Die Figur der Enite in Hartmann von Aues Artusroman „Erec“, welches er nach dem Vorbild von Chrétiens „Erec et Enide“ schrieb, ist viel diskutiert. Die Frau des Titelhelden wird einerseits als schuldig, beziehungsweise mitschuldig, andererseits als unschuldig am Geschehen charakterisiert, welches sie und Erec nach ihrer Hochzeit einen großen Abstieg erleiden lässt, aus dem sie sich durch eine mühselige Aventiurefahrt wieder emporarbeiten müssen. Beispielsweise legt Thomas Cramer in seinem Aufsatz „Soziale Motivation in der Schuld-Sühne-Problematik von Hartmanns Erec“ dar, dass Enite eindeutig schuldig ist, da sie einen unverdienten sozialen Aufstieg vollzieht. Auf der anderen Seite steht Hugo Kuhn, der Enite als beinahe heiligengleiche Frau ohne jegliche Schuld dargestellt. Die vielzitierte Aussage Kuhns über Enite als „eine der reinsten Frauengestalten in Mittelalter und Neuzeit“ ist gerade wegen ihrer Polarisierung so gängig. Ziel dieser Arbeit soll sein, die bereits getroffenen Thesen zu Enites Schuld oder Unschuld zu sammeln, zu bewerten und dabei auf weniger beachtete Details bezüglich dieses Themas aus dem „Erec“ einzugehen. Die Ausarbeitung erfolgt - mit Vorgriffen - chronologisch entlang des Geschehens im Roman, wobei in die relevanten Szenen nur kurz eingeführt werden soll, da die Handlung ausreichend bekannt ist. Im Anschluss daran steht eine zusammenfassende Interpretation, welche auf die bis dahin gezogenen Schlüsse und auf neue Gedanken Rücksicht nimmt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Problem der Eheschließung
3 verligen und Enites Geständnis
4 Aventiure
4.1 Sprechverbot
4.2 Blosens Untreue-Verdacht-Theorie
4.3 Enites Klage nach Erecs ‘Tod’
4.4 Der Vergleich mit dem geläuterten Gold
5 Zusammenfassende Interpretation
6 Schluss
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Seminararbeit untersucht kritisch die Schuldfrage der Figur Enite in Hartmann von Aues Artusroman „Erec“. Ziel ist es, bestehende Thesen zur Schuld oder Unschuld Enites zu sammeln und neu zu bewerten, indem bisher weniger beachtete Details des Romans analysiert werden, um zu einer fundierten Deutung der Absichten des Autors zu gelangen.
- Analyse der Eheschließung zwischen Erec und Enite
- Untersuchung des Vorwurfs des „verligens“ und Enites Rolle
- Diskussion des Schweigegebots und der Aventiurefahrt als Prüfung
- Kritische Auseinandersetzung mit der Untreue-Verdacht-Theorie
- Interpretation von Enites Klage nach Erecs vermeintlichem Tod
Auszug aus dem Buch
4.2 Blosens Untreue-Verdacht-Theorie
Was genau nun versteht Erec unter dieser Probe? Er konnte ja schlecht all diese Situationen geplant haben. Dass er Enite wie einen Lockvogel vorausreiten ließ und damit vielleicht bewusst Räuber herbeilocken wollte, ist noch halbwegs denkbar, aber dass ihnen ein Burggraf begegnen würde, der allen Anstand vergisst und Enite für sich gewinnen will, war für Erec ebenso wenig voraussehbar wie sein Tod und Enites Beständigkeit in der Bedrängnis durch den Grafen Oringles. Diese Unplanbarkeit zeigt aber, dass die Theorie Hans Blosens nicht aufgeht. Er hat in seinem Aufsatz zu Enites Schuld36 dargelegt, dass es sich bei der Grafen- und Oringles-Episode um Treueproben handelt. Ausgehend von dem Mabinogi „Gereint“, gelangt Blosen zu der Annahme, Erec verdächtige Enite der Untreue, als sie in Karnant ihren Seufzer und ihre Klage äußert. Sowohl im Mabinogi als auch im ‘Erec’ taucht die Phrase „another thought“37, beziehungsweise „ander dinge“38 auf. Außerdem kommt in beiden Texten das Sonnenmotiv vor, also dass die Sonne in das Zimmer scheint, in dem Erec und Enite (beziehungsweise Gereint und Enid) auf einem Bett liegen. In dem Mabinogi kommt Gereint plötzlich auf den Gedanken, Enid könnte mit ihrer Klage einen anderen Mann als ihn meinen, ihm also untreu sein, woraufhin er sie auf die Probe stellen will.
Blosen vermutet nun, dass Hartmann diesen Gedanken übernommen haben könnte, weil Enite sich im ‘Erec’ davor fürchtet, anderer Dinge (nämlich der Untreue) bezichtigt zu werden, wenn sie Erec nicht Auskunft erteile. Aber hier lässt sich auch eine andere Erklärung dagegen stellen. Enite könnte ebenso davor Angst haben, des Ungehorsams beschuldigt zu werden, wenn sie ihrem Mann nicht vom Grund ihrer Klage erzählt, wozu er sie ja auffordert. Dies macht besonders Sinn, weil es im Mittelalter üblich war, dass die Frau dem Mann Gehorsam schulden musste. Des Weiteren lassen sich die anschließenden Abenteuer nicht als Treueproben charakterisieren, da dies ja, wie oben schon erwähnt, eine konkrete Planung der Geschehnisse erfordert hätte.39
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung umreißt die wissenschaftliche Kontroverse um Enites Schuld und definiert das Ziel der Arbeit, diese Thesen kritisch entlang des Handlungsverlaufs zu prüfen.
2 Das Problem der Eheschließung: Dieses Kapitel diskutiert die Legitimität der Ehe zwischen Erec und Enite unter Berücksichtigung von Standesunterschieden und mittelalterlichen religiösen sowie gesellschaftlichen Vorstellungen.
3 verligen und Enites Geständnis: Hier wird das „verligen“ (die ritterliche Untätigkeit aufgrund von Liebeswahn) analysiert und die Frage untersucht, ob Enite eine moralische Mitschuld am Ehrverlust Erecs trägt.
4 Aventiure: Dieser Hauptteil analysiert die Aventiurefahrt als Prüfungssituation, prüft das Schweigegebot sowie die Untreue-Hypothese und interpretiert sowohl Enites Klage als auch das „Läutern“ durch Erec.
5 Zusammenfassende Interpretation: Die Ergebnisse werden synthetisiert, wobei die These vertreten wird, dass Enite objektiv unschuldig ist und Erec durch die Auferlegung der Prüfung eine irrationale Handlung vollzieht.
6 Schluss: Der Schluss fasst zusammen, dass Enite nach der Intention Hartmanns keine Schuld trifft und Erec sie einer unverdienten Prüfung unterzieht.
Schlüsselwörter
Enite, Erec, Hartmann von Aue, Mittelalter, Artusroman, Schuld, Unschuld, verligen, Aventiure, Ehe, Prüfung, Treue, Standesunterschied, höfische Epik, Interpretation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die wissenschaftliche Debatte darüber, ob die Romanfigur Enite in Hartmann von Aues „Erec“ schuldig oder unschuldig an dem Schicksal ihres Ehemannes und dem Abstieg des Paares ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die mittelalterliche Ehethematik, die soziale Standesproblematik, die ritterliche Pflichtenlehre (verligen) sowie die moralische Bewertung von Enites Handlungen im Kontext ihrer Zeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die bestehenden Thesen von Literaturwissenschaftlern wie Thomas Cramer oder Hugo Kuhn kritisch zu hinterfragen und durch eine detaillierte Textanalyse zu belegen, dass Enite aus der Intention Hartmanns heraus als unschuldig zu betrachten ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine chronologische, textnahe Analyse des Romans „Erec“, ergänzt durch den kritischen Vergleich mit der Sekundärliteratur und den inhaltlichen Rückgriff auf die Vorlage von Chrétien de Troyes.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Stadien der Prüfung: die Eheschließung, den Vorwurf des verligen, das Sprechverbot, die Aventiurefahrt, die Interpretation von Enites Klage und die Bedeutung von Erecs Gold-Vergleich.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Enite, Schuldfrage, verligen, Aventiure, Eheschließung, Treue, Prüfung, höfische Epik und Hartmann von Aue.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des „verligens“ in Bezug auf Enite?
Die Autorin argumentiert, dass Enite zwar den Anlass für das verligen bietet, aber keine moralische Schuld trägt, da sie lediglich naturgemäß handelt, während Erec seine männliche Pflicht zur Führung missachtet.
Warum wird die „Untreue-Verdacht-Theorie“ nach Hans Blosen kritisiert?
Die Autorin kritisiert diese Theorie, da sie die Unplanbarkeit der Ereignisse während der Aventiurefahrt ignoriert und sich auf schwache Indizien stützt, die Hartmann im Text nicht konsequent als Untreue-Motiv ausgearbeitet hat.
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- Caroline Dorn (Author), 2004, Zur Schuldfrage Enites, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37146