[...] Des Weiteren finden wir einen Mythos, den Wilde ebenfalls hat einfließen lassen, nämlich den des Bildhauers Pygmalion (met.X.243-97). Dies ist jedoch nicht sofort ersichtlich, da er nicht wie Narziss ausdrücklich genannt wird. Trotzdem kann anhand mehrerer Textstellen dessen Präsenz deutlich gemacht werden. Die folgende Szene beschreibt, wie der Künstler Basil Hallward in seinem Atelier vor einem seiner Werke, einem lebensgroßen Porträt eines jungen Mannes, sitzt und es bewundernd betrachtet. Es ist ihm gelungen, sein Modell in dem Bild treffend wiederzugeben und ist fasziniert von dessen Schönheit: „In the centre of the room [...] stood the full- length portrait of a young man of extraordinary personal beauty, and in front of it [...] was sitting the artist himself, Basil Hallward [...] As the painter looked at the gracious and comely form he had so skilfully mirrored in his art, a smile of pleasure passed across his face [...]” (140). Im folgenden Passus zeigt sich die langsame Verwandlung des Bildes: „He [...] went over to the picture, and examined it. [...] [T]he face appeared to him to be a little changed. [...] One would have said that there was a touch of cruelty in the mouth” (240) “[...] [T]here was no doubt that the whole expression had altered” (240f.). Wilde gelingt es meisterhaft, durch die Ähnlichkeit der Motive und die Tatsache, dass die Hauptfigur Dorian gleichzeitig Narziss und Pygmalion-Statue darstellt, beide Mythen fließend ineinander übergehen zu lassen. Die folgende Arbeit soll im ersten Teil eine kurze Übersicht über die ovidischen Traditionen geben und sich im Folgenden damit beschäftigen, welche wichtigen Motive der Mythen1 Wilde in seinem Roman einsetzt und wie er diese ve rarbeitet. Problematisch dabei ist, dass die Mythen unter den einzelnen Gesichtspunkten wegen der sich aus Dorians Doppelrolle ergebender Verbindung von Pygmalion- und Narziss-Aspekten nicht getrennt untersucht werden können. Abschließend soll ein bündiger Abriss über Wildes Werk im Spiegel des Fin de siécle gegeben werden, um einen Zusammenhang zwischen der Interpretation der Mythen und der Epoche einleuchtend zu machen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1. Ovid
2.1.1. Narziss und Echo
2.1.2. Pygmalion
2.2. Die Motive in The Picture of Dorian Gray
2.2.1. Das Motiv der Spiegelung
2.2.2. Die Motive der Schönheit, Homoerotik und Täuschung
2.2.3. Die Motive der unerfüllten Leidenschaft und Rache
2.2.4. Die Motive der Selbsterkenntnis und des Todes
2.2.5. Das Motiv des Künstlers
2.2.6. Das Motiv der Verwandlung
2.3. Der historische Kontext
3. Resumé
4. Anhang
4.1. Narcissus et Echo
4.2. Pygmalion
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die innovative Verknüpfung der antiken Mythen von Narziss und Pygmalion in Oscar Wildes Roman „The Picture of Dorian Gray“. Dabei wird analysiert, wie diese mythischen Motive in die viktorianische Zeit übertragen werden, um die Identitätskrise, den Schönheitskult und die moralische Doppelmoral der Gesellschaft zu reflektieren.
- Analyse der ovidischen Traditionen und ihrer Bedeutung für Wildes Roman
- Untersuchung der Doppelrolle Dorians als Narziss-Figur und Pygmalion-Statue
- Deutung der zentralen Motive wie Spiegelung, Homoerotik und Künstlertum
- Verbindung zwischen mythischer Interpretation und dem historischen Fin de siècle
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Die Mythen des antiken Griechenland üben seit jeher eine besondere Faszination auf Künstler und Autoren aller Epochen aus. Berühmt und populär wurden die Mythen allerdings erst durch Ovids „Metamorphosen“ (8.Jh.v.Ch.), welche mit ihren Motiven wie Liebe, Rache oder Verfehlung im Lauf der Jahrhunderte vielen Werken als Vorlage dienten, zum Beispiel Shakespeares „Romeo und Julia“ mit dem Vorbild der tragischen Geschichte von „Pyramus und Thisbe“ (met.IV.55-166). Die verarbeiteten Themen bleiben immer dieselben, aber durch ihre Allgemeingültigkeit sind sie jedes Mal anders zu interpretieren und im jeweiligen Spiegel ihrer Rezeptionszeit zu betrachten. Dies gilt auch für Oscar Wildes The Picture of Dorian Gray. Wilde, der sich ebenfalls Ovid bedient, reflektiert damit die Zustände der gesellschaftlichen Ordnung seiner Zeit. Besonders eindeutig ist die Verarbeitung des Narziss-Mythos (met.III.339-418) und dessen zeitlos gültiger Problematik von Selbstliebe.
Explizite Belege für die These der Verwendung der Narziss-Geschichte gibt der Roman genügend, zum Beispiel als Lord Henry Wotton Dorian Gray als Narziss bezeichnet (Wilde 142) oder als Dorian selbst „in boyish mockery of Narcissus [...] had kissed [...] those painted lips [...]“ (258).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die mythologischen Vorlagen ein und stellt die These auf, dass Wilde die Narziss- und Pygmalion-Mythen zur Reflexion gesellschaftlicher Zustände verwendet.
2. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert zunächst die Originalmythen bei Ovid und überträgt deren Kernmotive auf die Charakterkonstellationen und den symbolischen Gehalt von Wildes Roman.
2.1. Ovid: Hier werden die antiken Mythen von Narziss und Echo sowie Pygmalion inhaltlich zusammengefasst und deren strukturelle Merkmale herausgearbeitet.
2.2. Die Motive in The Picture of Dorian Gray: Dieses Kapitel bildet den Kern der Arbeit und untersucht detailliert, wie Spiegelung, Schönheit, Leidenschaft, Selbsterkenntnis und das Künstlertum die Handlung und den Verfall der Protagonisten prägen.
2.3. Der historische Kontext: Das Kapitel verknüpft die literarische Analyse mit der Epoche des Fin de siècle und zeigt auf, wie der Ästhetizismus und viktorianische Tabus die Entstehung des Romans beeinflussten.
3. Resumé: Diese Zusammenfassung unterstreicht die gelungene Verschmelzung der Mythen und bilanziert die Warnung des Autors vor einer reinen Scheinwelt.
4. Anhang: Der Anhang enthält die lateinischen Originaltexte der verwendeten Ovid-Passagen aus den „Metamorphosen“.
Schlüsselwörter
Oscar Wilde, The Picture of Dorian Gray, Narziss, Pygmalion, Ovid, Metamorphosen, Fin de siècle, Spiegelung, Identität, Ästhetizismus, Viktorianismus, Homoerotik, Künstlermotiv, Doppelmoral, Literaturwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie Oscar Wilde die griechischen Mythen von Narziss und Pygmalion in seinem Roman „The Picture of Dorian Gray“ verwendet, um zentrale Themen wie Selbstliebe, den Schönheitskult und den moralischen Verfall seiner Zeit darzustellen.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse literarischer Motive wie Spiegelung, unerfüllter Leidenschaft, der Rolle des Künstlers und der Spannung zwischen Kunstwelt und gesellschaftlicher Realität.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Dorian Gray sowohl als Narziss-Figur als auch als Pygmalion-Statue fungiert und diese mythische Doppelrolle als Spiegel für die gesellschaftlichen Missstände des viktorianischen Englands dient.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Roman im Vergleich zu den antiken Vorlagen von Ovid sowie im Kontext des historischen Fin de siècle untersucht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Vorstellung der Ovid-Mythen und eine detaillierte Untersuchung spezifischer Motive im Roman, wie etwa die Bedeutung der Spiegelung, die Rolle von Lord Henry und Basil Hallward sowie die Auswirkungen von Dorians Handlungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Werk?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Narzissmus, Identität, Ästhetizismus, Metamorphose, Doppelleben und die symbolische Funktion des Porträts.
Wie unterscheidet sich Basil Hallwards Pygmalion-Rolle von der antiken Vorlage?
Während Pygmalion seine Statue zum Leben erwecken will, wird Basil durch Wilde als „umgekehrter Pygmalion“ dargestellt, der versucht, sein lebensgroßes Ideal gerade im Bild festzuhalten, anstatt es als Mensch existieren zu lassen.
Welche Bedeutung kommt dem historischen Kontext zu?
Der historische Hintergrund des späten 19. Jahrhunderts erklärt die Flucht der Figuren in eine „schöne Scheinwelt“, um die gesellschaftlichen Krisen, die Arbeitslosigkeit und die prüde Doppelmoral des viktorianischen Zeitalters zu verdrängen.
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- Nadine Scherny (Author), 2003, Narziss und Pygmalion in The Picture of Dorian Gray, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/37154