Gottes Häuser in Königsberg. Band 2: Kirchen, Kapellen und weitere Bauten ab 1945

2. Auflage


Fachbuch, 2018
451 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

01 Heilige Nikolauskathedrale (1288) … 1

02 Der Dom zu Königsberg (1333) … 13

03 Zacharias und Elisabeth (1850) … 35

04 Neue Liberale Synagoge (1896) … 43

05 Allerheiligste Gottesmutter, Ponarth (1897) … 55

06 Fürbitten-Kirche, Liebfrauenkirche, Rosenau (1914) … 64

07 Heilig-Kreuz-Kirche (1933) … 70

08 Heilige Familie am Neuen Pregel (1994) … 76

09 Kirche des Erzengel Gabriel (1996) … 83

10 Ev.-Baptistische Friedenskirche (1998) … 89

11 Ev.-Luth. Auferstehungsgemeinde (1999) … 93

12 Zeugen Jehovas … 117

13 “St. Adalbert”- die Neue kathol. Kirche (2000) … 120

14 Evangelisch-methodistische Kirche (2001) … 131

15 Kirche der Heiligen Cosmas und Damian (2002) … 137

16 Pfingstkirche “RCEFC” (2002) … 147

17 Ort der “Ortsgemeinde” (2002) … 150

18 St. Elisabeth Nonnenkloster (2003) … 154

19 Heilige der Letzten Tage (2003) … 167

20 “Haus der Barmherzigkeit” (2003) … 173

21 Christ-Erlöser-Kathedrale (2003) … 178

22 Armenische St.-Stephanos-Kirche (2003) … 193

23 “Kirche voller Segen” (2003) … 204

24 Neuapostolische Kirche (2003) … 206

25 “Sonne der Wahrheit” (2003) … 215

26 Pfingstgemeinde “Emmanuel” (2003) … 217

27 Kirche der Hlg. Olga (2005) … 221

28 St. Andreas (2007) … 224

29 Kirche der Heiligen Xenija von Petersburg … 233

30 Kirche des Gerechten Fjodor Uschakow (2007) … 235

31 Kirche “Botschaft Gottes” (2007) … 239

32 Kirche St. Gerasimos von Boldino (2007) … 244

33 Große Märtyrer-Kirche Pantaleon (2007) … 252

34 Christliches Zentrum (2007) … 262

35 Kirche der Märtyrerin Lydia (2009) … 264

36 Alexander-Newski-Kirche I (2010) … 270

37 Pfarrkirche St. Nina (2010) … 273

38 Kirche der Märtyrerin Katharina (2014) … 275

39 Smolensk-Ikone der Mutter Gottes (2010) … 278

40 St. Georgskirche (2010) … 281

41 St. Sergius (2010), Kirill und Maria (2012) … 289

42 “Haus des Lebens” (2011) … 298

43 Kirche der russ.-orthod. Altgläubigen (2011) … 301

44 St. Peter und Fewronija von Murom (2012) … 308

45 Kirche des Hlg. Elias von Murom (2012) … 314

46 Kapelle Georg der Siegreiche (2013) … 318

47 Kirche des St. Wladimir (2013) … 323

48 Kirche der Hlg. Irina … 333

49 “Wort des Lebens” (2013) … 335

50 Adventisten (2014) … 337

51 Kapelle des Heiligen Nikolaus (Fischerhafen) … 342

52 Hafenkirche Nikolaj Tschudotworez (2014) … 347

53 Alexander-Newski-Kirche II (2015) … 352

54 Kirche der Hlg. Katharina (2015) … 367

55 Kirche der Seligen Matrjona von Moskau … 369

56 Spitalkirche Cosmas und Damian … 371

57 Kasaner Kapelle … 373

58 Pfarrkirche Kaiser Konstantin u. Helena (2016) … 375

59 Alexander-Newski-Kirche III … 378

60 Gefängniskirchen … 380

61 Freie evangelische Gemeinde "Exodus" … 384

62 St.-Thomas-Gemeinde … 389

63 Muslimische Gemeinde … 391

Nachwort … 398

Anlagen:

Buddhistisches Zentrum … 407

Hare Krishna … 410

KRUSENSTERN … 412

Personenregister … 419

Ortsregister … 425

Fotonachweis … 428

Literaturhinweise (Quellennachweis) … 431

Einführung

Nach dem Vorliegen des ersten Bandes “Gottes Häuser in Königsberg - Kirchen, Kapellen und Synagogen bis 1945” legt der Autor, der “Chronist sakraler Bauwerke” – ein “Ritterschlag” der “Mutter der ostpreußischen Familie”, nun den zweiten Band “Gottes Häuser in Königsberg - Kirchen, Kapellen und weitere Bauten ab 1945” vor.

“Wo wohnt denn Gott? Ist er an die kirchlich geweihten Gebäude gebunden? Gewiss ist das Haus Gottes, die Kirche des Ortes, ein wichtiger konkreter Treffpunkt der Gemeinde, aber Gott “wohnt” doch in erster Linie in den Menschen, die ihn einlassen. Und die können sich überall versammeln. Nicht der Kirchenraum heiligt die Menschen, sondern die Gott suchenden Menschen heiligen die Kirche”, schreibt Propst Wolfram im 20. Rundbrief des Evangelisch-lutherischen Gemeindezentrums in Kaliningrad am 11.11.2001.

In Königsberg, in der heutigen Stadt Kaliningrad, stehen sie wieder, die Häuser Gottes, Gott sei Dank.

Bei der Planung des Projektes “Gottes Häuser in Königsberg” war ursprünglich angedacht, “die paar Gottesdienststätten nach 1945” mit in einem Band anzuführen. “Das wird so nicht gehen”, meinte der Fotograf Alexander Zimin in Kaliningrad in der Anfangsphase. “Dazu muss ein zweiter Band her!” Recht hatte der vom Moskauer Patriarchat bevollmächtigte Partner, der vom Autor in alle Himmelsrichtungen durch die Stadt gesandt wurde, in Gegenden, “in denen ich noch nie war!” Vielen Dank, Alex, für die vielen Besuche, für die Bereitstellung des Großteils der Fotos.

Frau Ruth Geede - die mit 101 Jahren älteste aktive Journalistin der Welt, auf die schon hingewiesene “Mutter der ostpreußischen Familie” - schreibt im Ostpreußenblatt Nr. 1/17 vom 06.01.2017:

“Wie bei dem ersten Teil haben auch hier unsere Leserinnen und Leser mit ihren Informationen dazu beigetragen, dass der neue Band wieder eine authentische und ungemein umfassende Dokumentation zu werden verspricht. Der erste Band hat uns schon oft bei Leserfragen geholfen, für meine Arbeit ist er mir schon unentbehrlich geworden …”.

Ein herzliches Dankeschön geht an die vielen Partner und Partnerinnen verschiedenster Konfessionen, mit denen ein reger Gedankenaustausch geführt wurde.

Für die freundliche Bereitstellung von Fotos mit den entsprechenden Erläuterungshinweisen sei Herrn Thomas Przybylka, Bereichsleiter Ausland der NAK, gedankt.

Ebenfalls ist dem Wahl-Kaliningrader Uwe Niemeier, den Lesern von Kaliningrad-Domizil bekannt, zu danken. Mit Akribie hat er den einen oder anderen lokalen Hinweis beigesteuert.

Nachdrücklich sei dem Übersetzer Niels Jensen aus Potsdam für die vielfältige Unterstützung bei sprachkundlichen Problemen und die freundliche Projektbegleitung gedankt.

Herzlichen Dank nach Greifswald an Horst Dörn und Frau Hannelore, geb. Günther, aus Königsberg-Tannenwalde für die persönlichen Informationen und Bildbeiträge.

Für die bereitgestellten Dokumente zur Entstehungsgeschichte der Ev. – luth. Auferstehungskirche sei der Pastorin i.R. Barbara Dirksen, Berlin, freundlichst gedankt.

Nicht zuletzt ein großes Dankeschön an Dr. Gerhard Brack in München der das Buchprojekt mit viel Liebe befördert hat.

Danken möchte ich meiner Ehefrau Karin, die in all den Jahren immer wieder viel Verständnis für die Realisierung des Projekts aufgebracht hat.

Gerne werden Ergänzungen und Hinweise entgegengenommen und somit Eingang in einer zweiten Auflage finden. Der einfachste “Weg” dazu ist der über die Adresse: neypreussen@googlemail.com.

Im Jubiläumsjahr “500 Jahre Reformation” lassen wir uns daran erinnert, dass vor 500 Jahren Albrecht, der letzte Hochmeister des Deutschen Ordens, aus dem Ordensland Ostpreußen das Herzogtum Preußen schuf.

Markgraf Albrecht von Brandenburg-Ansbach nach einem Bild von Lucas Cranach d. Ä. Foto: gemeinfrei

Am 10.12.1525 (erste preußische Landesordnung) trat die erste Kirchenordnung in Kraft. Diese war der Grundstein für die erste Evangelisch-Lutherische Landeskirche überhaupt.

Die vorstehende romantisierende Ansicht auf “Kenigsberg” stimmt so leider nicht mehr; vieles, allzu vieles, ist für immer verloren. Jedoch hat der Illustrator Victor Sander “seine” Stadt mit einer in die Zukunft weisenden Fiktion versehen.

Möge auch dieser Band ein Vademecum für die Besucher der altehrwürdigen Stadt am Pregel werden.

“Mein Stil ist eher das Finden als das Erfinden”, meinte jüngst der ZDF-Kulturjournalist Christhard Läpple in einem Interview. Diese Worte spiegeln den Sachstil des hier vorgelegten Projekts voll wider.

Als Mitglied der Gemeinschaft evangelischer Ostpreußen e. V. stellt der Autor diesen Band unter die Jahreslosung 2017.

Gott spricht:

“Ich schenke euch ein neues Herz und

lege einen neuen Geist in euch.”

Vorwort zu Heinz D. Rainer Ney:

“Gottes Häuser in Königsberg. Band 2”

Heinz Rainer Ney mag keine halben Sachen. Er bringt gern zu Ende, was er angefangen hat. Deshalb nun Band 2 der “Gottes Häuser in Königsberg”.

Die Kirchen Königsbergs hat Ney angefangen zu beschreiben, weil er mit seiner Frau hinfahren wollte. Für 2008 war die Reise geplant. “Und bevor ich eine Reise tue, befasse ich mich mit der Materie. Da habe ich also 2007 mich damit befasst und bin über die Kirchen gestolpert und dass eben in der Literatur und im Internet Angaben waren, die sich widersprachen, die einfach nicht stimmten. Und dann hatte ich so einen Gedanken: Korrigiere doch das! Und, ja, wenn ich mir die Arbeit mache, kann ich auch gleich ein Buch schreiben!”[1]

Zunächst ging es ihm um die historischen Kirchen, um das, was war und was ausgelöscht wurde. Die “Geschichte der Vertreibung” habe ihn gepackt, erzählt Ney. “Das war 700 Jahre deutsch, und jetzt ist es völlig vergessen und abgeschnitten, und das tut weh. Das heißt aber nicht im zweiten Teil: Nun wollen wir das alles wiederhaben. Das ist vorbei, das bleibt auf Menschengedenken russisch.”

Ein Haus Gottes ist mehr als ein Gebäude

Ney wollte mit dem 1. Band auf den Verlust aufmerksam machen, den die Kulturwelt durch die Auslöschung Ostpreußens erlitten hat. Dabei ging es ihm weniger um Kunst und Wissenschaft, nicht um verglühte Theater und Museen, nicht um vernichtete Bürgerhäuser und Amtsgebäude, nicht um verbrannte Archive und verschwundene Straßen, sondern es ging ihm um das, was für ihn Heimat ausmacht, es ging ihm um Gottes Häuser.

“Für mich als Christ ist eine Kirche nicht bloß ein Gebäude. Wenn ich in eine Kirche gehe, bin ich überall zuhause. Ob sie nun auf dem Dorf oder in der Stadt, hier oder im fernen Königsberg steht. Wenn ich in eine Stadt komme, und ich sehe von ferne die Kirchtürme, da geht mir was auf. Dann weiß ich: Da ist Nikolai, da ist Marien, da ist St. Hedwig. Und die Silhouette von Königsberg war so einmalig schön, und das ist alles, alles, alles weg. Das hat mich einfach traurig gemacht. Und ich wollte, indem ich darüber schrieb, das Vergangene wieder vorzeigen. Sehr vieles ist in Schutt und Asche, aber es ist nicht vergessen. Es lebt weiter. Und wenn ich von einer Kirche schreibe, in der das Lied entstanden ist, das erste im Evangelischen Gesangbuch, das Adventslied: ‘Macht hoch die Tür, die Tor macht weit’,[2] wenn ich weiß: in dieser Kirche ist das entstanden, dann ist das der Farbanstrich für die Kirche, der Farbtupfen, das ist nicht nur einfach schlicht ein Bauwerk, sondern Menschen haben dort gewirkt, Menschen haben sich dort dafür eingesetzt, das Gottes Wort weiterläuft, die Kirche arbeitet, wie es im Russischen heißt, und das wollte ich eben wieder darstellen.”

“Mich haben die Menschen interessiert”

Um die Menschen, die Gottes Wort verkünden, geht es dem Autor auch im 2. Band. Er schreibt über die Architektur und künstlerische Ausstattung der Gotteshäuser, aber so Ney, sein Hauptinteresse gehört den Gläubigen:

“Mich haben die Menschen interessiert, die da in dem Gotteshaus gewirkt haben. Also die Pfarrer, die Küster, die Hausmeister, der Organist, die Gemeindeglieder, die da zusammengehalten haben. Wenn ich sowas also erfahren und finden konnte, das hat mich dann gefreut.”

Über Facebook hatte er Freundschaft geschlossen mit dem ehemaligen russischen Offizier Alexander Zimin, der ihm half - mit Fotos, Auskünften, Recherchen. Dieser wertvolle Mitstreiter sagte von Anfang an: “Wenn Du über Kirchen in Königsberg schreibst, dann musst du bestimmt zwei Bände machen!” Er, Heinz Ney, habe das zunächst nicht geglaubt: Die paar Kirchen aus der Zeit nach 1945, als die Deutschen dann weg waren, so habe er abgewunken, die könne er auch gleich im 1. Band mit abhandeln. “Aber der hatte recht! Ich war völlig auf dem Holzweg! Wenn im 1. Band 70 Gotteshäuser aufgeführt sind, sind es hier im 2. Band 63, also die gleiche Größenordnung. Und es sind weitere im Kommen!”

Denn für jeweils 10.000 Bürger muss eine Kirche da sein, so rechnen die Orthodoxen. Wird also im Osten von Kaliningrad ein Neubaugebiet für 50.000 Einwohner projektiert, dann werden da auch wieder fünf neue Kirchen geplant.

Nicht für alle Kirchen kam der Autor an die Informationen, die er gerne gehabt hätte, und so wünscht er sich viele Rückmeldungen von Lesern, die ihn besser über Hintergründe informieren können. “Die zweite Auflage will ich innerhalb eines Jahres machen, da werde ich schon wieder vieles ergänzen müssen. Dann ist allerdings Schluss. Dann mache ich da nichts mehr. Dann mache in den Deckel zu. Dann will ich nicht mehr.” Man wisse schließlich nie, wieviel Zeit einem noch bleibt, und auch eine Chronik der Familie Ney will der Autor noch fertig stellen.

Erschossen wegen dem Bekenntnis zu Christus

Beim 1. Band war der Autor sofort Feuer und Flamme, beim 2. Band wuchsen Feuer und Flamme erst. Immer wieder überraschte ihn die Fülle an Gotteshäusern in einem Gebiet, aus dem der Glaube vertrieben war.

Ney selbst kommt aus der evangelischen Kirche in Brandenburg. Zu DDR-Zeiten war es alles andere als opportun, seinen Glauben offen zu leben. Heinz Ney tat es trotzdem. Jetzt liegt in seinem Arbeitszimmer ein dicker Ordner mit Kopien, die ihm die Stasi-Unterlagen-Behörde zugeschickt hat. Diesen zweiten Teil von Unterlagen hat er bislang nicht angesehen, sagt er. Heinz Ney wurde zwar immer wieder benachteiligt in der DDR wegen seines Glaubens. Trotzdem ist er im Rückblick dankbar. Er hatte Glück, meint er, vor allem im Vergleich: “Wenn ich erlebt hätte, wie im KZ oder im Gulag man ganz anders mit den Menschen umgesprungen ist, das kann ich nicht sagen, wie ich da reagiert hätte. Das in der DDR war ja aus meiner Sicht alles noch “harmlos”. Man hat ein paar Probleme gehabt, und man durfte dies nicht und man konnte jenes nicht, aber damit konnte man dann leben. Andere Menschen haben, weil sie sich zu Christus bekannten, mit dem Leben bezahlen müssen in der Sowjetunion oder im Nazireich. Das möchte ich so betonen, ich bin eben geführt worden, dass ich das nicht erleiden musste. In der Sowjetunion wurden Pastoren erschossen, wenn sie sich zum christlichen Glauben bekannt haben.”

Nie gekannte Vielfalt von Glaubensströmungen

Die Menschen, die nach 1945 in der Kaliningrader Oblast angesiedelt wurden, waren in der Regel Militärs und Landarbeiter. “Die waren atheistisch durch und durch.” Erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 kamen die Menschen auch dort in Bewegung: “Es trafen ja viele Deutschstämmige aus dem Wolgagebiet und Kasachstan ein, die Richtung Westen zogen, und Kaliningrad zunächst einmal als Sprungbrett ansahen. Jetzt konnten sie sich ja wieder frei bewegen. Und da brachten sehr viele ihre Religion mit.”

So kam es, dass in dem zuvor atheistisch geprägten Landstrich ein Blühen verschiedenster Kirchenströmungen einsetzte: Von den Armeniern über die vielen russischen Schattierungen bis hin zu den Altgläubigen. Nicht nur die Vielfalt hat den Autor beeindruckt, sondern auch die Art, wie der Glaube gelebt wird. Die innere Einstellung der Gläubigen ist dabei oft schon erkennbar an ihrem Umgang mit der Hülle, der Örtlichkeit, dem Gotteshaus, in dem die Gemeinde sich trifft - in Wohnungen, in Neubauhäusern, in Betonsilos, im Kino, im Puppentheater: “Die haben keine schicke Kirche wie die Orthodoxen, die ja wunderbar viel Gold und Silber und Gemälde haben, dolle Sachen, hübsche Sachen, sehr schöne Sachen. Da ist das bei anderen einfacher.” Heinz Ney aber ist der Glaube wichtiger als der Schmuck: “Der Schmuck ist ein schönes Beiwerk, aber nicht das Entscheidende. Das haben wir ja auch bei uns in unseren Breiten. Ich bin bewusst ‘evangelisch aus gutem Grund’. Aber jeder macht das so, wie er es persönlich für richtig hält. So bin ich erzogen worden, das ist unsere Richtschnur, unser Niveau, danach verfahren wir hier.” Klar, einfach, direkt. Keine Umwege, keine Bürokratie. Auch nicht im Gebet.

Das Preußische als moralische Substanz

Heinz Ney ist Brandenburger durch und durch und fühlt sich als Preuße. Er lebt in Potsdam, jener deutschen Landeshauptstadt, in der der regierende König zu Beginn seiner Herrschaft 1740 die Maxime ausgab: “Jeder soll nach seiner Façon selig werden.” Dieses Motto Friedrich II. führt Heinz Ney im Gespräch an und schmückt Friedrich dabei ganz bewusst nicht mit dem Epitheton “der Große”. Glorifizierung liegt Ney nicht. Mit dem Herz verbunden fühlt er sich aber schon dem alten Preußentum, das in Potsdam immer noch atmet, und das Ney so charakterisiert: “Anstand, Sitte, Geradlinigkeit, Offensein, Toleranz - die liebe ich doch! Leben und leben lassen, nicht den anderen übervorteilen! Selber gut leben, aber den anderen auch gut leben lassen, seine Meinung achten und ehren, wenn's hochkommt, aber zumindest achten. Ja, Toleranz! Das kann man lernen am Müller von Sanssouci.”

Oder man lernt das Preußische kennen in der Feldsteinkirche von Friedersdorf in der Mark Brandenburg. Dort liegt jener Von der Marwitz begraben, der Friedrichs Befehl verweigerte, das sächsische Schloss Hubertusburg zu plündern. “Wählte Ungnade, wo Gehorsam nicht Ehre brachte”, steht auf Marwitzens Grabstein geschrieben. “So mag das Preußische, Preußens ‘Gloria’, als moralische Substanz begriffen werden”, hat Bundespräsident Theodor Heuß 1954 den Vorgang kommentiert.

Das Preußische als moralische Substanz – Heinz Ney hatte es schon verinnerlicht, als er ab 2007 für den Wiederaufbau des Potsdamer Stadtschlosses nach den alten Knobelsdorff-Plänen demonstrierte. Hätten am historischen Ort in Potsdam damals nicht regelmäßig Demonstranten wie er unter dem Motto “Wir brennen für das Schloss” ihre Meinung kundgetan, so wäre dort ein gesichtsloser Betonsilo hochgezogen worden, ist Ney überzeugt.

Den Platz kenne ich selbst noch von vor 25 Jahren als trostlose Ödnis aus Pfützen, Schlamm und einem provisorischen Wellblechbau.

Ein kleines Stück weiter steht jetzt über einer mit gestückelter Teerdecke und Fertigplatten notdürftig verarzteten Nachkriegsbrache eine evangelische Kirchenfahne im Wind, daneben leuchtend orange ein Banner mit dem Motto: “Eine Kultur des Friedens bauen”. Hier soll als Friedens- und Versöhnungsort ab Herbst 2017 der Turm der alten Garnisonkirche wiedererrichtet werden. Ihre Mauern waren 1968 auf SED-Beschluss gesprengt worden, 1945 war sie nach Bombardement ausgebrannt, 1933 Kulisse für die Eröffnungsfeier des von den Nationalsozialisten vergewaltigten und vereinnahmten Reichstags gewesen, 1817 Ort eines ersten gemeinsamen Gottesdienstes von Kalvinisten und Evangelisch-Lutherischen, 1786 Bestattungsgruft Friedrich II., 1732 noch vor der Fertigstellung geweiht.

Die Jahreszahlen markieren Wegmarken und Brüche.

Heinz Ney freut sich auch auf die Wiedererrichtung dieses Wahrzeichens seiner Heimatstadt und hält den anvisierten Baubeginn für einen neuen, einen guten Wendepunkt.

Den preußischen Toleranzgedanken hält er hoch und stellt in seinem Buch neben Kirchen und Kapellen auch Gebetsstätten anderer Religionen dar, zum Beispiel den Wiederaufbau der alten Synagoge in Kaliningrad: “Ich habe ja aktuelle Bilder drin. Jetzt sind sie also schon im 3. Stockwerk. Monatelang war das im Erdgeschossbereich. Jetzt geht es in die Vollen. Das macht einen schon fröhlich!”

Gerhard Brack[3] im Mai 2017

1 Heilige Nikolauskathedrale

Auferstanden aus Ruinen …

Diese Kirche in Juditten ist eine “alte Bekannte”, eine Wiederbegegnung für die werte Leserschaft des 2. Kapitels im 1. Band nunmehr hier im 1. Kapitel des 2. Bandes.

Die Grundsteinlegung des im westlichen Vorort Juditten gelegenen Gotteshauses erfolgte 1255. Die Wallfahrtskirche gilt als das älteste Baudenkmal des Samlandes.

Die Juditter Kirche, Ansicht von 1898

Foto: entnommen aus “Walter Dignath/Herbert Ziesmann, Die Kirchen im Samland”

Der eigentliche Bau erfolgte – nicht ganz gesichert – ab 1288 bis in den Anfang des 14. Jahrhunderts hinein, zunächst als Wehrkirche, obschon sie gerade um 1300 ein beliebter Wallfahrtsort war.

Deutlich ist das Faltendach des Turmes über dem quadratischen Grundriss mit den rautenförmigen Dachflächen und Giebeln zu erkennen. Vom Giebelfuß steigen die Kehlen zur Turmspitze auf, so dass die Dachfläche in der Mitte quasi “gefaltet” ist.

Abbildung aus Adolf Boetticher, Die Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Ostpreußen, H. 1, Das Samland, 2. durchgesehene und erw. Aufl., Königsberg

Überliefert sind die Baujahre von 1276 bis 1294, auch 1298. Wie üblich wurde mit dem Chor begonnen. Das Hauptmaterial bestand aus Granit, die Ecken aus Backstein. Die Mauern waren sehr stark und enthielten keine Strebepfeiler. Charakteristisch waren die gerippten Dreieckskappen. Der Chor war ursprünglich flach gedeckt und erhielt sein Steingewölbe 1330 - 1340. Das auffallend niedrige Kirchenschiff wurde 1430 angefügt, mit ebenfalls starken Mauern. Zunächst war eine flache Eindeckung vorhanden. Die Einwölbung erfolgte nach der Mitte des 14. Jahrhunderts.

Den gotischen Westgiebel zierten Blenden, die auf das Feldsteinmauerwerk aufgesetzt wurden.

Der Turm stand ursprünglich allein und hatte - aus Gründen der Schutzfindung im Kriegsfalle - keine ebenerdig beginnende Treppe. Eine enge Steintreppe führte aus dem Langhaus in dessen Stirnrand nach oben. Erst spät wurden Turm und Kirchenschiff miteinander verbunden. Die backsteinerne Turmbasis stammt aus dem Ende des 14. Jahrhunderts.

Die Kirche im Jahre 1943

Foto: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Farbdiaarchiv, Aufnahme Rudolf Schulze-Marburg, 1943/44

Die größte Anzahl der bis auf den heutigen Tag erhaltenen Denkmäler schuf der Königsberger Bildhauer Stanislaus Cauer (1867-1943). Seit 1907 war er Professor für Bildhauerei an der Königsberger Kunstakademie. Er verstarb während des Krieges und wurde hier auf dem Friedhof der Juditten-Kirche beigesetzt. Sein Grab blieb nicht erhalten. Die bekanntesten Werke von Cauer – “Schillerdenkmal”, "Nach dem Bade" und "Zwei geflügelte weibliche Relieffiguren, Genien mit Kranz und Füllhorn" - schmücken die Stadt bis heute. Mehr über das Werk von Professor Cauer auch im Kapitel 51.

Einer der letzten deutschen Pfarrer, die bis zur Ausweisung im Jahr 1948 in Königsberg blieben, war Hugo Linck. Jeden Sonntag versammelte er hier in Juditten die Gemeinde zur Andacht.

Pfr. Hugo Linck, Foto: Archiv

Er predigte aber auch in den Gemeinden am Haff, in Peyse, Zimmerbude und Neplecken sowie alle drei Wochen in Cranz und Sarkau. Im Frühjahr 1947 trug er täglich 30 bis 40 Menschen zu Grabe, berichtet Andreas Kossert.

Die Kirche “Unserer Lieben Frau” (jetzt: Heilige Nikolauskathedrale) ist das älteste erhaltene Gebäude in Königsberg. Sie befindet sich im Besitz der Russisch-Orthodxen Kirche und wird von der Äbtissin Sophia als Nonnenkloster in der ul. Теnistaja /Juditter Kirchenstraße 39 geführt.

Bekanntermaßen ist eine Kathedrale (lateinisch ecclesia cathedralis “Kirche des Bischofssitzes”) eine Kirche, die Sitz eines Bischofs und somit das Zentrum einer Diözese ist. Als Bischofssitz wirkt diese Kirche jedoch nicht; folglich ist die Bezeichnung “Kathedrale, Hauptkirche einer Kirchenprovinz” hier irreführend!

Nach 1945 wurde die Kirche – wie bereits aufgeführt – noch drei Jahre zweckgemäß verwendet. Danach aber diente sie als “Steinbruch”. Die nachstehenden Fotos weisen darauf hin.

Nach sowjetischer Ideologie wurde das Kaliningrader Gebiet stolz als die atheistischste Region der Sowjetunion bezeichnet; im ersten “gottlosen Territorium” der Sowjetunion war kein Platz für Gotteshäuser.

Die Kirchenruine in den 1970-er Jahren

Fotos (4 x): Alexander Zimin

Erstaunliches geschah dann in den Jahren 1985 bis 1989: Am 21. November 1985 beschloss das Amt für religiöse Angelegenheiten, die verbliebenen Reste der Kirche den russisch-orthodoxen Christen zu übergeben. In der Folgezeit wurde kräftig angepackt. Das Ergebnis - die erste geöffnete (orthodoxe) Kirche der Region in der Nachkriegsgeschichte!

Auferstanden aus Ruinen …

… und der Zukunft zugewandt.

Alle Fotos: Alexander Zimin

Eindrucksvolle Ikonostasen

Der Kirchturm im Winter 2014

Detail vom Eingangstor auf dem Kirchengelände

Alle Fotos: Alexander Zimin

Die Juditter Kirche St. Nikolaus ist auf dem 3-Rubel-Stück der Architekturserie von 2005 eingeprägt.

“Russland 3 Rubel 2005 St. Nikolas Kathedrale Silber in PP, für 85 €.”

Foto: Münzen-Müller

Durch Anklicken der Internetseite http://nikolaos.pravorg.ru/ können sehr viele Fakten aus der historischen Zeit des Gotteshauses nachgelesen werden. Auch werden aktuelle Informationen aus dem lebendigen Klosterleben vermittelt.

Nachstehend eine Übersicht über die täglichen Gottesdienstzeiten:

Montag

09:00 – Göttliche Liturgie

09:40 – Beichte (während der Liturgie vor dem Abendmahl)

10:15 – Totenmesse (bzw. Seelenmesse)

17:00 – Abendgottesdienst

Dienstag

09:00 – Göttliche Liturgie

09:40 – Beichte (während der Liturgie vor dem Abendmahl)

10:15 – Totenmesse (bzw. Seelenmesse)

17:00 – Abendgottesdienst

Mittwoch

09:00 – Göttliche Liturgie

09:40 – Beichte (während der Liturgie vor dem Abendmahl)

10:15 – Totenmesse (bzw. Seelenmesse)

17:00 – Abendgottesdienst mit Akathistos*) an den Hlg. Nikolai

Donnerstag

09:00 – Göttliche Liturgie

09:40 – Beichte (während der Liturgie vor dem Abendmahl)

10:15 – Totenmesse (bzw. Seelenmesse)

17:00 – Abendgottesdienst

Freitag

09:00 - Göttliche Liturgie

09:40 - Beichte (während der Liturgie vor dem Abendmahl)

10:15 – Totenmesse (bzw. Seelenmesse)

17:00 – Abendgottesdienst

18:30 – Gespräch über den Glauben

Sonnabend

08:50 – Beichte

09:00 – Göttliche Liturgie

10:15 – Totenmesse (bzw. Seelenmesse)

11:00 – Taufe

16:00 – Gespräch über den Glauben (für diejenigen, die sich auf

die Taufe vorbereiten)

17:00 – Nachtwache

17:40 – Beichte (nach dem Polyeleos **)) Sonntag

07:00 – Göttliche Liturgie (frühe)

09:50 – Beichte

10:00 – Göttliche Liturgie (späte)

11:30 – Totenmesse (bzw. Seelenmesse)

13:00 – Taufe

17:00 – Vesper (bzw. Abendandacht) mit Akathistos

*) Vesper oder Andacht, in der Wasser geweiht wird mit Akathistos (Akathistos = Hymnus, der der Dreieinigkeit, einem Heiligen oder einem Festgeheimnis des Kirchenjahres gewidmet ist; “nicht-sitzend”. Die Gläubigen stehen also, während der Hymnus gesungen wird).

**) Polyeleos = griech. für “viel Gnade” bzw. Barmherzigkeit; feierlichster Teil der Nachtwache, vom Gesang der Psalmen 134 und 135, (Psalm 50, nach der griechischen Zählung) bis zur Lesung des Kanons, d.h. einiger Bibelstellen.

In Russland müssen sich alle Firmen, Vereine, religiöse Vereinigungen als “Juristische Personen” registrieren lassen. So hat sich auch die “Religiöse Organisation “St. Nikolaus Kloster der Kaliningrader Diözese der Russisch - Orthodoxen Kirche (Moskauer Patriarchat)” am 09.03.1991 registrieren lassen und wurde dann am 09.02.2003 offiziell in das “Einheitliche Staatliche Register Juristischer Personen” (ЕГРЮЛ) eingetragen. Bei den Angaben dieser Art wird in den Folgekapiteln immer auf diese ЕГРЮЛ-Liste verwiesen. Als anmeldende Personen sind die Äbtissin Ella Herhenreder und der geistliche Vorsitzende Wladimir Sestrakowitsch Melkonjan aufgeführt.

Foto: A. C. Nikolajew, mit freundichen Grüssen von Jelena Schischkowa

2 Der Dom zu Königsberg

Ein kulturell -musikalisches Zentrum mit drei Kapellen

Nach dem neuen Leben in alten Gemäuern, wie es im ersten Kapitel zu lesen ist, kann nun von einem weiteren Hoffnungszeichen berichtet werden: Im Sommer 1992 unterzeichnete der damalige Gouverneur Juri Matotschkin den Ukas 122:

Der im Krieg zerstörte Dom soll als ein “kulturell-musikalisches Zentrum” der Stadt wieder aufgebaut werden.

Die Domruine 1991

Foto (3x): Ludwig Grupe

Das Innere der Domruine 1991

Der Bauingenieur und ehemalige Offizier Igor Alexandrowitsch Odinzow bewarb sich um die Lizenz. Zusammen mit einigen Enthusiasten gründete er die staatliche Denkmalschutz-Firma “Kafedralny Sobor”. Seine Firma bekam den Zuschlag.

Igor Alexandrowitsch Odinzow, Foto: Archiv

Beim Wiederaufbau wurde das russische Sprichwort umgesetzt:

“Von jedem ein Fädchen, und der Arme hat ein Hemd”.

Der Dachstuhl wird errichtet

Fotos (2x): Gerhard Raßner

In der Bauphase war das Zentrum für Handwerk und Denkmalpflege in Fulda der Kooperationspartner.

Die Finanzierung der Arbeiten erfolgte im Wesentlichen durch:

- die Regierung der Russischen Föderation,
- die Zeit-Stiftung Hamburg,
- die Stiftung Königsberg,
- die Stadtgemeinschaft Königsberg,
- die Gemeinschaft evangelischer Ostpreußen (GeO),
- die Landsmannschaft Ostpreußen (LO).

Im Ergebnis ist mit dem wieder errichteten Dom ein kulturell-religiöses Zentrum mit einer evangelischen und einer orthodoxen Kapelle sowie einer Taufkapelle (2008 abgeschlossen) entstanden. Weiterhin beinhaltet das Bauwerk drei Museen - das Dommuseum, das Kantmuseum und das Stadtmuseum - sowie die Wallenrodtsche Bibliothek.

Der erste ökumenische Gottesdienst fand am 7. Mai 1995 mit Beteiligung der drei Konfessionen statt. Heute werden regelmäßig Gottesdienste angeboten.

Orthodoxe Kapelle

Im nördlichen Flügel des Doms befindet sich die orthodoxe Kapelle. Im Jahre 1994 wurde sie vom Metropoliten des Baltikums und des Kaliningrader Gebiets, Panteleimon, zu Ehren des Großmärtyrers und Heilers Panteleimon eingeweiht.

Der ev.-luth. Pfarrer Kurt Beyer hielt am 01.09.1995 um 20.00 Uhr die “Uhrenpredigt” zur Einweihung der orthodoxen Kapelle.

Die gesamte Ausstattung der orthodoxen Kapelle wurde mit Spendengeldern von orthodoxen Gläubigen finanziert.

Die Ikone der Gottesmutter Maria («Unzerstörbare Mauer») wurde nach einer Kopie des Mosaiks im Kiewer Sophienkathedrale geschaffen, der im Russischen Altreich eine zentrale Bedeutung innehatte. Auf der Ikone sind neben der Gottesmutter auch der Heilige Panteleimon und der Heilige Nikolaus dargestellt.

Foto: Archiv (Orthodoxes Kaliningrad)

Foto: gemeinfrei

Das übergroße Mosaik der “Betenden Gottesmutter” in der Orantenhaltung in der Sophienkathedrale (Kiew).

Foto: Archiv

Weiterhin befindet sich in der Kapelle ein hölzernes Kruzifix. Es wurde im Auftrag des zweiten Gouverneurs des Kaliningrader Gebietes (1996-2000), L. P. Gorbenko, vom Bildhauer N. P. Frolow gefertigt. Diese wunderbare Arbeit ist in der Art der alten nordrussischen Holzschnitzerei gemacht.

N. P. Frolow ist auch der Künstler des Buntglasfensters “Jesu Hinrichtung” und der Ikone auf dem Buntglasfenster “Jesu Auferstehung”.

Foto: Archiv

Außerdem befinden sich hier viele altertümliche Ikonen und Ausstattungen, so die einzigartige Ausgabe der Bibel, die vom Direktor des Verlages “Jantarnyj Skaz”, A. Mahlow, geschenkt wurde.

Das von der Zarendruckerei in der Zeit des Zaren Alexander II. herausgegebene “Evangelium” ist ein Geschenk von Igor Alexandrowitsch Odinzow. Nach diesem Evangelium feiern in der Kapelle samstags die Gläubigen ihren Gottesdienst, der von den Priestern aus der Kreuzkirche geleitet wird.

orthodoxe Kapelle ==>

ev.-luther. Kapelle ==>

Grundriß des Domes nach A. R. Gebser / E. A. Hagen

Lutherische Kapelle

“Dem Vernehmen nach ist der rechte Raum im Eingangsbereich kürzlich als “lutherische Kapelle” geweiht worden. Wir meinen: Das ist ein Grund zur Freude”, schrieb der ev.-luth. Pfarrer Kurt Beyer in seinem Freundesbrief am 8.10.1998 aus Dresden.

Seit dem 31.10.2000 steht im Eingangsbereich des Königsberger Doms den Protestanten die Südkapelle mit etwa 40 Plätzen zur Verfügung. Hier finden Gottesdienste, Trauungen und Taufen statt.

Der Kapellenführer Waldemar Biss schreibt im Propsteibrief 1/2016:

Foto: Frank Raffe-Freitag

“Die Kapelle ist ein einzigartiger Ort, sowohl in Bezug auf die Lage (Stadtzentrum), als auch auf den Wert (sie wird von Einheimischen und Gruppen aus dem Ausland besucht, darunter auch von ehemaligen Bewohnern von Ostpreußen. … ). Der frühere Propst H. Osterwald hat das Konzept für die Kapelle entwickelt. Das Konzept bestand darin, die Kapelle für den vorgesehenen Anwendungszweck zu benutzen (Dienste, Taufen und Hochzeiten) und als Informationszentrum (Vorträge, Exkursionen, Ausstellungen, Konzerte) mit einem religiösen Schwerpunkt.”

Dabei hebt Biss die besondere Rolle des Luthertums in Bezug auf die Erhaltung der Werte christlicher Kultur, wie Toleranz, Respektierung der geistlichen Freiheit jedes Menschen und Überwindung konfessioneller Schranken, hervor. “Güte, Liebe, Dialog zwischen den Konfessionen sind das Ergebnis einer freien, aktiven, persönlichen Wahl. Diese Werte sind mit dem Herzen zu akzeptieren” und zählt in diesem Zusammenhang auf: Andreas Osiander, Georg Sabinus, Simon Dach, Immanuel Kant.

Waldemar Biss bedankt sich in seinem Bericht ausdrücklich bei der Gemeinschaft ev. Ostpreußen e.V. für die geleistete Unterstützung.

“An Ostern und Pfingsten werden im oder am Dom Gottesdienste gefeiert. Die Propstei Königsberg besteht aus 32 Gemeinden mit rund 3.000 Mitgliedern, die von drei aus Deutschland entsandten Pfarrern und einem aus Sibirien zugewanderten Prediger betreut werden”, schreibt Hagen Schulz in Spiegel Online am 25.05.2012 und ergänzt weiter:

“Im Oktober 2000 suchten meine Schwester Bärbel und ich in Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg, nach Spuren unserer Kindheit. Hier hatten wir im August 1944 die britischen Luftangriffe auf die Stadt hautnah miterlebt und damals zusammen mit Mutter und Bruder Schutz im Turmzimmer des Doms gesucht. Am Tag nach den Angriffen war die Tür zu dem Raum verschüttet.

Wir wurden über ein Loch an der Außenfassade befreit. Nun, 56 Jahre später, waren meine Schwester und ich auf der Suche nach diesem Loch im Mauerwerk der Westseite des Turms. Es war schwierig, unseren ehemaligen Ausstieg zu lokalisieren, denn mittlerweile war das Westwerk des Doms bereits restauriert.

Was wir fanden, war im Innern eine Kapelle in der südlichen Turmstube, die von dem evangelisch-lutherischen Gemeindezentrum Königsberg verwaltet wurde. Ein Gemeindemitglied, Irina Arndt, führte die Aufsicht und wir erzählten ihr unsere Geschichte. Daraufhin berichtete sie uns von einer grausamen Entdeckung.

Als man die Turmstube Jahre nach dem Krieg geöffnet hatte, habe man dort zahlreiche Gebeine, darunter die von etwa zweihundert Kindern, gefunden. Sie seien später an der Südmauer des Doms beigesetzt worden.

Königsberg in Flammen

Als ich in der Turmstube stand, erinnerte ich mich wieder an die Luftangriffe in der Nacht des 29. August 1944.

Auf die ostpreußische Metropole ging damals ein Bombenhagel, ausgelöst von fast 200 britischen Flugzeugen, nieder. 480 Tonnen Spreng- und Brandbomben warf die Royal Air Force über der Stadt ab. Der Himmel wurde von sprühenden Funken und lodernden Feuern taghell erleuchtet. Meine Geschwister Dieter und Bärbel, meine Mutter und ich flüchteten so schnell wir konnten aus unserem Haus in Richtung Dom. Hinter seinen meterdicken Mauern erhofften wir uns Schutz, denn das gotische Fenster der südlichen Turmstube war massiv vermauert und das Zimmer so zum Luftschutzraum umfunktioniert worden.

Zusammen mit anderen Schutzsuchenden hockten wir in dem kleinen Raum und bangten um unser Leben, während draußen das historische Königsberg nahezu ausgelöscht wurde. Der Dom blieb zwar von Bombeneinschlägen verschont, aber der Feuerwalze, die in der Folge der Bombenschauer über die Straßen und Plätze der Innenstadt hinwegrollte, widerstand auch er nicht. Seine Dachkonstruktion ging in Flammen auf, ein Teil der Gewölbe brach ein, Mauern stürzten herab.

Verließ im Turm

Wir überlebten im Zentrum des apokalyptischen Geschehens, doch unsere Situation schien ausweglos, denn der Zugang zu unserem Versteck war hoffnungslos verschüttet, der Weg zurück versperrt. Wir waren von der Außenwelt abgeschnitten.

Einen Tag lang harrten wir aus, dann hörten wir, wie sich Suchtrupps an der Außenseite der Turmwand zu schaffen machten. Sie stemmten ein Loch in die Fassade des Doms und zogen uns einen nach dem anderen aus der Höhle der Turmzelle heraus. Sie beförderten uns somit zurück ins Leben.

Die Welt um uns herum lag in rauchenden Trümmern. Die gesamte Innenstadt war nur noch Schutt und Asche. Der Feuersturm hatte sie ausgelöscht und eine Wüste aus Ruinen hinterlassen. Über 200.000 Menschen wurden obdachlos. Insgesamt starben bei den britischen Luftangriffen auf Königsberg etwa 6.000 Menschen. Sie wurden in Massengräbern beigesetzt.

Vermutlich wurde auch die Domstube nach unserer Rettung zu einem solchen Grab für die vielen toten Kinder, von denen Irina uns erzählt hatte. Ihre Identität und die Umstände ihres Todes sind bis heute nicht bekannt. Ihnen zum Gedächtnis wurde dort ein schlichtes hölzernes Kreuz aufgestellt. Auf Initiative des Kaliningrader Schriftstellers, Juri Iwanow, wurden Spenden gesammelt, um das bisher eher einfache Kreuz durch ein größeres zu ersetzen. Die gefundenen Gebeine wurden an der Südmauer des Doms beigesetzt. Ein steinernes Kreuz weist diesen Ort heute aus.

In der protestantischen Kapelle sind Glasmalereien mit Darstellungen des böhmischen Königs Ottokar II., des Hochmeisters des Deutschen Ordens Hermann von Salza und der Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon angebracht.”

Der Dom erhielt 2006 eine neue Chor- und 2008 die Hauptorgel. Beide Orgeln wurden von der Firma “Alexander Schuke Potsdam Orgelbau GmbH” mit Sitz in Werder a. d. Havel gefertigt und installiert.

Beide Orgeln mit insgesamt 122 Registern weisen identische Spieltische auf. Von jedem Spieltisch kann auch das jeweils andere Instrument bespielt werden.

Matthias Schuke

Foto (Detail): Edith Mende

Der Orgelprospekt wurde weitgehend dem Barockprospekt der 1721 von Johann Josua Mosengel erbauten Domorgel nachempfunden. Die Verzierung erfolgte mit 17 stehenden Holzfiguren und sechs beweglichen Figuren, die allesamt von den Kaliningrader Holzschnitzern der Fa. Maxick unter der Leitung von Max Ibragimow angefertigt wurden.

Fotos (2 x) : Alexander Zimin

Zum Königsberger Stadtwappen an der Orgelempore mit dem als Schildhalter sichtbaren russischen Doppelkopfadler ist anzumerken, dass der originale preussische Adler – trotz der erheblichen deutschen Geldflüsse – nicht wieder an seinem alten Platz landen durfte. Dafür breitet er seine Schwingen oberhalb des Orgelprospekts aus.

Artjom Chatschaturow Organist und Orgelpfleger

Foto (2 x): PAZ, 23.10.15

Im Jahr 2007 wurde Artjom Chatschaturow Organist und Orgelpfleger an der Schuke-Orgel. Geboren ist er 1983 in Balaschicha bei Moskau; er besuchte bis 2002 die Akademische Musikschule am Moskauer Staatlichen Konservatorium in den Fächern Klavier und Orgel. Diese Fächer studierte er am Moskauer Staatlichen Tschaikowsky-Konservatorium und beendete sein Studium 2010 mit Auszeichnung.

Der Künstler ist mehrfach auf Konzertreisen im In- und Ausland gewesen - u. a. am Berliner Dom, an der Hamburger Hauptkirche St. Petri und an der Potsdamer Friedenskirche - und machte Aufnahmen für Rundfunk und Fernsehen.

Im Zusammenhang mit dem Austausch des Domherrenpostens (Odinzow/Feldmann, siehe Seiten 27 bis 29) wurde der beliebte Domorganist zum 31.12.2016 entlassen. Damit verbunden ist auch die Kündigung seiner Zwei-Zimmer-Wohnung und – auf Grund des Fehlens einer vergleichbaren Orgellandschaft – der Status der Arbeitslosigkeit im gesamten nördlichen Ostpreußen. Der durch die neue Domdirektorin Tariwerdijewa ausgeschriebene Wettbewerb für zwei neue Domorganisten­stellen schloß den Organisten Chatschaturow ausdrücklich aus.

Den hauseigenen Wettbewerb um die Planstellen “Titularorganist des Domes” haben inzwischen Jewgenij Avramenko/Kaliningrad (“besondere Begabung”) und Masur Jusupov/St. Petersburg (“Erfahrung als Orgelmeister”) gewonnen. Quelle: GeO-Rundbrief 2/2017 nach Königsberger Express.

Im April 2015 berichtet das Informationsportal von "Kaliningrad-Domizil" von einem neuen Leiter für den Königsberger Dom in Kaliningrad; Arkadij Feldmann wurde als geschäftsführender Direktor ernannt. “Die Verdienste von Igor Odinzow wurden von höchster Ebene gewürdigt. Mit seinem Namen sind die herausragenden Seiten im kulturellen Leben der Region verbunden. Er hat einen gewaltigen Beitrag in der Entwicklung dieser Sphäre geleistet. Unter seiner Führung wurde das kulturhistorische Denkmal des Königsberger Doms, eines der wichtigsten Touristenobjekte der Stadt, restauriert. Alles was geschehen ist, geschah dank seinen Eingebungen und seinem Talent”, so die Regionalministerin für Kultur Swetlana Kondratjewa.

Die Annahme des Ordens “Für Verdienste um die Kaliningrader Oblast” hat Igor Odinzow abgelehnt.

Igor Odinzow

Foto: MRK

Jurij Tschernyschew schreibt am 20.06.2015 im Ostpreußenblatt “Nach 23 Jahren muß Dombaumeister Odinzow seinen Hut nehmen”:

“Odinzow ist für sein stürmisches, unberechenbares und manchmal rücksichtslos ungehobeltes Verhalten bekannt. Doch diese Eigenschaften waren es auch, die es ihm ermöglichten, sich für lange Zeit in seinem Dienst zu halten und, noch wichtiger, die Unversehrtheit des Doms zu garantieren. Solange Odinzow den Dom leitete, gab es keinen Zweifel daran, das Pläne zur unsachgemäßen Nutzung des Domes sowie der Insel, auf der sich der er sich befindet, nicht realisiert würden. Da sei der Versuch der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) genannt, sich das Eigentum am Dom zu sichern. Der Königsberger Dom ist fast das einzige Gebäude, das gegen die Begehrlichkeiten der ROK verteidigt werden konnte.”

Arkadij Feldmann, einem sehr breiten Publikum als Leiter des Kaliningrader Philharmonischen Orchesters bekannt, brachte zum Ausdruck, dass er die Traditionen im Königsberger Dom fortsetzen werde. Quelle: Informationsagentur Kaliningrad-Domizil

Arkadij Feldmann (im Hintergrund Propst Thomas Vieweg) am 16.12.2013 in der Auferstehungskirche

Foto: Uwe Niemeier, Kaliningrad-Domizil

“Nach dem Weggang Odinzows kann sich vieles verändern. Ob der neue Direktor des Königsberger Doms, Arkadij Feldman, denselben prinzipienfesten Standpunkt einnehmen wird wie Odinzow, muss sich zeigen. Allerdings ist es wichtig, dass ein verdienter Kulturvertreter die Leitung übernimmt.

Feldman hat viele Jahre das Sinfonieorchester geleitet. Seine Ernennung begrüßten vor allem seine Musikerkollegen enthusiastisch, aber auch die Leiter anderer kultureller Einrichtungen. Zweifelsohne hat das musikalische Kulturprogramm des Doms alle Chancen, noch reicher und vielfältiger zu werden. Von daher kann der Dom als musikalischer Veranstaltungsort der Stadt unter der Leitung von Feldman nur gewinnen.” Jurij Tschernyschew im Ostpreußenblatt vom 17.06.2015.

Inzwischen hat Arkadij Feldmann seinen Posten als Direktor des Königsberger Doms auf eigenen Beschluss abgegeben. Im Dezember 2016 trat er zurück. Neue Leiterin ist Vera Tariwerdijewa, die Witwe des bekannten armenisch-georgischen Filmkomponisten.

Am 27.12.2016 berichtet die InformationsAgentur “Kaliningrad Domiziel unter der Überschrift: Neue Leiterin des Kant-Domes ernannt: “Der bisherige Direktor des Kant-Domes, der bekannte Kulturschaffende Arkadij Feldmann, der erst vor rund einem Jahr in die Funktion als Direktor des Kant-Doms eingesetzt worden war, hat gebeten, ihn von dieser Funktion freizustellen. Neue Direktorin wurde Vera Tariwerdijewa. Sie wurde durch den Kaliningrader Gouverneur Anton Alichanow vorgestellt. Für die Aufnahme dieser Funktion hatte sie mehrere Bedingungen gestellt. Sie ist bereit, sich zehn Tage im Monat in Kaliningrad für die Leitungstätigkeit aufzuhalten. Das ihr angebotene Gehalt soll die Gebietsregierung dem “Fonds des Museums des Kant-Doms” zur Verfügung stellen. Vera Tariwerdijewa ist Präsidentin eines Wohltätigkeitsfonds und Art-Direktor einer Kulturorganisation.”

Unter der Überschrift “Der Dom braucht mehr Zuwendung” berichtet der “Königsberger Express” am 30. 12. 2015:

“… Deutsche und Russen spendeten dem Baumeister das für den Wiederaufbau dringend benötigte Kapital. So konnte der Dom gemeinschaftlich wiederaufgebaut werden und in seine Funktion als Konzertsaal und Museum überführt werden. Dennoch sind die Instandsetzungsarbeiten noch nicht abgeschlossen. An der Decke sind feuchte Stellen zu erkennen, die Mauern des Nordturms sind durchnässt und der Spalt zur Grundmauer wird immer größer. Und das sind bei Weitem nicht alle Mängel, die es zu beseitigen gilt. “Wenn wir das nicht nur provisorisch, sondern ein für allemal in Ordnung bringen möchten, dann kommen wir um eine komplette Untersuchung des Gebäudes nicht herum”, teilte Domdirektor Feldman mit. “Am Geld wird es nicht scheitern, da es aber ein Baudenkmal von Föderalrang ist, müssen alle anstehenden Arbeiten mit den zuständigen Behörden im Voraus abgestimmt werden.” Das bedeutet keinesfalls, das man die Verdienste von Igor Odinzow um den Wiederaufbau des Doms in Frage stellen möchte. Er hat sein Möglichstes getan und sogar mehr: Es brauchte eine Persönlichkeit von Odinzows Format, um ein Bauvorhaben dieser Größenordnung in die Tat umzusetzen. Ohne seine Zähigheit und eine gute Portion Abenteuerlust wäre da nichts auszurichten gewesen. Wenn er jeden seiner Schritte mit Behörden abgestimmt hätte, stünde heute kein wiederaufgebauter Dom in Kaliningrad.

… Vom Vorplatz des Doms sind inzwischen die provisorischen Container für Bauarbeiter entfernt worden, der Schimmel wurde von der Nordmauer entfernt und sie wird nun mit einer wasserabweisenden Flüssigkeit bearbeitet. Außerdem wurden Entfeuchter eingesetzt, die in den ersten Tagen innerhalb von zwei Stunden bis zu drei Liter Wasser aus dem Gemäuer saugten. “Ja, es lässt sich dort nun viel leichter atmen”, freut sich eine Wärterin der im Nordturm des Doms untergebrachten orthodoxen Kapelle.”

Einen interessanten Einblick über den Dom u. a. zum Kantmuseum und der Wallenrodtschen Bibliothek bietet mit einem “Klick”: https://www.youtube.com/watch?v=P0oy5qtuPU4

Nehmen wir noch ein paar schöne Eindrücke mit …

… und erfreuen uns an den Fotos von Alexander Zimin.

Mit diesem Plakat, einem Aufruf der Gesellschaft “Sobor” (dt. Dom bzw. Kathedrale) an die Bürger von Kaliningrad/Königsberg, wird um Spenden für den Wiederaufbau der auf der Zentralen Insel gelegenen Kathedrale und die “Rekonstruktion” der Insel selbst geworben. Es werden Adresse und Bankverbindung der Gesellschaft angegeben. Daneben wird ganz allgemein auf Benefizveranstaltungen für diesen Zweck hingewiesen.

Fotos (3 x):

Alexander Zimin

Schauen wir uns beim Verlassen des Domes noch einmal um:

Foto: Archiv, Detail

Blick zum Eingangsbereich 1905 …

… und seine heutige Entsprechung:

Foto: Heinz Ney

Jesus spricht:

Ich bin die Tür;

so jemand durch

mich eingehet,

der wird selig werden.

Joh. 10,9.

3 Kapelle zu Ehren des Heiligen Propheten

Zacharias und der gerechten Elisabeth

Eine legendäre Erbschaft

Das traditionsreiche "Krankenhaus der Barmherzigkeit in Königsberg/Preußen” wurde 1850 auf Initiative des sich 1848 um die Gräfinnen Magda und Clara zu Dohna-Schlobitten, Töchter des Kommandierenden Generals Friedrich Karl Graf zu Dohna-Schlobitten, gebildeten Freundeskreises gegründet.

Diakonissenmutterhaus Foto: Archiv Königsberger Diakonie

Ein Musterbeispiel des christlichen Liebesgebotes:

Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt (5. Mose 6,5).

Dies ist das höchste und größte Gebot.

Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (3. Mose 19,18).

(Matthäusevangelium 22, 37-39)

Die Geschwister Dohna-Schlobitten hatten bei Theodor Fliedner in Kaiserswerth die evangelische Diakonie praxisnah erlebt. Der Gründer der Kaiserswerther Mutterhaus-Diakonie kam 1850 selbst nach Königsberg und führte am 18. Mai drei Diakonissen aus Kaiserswerth als Krankenpflegerinnen ein. Die Anfänge waren noch bescheiden: 20 kranke Frauen konnten neben den Schwestern im Krankenhaus Platz finden. Die Zahl der Schwestern wuchs jedoch schnell an. Aus vielen Gebieten Ostpreußens kamen Mädchen nach Königsberg, um sich als Krankenpflegerinnen ausbilden zu lassen und als Diakonissen tätig zu sein. Das Krankenhaus erfuhr in mehreren Stufen große Erweiterungen. Die Schwestern erwarben sich durch ihre geistliche Bildung und pflegerische Ausbildung einen so guten Ruf, dass sie für viele andere diakonische Arbeitsbereiche angefordert wurden. Zu dem erfolgreichen Wirken trug auch die persönliche und materielle Förderung durch das preußische Königshaus bei.

Das Diakonissen-Mutterhaus der Barmherzigkeit um 1900 Foto: Archiv

Foto: Archiv, Museum der Stadt Königsberg

Bis zum Zweiten Weltkrieg stieg die Zahl der Diakonissen und damit auch der Dienst an Kranken und Bedürftigen. 1930 verfügte das Werk über einen Neubau des Krankenhauses mit über 600 Betten und beschäftigte 1.000 Mitarbeiter. Sie waren im Krankenhaus und auf 300 Außenstellen tätig. 1.055 Diakonissen dienten in der Blütezeit bei “Barmherzigkeit”.

Krankenhaus der Barmherzigkeit, Foto: Archiv

Die nach der Flucht in Wetzlar verbliebenen wenigen Diakonissen leben dort heute in einem der Häuser der Königsberger Diakonie, im Haus Elisabeth. Eine schöne namentliche Verbindung zu dem bestehenden Sankt-Elisabeth-Krankenhaus in der ul. Kirpitschnaja/Ziegelstraße, zur Kapelle zu Ehren des Heiligen Propheten Zacharias und der gerechten Elisabeth.

Das Krankenhaus der Barmherzigkeit

Fotos (2 x): Alexander Zimin

Im Treppenhaus und den Verbindungsfluren sind die Treppen, einschließlich Geländer, sowie die Türen aus der Zeit vor 1945 in einem guten Zustand erhalten. Die Inneneinrichtung der Kapelle ist jedoch vollständig verloren gegangen. Gotische Bögen und Reste von farbigen Fliesen sind die vorherrschenden Dekorationsmerkmale.

Fotos (4 x): Alexander Zimin

Krankenhaus der Barmherzigkeit è

Hinterroßgarten 31/34

Sankt-Elisabeth-Krankenhaus è

Ziegelstraße 4-6

Zwischen dem Gebietskrankenhaus Kaliningrad und der Königsberghilfe Bonn e.V. gab es seit 1993 eine zwölf Jahre lang währende gute partnerschaftliche Verbindung. Die Freundschaft zwischen engagierten Russen und Deutschen war und ist ein überaus tragfähiges Fundament, um Menschen in Not zu helfen. Foto: Königsberghilfe Bonn

Pfr. i.R. Robert Wachowsky

Foto: privat

Der Pfarrer i.R. Robert Wachowsky schreibt auf seiner Homepage über die große Zahl der gewachsenen Freundschaften zu russischen Krankenschwestern des Gebietskrankenhauses in Kaliningrad, dem früheren Krankenhaus der Barmherzigkeit in Königsberg/Ostpreußen. Mit vielen Helferinnen und Helfern hat er im Rahmen der Königsberghilfe Bonn e.V. von 1992 bis 2013 dem Krankenhaus auf vielfältige Art geholfen.

Die Einrichtung mitsamt der Kirche wurde am 31. Dezember 2010 der ROK - Diözese als Eigentum übergeben.

Die Kapelle zu Ehren des Heiligen Propheten Zacharias und der gerechten Elisabeth wird seit Januar 2011 wöchentlich von Gebetskreisen genutzt und steht für gottesdienstliche Veranstaltungen zur Verfügung.

Auch heute pflegt ein Freundeskreis in Deutschland den diakonischen Ansatz weiter. Hier begegnen sich Menschen mit unterschiedlicher Motivation:

“Die einen fühlen sich mit der Geschichte des Mutterhauses und seiner Diakonissen verbunden. Sie bringen sich z.B. ein bei den Kontakten zum Gebietskrankenhaus in Kaliningrad (früher: "Königsberg").

Andere wollen die Arbeit der Königsberger Diakonie unterstützen, z.B. in Besuchsdiensten, bei Festen, Feiern, Benefizveranstaltungen oder durch Mitwirkung in den Gremien der Königsberger Diakonie.

Es ist dem Freundeskreis wichtig, die Erinnerung an die Arbeit der Diakonissen in Königsberg und Wetzlar wach zu halten und die gegenwärtige Arbeit der Königsberger Diakonie zu unterstützen.

Wir tun das zum Beispiel durch den Aufbau einer Ausstellung zur Geschichte des Königsberger Diakonissenmutterhauses, die Pflege des historischen Archivs und der Bibliothek zur Geschichte Ostpreußens oder regelmäßige Besuche des Gebietskrankenhauses in Kaliningrad. Der Freundeskreis unterstützt die Königsberger Diakonie auch bei Anliegen, die nur durch Spenden finanziell ermöglicht werden können.

Wenn Sie sich für die Arbeit des Förderkreises interessieren, können Sie sich an den Vorstand der Königsberger Diakonie, Pastor Jörn Contag, wenden (06441-206123).”

Quelle: http://www.koenigsbergerdiakonie.de/diakonie-ueber-uns/freundeskreis/

4 Neue Liberale Synagoge Eine Synagoge für Königsberg

Die Vorgeschichte dieser Synagoge begann 1896 (vgl. Band 1, Kap. 34). 1900 gab es hier 3.975 Königsberger jüdischen Glaubens. Die Zahl erhöhte sich bis 1925 unwesentlich auf 4.092. Im Mai 1939 konnten nur noch 1.586 Gemeindeglieder gezählt werden. Derzeit leben etwa 2.000 Menschen jüdischen Glaubens in Königsberg. Diese stammen aus Gebieten der einstigen Sowjetunion. Sie wurden von der Regierung als Fachleute hierher gesandt, um wirtschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Aufbauarbeit zu verrichten. Dabei standen die neuen Zuwanderer nicht in der Tradition der ursprünglichen deutsch-jüdischen Gemeinde.

Unter der Position 148 hatte sich die jüdische Gemeinde “Keter Tora” (die Krone der Tora) am 09.04.2008 registrieren lassen. Am 18.04.2008 wurde sie unter der Adresse 236000 Kaliningrad, ul. Gaidara 157 – 163 mit den Vorstehern Wladimir Kowaljow, Leonid Michailowitsch Schwedik und Sinowi Germanowitsch Jakobson eingetragen.

Der örtliche Gemeindevorsteher, Viktor Schapiro, weist darauf hin, dass die jüdische Gemeinde - neben dem Empfang unregelmäßiger Zuschüsse - Unterstützung durch die Bereitstellung bzw. Rückerstattung von Grundstücken und Kultusgebäuden erhält.

Am 16. Oktober 2011 wurde auf der Lomse an der ul. Oktjabrskaja/Lindenstraße 3 in einem feierlichen Akt der Grundstein für den Wiederaufbau der alten Neuen Synagoge gelegt.

Fotos (2 x): Aleander Zimin

Die eigentliche Basis für den Neubeginn der Gemeinde hat Matwej Iljitsch Gurants (gestorben 1990) gelegt. Gurants hatte in Vilnius ein europäisches Gymnasium absolviert und hatte hervorragende Hebräischkenntnisse.

Das orthodoxe Königsberger Rabbinat setzte unter Führung des Oberrabbiners Schwedik, 1989 von der Jüdischen Gemeinde Adath Israel nach Kaliningrad gekommen, die Aktivitäten zum Wiederaufbau der Neuen Synagoge fort. Die finanziellen Mittel reichen dazu allerdings bei weitem nicht aus (das Königsberger Rabbinat zählt offiziell, wie schon oben genannt, nur etwa 2.000 Gläubige und diese zählen sich nicht alle unbedingt zur orthodoxen Synagogengemeinde). Der Beginn des Synagogenbaus wurde durch die Bereitstellung von Mitteln aus dem “Fonds zur Errichtung der Königsberger Synagoge in Kaliningrad” ermöglicht.

Der Königsberger Handelsmagnat und Multimillionär Wladimir L. Katzman soll etwa fünf Millionen Euro für den Bau gespendet haben. Katzman bekennt sich zur Stadtbezeichnung “Königsberg”. Die offizielle Wiedereinführung des Städtenamens hatte er immer wieder beharrlich öffentlich gefordert. In einem Zeitungsinterview sagte er dazu: “Als stolzer Jude möchte ich in Königsberg leben!” Mit einem Massenmörder wie Kalinin will die Jüdische Gemeinde in Königsberg jedenfalls nichts zu tun haben.

Bei der Grundsteinlegung sprachen neben Schwedik u. a. Bürgermeister Alexander Jaroschuk sowie weitere Vertreter der Politik und des örtlichen Judentums. Unter den Gästen befand sich auch der deutsche Generalkonsul Dr. Aristide Fenster. Seine Anwesenheit fand allerdings in den russischen Medien keine Erwähnung!

Dr. Aristide Fenster, Generalkonsul von 2008 – 2012

Foto: Archiv

Enthüllung des Gedenksteins

Foto: Rustam Wassiljew

Weiterhin waren Abgeordnete der Gebietsduma und des Stadtrates sowie konsularische Vertreter Litauens und Polens, vor allem aber jüdische Einwohner Ostpreußens zugegen.

Neben den allgemeinen Ansprachen wurde durch Oberrabbiner Schwedik der Grundstein, bei dem es sich allerdings nicht um einen Baustein, sondern um einen grossen Granitblock handelt, feierlich enthüllt und geweiht. Auf ihm befindet sich eine Tafel mit einer Inschrift in hebräischer und russischer Sprache, die neben dem Datum die Worte “Grundstein des Wiederaufbaus der Königsberger Synagoge” beinhaltet. Ausdrücklich wird hierbei der deutsche Name der Stadt verwendet, der damit offiziell Teil des neuen Gebäudenamens wird.

“Über die baulichen Details des Wiederaufbaus besteht offenbar noch eine weitgehende Unklarheit. Während offiziell gesagt wird, es handele sich um einen historisch genauen Wiederaufbau, äußerte Oberrabbiner Schwedik gegenüber der jüdischen Gemeindezeitschrift “Simcha”, dass das Gebäude “kleiner als das vorherige” ausfallen werde. Die neue Synagoge solle ein “kulturelles, wohltätiges, erzieherisches und sportliches Zentrum” darstellen. Dass damit die ursprüngliche Inneneinrichtung in ihrer Gesamtheit ebenso hinfällig sein dürfte wie im Speziellen die einstige Orgel, die den neuen orthodoxen Nutzern als ein Frevel erscheinen muss, ist offensichtlich. Die beschriebenen Funktionen belegen die Absicht, die kleine jüdische Gemeinschaft weiter von ihrer nichtjüdischen Umgebung abzugrenzen, was zwar ganz ostjüdischer Tradition entspricht, aber dem Wesen der heutigen Vielvölkerstadt Königsberg zuwiderläuft. Hier dürfte es sicher noch zu einigen Auseinandersetzungen kommen. Auf jeden Fall werde, so versicherte Schwedik, die Fassade der Synagoge “in ihrer ursprünglichen Form” rekonstruiert. Man darf daher hoffen, dass zumindest ein Teil der architektonischen Außenwirkung des früheren Bauwerks wiederhergestellt werden kann. Ob angesichts der unverkennbaren Disharmonien und der geringen Zahl aktiver Gemeindemitglieder in gleicher Weise an die sozialen und kulturellen Außenwirkungen der ehemaligen Neuen Synagoge angeknüpft werden kann, die sich über lange Jahre erfolgreich in ihre andersgläubige Umgebung einzubinden wußte, muss man indes leider bezweifeln.” (Rustam Wasiliew)

Für die Kaliningrader Architektin Natalia Lorenz ist dieses Projekt ihr erster Synagogenbau. Sie betont, ”es handelt sich aber um keine reine Rekonstruktion, das Innere wird neu gestaltet.”

Foto: Rustam Wassiljew

Zweieinhalb Monate nach der feierlichen Weihe des Gedenksteins ist die Platte schon wieder mutwillig zerstört worden!

Im Jahre 2013 ist hinter dem fast zwei Meter hohen Bauzaun noch nicht allzu viel von einem Baufortschritt zu erkennen.

Fundamentplatte der Neuen Synagoge

Stand 04.10.2013

Foto: Alexander Zimin

Am 01.08.2015 berichtet Thomas W. Wyrwoll im Ostpreußenblatt, dass der Bau jetzt weitergehe. Durch die Stadtverwaltung sei eine nachträgliche Baugenehmigung erteilt worden. Mit der Fertigstellung soll die Synagoge sechs Geschosse mit ingesamt 9.000 Quadratmeter Nutzfläche beinhalten. ”Hierbei ergeben sich entgegen der ursprünglichen Vorgabe eine Reihe von Änderungen gegenüber der ursprünglichen liberalen Synagoge, an deren eingedeutschten Riten und Bräuchen der jetzigen orthodoxen Gemeinde vieles fremd ist. Noch ist unklar, wie die kleine ostjüdische Ortsgemeinde dieses große Haus mit Leben erfüllen will.”

In einem Interview der “Jüdischen Rundschau” aus Berlin berichtet der Gemeindevorsteher Viktor Schapiro, dass es zur Zeit eine Chabad-Betstube sowie ein Zentrum der Wohlfahrtsstiftung “Hesed” (“Sorge”) gäbe. Jeder Raum sei etwa 100 qm groß. Svetlana Jelochina ist Direktorin der jüdischen Hilfsorganisation “Hesed”. Der Verein kümmert sich um Alte und Behinderte, die in Zeiten des massiven Rubel-Verfalls immer dringender Hilfe benötigen. Da ihre Organisation Geld aus dem Ausland erhält, befürchtet sie eine Überprüfung wegen angeblicher “ausländischer Spionage”. “Wir werden vom JOINT und von der Jewish Claims Conference unterstützt. In Zentralrussland hatten viele jüdische Gemeinden schon Besuch von der Staatsanwaltschaft.” Die Kaliningrader Juden haben sich erst in der Perestroika-Zeit in einer Gemeinde organisiert. Davor war eine jüdische Identität quasi tabu. “Die Mutter unseres Vorsitzenden Viktor Schapiro, Clara Schapiro, hat einfach das Telefonbuch nach jüdisch klingenden Namen durchforstet”, erzählt Jelochina. “Es gab nicht viele Juden, aber es gab ein jüdisches Bewusstsein.” Die deutsch-jüdische Gemeinde Königsbergs von mehreren tausend Menschen ist im Holocaust fast vollständig ausgelöscht worden. Nach dem Krieg erfolgte ein kompletter Bevölkerungsaustausch mit Neusiedlern aus allen Teilen der Sowjetunion. … In der jüdischen Gemeinde wird seit den neunziger Jahren der Plan verfolgt, die 1938 zerstörte liberale Hauptsynagoge – eine von früher fünf Königsberger Synagogen – nah am Original wiederaufzubauen. Zunächst gab es einen jahrelangen Rechtsstreit um das historische Grundstück unmittelbar gegenüber von Dom und Kant-Grabmal am anderen Ufer des Pregels. Inzwischen wurde das Grundstück gekauft; es haben sich Sponsoren aus der Gemeinde gefunden. Eigentlich sollte die Synagoge mit der für Ostpreußen so typischen Backsteinoptik und der Mischung aus neugotischen und maurischen Elementen dieses Jahr eingeweiht werden; doch der Bau wurde von politischer Seite mehrfach verzögert. Erst vor einigen Wochen konnte man die Bauarbeiten wieder aufnehmen.

Quelle: Neue Zürcher Zeitung/Judith Leister/20.10.2015

Die “Jüdische Allgemeine” berichtete am 05.11.2015 mit einem Bericht von Robert Kalimullin unter der Überschrift: “Bethaus für Kaliningrad” über das Vorhaben. “Eine Initiative möchte die in der Pogromnacht 1938 zerstörte Neue Synagoge wiederaufbauen. Das Fundament ist gelegt.”

“Eine Grundsteinlegung, danach lange Zeit nichts: Von außen betrachtet sind die ersten vier Jahre Baugeschichte der geplanten Synagoge in Kaliningrad schnell erzählt. Ein Zirkus machte der jüdischen Gemeinde im ehemals ostpreußischen Königsberg den historischen Platz im Zentrum streitig, an dem bis zur Pogromnacht von 1938 die Neue Synagoge stand. Erst nach einem Gerichtsprozess kam diesen Sommer die lang ersehnte Baugenehmigung für die erste Synagoge für rund 2.000 Juden in Kaliningrad.

Einmal fertiggestellt, soll das Bethaus wieder den Namen seines 1896 vom Berliner Architektenbüro Cremer & Wolffenstein errichteten Vorgängerbaus erhalten. Nicht nur dies: “Auch die Fassade soll so weit wie irgend möglich der historischen Synagoge entsprechen”, erklärt die Kaliningrader Architektin Natalia Lorenz.

ZEITZEUGEN Doch bereits die Rekonstruktion der Fassade stellt eine Herausforderung dar. Königsberg, vor dem Zweiten Weltkrieg nach Berlin und Breslau die Stadt mit der drittgrößten jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, wechselte nach 1945 durch Flucht und Vertreibung praktisch seine komplette Bevölkerung. Die heute in Kaliningrad ansässigen Juden wurden aus verschiedenen Teilen der Sowjetunion in der Stadt am Pregel angesiedelt, ein organisiertes Gemeindeleben war in sowjetischer Zeit nicht möglich. Die heutigen Bauherren suchen daher nach Zeitzeugen und Dokumenten, die mehr über die Gestalt der alten Neuen Synagoge erzählen.

Mit der Recherche in deutschen Archiven befasst sich die Kaliningraderin Julia Oisboit, die als junge Frau vier Jahre in Wien studierte und dort Deutsch lernte. Heute arbeitet sie als Freiwillige bei der Stiftung EZRA, die den Synagogenbau vorantreibt. “Das Kaliningrader Zentrum hat sich in den vergangenen zehn Jahren sehr gewandelt”, berichtet Oisboit.

Die, bis auf wenige Ausnahmen, im Krieg vollständig zerstörte Stadt war lange von Plattenbauten im sowjetischen Stil geprägt. Einzig die erhalten gebliebene Domruine mit dem Grabmal des Königsberger Philosophen Immanuel Kant (1724–1804) wurde bereits zu Beginn der 90er-Jahre wiederaufgebaut. In jüngerer Zeit entstand am Pregelufer mit dem Fischerdorf ein Stadtviertel im historisierenden Stil.

FINANZIERUNG Der Synagogenbau fügt sich ein in diese Wiederentdeckung der Geschichte. Finanzielle Unterstützung von der Stadt gibt es deshalb aber nicht. “Der gesamte Bau wird von einem Kaliningrader Geschäftsmann finanziert”, so Oisboit. Doch auch wenn der Bauprozess langsam und mühselig ist – für die jüdische Gemeinschaft in Kaliningrad sei er wichtig: “Wir sehen die jüdische Geschichte der Region als unser Erbe an, also müssen wir es erhalten.”

Das Fundament der Synagoge ist in diesem Sommer gelegt worden, der Bau geht voran. Architektin Natalia Lorenz wünscht sich einen Abschluss der Bauarbeiten in spätestens zweieinhalb Jahren: “Dann ist Kaliningrad einer der Austragungsorte der Fußball-WM.” Das Stadion, in dem 2018 drei Vorrundenspiele stattfinden sollen, befindet sich derzeit ebenfalls noch im Bau. Es liegt auf der Pregel-Insel Lomse, nur wenige Hundert Meter von der Neuen Synagoge entfernt.”

Ende 2015 zeigt sich der Neubau; er lugt über den Bauzaun und steht nun im Blick der Öffentlichkeit.

Die Baustelle am 19.12.2015

Fotos (6x): Alexander Zimin

Im Winterhalbjahr ist (naturgemäß) kein wesentlicher Baufortschritt festzustellen.

Die Baustelle am 14.01.2016

Die Baustelle im Frühjahr 2016

Die Baustelle am 17.02.2017

Die Baustelle am 31.03.2017

Der Rohbau 2017 …

Die Adresse der Jüdische Gemeinde lautet: Kaliningrad, ul. Tscherepitschnaja/Heidemannstr. / Blumenstrasse, 4, Тelefon: +8 4012 46-43-45.

… und die Vision 2018.

Foto: Jüdische Allgemeine

5 Kirche zu Ehren der Geburt der Allerheiligsten Gottesmutter

Das Erbe des Magistratsbaurats Papendieck

Die Kirche zu Ehren der Geburt der Allerheiligsten Gottesmutter ist eine der meistbesuchten russisch-orthodoxen Kirchen der Kaliningrader Eparchie.

In diesem Kapitel findet sozusagen das 37. Kapitel aus dem 1. Band seine Fortsetzung. Wir erinnern uns, dass der Partikulier Johann Philipp Schifferdecker 1849 seine Brauerei aus der Tuchmacherstrasse (unweit der Löbenichter Kirche) in den Stadtteil Ponarth verlegte.

Johann Philipp Schifferdecker, Foto: Archiv

Die Ponarther Kirche wurde mit Hilfe zweier Spenden, nämlich der des Hofbesitzers Robert Hoffmann und der des besagten Brauereidirektors Schifferdecker, erbaut.

Die Verbindungsstraße zwischen der Brandenburger Straße und der Krupp-Straße wurde nach letzterem benannt.

Kühlwagen »Brauerei Ponarth« der DR

Foto: Fleischmann

Die alten Königsberger erinnern sich bei dem Namen der Brauerei Ponarth an das auf jeder Bierflasche zu sehende Zeichen JPS. Der Volksmund machte daraus "J eder P onarther s äuft", wenngleich es die Anfangsbuchstaben des Gründers J ohann P hilipp S chifferdecker waren.

Fragment einer Ponarther Bierflasche Foto: Uwelitsch

Die in der Brandenburger Straße 7/Ecke Schifferdecker Str. (ul. Kiewskaja/ul. Pawlika Morosowa) ab Mai 1896 im neogotischen Stil errichtete evangelische Kirche ist ein schlichter zweischiffiger Backsteinziegelbau mit asymmetrischem Grundriss und fünfstöckigem Glockenturm.

An zwei Seiten des Gebäudes befinden sich enge Stützpfeiler und an der Südseite der Altarraum mit Sakristei. Die Nordfassade ist mit einem gewaltigen Giebel mit dekorativen Nischen geschmückt, vor dem sich ein innerer Narthex (Vorhalle) befindet.

An der Ostseite des Gebäudes sind hohe spitzbogige Fenster mit durchbrochenem Ornament, auf der Westseite Doppelfenster in spitzbogigen Nischen angebracht.

Den Innenraum empfindet man als besonders geräumig. Der größte Teil des Lichtes dringt in den Raum durch die hohen Fensteröffnungen der Ostwand ein. Die relativ kleinen Fenster über der Empore lassen bedeutend weniger Licht ein.

Die Entwurfs- und Bauarbeiten standen unter der Leitung des Architekten Herrn Magistratsbaurat Papendieck. Später wurde die Bauleitung dem Leiter des Bauvorstands Konrad übertragen. Die (erste) Kirchweih erfolgte am 23.07.1897.

Die Ponarther Kirche (mit Turmspitze)

Foto: Archiv

Der Architekt Papendieck - sein Vater Gustav Papendick war der erste Direktor der Ponarther Brauerei (1884 – 1908) - baute vor allem Schulen, so z. B. in der Gartenstadt Ratshof und (1916) - zusammen mit Baurat Glage - die Steindammer Realschule.

A. Ulbricht, Redakteur einer Königsberger Zeitung, schrieb zu den praktizierten Schultypen: “Jeder Schulhausneubau ist jetzt in Königsberg auch in architektonischem Sinne ein Ereignis.”

“Papendieck”, “Papendick”? - der Name ist die plattdeutsche Fassung von Pfaffenteich. Die Familie, ursprünglich aus Nordfriesland, hatte mehrere Deichhauptleute - “Keen nich will dieken, de mutt wieken” (wer nicht will deichen, der muss weichen) – hervorgebracht. Der Schweriner Pfaffenteich z. B. heißt norddt. “Papendieck”. Das “e”, als Dehnungsbuchstabe im Namen Papendi(e)ck, ist später “verloren gegangen”.

Der “junge” Papendick, nämlich Christian Papendick aus dem Königsberger Stadtteil Amalienau, der Neffe des Magistratsbaurats Papendieck, ist nun auch schon 90 Jahre alt. Der an Ostpreußen interessierten Leserschaft ist der in Hamburg lebende Architekt, Schriftsteller und Fotograf natürlich bekannt. Gegenwärtig sitzt er an einem weiteren Buch: “Der Zustand der Kirchen im nördlichen Ostpreußen”.

Eine Schwester des Magistratsbaurats Papendieck war Gertrud Papendick. Schon als Siebenjährige schrieb sie ihr erstes Gedicht, 1913 wurde ihre erste Kurzgeschichte veröffentlicht. Ihr Roman einer Königsberger Familie “Das Haus des Konsul Kanther” (quasi die Königsberger “Buddenbrooks”) sei an dieser Stelle besonders empfohlen.

In Königsberg arbeitete Gertrud Papendick bereits im Schuldienst; zuletzt war sie Konrektorin.

Einer der Papendiecks baute Schulen, eine der Papendicks lehrte an ihnen! Aber nun genug der “Abschweifungen” …

Die erste Kirchenorgel hatte man aus der Alten Synagoge - dem Sammlungsort der orthodoxen und chassidischen Juden - in der Synagogenstraße 14-15 ausgebaut (vgl. 1. Band, Kapitel 30) und in diese Kirche gebracht. Das Instrument stand dort bis 1929 und wurde dann – nachdem 1928 durch die “Firma P. Furtwängler und Hammer - Hannover” im Dom zu Königsberg eine Orgel mit 68 Registern installiert worden war – durch ein neues Instrument mit 278 Registern dieser, sich nunmehr bewährten, Firma ersetzt.

Die Kirche zu Ehren der Geburt der Allerheiligsten Gottesmutter, ohne Turmspitze Foto: http://rozhdestva.cerkov.ru

Nachdem die Kirche in den schrecklichen Augustbombardements 1944 verschont blieb, erlitt sie während des Angriffes im April 1945 Beschädigungen am Turmhelm und der nördliche Giebel erlitt einen Artillerieeinschuss. Bis 1948 war dieses Gotteshaus die evangelische Zentralkirche der in Königsberg verbliebenen Deutschen.

Nach deren Vertreibung wurde die Kirche als Lagerhalle zweckentfremdet. In späterer Zeit wurde dort der Fitness-Klub "Sturm" eingerichtet. Das Ziegeldach verschwand in den 1980-er Jahren und wurde durch Asbestzementplatten ersetzt.

1991 wurde das Gebäude an die Russisch-Orthodoxe Kirche übergeben und in den Folgemonaten renoviert. Das Äußere der Kirche wurde – bis auf die (fehlende) Turmspitze – glücklicherweise kaum verändert.

Fries “Allerheiligste Gottesmutter” über dem Westeingang

Foto: Alexander Zimin

Geburt der Allerheiligsten Gottesmutter in der Heimat der Gerechten Joachim und Anna am 21. September Foto: Pilgerweg

Seitenempore, als Blindwand

Fotos (5x): Alexander Zimin

Die Innenräume wurden - gemäß den Anforderungen der orthodoxen Gemeinde - bedeutend umgestaltet. So ist z.B. der Raum unter der Seitenempore durch eine Blindwand verdeckt, die es erlaubt, zusätzliche Räume zu schaffen. Der Altarraum ist hinter einer reich geschmückten, 1997 aufgestellten, Ikonostase verborgen.

Ein “Hingucker” – der prächtige Kronleuchter

Am 21.09.1992 konnte die Gemeinde die (Wieder-) Inbetriebnahme der Kirche feiern.

1993 wurde die Kirche mit zwölf Glocken - die größte wiegt 1,5 t - vervollständigt.

Am 28. September 1997 fand die Weihe der Kirche durch den Metropoliten von Smolensk und Kaliningrad Kyrill statt.

Im Jahr 2008 wurde der Gemeinde das Gebäude der ehemaligen Station für Schnelle Medizinische Hilfe übergeben, in welchem ein Speiseraum, die Sonntagsschule, die Bibliothek und das Jugendzentrum untergebracht wurden. Im Dezember 2010 erhielt die Gemeinde das 1910 errichtete Gebäude der ehemaligen Poliklinik. Es gehörte der evangelischen Gemeinde des Stadtbezirks Ponarth. In der ersten Etage des Gebäudes befandt sich ein Saal für den Konfirmantenunterricht und die Wohnung des Geistlichen. In den letzten Jahren war in dem Gebäude das Labor der städtischen Kinderpoliklinik Nr. 4 untergebracht. Gegenwärtig wird eine vollständige Instandsetzung des Gebäudes innen und außen durchgeführt.

In der Gemeinde wird eine Sonntagsschule betrieben, in der verschiedenste Facetten pädagogischer Konzepte praktiziert werden. Ihre Schüler machen Exkursionen, Wanderungen und nehmen an Sommerlagern teil.

In der ul. Pawlika Morosowa/Schifferdeckerstraße befindet sich das Kaliningrader Christliche Zentrum “Leben”.

Leitender Geistlicher der Gemeinde ist Oberpriester Marjan S. Posun. Mit ihm wirken in der Gemeinde die Pfarrer Oleg Koroljow, Georg Matwejew und Maxim Korobow sowie der Diakon Alexander Afanasjew. Zum Zeitpunkt der Anmeldung der Gemeinde (2002/03) waren Sergej Wladimirowitsch Roe und Pfr. Wadim Netkatschew die Vorsitzenden des Gemeinderates.

Foto: Kirche zu Ehren der Geburt der Allerheiligsten Gottesmutter, Gemeindearchiv

Gottesdienste werden täglich angeboten. An den Sonntagen und den 12 Hauptfeiertagen der orthodoxen Kirche gibt es die frühe und die späte Göttliche Liturgie um 7.00 Uhr und um 10.00 Uhr.

Mit dem Anklicken der Seite http://rozhdestva.cerkov.ru sind weitere Informationen mit entsprechendem Bildmaterial zur Kirche in Ponarth und darüber hinaus abrufbar.

Die Anschrift der Kirchengemeinde (236005, Kaliningrad, Kiewer Straße 75, Tel./Fax +7 (4012) 49-08-78 weist auf die postalische Adresse der Kirchengemeinde hin.

Zu ergänzen ist, dass sich eine “lokale religiöse Organisation der orthodoxen Pfarrkirche zu Ehren der Darstellung des Herrn” am 12.05.2008 registrieren ließ. Die Eintragung erfolgte am 26.05.2008 ebenfalls mit vorgenannter Adresse durch den Leitenden Geistlichen Igor Djukarjew.

6 Fürbitten-Kirche, Liebfrauenkirche, Kirche des Schleiers der Heiligen Gottesmutter

Nach Pflaum und Quadfasel - die “Kirche arbeitet” weiterhin

August Pflaum, Bund Deutscher Architekten, war der Architekt der im neogotischen Stil errichteten Kirche in der Domnauer Straße. Und Albert Quadfasel war der ausführende Baugewerkemeister. Der Grundstein wurde 1914 gelegt (mehr im Band 1, Kap. 51).

Die spätere orthodoxe Pfarrkirche der Fürbitte der Heiligen Jungfrau von Kaliningrad der Kaliningrader Eparchie der Russischen Orthodoxen Kirche (Moskauer Patriarchat) wird unter der Adresse 236004, Kaliningrad, ul. Klawy Nasarowoi/Domnauer Str. 24 geführt. Geleitet wird die Gemeinde durch die Priester Wadim Netkatschew und Waleri Skibo. Vorsteherin der Gemeinde ist Ðœ. Bukowa. Telefonisch ist die Gemeinde erreichbar unter der Nummer +7 (4012) 49-85-29.

Verwendete Granitblöcke aus dem ehemaligen Festungswerk

Fotos (7 x): Alexander Zimin

Unterhalb der Uhr ist eine aus Sandstein ausgeführte Lisene mit gewundenem Schmuckmauerwerk angebracht.

Die an Pylonen erinnernde Laibung und die Plinthe am westlichen Portal sind aus weißem Sandstein gearbeitet.

Die Dreiteilung des Empfangsbereiches symbolisiert die Heilige Dreieinigkeit.

Im Zweiten Weltkrieg nur unwesentlich beschädigt, diente das Gotteshaus lange Jahre als Lagerhalle. 1990 wurde das Gebäude den Gläubigen der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) übertragen.

Von 1990 bis 1992 wurden erste Renovierungsarbeiten durchgeführt.

Die Kirche der Heiligung - nunmehr in “Liebfrauenkirche” umbenannt - wird von der Kaliningrader Diözese der ROK verwaltet. Die Einweihung erfolgte am 16.08.1998.

Heute trägt das Gotteshaus den Namen “Kirche des Schleiers der Heiligen Gottesmutter”. Der eigentliche Wiederaufbau begann in der zweiten Hälfte des Jahres 1996. Nach und nach ging es in kleinen Schritten voran. Hier fanden dann abwechselnd kleinere Gottesdienste mit dem zu dieser Zeit wirkenden Priester der Diözese Kaliningrad statt. Der Anblick in der Bauphase war zunächst nicht ermutigend. Wer die Schwelle der Kirche zu dieser Zeit überschritten hatte, war erst einmal entsetzt über den Anblick. Alle Fenster und Glasfenster waren in den Nachkriegsjahren massiv mit Silikat-Ziegeln zugemauert. Eine intakte Heizung fehlte, die Auswirkung war die Schimmelbildung an den Wänden. Anstelle der Parkettdielung war der Boden aufgefüllt mit Schlacke. Mit schwerer Technik wurden die Schlackehaufen entsorgt. Der Müll, der aus der Kirche und dem Umfeld entfernt wurde, wurde in 35 (!) KAMAZ-Nutzfahrzeugladungen abtransportiert. An den desolaten Zustand erinnern glücklicherweise nur noch Fotos, diese sind für museale Zwecke gespeichert, berichtete Priester Vater Wadim. Er erzählte auch von der Begeisterung der freiwilligen Helfer bei der Arbeit und von dem Wunder, dass innerhalb zweier Jahre anstelle des alten Gebäudes wieder ein Gotteshaus zur Verfügung stand.

Den Außenbereich schmücken gepflegte Blumenbeete bzw. Rasenrabatte. “Die Kirche war in einem ausgezeichneten Zustand, sowohl das Gebäude, wie auch das Grundstück – sehr gepflegt”, bestätigt Uwe Niemeier in seinem “Stadtbummelbericht” vom 24.05.2015.

Im Innern gibt es eine Ikone des Heiligen Gabriel von Białystok. Seit 2003 beherbergt die Kirche die Gebeine des Heiligen Gabriel von Białystok; ein Geschenk des polnischen Erzbischof von Białystok und Gdansk.

Der in Ostpreußen geborene Pfarrer Thomas Passauer aus Berlin war als Vertreter des Propstes der Oblast Kaliningrad tätig. Aus seinem Bericht vom August 2009 sei auszugsweise zitiert:

“Ein netter kath. Pater aus Berlin besuchte mich. Er hatte ein besonderes Anliegen. Sein Großvater (August Pflaum) mütterlicherseits war der Architekt und Baumeister der ev. Kirche im ehemaligen Königsberger Stadtteil Rosenau, gebaut etwa 1916 – 1926 (Nach anderer Quelle (www.archthek.de) war August Pflaum im Jahr 1929 in Königsberg tätig. d. A.). Dort wollte er erstmals einen Besuch machen, sich die Kirche ansehen. Er hatte auch alte Fotografien mit.

Frau Olga Tscherkassowa, die Mitarbeiterin im Büro des Propstes und Dolmetscherin auch für alle meine Gottesdienste und Gespräche, hatte für uns einen Termin beim orth. Priester dieser Kirche, Otjez Wadim, vereinbart. Gleich nach der Wende baute die orth. Gemeinde diese als Industrielager völlig verwahrloste Kirche wieder auf, sie wird seitdem von ihr genutzt. Und so saßen wir ganz interessiert, freundlich und herzlich beieinander, der orth. Priester, der kath. Pater und der ev. Pfarrer, im Gespräch vereint über die Geschichte dieses Kirchengebäudes und über die Entwicklung unserer drei christlichen Kirchen in der Stadt nach der Perestroika. Es war für mich eine sehr eindrucksvolle Begegnung, Ökumene in ganz kleinen Schritten. Wir wurden selbstverständlich spontan zu einem kräftigen gemeinsamen Mittagessen – am Tag der Hl. Margarita - herzlichst eingeladen, mit orthodoxen Tischgesängen …”.

“Russland-Aktuell” berichtet am 12.10.2004 unter der Überschrift “Es gibt sie doch: Alte Kirchen in Kaliningrad”:

“Viele der alten deutschen Kirchen haben, zweckentfremdet, die letzten Jahrzehnte überdauert. Die meisten sind restauriert oder erneuert worden. In den letzten Jahren sind einige neue Kirchen hinzugekommen: … Die Rosenauer Kirche wird heute als russisch-orthodoxe Kirche genutzt. Adresse: An der Uliza Klawy Nasarowoi.”

7 Heilig-Kreuz-Kirche

Cadiner Majolika und Sabugas Zwischendecke

Das ehemalige evangelische Gotteshaus wurde von 1930 bis 1933 nach Plänen von Arthur Max Achilles Kickton auf der Lomse – auf der Plantage – errichtet.

rechts: Kreuz­kirche, Foto: Martynas Sirusas

links: Verblendung mit Cadiner Klinker Foto: Alexander Zimin

Zwischen den Zwillingstürmen ist eine monumentale Nische eingelassen, die mit einem Kreuz aus Cadiner Majolika auf farbigem Hintergrund verblendet ist.

Der Standort der Heilig-Kreuz-Kirche auf der Lomse

Innenansicht vor 1945,

Blick zum Altar

Foto: Archiv (Iwan Skobei)

Informationen zur Heilig-Kreuz-Kathedrale

Adresse: Oktjabrski-Insel, ul. General-Pawlow, 2, 236006 Kaliningrad,

Tel./Fax (4012) 437 112, 437 013, 454 541, (4012) 516 820.

Öffnungszeiten:
Montag-Freitag von 09 bis 18 und Sonntag von 08 bis 20 Uhr.

Die Heilig-Kreuz-Gemeinde hat sich bereits am 04.07.1991 registrieren lassen und wurde am 27.01.2003 in der ЕГРЮЛ-Liste bestätigt.

Die Priester der Gemeinde sind: Sergij Korotkich, Viktor Kolisnitschenko und Anatoli Wyssokowski.

Als Diakon wirkt Konstantin Kiossew in der Gemeinde und als Regent ist J. Mossejtschuk benannt.

Beim Besuch der Website sind weitere Informationen zu erhalten: http://vokzal39.ru/sights/to-visit-in-kaliningrad/395-krestovozdvijenskiy-sobor.html

Die beschädigte Heilig-Kreuz-Kirche

Foto: Igor Zelin, aus dem Archiv Viktor Wassiljewitsch Selina

Das Gotteshaus überstand den Krieg relativ leicht beschädigt. Es folgte die zweckentfremdete Nutzung des Gebäudes in den Jahren 1946-1989 - zunächst als Autowerkstatt - später als Werkhalle (Produktionsstätte zur Herstellung von Fanggeräten für die Fischereiflotte/Schleppnetzfischerei). Auf dem Boden waren schwere Vibrationsausrüstungen installiert, die zur Überlastung der Fundamente und mit ihren Schwingungen zu zahlreichen Rissen im Mauerwerk führten. Weiterhin verursachte ein verheerender Brand große Schäden.

Im Jahre 1989 wurde die “Kirche” an die ROK-Gemeinde übergeben.

Kreuzkirche 1991 Foto: Bernhard Waldmann

Auf dem Foto ist in diesem Baustadium die “Sabuga-Zwischendecke” gut sichtbar. Der “junge Kollege Juri Sabuga” hat sich schon beim Dombaumeister Igor Alexandrowitsch Odinzow als Student intensiv mit dem Wiederaufbau des Königsberger Domes befasst. Nach den Plänen des Architekten Juri Sabuga wurde die Kirche in den Jahren 1989 – 1992 restauriert und erhielt wieder ihre alte Dachform sowie innen - in Höhe der ehemaligen Emporen - eine neue Zwischendecke. Die beiden achteckigen Türme sind seit 1990 wieder mit dem Langhaus verbunden. Die Turmuhr der Kreuzkirche befindet sich jetzt in der als Konzertsaal genutzten Kirche zur Heiligen Familie am Oberhaberberg.

Foto: vokzal39.ru

Heute wird die Kirche von umstehenden Hochhäusern überragt.

Die Kreuzkirche im Frühjahr 2013

Fotos (4x): Alexander Zimin

Innenansichten der Kreuzkirche im Frühjahr 2013

Ein sehr lesenswerter, reich bebilderter Artikel von Iwan Skobei über die Geschichte der Kreuzkirche ist unter nachstehender Adresse einzusehen: https://klops.ru/oskolki/places/150338-panno-kadinskoy-mayoliki-i-krest-istoriya-zdaniya-sobora-na-ulitse-generala-pavlova-spetsproekt-klops-ru-oskolki-kyonigsberga

8 Heilige Familie am Neuen Pregel

Die neue Ausweichkirche

Ursprünglich gehörte der Gemeinde die 1907 von Heitmann errichtete Pfarrkirche am Haberberg – heute als Haus der Kaliningrader Philharmonie genutzt (mehr dazu im 1. Band, Kapitel 44, Kirche “Zur Heiligen Familie”, K.u.K. = Kirche und Konzertsaal).

Heute sind zwei katholische Gemeinden in der Stadt ansässig, die Gemeinde “St. Adalbert” in Rothenstein (vgl. Kapitel 13) und die Gemeinde “Heilige Familie” am Neuen Pregel in Sackheim. Übrigens führte Sackheim das Lamm Gottes mit der roten Kreuzesfahne im Wappen.

Initiator für den Gemeindeaufbau war die seit 1992 in der Stadt, mit Unterstützung der Steyler Mission, wirkende katholische "Gemeinschaft Lumen Christi". 1994 wurden Kirche und angrenzende Werkstätten mit Sozialstation errichtet. Die Gemeinschaft zog sich im März 2004 wieder aus dem Projekt zurück.

Eine aus Deutschland importierte Fertigteilkirche wurde das Zentrum der Gemeinde “Heilige Familie”.

Eingeweiht wurde die Kirche “Zur Heiligen Familie” am 12.06.1994. Heute ist sie zum Herzstück eines regen katholischen Gemeindelebens geworden.

Foto: www.christina-tasch.de

Kirche und Gemeinderäume der “Heiligen Familie” am Ufer des Neuen Pregels, Oktober 2015

Die Institution “Katholische Kirche Kaliningrad” ist in der ul. Lesopilnaja/Sackheimer Hinterstraße 72 verortet und per Telefon +7 (4012) 53-82-15, +7 (4012) 33-90-40 erreichbar.

Katholische Kirche Heilige Familie, im Vordergrund links, am 24.03.2014

Foto: Yuri Bardun

Der Königsberger Express berichtet in seiner Ausgabe Nr. 1 - Januar 2016 - 24. Jahrgang:

Weihnachtsmarkt am Pregel

Ein Benefiz-Weihnachtsmarkt der katholischen Gemeinde “Zur heiligen Familie” in Kaliningrad wurde durch mehrere aus Thüringen angereiste Gäste tatkräftig unterstützt.

Christina Tasch und ihre Gehilfen: Sie bringen mit einem Benefiz-Weihnachtsmarkt festliche Stimmung nach Kaliningrad.

Foto: Alena Gold

Pünktlich zum 6. Dezember bekam die katholische Gemeinde “Zur Heiligen Familie” in Kaliningrad nicht nur Besuch von einigen Nikoläusen und deren Begleitern, sondern auch aus Thüringen. Die Landtagsabgeordnete Christina Tasch war mit einigen fleißigen Helfern und der CDU-Politikerin Elke Holzapfel angereist, um die Schwestern der Gemeinde bei der Veranstaltung eines Benefiz-Weihnachtsmarkts zu unterstützen.

“Wir wollen die alten christlichen Traditionen wieder manifestieren”, erzählt Tasch. “Während der Diktatur der Nationalsozialisten aber auch in der Zeit der Sowjetunion sind im ehemals nördlichen Teil Ostpreußens viele religiöse Bräuche zuerst unterdrückt worden und schließlich verloren gegangen.” Daher sei es als Erfolg zu werten, dass der Weihnachtsmarkt bereits zum zweiten Mal stattfindet. In diesem Jahr war der vorangegangene Sonntagsgottesdienst so gut besucht, dass in der Kirche nur noch Stehplätze verfügbar waren. Im Anschluss waren die etwa 240 Gläubigen eingeladen, sich auf dem Weihnachtsmarkt umzusehen. Gemeindemitglieder mit Nikolausmützen oder -schürzen boten dort diverse gespendete oder selbst hergestellte Produkte an. Von Christbaumschmuck über Kerzen und Süßigkeiten bis hin zu Tischdekoration und Adventskränzen stand alles zum Verkauf, was auch nur im geringsten mit Advent und Weihnachten zu tun hat. Einiges davon hatte bereits eine lange Reise hinter sich. Die Besucher um Tasch waren bereits zwei Tage zuvor mit mehreren vollgeladenen VW-Bussen aus Deutschland angereist.


[1] Der Niederschrift des Vorworts gingen am 21. April 2017 Gespräche im Potsdamer Café Repin, an der Mühle von Sanssouci und in der Wohnung des Autors voraus.

[2] Das Lied “Macht hoch die Tür” wurde vom Königsberger Pfarrer Georg Weissel wohl 1642 zur Kirchenweihe der Altroßgärter Kirche niedergeschrieben, die im Advent 1623 stattgefunden hatte. Vgl. Heinz Ney: Gottes Häuser in Königsberg. Band 1: Kirchen, Kapellen und Synagogen bis 1945, S. 69-77

[3] Biografische Angaben zu Gerhard Brack (s. nächste Seite): 1969 geboren in München, aufgewachsen in Neustadt/Aisch in Mittelfranken.

Ende der Leseprobe aus 451 Seiten

Details

Titel
Gottes Häuser in Königsberg. Band 2: Kirchen, Kapellen und weitere Bauten ab 1945
Untertitel
2. Auflage
Autor
Jahr
2018
Seiten
451
Katalognummer
V371335
ISBN (eBook)
9783668489387
ISBN (Buch)
9783668489394
Dateigröße
23869 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gotteshäuser, Kirchen, Synagogen, Kapellen, Gemeindehäuser, Christentum, Architektur, Geschichte, Königsberg, Preußen
Arbeit zitieren
Heinz D. Rainer Ney (Autor), 2018, Gottes Häuser in Königsberg. Band 2: Kirchen, Kapellen und weitere Bauten ab 1945, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371335

Kommentare

  • In der Rubrik „Die Ostpreußische Familie“ schreibt Ruth Geede - die mit 101 Jahren älteste Journalistin Deutschlands -
    „Lewe Landslied, liebe Familienfreunde,
    … So bin ich unter einem Kreuz (aus der alten Steindammer Kirche) aus der Heimat getraut worden.
    Diese Geschichte dürfte viele Leser und Leserinnen interessieren, auch wenn es keine Landsleute sind, aber ganz besonders: Den Kirchenforscher Heinz D. Rainer Ney aus Potsdam, langjähriger und aktiver Freund unserer Ostpreußischen Familie, mit der er sich eng verbunden fühlt, weil er durch sie manche wichtige Auskunft erhalten konnte. Mit der Steindammer Kirche, der ältesten unserer Pregelstadt, leitet er auch seine umfassende Dokumentation „Gottes Häuser in Königsberg“ ein, die jetzt als Band 1 deklariert wird. Denn gerade ist der Folgeband erschienen, wie er mir soeben mitteilt. Nun kann ich Ihnen froh vermelden, der zweite Band von ´Gottes Häuser in Königsberg´ liegt seit zwei Wochen vor. Mir fällt eine Last vom Herzen, und ich freue mich, dieses Projekt abschließen zu können. Nun gehen über den direkten Kontaktweg einige Bücher zu den Museen und Bibliotheken in Königsberg, wo dieser zweite Band schob erwartet wird.“ Verständlich, denn während Band 1 die Geschichte der Kirchen, Kapellen und Synagogen bis 1945“ dokumentiert, befasst sich der Autor im Band 2 mit „Kirchen, Kapellen und weiteren Bauten ab 1945“. Wir wünschen Herrn Ney für diese Neuerscheinung ebenso viel Aufmerksamkeit, wie sie der erste Band zu verzeichnen hat. Für mich wurde dieser bereits zu einer wichtigen Informationsquelle, und als eine solche dürfte sich auch der nächste erweisen, wenn es sich um aktuelle Fragen zur heutigen Kirchengeschichte aus unserem Leserkreis handelt. … “
    PAZ/Das Ostpreußenblatt/„Die Ostpreußische Familie“, Nr. 33 – 18. August 2017

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