, dass seine Liebe auf die ganze Person Laudines gerichtet ist und nicht ausschließlich von Laudines Äußerlichkeit bestimmt ist. Iwein empfindet also nicht nur die sinnliche Liebe gegenüber Laudine, sondern die „echte Liebe".[22] Somit findet sich auf der Seite Iweins durchaus eine „Minnebeziehung", welche für ihn eine „lebenslänglich bestehende Bindung" darstellt.[23] Dass er nach dem Verlust Laudines in den Wahnsinn gerät, zeigt, dass er ohne Laudine nicht leben kann und die Liebe somit echt ist.

Denkbar wäre, dass Iwein Laudine heiratet, um ihr Land zu beschützen und daraufhin mehr Ansehen zu erlangen, allerdings zeigt folgende Textstelle, dass Iwein einzig und allein Laudines Land schützen möchte, um ihr zu helfen: ersprach:„ichn mac nochn chan iu gebieten mère, wandels noch ère, wan rihtet selber uber mich: swie ir welt, also wil ich." (V. 2286 - 2290)

Damit sagt Iwein ausdrücklich, dass es für ihn eine Ehre sei, für Laudine tun zu können, was sie von ihm erwartet, was in diesem Fall die Verteidigung ihres Landes ist. Außerdem sagt

Iwein gegenüber Laudine „got ruoce mir daz heil bewarn, daz wir gesellen müezen sín"[24]. Der Begriff „gesellen" meint auf eine andersgeschlechtliche Person bezogen den/die Geliebte(n)

und bezeichnet im frühen Minnesang das „gegenseitige Liebesverhältnis".[25] Damit zeigt

Iwein, dass er auf eine gegenseitige Liebe hofft. Auf die Frage, warum Laudine Iweins Gattin werden solle, antwortet Iwein „iuwer schœne und anders niht"[26], womit er zum Ausdruck bringt, dass nicht Krone und Land, sondern Laudines Person der Grund ist, aus dem Iwein Laudine heiraten möchte. frouwe, wie lutzel dû nú weist daz dú den sluzzel eine treist! dú bist daz sloz und der schrîn dâ daz herce mín inne beslozzen lît.' (V. 5543 - 5547)

Hier wird nochmals deutlich, dass Laudine für Iwein alles ist, da sie den „sluzzel" zu dem „sloz", in dem Iweins Herz eingeschlossen ist, trägt, gleichzeitig ist sie selbst aber das „sloz". Ohne Laudine würde Iwein also sein Herz und somit sich selbst verlieren, was noch einmal seine starke Liebe zu ihr und seine Abhängigkeit von ihrer Persönlichkeit beweist.

Iweins Motivation, Laudine zu heiraten, besteht also nicht aus einer politischen, sondern einzig und allein aus seiner tiefen, unsterblichen Liebe, die er Laudine gegenüber empfindet.

4.2 Laudines Motivation

Im Gegensatz zu Iwein wird Laudine nicht von der Minne überwältigt. Ganz im Gegenteil: zu Beginn empfindet sie ihm gegenüber negative Gefühle, weil er ihren Mann erschlagen hat.[27]

Allerdings ist sie als Witwe in einer problematischen Lage, da ihr allein es nicht möglich ist, ihr Land „wirksam vor äußeren Feinden zu schützen"[28]: ob ich des niht gerâten chan ichn muezze mit einem andern man mins herren wandel hân, sô ne wil ez diu werlt niht sô verstân als ez doch got ist erchant. der weiz wol ob mín lant mit mir befridet wære, daz ichs benamen enbære. (V. 1989 - 1906)

Hier wird deutlich, dass Laudine ausschließlich zum Schutz ihres Landes einen Ehemann haben möchte. Diesen wählt sie sehr rational, da sie keinen Wert auf den personellen Charakter legt, sondern auf die Herkunft, das Alter und die richtigen Eigenschaften, womit keine persönlichen, sondern eher ritterliche Eigenschaften gemeint sein sollen. Dabei ist ihr gleichgültig, ob es sich dabei um den Mann handelt, der ihren Gatten erschlagen hat.[29] Laudine erkennt, dass eine Ehe für sie unvermeidbar ist. Sie hofft auf einen „triuwen" Gatten. Der Begriff der Treue bezieht sich dabei nicht auf die „personale Treue" in einer Liebesbindung, sondern auf die „soziale Treue in einer politischen Ehe".[30] So wählt sie Iwein als ihren neuen Ehemann, da Laudine aus Iweins Mord an ihrem Mann schließt, dass Iwein sehr tüchtig sein muss und außerdem kein weiterer Kandidat in Sicht ist.[31] Laudine verzeiht Iwein den Mord an ihrem Mann also aus politischen Beweggründen.

Somit wählt sie Iwein nicht aufgrund seiner Person, sondern aufgrund seiner Funktion, was sie ihm auch mit einer rationalen Begründung ihrer Eheabsicht deutlich macht.[32] Daraufhin sagt sie ihm außerdem, dass sie ihn nicht bedrängen wolle und dass sie ihn mit Freuden nähme, wenn er wolle.[33] Dabei handelt es sich nicht um ein Liebesgeständnis von Laudines Seite, sondern um das „Angebot einer politischen Ehe".[34] Hinzukommt, dass sie durch Iwein die Ehre erlangt, Besuch von König Artus zu bekommen[35], womit sich erneut zeigt, dass sie eine politisch kluge Entscheidung getroffen hat.

[...]


[1] http://deutsch.hajer.com/oberstufe/epochen/mittelalter/minnesang ( zuletzt abgerufen am: 22.09.2016)

[2] Thomas Bein: Germanistische Mediävistik. Eine Einführung. Hrsg. von Werner Besch und Hartmut Steinecke. Bd. 35. Berlin 2005, S. 151

[3] Horst Brunner: Geschichte der deutschen Literatur des Mitttelalters und der Frühen Neuzeit im Überblick. Stuttgart 2013, S. 169

[4] http://wikis.fu- berlin.de/display/editionmhd/Grundlegendes+zum+Minnesang#GrundlegendeszumMinnesang- MinneundGesellschaft ( zuletzt abgerufen am: 22.09.2016)

[5] Josef Fleckenstein: Curialitas. Studien zu Grundfragen der höfisch- ritterlichen Kultur. Hrsg. von Josef Fleckenstein. Göttingen 1990, S. 233 - S. 276

[6] Hartmann von Aue: Iwein. Mittelhochdeutsch Neuhochdeutsch. Hrsg. und übersetzt von Rüdiger Krohn. Stuttgart 2012, v. 3055-3058

[7] Elke Zinsmeister: Literarische Welten. Personenbeziehungen in den Artusromanen Hartmanns von Aue. Hrsg. von Rüdiger Brandt, Dieter Lau und Kurt Otto Seidel. Bd. 6. Frankfurt am Main 2008, S. 139

[8] Iwein, v. 2960

[9] Iwein, v.2900 -2911

[10] Iwein, v.4341 -4345

[11] Zinsmeister, S. 127

[12] Iwein, v. 1618 f.

[13] Fleckenstein, S. 238

[14] Rüdiger Schnell: Causa Amoris. Liebeskonzeption und Liebesdarstellung in der mittelalterlichen Literatur. Bern/ München 1985, S. 225

[15] Iwein, v. 2241 - 2244

[16] Zinsmeister, S. 129

[17] Iwein, v. 3405 f.

[18] Iwein, v. 1331 ff.

[19] Herbert Ernst Wiegand: Studien zur Minne und Ehe in Wolframs Parzival und Hartmanns Artusepik. Neue Folge Hrsg. von Stefan Sonderegger und Thomas Finkenstaedt. Berlin/ New York 1972, S. 196 f.

[20] Iwein, v. 1541

[21] Wiegand, S. 198

[22] Zinsmeister, S. 128

[23] Iwein, v. 2795 - 2804

[24] Iwein, V. 2338 f.

[25] Volker Mertens: Laudine. Soziale Problematik im Iwein Hartmanns von Aue. In: Beihefte zur Zeitschrift für deutsche Philologie. Hrsg. von Hugo Moser und Benno von Wiese. Berlin 1978, S. 17

[26] Iwein, v. 2355

[27] Iwein, v. 2000 f.

[28] Mertens, S. 14

[29] Iwein, v. 2089 - 2100

[30] Mertens, S. 15

[31] Iwein, v. 2034 f.

[32] Iwein, v. 2310 - 2331

[33] Iwein, v. 2332 f.

[34] Mertens, S. 15

[35] Iwein, v. 2670 ff.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Liebes- und Ehekonzeption zwischen Iwein und Laudine in Hartmann von Aues "Iwein"
Untertitel
Handelt es sich um eine gestörte Mahrtenehe?
Hochschule
Universität Bremen
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
22
Katalognummer
V371263
ISBN (eBook)
9783668493155
ISBN (Buch)
9783668493162
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
liebes-, ehekonzeption, iwein, laudine, hartmann, aues, handelt, mahrtenehe
Arbeit zitieren
Alina Zimmermann (Autor), 2016, Die Liebes- und Ehekonzeption zwischen Iwein und Laudine in Hartmann von Aues "Iwein", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371263

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