Das Verhältnis von Palast und Stadt in Edo/Tokyo. Historische Entwicklung und politischer Charakter


Hausarbeit, 2014
23 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entstehung Edos

3. J ô kamachi
3.1 Geschichtlicher Hintergrund
3.2 Die Struktur einer j ô kamachi
3.3 Ausdruck der Hierarchie durch Flächenverteilung und -verhältnisse

4. Die Burgstadt Edo

5. Kosmologische Einflüsse auf die Stadtplanung Edos

6. Das heutige Tokyo in Bezug auf die stadtplanerischen Grundlagen

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit sollen unter dem Thema „Palast und Stadt“ die Grundlagen der Stadtplanung und -entwicklung Edos (des heutigen Tokyos) in Hinblick auf ihren politischen Charakter untersucht werden.

Hierzu ist zunächst anzumerken, dass es sich im Fall Edo weniger um den Bezug vom „Palast“ zur Stadt, als von der „Burg“ zur Stadt handelt. In Japan verbindet man mit dem Palast immer den Kaiser, welcher de facto fast die ganze Geschichte hindurch das Staatsoberhaupt Japans war. Dieser jedoch residierte im kaiserlichen Palast in Kyoto, während sich im japanischen Mittelalter langsam die Kriegerklasse erhob und an Macht gewann. So kam es dazu, dass der Kaiser zwar auf dem Papier das Land regierte, aber in Wahrheit der sh ô gun (der militärische Oberbefehlshaber) zum obersten Machthaber in Japan wurde .

Edo war ab 1603 für über 260 Jahre das militärische Zentrum Japans und nicht dem Hofadel, sondern dem Kriegsadel verschrieben. Es war keine kaiserliche Hauptstadt, wie Kyoto es war, und unterlag aus diesem Grund auch anderen stadtplanerischen Visionen. Im Vordergrund standen militärische Interessen und weniger ästhetische oder kosmische Einflüsse. Die gesellschaftlichen Ränge wurden neu definiert - und dies spiegelte sich auch im Stadtbild wieder.

Nachdem im folgenden Abschnitt kurz auf die Entstehungsgeschichte der Stadt Edo eingegangen wird, folgt unter Punkt 3. eine allgemeine Beschäftigung mit dem mittelalterlichen Standart-Stadttyp, welchem auch Edo angehörte: Der Burgstadt. Es soll ein Überblick über die allgemeinen stadtplanerischen Grundlagen und deren Hintergründe geschaffen werden. Hierzu werden die geschichtlichen Umstände und das mit dem Aufkommen der Burgstädte verbundene Gesellschaftssystem beleuchtet. Außerdem werden typische Charakteristika der japanischen mittelalterlichen Burgstadt herausgearbeitet. Unter Punkt 4. wird das Augenmerk dann direkt auf Edo selbst gelenkt. Aufgrund seiner Funktion als militärisches Zentrum des Landes und den politischen Programmen Tokugawas sollen die Besonderheiten der Stadt hervorgehoben werden. Der darauf folgende Abschnitt beschäftigt sich dann mit einem weiteren stadtplanerischen Konzept, welches religiöser Natur war und höchstwahrscheinlich in der Frühphase Edos die Stadtplanung beeinflusste, bevor die Religion mehr und mehr an Signifikanz verlor. Bevor im letzten Punkt dieser Arbeit die herausgearbeiteten Informationen erneut reflektiert und zu einem Fazit zusammengeführt werden, soll unter Punkt 6. ein Bezug zum gegenwärtigen Tokyo und seinem Stadtbild hergestellt werden.

2. Die Entstehung Edos

Die Geschichte Edos begann als kleines Fischerdorf im 11. Jahrhundert. 300 Jahre später ließ sich dort ein daimy ô (Feudalherr) nieder und machte daraus eine kleine Hafenstadt mit Burg. Nachdem dieser irgendwann vertrieben wurde und die Burg niedergebrannt war, übernahm Tokugawa Ieyasu, der zukünftige sh ô gun, das Gebiet. Die Lage war ausgezeichnet: Es gab Zugang zum Wasser, Schutz durch Gebirge und 3 Hauptverkehrsstraßen führten an dem Ort vorbei. (vgl. COALDRAKE 1981: 240; ICHIKAWA 1994: 182)

Als Tokugawa schließlich 1603 das Land unter sich einte, gründete er eine neue Regierung (das tokugawa bakufu) und machte Edo zu deren militärischen Stützpunkt. Es wurde eine neue Burg errichtet und um sie herum eine Stadt aufgebaut. Edo wurde zu einer j ô kamachi (Burgstadt, wörtlich: „Stadt unter der Burg“). Die folgende Zeit zwischen 1603 und 1868 wird als edo jidai (Edo-Zeit) bezeichnet.

Die Burgstadt Edo war eine geplante Stadt. Ihr zugrunde lag ein System, welches sich durch die starken gesellschaftlichen Veränderungen während des Mittelalters entwickelte. Bevor ich konkret auf Edo und dessen Planung eingehe, erscheint es mir zunächst notwendig, den Stadttyp der j ô kamachi näher zu beleuchten und somit die Grundlagen der damaligen Denkweise, welche das mittelalterliche Stadtbild prägte, herausarbeiten.

3. Jôkamachi

3. 1 Geschichtlicher Hintergrund

Während der sengoku jidai (Zeit der streitenden Reiche, 1467-1568) fanden große gesellschaftliche Umwälzungen statt. Aus einfachen samurai (Kriegern) entstand ein neuer Typ von Regionalherrschern (die daimy ô) und regionale Hegemonien wurden geschaffen. Der mächtigste daimy ô war der sh ô gun, auch wenn dieser zu jener Zeit noch nicht die Kontrolle über das ganze Land hatte (aber daran arbeitete). Des weiteren bildete sich unter der Herrschaft des Militäradels eine neue Ständeordnung (shi-n ô -k ô -sh ô) heraus, die die Bevölkerung in vier Klassen einteilte: samurai (shi), Bauern (n ô), Handwerker (k ô) und Kaufleute (sh ô). (vgl. GUTSCHOW 1978: 350f) Die samurai standen dabei an der Spitze des Systems.

Das Aufkommen der daimy ô war die Voraussetzung zum Entstehen der j ô kamachi: 25% des gesamten Landes gehörte direkt dem bakufu. Der Rest des Landes wurde an die damals insgesamt 200 daimy ô abhängig von der Größe ihres Einkommens vergeben. Ein solches durch einen daimy ô verwaltetes Land war ein han. Eine Burgstadt war die Hauptstadt eines han und dessen politisches, wirtschaftliches und militärisches Zentrum (vgl. YAMORI 1970: 17) und wie der Name schon verrät, befand sich in ihrem Zentrum eine Burg. Diese war der Herrschaftssitz des jeweiligen Landherrn.

Während die frühen Burgstädte noch nicht geplant waren und die verschiedenen Stände in enger Nachbarschaft siedelten, sollte sich dies in der Edo-Zeit ändern: „Die Jôkamachi wurde zu einem räumlichen Abbild einer in Klassen gegliederten Gesellschaft.“ (GUTSCHOW 1978: 351)

Was genau darunter verstanden wird, soll im Folgenden erläutert werden.

3.2 Die Struktur einer jôkamachi

Allgemein ist zu sagen, dass mittelalterliche Städte nicht durch eine Stadtmauer geschützt waren und der Grundbaustoff zu jener Zeit Holz war. (vgl. TANABE 1970: 109) Zu Beginn der Edo-Zeit hatte sich ein typisches Muster, nach dem Burgstädte aufgebaut waren, etabliert. Demnach bestand eine j ô kamachi aus folgenden Teilen:

1) Der Burg (shiro): Sie war der Wohnsitz des Landherrn bzw. der Regierung und strategischer Mittelpunkt. Sie war umgeben von einem inneren Wassergraben und Mauern.
2) Den Residenzen der Gefolgsmänner (samurai-machi): Diese waren nach Rang (hoher, mittlerer, unterer) in 3 Gebiete unterteilt.
3) Den Quartieren der Kaufleute (ch ô nin-machi): Auch hier gab es 3 voneinander abgegrenzte Gebiete: Die Haupteinkaufsstraße (bewohnt von privilegierten Kaufleuten), die normale Einkaufsstraße und die Handwerkerquartiere.
4) Den Tempelbereichen (tera-machi) bestehend aus vielen Schreinen, Tempeln und Friedhöfen.
5) Wassergräben und Mauern, welche 1) und 2) umschlossen.
6) Straßen, die die Gebiete nochmal in Parzellen aufteilten.

(vgl. YAMORI 1970: 17f, TANABE 1970: 109, HOHN 2000: 41)

Die Residenzen und Quartiere befanden sich im direkten Umkreis der Burg, um diese zu schützen. Die Entfernung von der Burg stieg mit abfallendem Rang. Direkt an die Burg grenzten die Quartiere der samurai höheren und mittleren Ranges. Durch Mauern und Wassergraben wurde dieser innere Ring von der ch ô nin-machi, also der normalen Bevölkerung und auch den niederen samurai, abgegrenzt. Die Tempelbereiche sowie die Unterkünfte der Kaufleute von unterem Rang waren ganz außen angesiedelt. (Zur Verteilung der Tempel am Beispiel Edo siehe Abbildung 1)

Abbildung 2 zeigt das Strukturmuster, an welchem sich die Stadtplaner zu jener Zeit orientierten. In der Mitte (I) befand sich der Kern der Stadt - die Burg als politisches und militärisches Zentrum. In direkter Angrenzung befanden sich die Unterkünfte der Gefolgsmänner (II), welche in höheren (IIa), mittleren (IIb) und niedrigeren (IIc) Rang unterteilt waren. Im äußeren Ring (III) war die restliche Bevölkerung angesiedelt. Hier befanden sich die Handelsgebiete (IIIa), die Handwerkergebiete (IIIb) und die Wohngebiete der Arbeiter (IIIc). (vgl. TANABE 1970: 110)

An dieser Stelle sollte schon erkennbar sein, dass die j ô kamachi der Edo-Zeit das damalige feudalistische Gesellschaftssystem widerspiegelte. Die innere Differenzierung in Burgbereich, angrenzende samurai -Viertel, in denen die Entfernung zur Burg den Rang anzeigte, und Kaufleute- und Handwerkerquartiere, die dem selben Schema folgten, und die Trennung der einfachen Bürger vom höher gestellten Schwertadel stellt dies ganz deutlich heraus.

Neben der Entfernung zur Burg gab es aber auch noch andere Wege, den Rang - oder viel mehr den Unterschied zwischen den Rängen - hervorzuheben.

3.3 Ausdruck der Hierarchie durch Flächenverteilung und -verhältnisse

Wie im vorherigen Abschnitt deutlich geworden sein sollte, war die Aufgliederung der Stadt in Bereiche ein fundamentales Element der Burgstädte. Interessanterweise bestimmte der Rang eines samurai aber nicht nur die Entfernung zur Burg, sondern auch die Größe des ihm zustehenden Gebietes sowie oft auch die generelle Lage seiner Unterkunft. Wenn es die Lage der Stadt zuließ, bekamen die samurai von höherem Rang und wichtige Händler Boden, der viel in der Sonne lag und eine gute Anbindung an Wasser und Abflüsse hatte. Die Unterkünfte der samurai von niedrigem Rang und die der unwichtigeren Bürger befanden sich meist in tiefer gelegenen Gebieten, die zum Beispiel auch in Zeiten der Flut bedeutend mehr unter dem Einfluss der Naturgewalten litten. Solche Extreme gab es aber nicht in jeder Stadt. (vgl. YAMORI 1970: 18) Bei den nicht-Kriegern hing auch die Breite der Straßen, an denen sie wohnten, von der sozialen Klasse und Rang ab. Hauptstraßen waren ca. 7 Meter breit, normale Straßen 3 Meter. Je näher die Geschäfte der Kaufmänner sich an der Hauptstraße befanden, desto größer waren sie bzw. durften sie sein. In den hinteren Teilen der Häuser an den schmaleren Straßen befanden sich die kleinen Geschäfte und die Handwerkerquartiere. (vgl. TANABE 1970: 109)

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Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis von Palast und Stadt in Edo/Tokyo. Historische Entwicklung und politischer Charakter
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
23
Katalognummer
V371435
ISBN (eBook)
9783668514126
ISBN (Buch)
9783668514133
Dateigröße
8858 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verhältnis, palast, stadt, edo/tokyo, historische, entwicklung, charakter
Arbeit zitieren
Caroline Block (Autor), 2014, Das Verhältnis von Palast und Stadt in Edo/Tokyo. Historische Entwicklung und politischer Charakter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371435

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