Möglichkeiten und Grenzen des Gehörlosentheaters. Eine Untersuchung anhand von Deafinitely-Theatres-Inszenierung von William Shakespeares "Love's Labour's Lost"


Magisterarbeit, 2013
147 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Abkürzungsverzeichnis

1. Ein Shakespeare ohne Worte

2. Die Konstruktion der Welt
2.1 Normalität versus Behinderung
2.2 Sprechen über das „Andere“ – das medizinische, soziale und kulturelle Modell
2.3 Der Versuch einer Deafinition
2.3.1 Medizinische Begriffsbestimmungen
2.3.2 Leben in der DEAF-WORLD: Die deaf community und die Deaf culture
2.4 Deaf versus disabled

3. Von der Unterdrückung einer Sprachgemeinschaft zum Ertönen der gar nicht so leisen Stimme der Gehörlosen
3.1 Falsche Annahmen und ihre fatale Wirkung
3.2 Erste Erwähnungen
3.3 Von der „Entdeckung“ der Gehörlosigkeit bis hin zum Bestreben, sie auszumerzen
3.4 Schulen und deaf clubs im Zeichen des Oralismus
3.5 Die Katastrophe von Mailand
3.6 Die Auswirkungen von Mailand
3.7 Der Wendepunkt: Die Erforschung der Gebärdensprache
3.7.1 Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Gebärden- und Lautsprache
3.7.2 Die Zusammensetzung von Gebärden und die Produktion von Sinn
3.7.3 Die Vorwürfe der bloßen Pantomime und Ikonizität
3.8 Das Entstehen eines neues Selbstbewusstseins: Die Gehörlosen verschaffen sich Gehör
3.9 Die gegenwärtige Situation der britischen deaf community

4. Gehörlose und die Bretter, die die Welt bedeuten
4.1 Theater und der Status Quo einer Gesellschaft
4.2 Von den Anfängen bis zu Children of a Lesser God
4.3 Die Politisierung des Theaters und die Instrumentalisierung von Performance für die Zwecke der deaf community
4.4 Für Gehörlose zugängliche Formen von Theater und ihre wesentlichen Merkmale
4.4.1 Gebärden als Teil der Inszenierung: theatre for the deaf & theatre of the deaf
4.4.2 Gebärdensprache abseits der Bühne: sign language interpreted performances
4.5 Kritik an den von Hörenden dominierten Theaterformen und ihrer Zugänglichkeit
4.6 Die Erwartungen eines gehörlosen Publikums an ein gelungenes Theatererlebnis
4.6.1 Inszenatorische Aspekte
4.6.2 Administrative und organisatorische Aspekte

5. Das Jahr 2012 – der Durchbruch im Umgang mit Andersartigkeit?
5.1 London 2012 und die Paralympischen Spiele – die Hoffnungsträger
5.2 Shakespeare's Globe und Deafinitely Theatre – ein Meilenstein für die Gehörlosen in Großbritannien

6. Deafinitely Theatres Love's Labour's Lost
6.1 Die Bearbeitung von Shakespeares Original: der Spieltext
6.1.1 Die intralinguale Übersetzung
6.1.2 Anmerkungen im Nebentext
6.2. Die Umsetzung auf der Bühne von Shakespeare's Globe: die Inszenierung
6.2.1 Prozessorientierte Analyse
6.2.2 Produktorientierte Analyse
6.2.2.1 Musikalische Begleitung und Szenenzusammenfassungen
6.2.2.2 Nutzung des Bühnenraums
6.2.2.3 Spielweise des Ensembles
6.2.2.4 Interaktion, Dynamik und Wirkung

7. Der Beitrag von Deafinitely Theatres Inszenierung zur Annäherung von hörender und gehörloser Kultur
7.1 Die Verhandlung von Sprachskepsis im Stück und auf einer Metaebene
7.2 Der „fremde“ Shakespeare: Der Wert von Übersetzungen
7.3 Poesie für die Augen: Shakespeare „sehen“
7.4 Eine zwar gemeinsame, aber auch gleichwertige Theatererfahrung?
7.5 Die Einsicht in das „Fremde“: der Austausch zwischen den Kulturen
7.6 Die „Eroberung“ des Globe

8. Ein Blick nach Deutschland
8.1 Vom Zweiten Weltkrieg bis heute
8.2 Die „gehörlose“ Theater- und Kulturlandschaft
8.3 Missstände und Probleme
8.3.1 Fallbeispiel München
8.3.2 Die Situation auf dem Arbeitsmarkt

9. Die Kraft von Shakespeares unausgesprochenen Worten

Anhang I – Attribute & Eigenschaften Gehörloser (1970er / -80er Jahre)

Anhang II – Email SPIT

Anhang III – Transkription Videomitschnitt „The Hub“

Anhang IV – Email Deafinitely Theatre

Anhang V – Publikumsstimmen zu Love’s Labour’s Lost

Anhang VI – Fragebogen Deutsches Gehörlosen Theater e.V.

Anhang VII – Fragebogen Bayerische Staatsoper

Anhang VIII – Münchner Volkstheater

Anhang IX – Münchner Kammerspiele

Anhang X – Email Gehörlosenverband München und Umland e.V.

Anhänge XI - XVIII

Literatur- und Quellenverzeichnis

Vorwort

Mit der gesellschaftlichen Situation oder alltäglichen Lebenswelt von gehörlosen Menschen habe ich mich persönlich nie auseinandergesetzt. Natürlich wusste ich, dass es sie gibt. Selten, aber doch immer wieder, sieht man Menschen auf der Straße oder in öffentlichen Verkehrsmitteln, die anstatt miteinander zu sprechen, plötzlich beginnen, sich in Gebärdensprache zu unterhalten. Sicherlich schaute ich dann immer eine Weile interessiert – oder schlicht neugierig – hin, doch war das Interesse meist schon verflogen, als ich an ihnen vorbeigelaufen oder ausgestiegen war. Insofern verhielt ich mich wohl wie die meisten anderen Menschen auch, die hören und nicht im engsten Familien- oder Bekanntenkreis mit Gehörlosigkeit konfrontiert sind, denn Gehörlosigkeit spielt für Hörende kaum eine Rolle.

Im Zuge meiner Recherche für diese Arbeit habe ich mich eingehend mit der Geschichte, der Kultur und dem Leben von Gehörlosen befasst und hatte Kontakt zu verschiedenen Personen und Institutionen, die mir weitere Einsichten und Erkenntnisse ermöglichten. Trotz dieses Einblicks in die Welt der Gehörlosen muss ich mich im Kontext der folgenden Ausführungen selbstverständlich weiterhin auf hörender Seite verorten: Ich beherrsche weder die deutsche, noch irgendeine andere Gebärdensprache – was insbesondere im Zusammenhang mit der Inszenierungsanalyse in dieser Arbeit eine Verlagerung des Schwerpunkts von den linguistischen Aspekten der Umsetzung hin zu eher ästhetischen Gesichtspunkten erfordert.

In der Anfangsphase stieß ich unerwarteterweise von Seiten des Globe Theatre in London auf größere Widerstände: Trotz des rein wissenschaftlichen Anspruchs, den ich mit meiner Arbeit verfolge, sah sich niemand von Shakespeare‘s Globe Theatre in der Lage, mir die Aufzeichnung der Aufführung von Deafinitely Theatres Love‘s Labour‘s Lost zukommen zu lassen, noch mir weitere Auskünfte zu erteilen. Womöglich wären die verantwortlichen Personen, die ich gern befragt hätte, sogar dazu bereit gewesen – das werde ich aber nie erfahren, da meine Anfragen bereits an unterster Stelle abgewiesen wurden und ich keine Chance hatte, überhaupt mit den betreffenden Abteilungen in Kontakt zu kommen. Glücklicherweise erwiesen sich Deafinitely Theatre und die anderen Organisationen, die ich kontaktierte, wesentlich kooperationsfreudiger und waren sehr angetan von der Tatsache, dass sich ein junger Mensch im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit mit diesen immer noch wenig beachteten Themen beschäftigen möchte.

Deafinitely Theatre schickte mir schließlich das Video (aber auch erst, nachdem es beim Globe Theatre angefordert werden musste) und war auch darüber hinaus bereit, mich in meinem Tun zu unterstützen. Leider konnte mir niemand der beteiligten Schauspieler oder Produzenten meine im Vorfeld angefertigten Fragebögen zur Inszenierung und zum Probenprozess beantworten – ich verstehe aber, dass das Ensemble nicht unbedingt die Zeit dafür finden konnte, da es bereits an einer neuen Produktion arbeitete. Dies ermöglichte es mir allerdings, meinen Blick für einen die eigentliche Inszenierung übersteigenden Gesamtzusammenhang zu schärfen und das Gehörlosentheater in einem größeren Kontext zu untersuchen. Dennoch bin ich Deafinitely Theatre und den anderen Einrichtungen für ihre Hilfe und Unterstützung sehr zum Dank verpflichtet.

Auch wenn die vorliegende Arbeit sicherlich keinen Platz auf einer Bestseller-Liste verzeichnen wird, so hoffe ich doch insgeheim, zumindest einen kleinen Beitrag leisten zu können: Die oft problematische Situation von Gehörlosen in einer von Hörenden dominierten Welt kann ich nicht gänzlich ändern oder verbessern, wünsche mir aber, zumindest bei den Lesern dieser Arbeit ein Bewusstsein dafür entstehen lassen zu können.

Robert Müller

München, im März 2013

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Ein Shakespeare ohne Worte

An einem Dienstagnachmittag im Mai 2012 scheint die Sonne ins Rund des Globe Theatre in Londons Bankside. Im Yard stehen die Zuschauer Schulter an Schulter, die Galerien sind voll besetzt. Das Publikum fiebert mit den Figuren auf der Bühne mit, lacht über ihre amourösen Verirrungen und Verwirrungen und folgt ihnen auf eine zweistündige Reise in die Welt von William Shakespeares Love's Labour's Lost. Doch kein einziges Wort des berühmten Barden verlässt je die Lippen der Akteure. Wie kann das sein? Wo ist die bildreiche, wortgewaltige, blumige Sprache dieses vielleicht größten Dramatikers, den die Welt je gesehen hat, geblieben?

Ohne vorheriges Wissen um die an jenem Tag auf dem Spielplan von Shakespeare’s Globe stehende Inszenierung, wäre diese Verwunderung oder gar Bestürzung womöglich nachvollziehbar gewesen. Doch die meisten Zuschauer haben sich ganz bewusst für den Besuch dieser Vorstellung entschieden, denn sie wollten dabei sein, wenn nicht nur für die Gehörlosengemeinschaft Großbritanniens, sondern auch für das Theater der westlichen, abendländischen Kultur ein historischer Meilenstein – vielleicht sogar ein Wendepunkt? – erreicht wird: Deafinitely Theatre, eine Theatergruppe bestehend aus einem tauben Ensemble unter Leitung einer gehör-losen Regisseurin, bringt erstmals ein Werk William Shakespeares ausschließlich in British Sign Language (BSL) – ohne auch nur ein einziges gesprochenes Wort – auf die Bühne. Am 22. und 23. Mai 2012 war die Inszenierung im Rahmen des Globe to Globe Festivals in London zu sehen, danach ging Deafinitely Theatre auf eine nationale Tour und machte mit Love’s Labour’s Lost in den Städten Ipswich, Wolverhampton, Derby und Brighton Halt.

Die vorliegende Arbeit hat die Zielsetzung, der Tragweite dieser Produktion nachzuspüren: Es gilt herauszufinden, welche Signifikanz der Inszenierung eines Werkes des Barden im rein visuell-räumlichen Medium der Gebärdensprache – einem Shakespeare ohne Worte – im Kontext von Gehörlosigkeit und dem Verhältnis zwischen gehörloser und hörender Kultur beizumessen ist. Nicht nur wird untersucht, inwiefern eine solche Umsetzung überhaupt möglich ist und nach welchen Strategien und Methoden sie operiert, darüber hinaus soll sie auch im größeren Bezugsrahmen des Gehörlosentheaters – also Theaterformen von, für und mit Gehörlosen – verortet werden. Welche Möglichkeiten ergeben sich durch diese Inszenierung für Hörende und Gehörlose, um einander näher zu kommen, da sie trotz der gemeinsamen Lebenswelt scheinbar aneinander „vorbeileben“ und – vor allem aus hörender Sicht – meist nur an der Peripherie der eigenen Lebenswirklichkeit wahrgenommen werden? An welche Grenzen muss die Annäherung beider Kulturkreise stoßen?

Um sich fundiert mit diesen Fragestellungen auseinandersetzen zu können, muss am Anfang der Beschäftigung der Versuch stehen, sich den Wesenszügen der Gehörlosengemeinschaft und den Charakteristika der Kultur der Gehörlosen anzunähern. Ausgehend von einem historischen Überblick unter Einbezug der wesentlichen Entwicklungsstufen, die die Gemeinschaft der Gehörlosen seit ihrem Be-stehen durchschritten hat, können die so gewonnenen Erkenntnisse in Relation zum künstlerischen Schaffen und der kulturellen Praxis im Gehör-losentheater gesetzt werden. Neben den Kennzeichen der verschiedenen, historisch entstandenen Theaterformen und den an ihnen festzumachenden Kritikpunkten stehen hierbei auch wir-kungsästhetische Apekte im Fokus der Untersuchung. Angesichts dieses theoretischen Unterbaus kann im Anschluss die Hinwendung zur eigentlichen Inszenierung von Deafinitely Theatre erfolgen: Zunächst werden die Eingriffe in die Originalvorlage Shakespeares und die Übersetzung von Love’s Labour’s Lost in BSL anhand des Spieltextes beleuchtet, bevor die Inszenierung selbst, basierend auf einer Videoaufzeichnung der Aufführung am 22. Mai 2012, analysiert wird. Die Ergebnisse der Analyse werden daraufhin in Verbindung mit den zuvor erzielten Einblicken in die Kultur und das Theater der Gehörlosen in einen größeren, vor allem kulturwissenschaftlich geprägten Kontext gesetzt, um folglich den Stellenwert, der dieser Inszenierung in der Beziehung zwischen hörenden und gehörlosen Menschen beikommt, erfassen zu können.

Da es sich um eine Inszenierung in BSL handelt, die in England zur Aufführung kam, liegt der Fokus dieser Arbeit weitestgehend auf Großbritannien, wobei aber richtungsweisende Entwicklungen und Geschehnisse in den USA ebenfalls immer wieder Eingang in die Ausführungen finden. Lediglich zum Schluss wendet sich der Blick auch nach Deutschland, um die Resultate der vorherigen Auseinandersetzung auch in einen heimischen Zusammenhang bringen zu können. Dem Umstand, dass beide Länder – die USA und Großbritannien – im Kampf um die Anerkennung und Selbstbestimmung der Gehörlosen eine Vorreiterrolle einnehmen, ist auch die Tatsache geschuldet, dass die einschlägige Forschungsliteratur vor allem aus dem englischsprachigen Raum stammt, weswegen im Folgenden den englischen Termini zumeist der Vorzug vor ihren deutschen Entsprechnungen gegeben wird.

Anhand der oben vorgestellten Vorgehensweise zielt die vorliegende Arbeit nicht nur darauf ab, zu überdenken, was Sprache im theatralen Kontext bedeuten und bewirken kann, sondern auch aktuellen theaterwissenschaftlichen Diskursen gerecht zu werden: Die Ästhetik der zeitgenössischen Präsentation erfährt eine Verschiebung hin zu den visuellen Anteilen einer Inszenierung. Die wissenschaftliche Praxis selbst weist seit den letzten Jahrzehnten eine verstärkte Tendenz zur Erforschung des „Fremden“ als Folie des „Eigenen“ auf, einhergehend mit einer Öffnung hin zu anderen Disziplinen wie der Bildenden Kunst, der Medien-, Kommunikations- oder Kultur-wissenschaft.[1] Die Beschäftigung mit dem Gehörlosentheater vereint jene drei Entwicklungen gleichermaßen in sich und macht somit diese Kunstform nicht nur in ästhetischer Hinsicht, sondern auch unter theaterwissenschaftlich-kulturanthropologischen Gesichtspunkten zu einem idealen Untersuchungsgegenstand. Die Kultur und das kreative Schaffen von Gehörlosen hat in der Theaterwissenschaft – vor allem im deutschsprachigen Raum – bisher nur sehr wenig bis gar keine Aufmerksamkeit gefunden, wobei sich aber ein ungeahnt weites Feld an Forschungsgebieten eröffnet: angefangen von der Infragestellung herkömmlicher Sehgewohnheiten und des traditionellen Textbegriffs, über den Einsatz des Körpers als Medium zur Bedeutungsproduktion bis hin zum Verständnis von Kultur an sich. Der Diskurs über Gehörlosigkeit und Gehörlosentheater steht dabei aber nicht nur an der Schnittstelle der theater- und kulturspezifischen Konstrukte des Eigenen und des Fremden, die die Wahrnehmung kultureller Artefakte bestimmen: Auch in anthropologisch-ethnologischer Hinsicht steht es an der Schnittstelle der – bisher – für verbürgt wahrgenommenen Dichotomie der Konzepte von Behinderung und Normalität, auf denen das Konstrukt unserer Welt basiert.

2. Die Konstruktion der Welt

„Ob Du behindert bist, hab' ich Dich gefragt?!“ Sätze wie diesen hat sicherlich jeder schon mal einem anderen an den Kopf geworfen. Doch hat sich wohl kaum jemand je Gedanken darüber gemacht, was er in diesem Moment seinem Gegenüber – sei es in Rage oder im Scherz – vorzuwerfen versucht. Was heißt das eigentlich, behindert sein? Was ist Behinderung?

Um den Begriff der Behinderung zu verstehen, muss man zunächst begreifen, in welcher Beziehung eine körperliche oder mentale Einschränkung bzw. Andersartigkeit zur sozialen, politischen und räumlichen Umwelt steht, welche diese Einschränkung erst mit Bedeutung und Signifikanz für einen selbst und andere auflädt und infolge dessen die Lebenswelt der Menschen bestimmt – oder erschafft. Es gilt zu verstehen, auf welchen Wegen ein vornehmlich „normaler“, intakter oder schlicht den Erwartungen der Umwelt entsprechend funktionierender Körper die Vorherrschaft von nationaler, rassischer und sexueller Normalität bestärkt, während eine kognitiv oder physisch eingeschränkte Person in unserer Gesellschaft stets als „metaphor for the queer, subaltern, or marginal“[2] steht.[3]

2.1 Normalität versus Behinderung

Im besten Falle entwickelt man eine gewisse Bewunderung für einen Menschen mit Behinderung, man ist beeindruckt, wie derjenige seinen Alltag meistert, „das Gebrechen selbst aber sehen wir normalerweise als unerwünscht an“.[4] Doch es ist in der Tat erst die Beschaffenheit der Umwelt, welche die Behinderung in irgendeiner Form signifikant werden lässt: Die meisten Menschen mit einer körperlichen Beeinträchtigung „können bestätigen, daß [sic] die Gestaltung ihrer Umgebung sie oft erst zu Behinderten macht – wäre sie besser angelegt, wäre ihr Behinderungsgrad geringer oder sogar gleich Null.“[5] Diese Feststellung legt nahe, dass der Ursprung von Behinderung nicht im jeweiligen Individuum zu suchen ist, sondern eher in der Konstruktion der Kategorie „normal“, welche erst das „Problem“ der Behinderung entstehen lässt. Demnach ist Behinderung in erster Linie als das Ergebnis von unterschiedlich wirkenden sozialen Kräften zu verstehen: Der Diskurs über Behinderung wird konstituiert durch soziale, historische und kulturelle Prozesse, welche steuern, wie wir über den menschlichen Körper denken. Das bewusste Nachdenken über die Verfasstheit des Körpers wurde erst im 18. bzw. 19. Jahrhundert im Sinne einer aufblühenden industriellen, kapitalistischen Gesellschaft organisiert, als Konzepte wie Standardisierung, Effizienz und Produktivität auf den Körper übertragen wurden, um ihn zu reglementieren. Das Wort „normal“ in seinem heutigen Sinne schaffte den Sprung in den englischen Wortschatz erst um das Jahr 1840, „normality“ und „normalcy“ wurden erst in den 1850er Jahren gebräuchlich.[6] Das Konzept der Normalität wurde seither prägend für den Menschen, es wurde zum Maß aller Dinge. Die hegemoniale Stellung des Begriffs der Normalität, seine Vormachtstellung im Ordnen der Welt, wird aber erst manifestiert durch das Vorhandensein des „Anderen“, des „Unnormalen“. Nur vor dem Hintergrund des Normalen konnte das Konzept der Abnormalität, des Abweichens von der Norm entstehen:

Just as the conceptualization of race, class, and gender shapes the lives of those who are not black, poor, or female, so the concept of disability regulates the bodies of those who are ‚normal‘. […], the concept of disability is a function of a concept of normalcy. Normalcy and disability are part of the same system.[7]

Das Denkmuster der Abnormalität, das einer Person die Eigenschaft des Behindert-Seins zuweist, ist dabei jedoch ein so starkes, dass es jede andere Form der Beschreibung oder Charakterisierung eines Menschen unnötig erscheinen lässt: „The label of disability carries with it such a powerful imputation […] that there is no other descriptor needed by the public.“[8] In einer stereotypisierenden Gesellschaft genügt es, wenn ein Mensch lediglich mit einem Attribut versehen wird, welches gleichzeitig alle weiteren möglichen Merkmale überschreibt oder ausblendet, um seine Wahrnehmung durch Andere zu bestimmen. Diese Stereotypisierung ist es, welche zu der Annahme führt, dass die Beschaffenheit des Körpers Rückschlüsse auf den inneren Seelenzustand eines Menschen zulässt, meist in dem Maße, dass der vermeintlich „behinderte“ Mensch „normal“ sein will.[9]

Es ist die Gesellschaft, die bestimmt, wer behindert ist und wer nicht. Doch im gleichen Maße ist sie es, welche oftmals erst die Voraussetzungen für die Entstehung einer physischen oder mentalen Einschränkung schafft: Beispielsweise durch Armut und Krieg kommt es zu immer mehr körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen mannigfaltiger Art.[10] Laut dem im Jahr 2011 von der World Health Organization (WHO) vorgelegten World report on disability leben weltweit über eine Milliarde Menschen mit Behinderung – welcher Form auch immer.[11] Demnach ist Behinderung bei weitem kein so seltenes Phänomen, wie es der gesellschaftlich konstruierte Diskurs über Normalität glauben machen möchte, sondern stellt die als verbürgt propagierte Kategorie der Normalität vehement in Frage. Begrifflichkeiten wie „behindert“, „handicapped“ oder „körperlich eingeschränkt“ sind Produkte einer Gesellschaft, welche eine Vielfalt an Lebens- und Daseinsformen ablehnt. Wenn man bedenkt, dass im Laufe eines Lebens die meisten Menschen in irgendeiner Weise körperliche oder geistige Gebrechen, sei es z.B. Multiple Sklerose, Arthritis, Krebs, Demenz oder Aids, erfahren werden und somit anders als die anderen sein werden, so weicht der Begriff der Behinderung zusehends auf, wird instabil und lässt eine scharfe Abtrennung nicht mehr zu. Lennard Davis bringt dazu in Enforcing Normalcy eine sehr treffliche Anekdote an:

One disability activist recently spoke at a convention to ‚normal‘ people and said, ‚We are 500 million strong and growing. Come back in twenty years and a lot of you will be with us!‘[12]

2.2 Sprechen über das „Andere“ – das medizinische, soziale und kulturelle Modell

Wie Menschen im Rollstuhl oder Blinde, so werden auch Gehörlose unter der Kategorie „behindert“ subsumiert, wobei die vermeintliche Behinderung meist erst dann offensichtlich wird, wenn man versucht mit ihnen zu kommunizieren oder – so nehmen es wohl die meisten Hörenden eher wahr – in die Verlegenheit kommt, mit ihnen kommunizieren zu müssen. Um das Bestreben unserer Gesellschaft überwinden zu können, immerzu nur homogene Gruppen schaffen und diese hierarchisieren zu wollen – anstatt die Heterogenität des Lebens anzuerkennen und wertzuschätzen –, muss zunächst das Sprechen über Gehörlose überdacht werden. Ein Sprechen, welches jahrhundertelang den Umgang Hörender mit Gehörlosen prägte und noch immer prägt. Das Vokabular mit dem Hörende Gehörlosigkeit beschreiben, ist unter Hörenden schon so lang verbreitet und zudem durch medizinische Autoritäten bestärkt und legitimiert worden, dass die soziale Konstruiertheit dieses Sprechens kaum einem Hörenden bewusst ist, die meisten sogar meinen, sich akkurat und treffend auszudrücken.[13] Diese Rhetorik liegt im nahezu zwei Jahrhunderte lang vorherrschenden, sog. medizinischen Modell begründet.

Nach dem medizinischen Modell – auch klinisches, pathologisches oder individuelles Modell genannt – ist Behinderung eine Erscheinung abseits des Normalen, des Alltäglichen: „something out of place, in need of correction.“[14] Der Fehler liegt beim unter allen Umständen wieder zu normalisierenden Individuum, welches als isoliert und hilflos, folglich Fürsorge bedürftig, wahrgenommen wird und wieder in die Arme der Gesellschaft zurückgeführt werden muss.[15] Im Bezug auf taube Menschen handelt es sich demzufolge beim medizinischen Modell um eine Defizittheorie, begründet in der pathologischen Abwesenheit der Fähigkeit zu Hören, die als Behinderung eingestuft wird.[16] Diese medizinische Auffassung von Gehörlosigkeit war und ist prägend für das Bild, das die Mehrheit der Hörenden von Tauben hat: Das Merkmal der Unfähigkeit zu Hören oder des Hörverlusts übertüncht jede andere Wahrnehmungsmöglichkeit und negiert auch nur die leiseste Idee, dass taube Menschen sich und ihr Leben eventuell ganz anders einschätzen könnten.

In den 1980er Jahren vollzog sich ein allmählicher Wandel im Denken und Sprechen über Behinderung: Sie wurde nicht mehr als individuelle Tragödie wahrgenommen, sondern durch unterdrückende Elemente in der Gesellschaft als sozial geschaffen begriffen. Dieses soziale Modell „was revolutionary and empowering to people with disabilities“[17], denn von nun an wurde Behinderung als soziales Phänomen verstanden, das durch eine für „Nicht-Behinderte“ geschaffene Gesellschaft konstruiert wird. Behinderung ist der Bruch zwischen dem Körper und der Umwelt: „It is the stairway in front of a wheelchair user, or written text in front of the blind person, that handicaps an individual, not the physical impairment itself.“[18] Bei diesem Konzept handelt es sich um ein Minderheitenmodell, bei dem die Minderheit von der Teilhabe am Leben und der Gesellschaft der Mehrheit aufgrund von Diskriminierung und Marginalisierung ausgeschlossen ist. Das geteilte Gefühl des Ausgeschlossen-Seins konstituiert demnach die unterdrückte Gemeinschaft, welche sich folglich als Subkultur begreift.[19]

Auch wenn dem sozialen Modell ein gänzlich anderer Denkansatz zugrunde liegt, so hat es dennoch ein wesentliches Charakteristikum mit dem medizinischen Modell gemein: Auch das soziale Modell ist von seinem Wesen her ausschließlich problemorientiert, denn

[l]etztendlich handelt es sich sowohl bei dem individuellen als auch bei dem sozialen Modell um operative Strategien, anwendungsorientierte Programme, die Lösungsvor-schläge formulieren für etwas, was offenbar ‚stört‘ und deshalb ‚behoben‘ werden soll.[20]

Aufgrund dieser kritischen Überlegungen vollzog sich in den vergangenen Jahren ein erneuter Perspektivenwechsel im Rahmen der Auseinandersetzung mit Behinderung, dieses Mal allerdings ein fundamentaler. Das kulturelle Modell nimmt erstmals nicht mehr das individuelle Problem oder die diskriminierte Randgruppe, sondern das Gegenmodell der Normalität in den Fokus. Diese Herangehensweise macht die Mehrheitsgesellschaft zum Untersuchungsgegenstand und „lässt die Relativität und Historizität von Ausgrenzung und Stigmatisierungsprozessen zum Vorschein kommen.“[21] Dieses Modell wird von John Swain und Sally French auch als „affirmatives Modell“[22] definiert, da ihm ein „eindeutig positives Behinderungsverständnis“[23] zugrunde liegt, denn dieser Ansatz „encompasses positive social identities, both indi-vidual and collective, for disabled people grounded in the benefits of life style and life experiences of being impaired and disabled.“[24] Nach diesem Ansatz kann Taubheit als eine von vielen verschiedenen Variationen der menschlichen Art angesehen werden. Ihm zu Folge bilden Gehörlose eine soziale Einheit, eine Gemeinschaft, die auf ganz eigenen Adaptionen des „Mensch-Seins“ beruht – die wesentlichste davon: die Gebärdensprache.

2.3 Der Versuch einer Deaf inition

Im Spannungsfeld der oben genannten Ansätze soll nun der Versuch einer Definition oder zumindest einer möglichst trefflichen Beschreibung der Gemeinschaft der Gehörlosen, ihrer Werte, ihrer Kultur und deren Charakteristika unternommen werden. Doch kann es hierbei nur bei einem Versuch, einer generalisierenden Annäherung bleiben, da es sich natürlich auch bei der Gemeinschaft der Gehörlosen keineswegs um eine homogene Gruppe handelt, sondern auch hier – wie in jeder menschlichen Gemeinschaft – ein großer Facettenreichtum vorzufinden ist. Die Mittel zur Beschreibung sind vorerst vom medizinischen Standpunkt geprägt oder nehmen zumindest in ihm ihren Ursprung. In Gehörlosenkreisen entstanden allerdings in den letzten Jahrzehnten eigenständige Begrifflichkeiten zur Darstellung oder Versinnbildlichung des eigenen Lebensgefühls, welche gleichermaßen Eingang in die Fachliteratur fanden und von hier an als Stütze dienen sollen, um zu erfassen, was die Gemeinschaft und Kultur der Gehörlosen ausmacht.

2.3.1 Medizinische Begriffsbestimmungen

Vom medizinischen Standpunkt aus ist der Grad des Hörverlusts entscheidend für eine Einordnung entlang eines Spektrums, welches von einem leichten Hörschaden über eine wie auch immer geartete Schwerhörigkeit bis hin zur vollkommenen Taubheit, also der gänzlichen Abwesenheit der Fähigkeit zu hören, reicht. Zumeist tritt ein gewisses Maß des Hörverlusts, die Schwerhörigkeit, oder der komplette Verlust des Gehörs, das Ertauben, im Laufe eines Menschenlebens z.B. im Alter oder durch einen Unfall ein. Für diese Menschen war und ist die Laut- und Schriftsprache der sie umgebenden hörenden Mehrheit das primäre Kommunikationsmittel, die erste und fortan prägende Ausdrucksform, die sie in ihrem Leben erworben haben. In der Fachliteratur werden diese Menschen als Pendant zu hearing als deaf bezeichnet – eine Schreibweise, bei der die audiologischen Merkmale im Vordergrund stehen. Allerdings hat sich noch eine weitere Schreibweise dieses Terminus durchgesetzt: Deaf mit einem Großbuchstaben. Die Unterscheidung zwischen Deaf / deaf wurde erstmals 1972 von James C. Woodward vorgeschlagen und zieht sich seitdem durch die gesamte Forschungsliteratur. Bei der Schreibweise mit D liegt das Hauptaugenmerk auf soziokulturellen Aspekten, die die Taubheit mit sich bringt. Menschen, die prälingual taub sind, also bereits ertaubt waren, bevor oder während sie das Alter des Spracherwerbs erreicht hatten, haben die Lautsprache ihrer Umgebung nie erlernt und auch die Schriftsprache ihrer Umwelt erlernen sie erst zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt, wobei sie aber immer eine Fremdsprache bleiben wird. 90% aller tauben Kinder werden in hörenden Familien geboren, lediglich 10% haben ebenfalls taube Eltern oder zumindest ein taubes Elternteil.[25]

Für prälingual taube Kinder ist die Gebärdensprache die erste und natürliche Form der Kommunikation, doch wurde und wird ihnen eine natürliche Sprachentwicklung oftmals verwehrt, sodass das Akzeptieren des eigenen Daseins und das Erkennen der Qualität dessen oft Jahre auf sich warten lassen muss. Dieser Umstand lässt Gehörlose in die Nähe anderer – zwar nicht wegen ihrer sprachlichen Andersartigkeit, aber dennoch – unterdrückter Gruppen rücken, wie z.B. die der Homosexuellen: „Homosexuelle und Gehörlose haben […] gemeinsam, daß [sic] die meisten von ihnen ihre Minderheitenidentität nicht mit den Eltern teilen und sie daher nicht zuhause entfalten können.“[26] Lediglich die 10%, die in einem gehörlosen Elternhaus aufwachsen, haben von Anfang an die Chance, ihre natürliche Sprache zu erlernen und uneingeschränkten Zugang zu den Werten und Traditionen ihrer spezifischen Gehörlosen-kultur zu genießen:

[S]ign language users are those who were born Deaf or became so at an early age. For them, the issue of loss has no meaningful reality. By creating their own communities and utilising their beautiful languages, they have created a linguistic and cultural environment in which they take both comfort and pride.[27]

2.3.2 Leben in der DEAF-WORLD: Die deaf community und die Deaf culture

Im Folgenden sei nun zu klären, was diese Gemeinschaft der Gehörlosen im Allgemeinen, die deaf community, und die Kultur der Gehörlosen im Speziellen, die Deaf culture, ausmacht.

Die Gemeinschaft ist eine generelle soziale Kategorie, die sowohl demographische, linguistische, politische und soziale Implikationen beinhaltet: Carol Padden definiert sie in der Form, als dass in ihr Menschen an einem bestimmten Ort zusammenleben, gemeinsame Ziele haben, Verantwortung für die jeweils anderen Mitglieder der Gemeinschaft übernehmen und die Freiheit genießen, ihr soziales Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten.[28] Sie dient als Manifestation von geteilten Glaubens- und Wertesystemen, die die kollektive Identität formen und den Mitgliedern der Gemeinschaft gegenseitige Unterstützung und ein Gefühl von Aufgehoben-Sein garantiert. Die geographische Einengung auf einen bestimmten Ort mag heutzutage im Zeitalter moderner Kommunikationsmittel und erhöhter Mobilität nicht mehr in vollem Ausmaß auf die deaf community zutreffen, wobei in Ballungsräumen oder Großstädten dennoch größere Gehörlosengruppen zu finden sind als in ländlichen Gegenden. Insofern ist die etwas weiter gefasste Definition der deaf community von Carol Padden gemeinsam mit Charlotte Baker praktikabler:

The deaf community comprises those deaf and hard of hearing individuals who share a common language, common experiences and values, and a com-mon way of interacting with each other, and with hearing people. The most basic factor determining who is a member of the deaf community seems to be what is called ‚attitudinal deafness‘.[29]

Die Gehörlosigkeit, ein bestimmter Grad des Hörverlusts – in welchem Ausmaß ist irrelevant innerhalb der Gemeinschaft – dient als vereinende und gleichmachende Basis, denn „gehörlos zu sein, läßt [sic] alle Unterschiede hinsichtlich Alter, Schichtzugehörigkeit, Geschlecht und ethnischer Abstammung in den Hintergrund treten, die in der Gesellschaft der Hörenden mehr Bedeutung haben.“[30] Doch ist die Gehörlosigkeit kein Ausschlusskriterium. Entscheidend für die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft ist, was Padden und Baker als attitudinal deafness bezeichnen, denn eben auch „nur“ schwerhörige oder sogar hörende Menschen können Teil der deaf community sein, sofern sie sich der der Kultur der Gehörlosen, ihrer Lebensweise zugehörig fühlen oder entsprechend verhalten – dies gilt beispielsweise für ein sog. CODA, ein Child of Deaf Adults.

Die Deaf culture ist, im Gegensatz zur community, ein wesentlich geschlosseneres System. Sie spiegelt sich im Vorhandensein einer eigenen Geschichte, in eigenen künstlerischen Ausdrucksformen oder in spezifischen Verhaltensweisen, wie z.B. einer bestimmten Etikette oder gewissen Formen der Begrüßung und Verabschiedung wider. Doch ihre Basis, ihr Fundament ist die gemeinsame Sprache: die Gebärdensprache. Die Verhandlung, Vermittlung und Weitergabe von Wert- und Moralvorstellungen, von Traditionen, vom Bewusstsein für die eigene Identität durch die kulturspezifische Sprache ist, wie in jeder anderen Kultur auch, das Hauptcharakteristikum der Deaf culture. Erst durch die eigene Sprache wird Sinn geschaffen, wird „Welt“ konstituiert. Kulturelle Werte werden durch die eigene Literatur weitergegeben, wobei Literatur im weitesten Sinne zu verstehen ist – wie z.B. durch das Erzählen von Fabeln, Legenden oder Witzen, die ein Hörender niemals als witzig empfinden würde –, denn eine schriftlich fixierte Literatur existiert für die Gehörlosenkultur nicht, da Werte und persönliche Meinungen nur in der Interaktion mit anderen ausgetauscht, überprüft und verfestigt werden können.[31] Diese – aus hörender Sicht – lediglich imaginierte, da nicht in irgendeinem Speichermedium des kollektiven Gedächtnisses niedergeschriebene, soziale und kulturelle Identität, dieses kulturelle Milieu aus geteilten Erfahrungen des Individuums und des Kollektivs reicht über Staatsgrenzen hinaus, so dass sich in bestimmten Gehörlosenkreisen der Begriff DEAF-WORLD[32] etabliert hat. Diese Welt ist es wiederum, die z.B. auch Hörende in ihrer Mitte begrüßt – „such as family members who accept d/Deaf people on their own terms.“[33] Es handelt sich hier um ein gemeinschaftliches Weltbild, geteilt von gehörlosen, schwerhörigen und hörenden Menschen, die in ihrem positiven Verhältnis zur Gehörlosigkeit vereint sind.

Nichtsdestotrotz ist es unter Gehörlosen durchaus von Bedeutung zu differenzieren, wer dazugehört und wer nicht. Denn nur wer sich zur gemeinsamen Kultur bekennt, nach ihren Vorgaben und Richtlinien lebt und tatsächlich Teil der Gemeinschaft sein möchte, wird auch als zugehörig akzeptiert. So haben Gehörlose, die sich eher der Kultur der Hörenden angehörig fühlen oder fühlen möchten – z.B. Schwerhörige oder spät im Leben Ertaubte, die der Gebärdensprache nicht mächtig sind, aber auch viele Taube, die ihre Gehörlosigkeit als Nachteil in ihrem alltäglichen Leben empfinden[34] – einerseits wohl wenig Interesse daran, als Mitglied der Gemeinschaft wahrgenommen zu werden[35], andererseits aber auch kaum die Chance selbiges zu erfahren.[36] Die Kategorisierung der Mitgliedschaft, die v.a. im akademischen Umfeld für die Definition von deaf community und Deaf culture relevant ist, spielt im Hier und Jetzt aber oftmals eine weniger prominente Rolle.[37] Das wirklich definierende und differenzierende Merkmal ist und bleibt die Sprache. Die Gebärdensprache als natürlich auftretende Form der Kommunikation unter Menschen, die nicht hören können, ist im Gegensatz zu den auditiv wahrgenommenen Lautsprachen eine visuell-gestische Sprache, eine kinästhetische Ausdrucksform im Raum, „a ‚four-dimensional channel of expression‘ (three spatial dimensions plus the dimension of time).“[38] Ihrer Klarheit und Eindeutigkeit wird dabei ein sehr hohes Maß an Bedeutung zugemessen:

Deaf people believe firmly that hand gestures must convey some kind of visual meaning and have strongely resisted what appears to be ‚nonsense‘ use of hands – one such example is Cued Speech.[39]

Die gemeinsam geteilte Fähigkeit, diese visuelle Form der Kommunikation verstehen und produzieren zu können, diese „kinesthetic awareness“[40], in Verbindung mit dem Respekt vor den durch sie vermittelten Werten, dient als identifizierender und identitätsstiftender Faktor in der DEAF-WORLD.

2.4 Deaf versus disabled

Wie bereits angedeutet, ist bei Schwerhörigen oder Ertaubten das Gefühl eines Verlusts vorherrschend. „[T]hese people share English [oder die Lautsprache des jeweiligen Landes, RM] as a first language with disabled people, and thus there are few communication or cultural barriers“[41], weswegen sie sich häufig mit der Behindertenbewegung identifizieren können. Angesichts der bisherigen Ausführungen wird allerdings klar, das für culturally Deaf eine Einordnung in der Kategorie „behindert“, wie sie nur allzu oft vorschnell vorgenommen wird, keineswegs ihrer empfundenen Lebensrealität entsprechen kann. Deaf people lehnen eine solche Einordnung ab, da die Taubheit für sie keine körperliche Einschränkung darstellt. Aufgrund der Eigenständigkeit ihrer Sprache sind sie bestrebt, sich von anderen Menschen mit Behinderungen abzusetzen. Sie verstehen sich eher als eine sprachliche Minderheit, ähnlich den Hispano-Amerikanern oder den Ureinwohnern Amerikas.[42] Da „ein kultureller Rahmen vorhanden [ist], innerhalb dessen gehörlos nicht gleich behindert bedeutet“[43], definieren sie ihr Dasein von einem sozialen und politischen Standpunkt aus. Sie begreifen sich eher als eigenständige, selbstbestimmte und gleichwertige „subnationality“[44] im sie umgebenden audistischen[45] Staat.

Dieser geraume Zeit vorherrschende, kontrovers geführte Diskurs um eine mögliche Teilhabe an der Behindertenbewegung zeigte sich z.B. deutlich, als den World Games of the Deaf Ende der 1980er Jahre derselbe Status wie den Paralympischen Spiele zugesprochen wurde und das Comité International des Sports des Sourds (CISS) dem Internationalen Para-lympischen Komitee beitrat. Daraufhin entbrannte eine hitzige Debatte: Die gehörlosen Sportverbände weigerten sich, ihre separaten Spiele aufzugeben, um gemeinsam mit anderen Behindertengruppen an den Paralympischen Spielen teilzunehmen, was schließlich 1995 wieder zum Ausschluss des CISS vom Paralympischen Komitee und dem Verlust jeder Förderung führte. Erst 2001 fand eine Annäherung statt, indem die World Games of the Deaf in Deaf-lympics umbenannt wurden und in dieser Form nun vom Internationalen Olympischen Komitee anerkannt werden.[46]

Und doch, gerade heute – an einem Punkt, an dem darüber nachgedacht werden muss, wie mit dem menschlichen Körper, dem „Mensch-Sein“ und der Vielfalt dessen umgegangen wird – ist dem „Taub-Sein“ und dem „Behindert-Sein“ eine schicksalhafte Nähe beschieden: Im Zeitalter von Genetik und Pränataldiagnostik, in einer Epoche, in der das menschliche Erbgut durch das Humangenomprojekt seit 2003, wenn auch noch nicht gänzlich erforscht, so zumindest entschlüsselt ist, ist der Mensch in der Lage, einerseits durch die Veränderung der menschlichen Erbanlagen anhand bestimmter Kriterien und andererseits durch frühzeitige Eingriffe, die Menschheit von Krankheiten und Übel verschiedenster Art zu „erlösen“. Nicht nur Carol Padden sieht hier eine dunkle Zukunft heraufziehen:

It has been stated that the goal of understanding the human genome is to relieve human beings of debiliating and fatal genetic conditions. One condition deserving of a cure is deafness. As deafness is cured, the individual is returned to speech.[47]

3. Von der Unterdrückung einer Sprachgemeinschaft zum Ertönen der gar nicht so leisen Stimme der Gehörlosen

Die bisherigen Feststellungen über die Gemeinschaft der Gehörlosen haben bereits in gewissem Maße angedeutet, dass das Sprechen über gehörlose Menschen, die Rhetorik des Diskurses, welcher das Bild der Hörenden als auch das Selbstbild von tauben Menschen seit gut zwei Jahrhunderten beeinflusst, in vielfacher Hinsicht durch falsche Annahmen geprägt ist. Erst seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts vollzieht sich ein allmählicher Wandel in dieser Auseinandersetzung. Trotz dieses Wandels hat sich das Schlachtfeld, auf welchem der Kampf um das Sein der Gehörlosen vorrangig ausgetragen wird, kaum geändert: Die Erziehung steht nach wie vor im Mittelpunkt und bildet den Dreh- und Angelpunkt dieses fortwährenden Ringens um Anerkennung und Selbstbestimmung. Die Kontroverse um die richtige Erziehung von Gehörlosen bildet den Ausgangspunkt für das Verständnis der Deaf culture, welche letzten Endes ihre Ausprägung u.a. in den Künsten und im Theater findet. Mit ihr muss begonnen werden, um zu begreifen, welchen Stellenwert eine Shakespeare-Inszenierung in reiner Gebärdensprache im Kosmos der Gehörlosen einnimmt. Was ist es, das das Innerste der Gehörlosengemeinschaft seit so langer Zeit prägt? Welche historischen Stufen musste sie erst durchlaufen, bis sie ihren eigenen Wert wiederentdecken und zur Gänze begreifen konnte, um schließlich ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zu drängen und gestärkt ihrer eigenen Zukunft entgegenblicken zu können?

3.1 Falsche Annahmen und ihre fatale Wirkung

Über Jahrhunderte hinweg nahm man an, dass ein Hirnfehler oder eine andere physische Anomalie vorlag, die die Funktion der Ohren und Stimmbänder Gehörloser blockierte.[48] Infolge dessen wurden Gehörlose als schwachsinnig, unmündig[49] und schlicht minderwertig[50] angesehen. Ihnen wurde das Attribut „taubstumm“ verliehen. Eine Bezeichnung, die einfach nur falsch und unzutreffend ist, denn Gehörlose können sehr wohl Laute produzieren, also „sprechen“ – nur klingt das nicht so, wie ein Hörender es erwarten würde. Vor allem im Englischen wird besonders deutlich, welche Konnotation bei der Benennung als deaf-mute bzw. als deaf and dumb mitschwingt: mute und dumb beziehen sich eigentlich auf die körperliche Unfähigkeit Sprache zu erzeugen, wobei dumbness gleichzeitig die Idee von Dummheit, Blödheit in sich trägt. Diese Begrifflichkeiten spiegeln die Ressentiments einer hörenden, audistischen Welt wider. Harlan Lane hat in Die Maske der Barmherzigkeit eine eindrucksvolle Übersicht von Eigenschaftszuschreibungen aus über 20 Jahren (d.h. der 1970er und -80er Jahre) Forschung im Feld der „Gehörlosenpsychologie“ zusammengestellt (s. Anhang I). Trotz der vielfachen inhaltlichen Widersprüche sind alle vermeintlichen Charakterzüge vorrangig negativ besetzt. Die Wortwahl erinnert stark an die Beschreibung eingeborener, zu kolonialisierender Volksstämme in den neu entdeckten Gebieten unseres Erdballs aus vergangenen Jahrhunderten. Diese Zusammenschau macht deutlich, was hörende Fachleute auch noch im letzten Jahrhundert mit den Kolonialherren von damals gemein hatten: Sie entwickelten „‚ein System, in dem Machthaber versuchen, die Bedürfnisse der unter ihrer Kontrolle stehenden Menschen zu untergraben und ihr Verhalten zu regulieren‘ – es handelt sich um die Definition von Paternalismus.“[51] Es ging darum, ein Weltbild zu manifestieren, welches Gehörlosigkeit als einen zu behebenden Defekt indoktriniert – mit dem Ziel, die „Schützlinge zu zivilisieren.“[52]

Diese ersten Gedanken lassen erahnen, was nun weiter dargelegt werden muss: das Ausmaß, in dem ein Geflecht aus Herrschaftsanspruch und unbedingtem Willen zur Macht einhergeht mit medizinischer, erzieherischer und medialer Dominanz, welches die Gehörlosen und ihre Kultur in einen gut 200 Jahre lang andauernden Strudel aus Unterdrückung, Bevormundung und Kampf um Erhalt und Anerkennung stürzte. Wie konnte es soweit kommen?

3.2 Erste Erwähnungen

Der Umgang mit Gehörlosigkeit nahm erst im 18. Jahrhundert eine unheilvolle Wende als dem Thema überhaupt erstmals Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Bis dahin galt: „[T]here were no schools, no teachers, no discourse, in effect, no deafness.“[53] Aber dennoch existierten taube Menschen wohl seit es die Menschheit gibt: Die frühesten Erwähnungen finden sich bereits bei Aristoteles, in der römischen Gesetzgebung, im Alten wie im Neuen Testament oder im Talmud.[54] Doch nicht nur unter Gehörlosen, auch andernorts war ein elaboriertes Gestenrepertoire schon immer Bestandteil einer Form von visueller Kommunikation, wie sie z.B. von den Hawaiianern, Maoris, Aborigines, den amerikanischen Ureinwohnern oder in verschiedensten afrikanischen Stämmen praktiziert wurde.[55] Im Mittelalter fanden sich in den Städten meist lose Gruppen von Gehörlosen. Die meist nur rudimentären Gebärden, die in der bisherigen Isolation innerhalb hörender Familien entstanden, wurden allmählich ausgearbeitet und verfeinert. Erst im Zeitalter der Renaissance wurden vereinzelt Experimente unternommen, Gehörlose zu unterrichten.[56] So wurde z.B. im 16. Jahrhundert in Spanien ein einhändiges manuelles Alphabet entwickelt, um die tauben Kinder des Adels zu unterrichten.[57]

In Großbritannien finden sich die ersten Verweise auf Taubheit in den Königshäusern: Die Tochter Henry III. im 13. Jahrhundert und die Tochter von James I. von Schottland im 15. Jahrhun-dert waren allen Anzeichen nach gehörlos. 1648 erwähnt John Bulwer schließlich in Deafe and Dumbe Man's Friende die Existenz von über 25 tauben Menschen, vorrangig in London und im Südosten des Landes. Zudem lässt das Bestehen einer in BSL gebärdenden Gemeinschaft auf Martha's Vineyard[58], welche auf Siedler der 1630-40er Jahre zurückgeht, darauf schließen, dass es durchaus eine gewisse Population Gehörloser im England des 17. Jahrhunderts gegeben haben muss.[59]

3.3 Von der „Entdeckung“ der Gehörlosigkeit bis hin zum Bestreben, sie auszumerzen

Im 18. Jahrhundert änderte sich plötzlich die Einstellung der Mehrheitsgesellschaft gegenüber den gehörlosen Mitmenschen: „[D]eafness was for the eigthteenth century an area of cultural fascination and comepelling focus for philosophical reflection.“[60] Das erstaunliche Interesse dieser Zeit an dem Phänomen der Taubheit, welches viel größer war als das an Blindheit oder irgendeiner anderen Form körperlicher Einschränkung, lag darin begründet, dass Taubheit mit Sprache, dem was den Menschen gemeinhin vom Tier unterscheidet, aufs Engste verknüpft ist.[61] Dieses universale Interesse resultierte darin, dass die Gruppe der Gehörlosen zum einen zwar in gewisser Weise bewundert und bemitleidet[62], zum anderen aber auch an den Rand der Gesellschaft geschoben und marginalisiert wurde: „Deaf are, in a sense, racialized […]. They are seen as outside the citizenry created by the community of language users, and therefore ghettoized as outsiders.“[63] Aber erst durch die eigens gegründeten Schulen, die Unterbringung in Heimen und die Einrichtung von Missionen und anderen sozialen Einrichtungen entwickelte sich unter den Gehörlosen ein ethnisches Selbstbewusstsein, ein Gefühl von Gemeinschaft. Die Entstehung dieser Einrichtungen machte im 18. Jahrhundert eine sprunghafte Entwicklung durch: Anfang des Jahrhunderts gab es europaweit noch keine einzige Schule für Gehörlose, am Ende waren es nahezu 60.[64] Infolge dessen wuchs in Großbritannien auch die Zahl der Missionen, der deaf clubs und deaf societies, welche der Gemeinschaft Orte zur gemeinsamen Freizeitbeschäftigung boten: Bis 1890 entstanden landesweit mindestens 63 dieser Freizeitstätten.[65]

Die Gehörlosen wurden durch die Gesellschaft zu einer Gemeinschaft konstruiert, institutionalisiert und reguliert, wobei die Ansichten und Überzeugungen der Mehrheit im Bezug auf das Wesen von Gehörlosen Einfluss auf deren Selbstwahrnehmung nahm.[66] Aufgrund des Vorhandenseins von eigenen Bildungseinrichtungen, Vereinigungen und Leitmedien wie z.B. Zeitungen, ist hier von einem „ideological state apparatus“[67] zu sprechen. Dieser „Staat-im-Staat“-Gedanke war es, der schließlich vielfach Besorgnis erregte. Wortführer wie z.B. Alexander Graham Bell forderten, dass die zusehends voranschreitende Entwicklung einer eigenen, isolierten „ethnischen“ Minderheit und die damit aufkeimenden Tendenzen zur Entfremdung vom Rest der Gesellschaft zu unterbinden seien: „They insisted that ‚the English language must be made the vernacular of the deaf if they are not to become a class unto themselves – foreigners among their own countrymen‘.“[68] Dieser Argumentation folgend, sollte den Gehörlosen alles Trennende, wie die eigenen Bildungsstätten oder die Unterrichtung in Gebärdensprache, genommen werden, um sie zwingend dem größeren Ganzen der sie umgebenden Nation zuzuführen: „These steps are reminiscent of the measures frequently implemented by colonial powers seeking to dismantel the culture of a non-national or indigenous people.“[69] Für manche sollte aus dieser entbrennenden Debatte um die Erziehung Gehörloser ein profitables Geschäft entstehen. Vor allem aber mündete diese Streitfrage, welche ihren Ursprung im 18. Jahrhundert hatte und in ihren Auswüchsen um die Frage nach der sprachlichen Vorherrschaft Ende des 19. Jahrhunderts zur vollen Blüte reifte, in einem „real battle […] for nothing less than the identity of deaf human beings. It is called the oral/ manual controversy.“[70]

3.4 Schulen und deaf clubs im Zeichen des Oralismus

Thomas Braidwood eröffnete 1760 in Edinburgh die erste Schule für Gehörlose in Großbritannien, woraufhin landesweit weitere Einrichtungen seiner Familie folgten. Im Laufe der Zeit verschrieben sich die Schulen der Braidwoods gänzlich dem sog. Oralismus und unterrichteten nach dem auf ihn basierenden German System. Diese Methode wurde von dem deutschen Gehörlosenpädagogen Samuel Heinicke in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Leipzig entwickelt und stellt eine vollständig orale/aurale Erziehungspraxis unter jedwedem Ausschluss von Gebärdensprache dar – eine Vorgehen, welches sich schnell in Großbritannien und weiten Teilen Europas verbreitete.[71] Doch bei dieser Erziehungstechnik ging es um weitaus mehr: „Oralism became not only a teaching method but a philosophy of life, a model for deaf behavior […].“[72] Im Kern geht es bei der Kontroverse zwischen einer manuellen, sprich Gebärden beinhaltenden, Erziehung und einer oralen nicht darum, die effektivste Lehrmethode zu finden, sondern die Hegemonie der gesprochenen Sprache zu festigen und zu betonen, dass allein die Fähigkeit, gesprochene Sprache produzieren zu können, das höchste und erstrebenswerteste Ziel sei.

Lediglich die zeitgleich entstehenden deaf clubs dienten angesichts dieser Entwicklung für viele als Rückzugspunkt:

The function of the social club is to allow members to interact in a relaxed setting where there is no pressure for spoken language use and comprehension and where sign language provides the common communication medium.[73]

Dennoch war auch hier der Einfluss der hörenden Umwelt stark: In Großbritannien war es zunächst die Anglikanische Kirche, die – nach außen hin – nach den Motiven „Evangelism, Mutual Aid and Philanthropy“[74] handelnd, besonders in den anfangs gegründeten Missionen die Oberhand behielt – vor allem auch, weil sie inoffiziell den Gehörlosen eine mangelnde Fähigkeit zur Selbstorganisation vorwarf.[75] Zwar erweiterten die Missionare das Netz sozialer Einrichtungen für Gehörlose immens, doch schufen sie dadurch auch undurchdringbare Verflechtungen von Abhängigkeiten: „Deaf people became dependent on their services for assistance with doctors, hospitals, mental institutions, […] and other legal arrangements and form filling (i.e. literacy issues).“[76] Auch wenn sie auf übergeordneter Ebene immer in hörenden Händen lagen, so waren die deaf clubs und Missionen nahezu die einzigen Orte, an denen Gehörlose zumindest ihre Freizeit weitestgehend nach eigenen Vorstellungen gestalten konnten: „Without the deaf clubs, the deaf community would have had no geographical focus and […] nowhere to come together to socialise and enjoy a range of leisure and sporting activities.“[77] Doch auch vor ihnen machte der um sich greifende Oralismus nicht Halt, da die Bildungseinrichtungen hörende Eltern dazu veranlassten, ihren tauben Kindern die Teilnahme an den Aktivitäten der clubs zu untersagen, da die Kinder und Jugendlichen sich ansonsten mit der „falschen“ gesellschaftlichen Gruppe sozialisierten.[78]

3.5 Die Katastrophe von Mailand

Im Jahr 1880 holten die Anhänger des Oralismus schließlich zum folgenreichsten Schlag gegen die Gemeinschaft der Gehörlosen aus und fügten ihr „the greatest injustice ever to be perpetrated against deaf people“[79] zu. Vom 06. bis 11. September 1880 tagte der Zweite internationale Taubstummen-Lehrer-Kongress in Mailand und beschloss die vollständige Verbannung der Gebärdensprache aus der Erziehung von Gehörlosen oder jeder Methode, die nur ansatzweise auf sie zurückgriff. Die rein orale Methode, das German System, wurde als die einzig zu praktizierende Erziehungstechnik bestimmt. Zudem wurde die Gebärdensprache als der Ursprung allen Übels im Zusammenhang mit Gehörlosen verdammt:

[I]t was blamed for their lack of speech, for their poor grasp of […] language, for the high rate of intermarriage amongst deaf people. If anything was wrong with deaf people, sign language was the cause of it.[80]

An dem Kongress nahmen nur hörende Lehrer teil, kein einziger tauber war überhaupt geladen worden.

Im Anschluss an den Kongress wurden europaweit nahezu alle tauben Gehörlosenlehrer entlassen[81], bestehende Schulen wurden auf die orale Methode umgestellt, neue entsprechend der nun geltenden Richtlinien gegründet. Den Kindern blieb von da an höchstens noch ein Gebärden im Geheimen, da der Gebrauch von Gebärdensprache mit teilweise drakonischen, physischen Strafen geahndet wurde.[82] Darüber hinaus wurde auch immenser psychischer Druck auf sie ausgeübt, indem man ihnen vermittelte, dass Gebärden schlecht und minderwertig sei und sie niemals zu „normalen“ Erwachsenen heranwachsen würden, wenn sie nicht sprechen oder mindestens Lippen lesen konnten.[83] Einzig das 1864 in Washington D.C. gegründete National Deaf-Mute College verweigerte sich der Durchsetzung der oralen Methode und verwendete weiterhin eine kombinierte Unterrichtsmethode: „[S]igns would be used for instruction, and speech training offered according to its needs and efficacy.“[84] Diese Unterrichtsmethode geht auf eine im 18. Jahrhundert in Paris durch Abbé Charles-Michel de l'Épée begründete, manuelle Technik zurück – Thomas Hopkins Gallaudet und Laurent Clerc, die Gründer der Schule, die einmal das berühmte Gallaudet College werden sollte, adaptierten sie für die englische Sprache. Aufgrund dieser ablehnenden Haltung gegenüber einer rein oralen Methode wurde das spätere Gallaudet College zur wichtigsten und prestigeträchtigsten höheren Bildungseinrichtung für Gehörlose weltweit. Ein Ruf, der der heutigen Universität weiterhin anhaftet und ihr auch noch heute eine unangefochten zentrale Rolle in der Welt der Gehörlosen zukommen lässt.

3.6 Die Auswirkungen von Mailand

Der Kongress von Mailand hatte international für nahezu ein Jahrhundert gravierenden Einfluss auf das Leben der deaf community: Neben dem Verlust von hunderten Lehrstellen für taube Pädagogen, stellt Mailand vor allem einen der größten Rückschläge in der Entwicklung von Generationen von tauben Kindern dar. Da von nun an jede Form der Ausbildung unweigerlich zum Scheitern verurteilt war, verschlossen sich auch zunehmend die Türen des Arbeitsmarktes für Gehörlose. Trotz eines aufkeimenden, im Kern aber heuchlerischen Wohlfahrtsgedanken, der immer mehr Institute, Einrichtungen und Zentren zum Ziel der Fürsorge hervorbrachte – wie z.B. das im Jahr 1911 gegründete National Institute for the Deaf (das Präfix „Royal“ wurde ihm erst 1961 verliehen), welches dennoch fest im Griff des „medical-oralist establishment“[85] blieb –, erreichten die verheerenden Folgen der Ausbildungsmisere schon nach nur 50 Jahren ein ungeahntes Ausmaß. In den 1930er Jahren herrschte die Meinung vor, dass Gehörlose „incapable of managing their own affairs“[86] seien, sie galten als unterbelichtet und schwachsinnig. Indes entglitten sie aber auch zunehmend dem Bewusstsein der Öffentlichkeit, da sie keinerlei prominente Positionen mehr einnehmen konnten:

Für die Machtposition einer Mehrheit ist ein solches Ergebnis oft durchaus akzeptabel, wenn nicht sogar erwünscht. Solange Erziehung ineffektiv bleibt, da sie in einer für die Schüler fremden Sprache durchgeführt wird […], verharrt die Minderheit im Status der Unterschichtzugehörigkeit.[87]

Erst in den 1940er Jahren wurden in Großbritannien erste Vorkehrungen getroffen, um die hohe Arbeitslosigkeit vergangener Jahrzehnte unter Gehörlosen und anderen Gruppen Behinderter zu reduzieren und den Standard der Erziehung allmählich anzuheben: Der Disabled Persons (Employment) Act und der Education Act von 1944, welcher das Schulabgangsalter erhöhte, waren hier maßgeblich.[88] Dennoch schritt der Niedergang der Bildung Gehörloser weiter fort: Der Grad der Alphabetisierung eines tauben Schulabgängers lag in den 1960er Jahren bei 8 ¾ Jahren – „enough to comprehend a tabloid headline, but little more.“[89] Ihre Sprechfähigkeit –„the very raison d'être of Oralism“[90] – verharrte auf einem noch niedrigeren Niveau: Außer vielleicht für ihre Lehrer und Eltern waren es nur unverständliche Laute, die die Kinder und Jugendlichen her-vorbringen konnten. Auch ihre Fähigkeit Lippen zu lesen war nicht stärker ausgeprägt als die Hörender.[91] Es ist kaum in Worte zu fassen, was für eine niederschmetternde Enttäuschung es sein muss, jahrelang versucht zu haben, gesprochene Sprache zu erlernen, aus der Schule entlassen zu werden und schließlich fest-stellen zu müssen, dass alle Bemühungen vergebens waren, da der Rest der Welt einen nicht einmal im Ansatz versteht. Wie gesagt, 90% aller tauben Kinder wachsen in hörenden Familien auf – diese jungen Erwachsenen haben sich bis zu diesem Punkt weder in der Schule noch im Privaten eine funktionierende, kohärente Form der Kommunikation aneignen können. Sie verfügten lediglich über rudimentäre Mittel, sich mit den anderen Menschen in ihrem Leben auszutauschen. Die Auswirkungen dieser Erfahrung der kommunikativen Not auf die Psyche und das Selbstwertgefühl jener jungen Menschen sind nur schwer vorstellbar.

Durch das Bestreben von Lehrer- und Elternseite, die tauben Kinder so wenig wie nur irgend möglich mit Gebärdensprache und anderen Gehörlosen in Kontakt kommen zu lassen, wurden diese Kinder auf lange Zeit von ihrem Erbe, ihrer Welt abgeschnitten: „When deaf children are denied connections with Deaf people, or are prevented from learning a signed language, they loose access to a history of solutions created for them by other people like themselves.“[92] Oft kamen sie erst im Erwachsenenalter, wenn sie es zum ersten Mal wagten, einen deaf club aufzusuchen oder einer entsprechenden Organisation beizutreten, in Berührung mit Gebärdensprache und erlebten dabei wohl ein Gefühl, das einer Wiedergeburt gleichkommt: „This discovery of a new identity as a deaf person was a life changing effect for many who had previously felt isolated or psychologically incomplete.“[93]

Das „audist establishment“[94] hat es innerhalb von nur knapp 100 Jahren geschafft, die Kultur der Gehörlosen nahezu auszuradieren. Lediglich private Berichte und Erzählungen aus diesen dunkelsten Jahren der Gehörlosengemeinschaft haben bis heute überlebt: „The realities of life within Deaf schools, the experiences of Deaf club members encountering mentally damaged young Deaf school-leavers […] the placement of Deaf rebels in mental hospitals by some missioners.“[95] Jene Relikte kollektiver Unterdrückung sind es, die noch heute das Selbstverständnis der deaf community prägen. Erst in den folgenden Jahrzehnten sollte unter Gehörlosen ein Bewusstsein dafür erwachsen, was ihnen eigentlich in ihrer jüngsten Vergangenheit von hörender Seite widerfahren ist – manche nennen es den „Deaf Holocaust“.[96]

3.7 Der Wendepunkt: Die Erforschung der Gebärdensprache

Der Gebärdensprache wurde seit jeher vorgeworfen, ihr läge keine Grammatik zugrunde, sie umfasse nur ein limitiertes Vokabular und die Gebärden seien in ihrem Wesen durchweg transparent, ikonisch und konkret – das Vermögen zur Abstraktion wurde ihr abgesprochen.[97] Zudem nehmen Hörende oftmals an, es handle sich um eine universale, weltweit einheitliche Kommunikationsform, die eventuell sogar erst von Hörenden erfunden wurde, um den sog. Taubstummen eine Möglichkeit zur Artikulation und zum Erlernen der Lautsprache zu schenken.[98] Bei genauerer Betrachtung findet man bei Hörenden auch heute noch eine tief liegende Ablehnung von starker mimischer oder gestischer Expression: „Zieh' keine Grimassen! Zeig' nicht mit dem Finger auf Leute! Fuchtel' nicht so mit den Händen!“ sind Sätze, die sicher jedes hörende Kind kennt.

Den Anstoß für alle weiteren, zukünftigen Untersuchungen der Gebärdensprache lieferte die Veröffentlichung von William C. Stokoes[99] Sign Language Structure: An Outline of the Visual Communication System of the American Deaf im Jahr 1960 und von William Stokoes, Carl Cronenbergs und Dorothy Casterlines Dictionary of American Sign Language on Linguistic Principles fünf Jahre später.

[...]


[1] Vgl. Brincken, Jörg von / Englhart, Andreas: Einführung in die moderne Theaterwissenschaft. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG), 2008, S. 23ff.

[2] Davidson, Michael: „Concerto for the Left Hand: Disability (in the) Arts.“ In: Gikandi, Simon [Hg.]: Publications of the Modern Language Association of America. New York: Modern Language Association, 2005 (Bd. 120, Nr. 2). Entn. JSTOR. <http://www.jstor.org/stable/ 25486195>, letzter Zugriff: 07.11.2012, S. 615.

[3] Vgl. Davis, Lennard J.: Enforcing Normalcy. Disability, Deafness, and the Body. London / New York: Verso, 1995, S. 3.

[4] Lane, Harlan: Die Maske der Barmherzigkeit. Unterdrückung von Sprache und Kultur der Gehör-losengemeinschaft. [ The Mask of Benevolence. Disabling the Deaf Community. ] Übers. Harry Günther / Katharina Kutzmann, Hamburg: Signum, 1994 [1992] (Internationale Arbeiten zur Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser, Bd. 26), S. 38.

[5] Lane 1994, S. 39.

[6] Vgl. Davis 1995, S. 23ff.

[7] Ebd., S. 2.

[8] Davis 1995, S. 9.

[9] Kuppers, Petra: Disability and Contemporary Performance. Bodies on Edge. London [u.a.]: Routledge, ²2005 [2003], S. 51ff.

[10] Lane 1994, S. 39.

[11] Vgl. World Health Organization (WHO): „World report on disability.“ entn. World Health Organization (WHO). <http://whqlibdoc.who.int/publications/2011/ 9789240685215_eng.pdf>, 2011, letzter Zugriff: 06.12.2012, S. xi.

[12] Davis 1995, S. xv.

[13] Vgl. Lane 1994, S. 42.

[14] Sandahl, Carrie / Auslander, Philip: „Introduction. Disability Studies in Commotion with Performance Studies.“ In: Sandahl, Carrie / Auslander, Philip: Bodies in Commotion. Disability and Performance. Ann Arbor: University of Michigan Press, 42008 [2005], S. 2.

[15] Vgl. Ladd, Paddy: Understanding Deaf Culture. In Search for Deafhood. Clevedon: Multilingual Matters, 2003, S. 15 und S. 163.

[16] Senghas, Richard J. / Monaghan, Leila: „Signs of Their Times: Deaf Communities and the Culture of Language.“ In: Durham, William H. [Hg.]: Annual Review of Anthropology. Palo Alto: Annual Reviews, 2002 (Bd. 31). Entn. JSTOR. <http://www.jstor.org/stable/4132872>, letzter Zugriff: 07.11.2012, S. 78.

[17] Sulewski, Jeniffer Sullivan / Boeltzig, Heike / Hasnain, Rooshey: „Art and Disability: Intersecting Identities among Young Artists with Disabilities.“ entn. Disability Studies Quarterly. <http://dsq-sds.org/article/view/3034/3065>, 2012, letzter Zugriff: 19.11.2012, 1. Abs.

[18] Sandahl [u.a.] 2008, S. 8.

[19] Vgl. ebd.

[20] Waldschmidt, Anne: „Disability Studies: Individuelles, soziales und/oder kulturelles Modell von Behinderung?“ entn. bidok.- behinderung inklusion dokumentation. <http://bidok.uibk.ac.at/library/waldschmidt-modell.html>, 2005, letzter Zugriff: 05.12.2012, 5. Kap.

[21] Ebd., 6. Kap.

[22] Ebd., 5. Kap.

[23] Ebd.

[24] Sulweski [u.a.] 2012, 4. Abs.

[25] Die 90 scheint die „magische Zahl“ der Gehörlosenstatistik zu sein, denn 90% aller Gehörlosen heiraten vorzugsweise unter einander und 90% der gehörlosen Paare haben ebenfalls gehörlose Kinder. Vgl. Kyle, Jim G. / Woll, Bencie: Sign language. The study of deaf people and their language. Cambridge [u.a.]: Cambridge University Press, 1985, S. 19 und Ladd 2003, S. 168.

[26] Ebd.

[27] Ladd 2003, S. 14.

[28] Padden, Carol: „The Deaf Community and the Culture of Deaf People.“ In: Wilcox, Sherman [Hg.]: American Deaf Culture. An Anthology. Silver Spring: Linstok Press, 1989, S. 2ff.

[29] Kyle [u.a.] 1985, S. 6.

[30] Lane 1994, S. 37.

[31] Vgl. Padden 1989, S.10f.

[32] Hierbei handelt es sich um eine Glosse, da der eigentliche Begriff lediglich in Gebärdensprache existiert. Wenn versucht wird, die essentiellen Bedeutungsinhalte einer Gebärde in einer Schriftsprache niederzuschreiben, ist es zur Konvention geworden, die einzelnen Hauptbestandteile der Bedeutung in Großbuchstaben, durch Bindestriche verbunden, festzuhalten. Da Gebärdensprache nur im Moment des eigentlichen Kommunizierens auftritt, gibt es bisher keine einheitliche Form der Notation bzw. Transkription. Verschiedenste Mittel wurden bisher genutzt, um Gebärden abzubilden oder aufzuzeichnen: Von anfänglichen Rückgriffen auf Rudolf Labans Labanation, über Illustrationen und Glossen bis hin zu Videoaufnahmen finden verschiedenste Methoden ihre Anwendung. Vgl. Senghas [u.a.] 2002, S. 86ff.

[33] Ebd., S. 80.

[34] Vgl. Atherton, Martin: Deafness, community and culture in Britain. Leisure and cohesion 1945-1995. Manchester [u.a.]: Manchester University Press, 2012 (Disability history), S. 13.

[35] Vgl. Kyle [u.a.] 1985, S. 7.

[36] In Amerikanischer Gebärdensprache werden diese Menschen von den Deaf people z.B. als HEARING-THINKING oder HEARING-IN-THE-HEAD bezeichnet. Vgl. Senghas [u.a.], S. 72.

[37] Vgl. Atherton 2012, S. 26.

[38] Brueggemann, Brenda Jo: „The Coming out of Deaf Culture and American Sign Language: An Exploration into Visual Rhetoric and Literacy.“ In: Jarnagin Enos, Theresa [Hg.]: Rhetoric Review. New York: Taylor & Francis, 1995 (Bd. 13., Nr. 2). Entn. JSTOR. <http://www.jstor.org/stable/465841>, letzter Zugriff: 07.11.2012, S. 414.

[39] Padden 1989, S. 9. Bei Cued Speech handelt es sich um Ergänzte Lautsprache (ELS): Bestimmte Hand-formen werden benutzt, um das Lippenlesen zu erleichtern.

[40] Thoutenhoofd, Ernst Daniël: „Philosophy's Real-World Consequences for Deaf People: Thoughts on Iconicity, Sign Language and Being Deaf. In: Endress, Martin: Human Studies. A Journal for Philosophy and the Social Sciences. Heidelberg: Springer, 2000 (Bd. 23, Nr. 3). Entn. JSTOR. <http://www.jstor.org/stable/20011279>, letzter Zugriff: 07.11.2012, S. 273.

[41] Ladd 2003, S. 168.

[42] Lane 1994, S. 40.

[43] Ebd., S. 41.

[44] Davis 1995, S. xiv.

[45] Audistisch wird hier, wie von Davis vorgeschlagen, im Sinne von rassistisch oder sexistisch im Bezug auf die Voreingenommenheit gegenüber auditiver Kommunikationsformen verwendet. Vgl. ebd., S. 172.

[46] Vgl. Atherton 2012, S. 18.

[47] Padden, Carol: „Talking Culture: Deaf People and Disability Studies.“ In: Gikandi, Simon [Hg.]: Publications of the Modern Language Association of America. New York: Modern Language As-sociation, 2005 (Bd. 120, Nr. 2). Entn. JSTOR.

<http://www.jstor.org/stable/25486175>, letzter Zugriff: 07.11.2012, S. 513.

[48] Vgl. Neisser, Arden: The other side of silence. Sign Language and the Deaf Community in America. New York: Alfred A. Knopf, 1983, S. 22.

[49] Vgl. Nardi, Marco: „To Boldly Go...Abroad!?“ In: Kellet Bidoli, Cynthia J. / Ochse, Elena [Hgg.]: English in International Deaf Communication. Bern: Peter Lang, 2008 (Linguistic Insights. Studies in Language and Communication, Bd. 72), S. 281.

[50] Vgl. Kyle [u.a.] 1985, S. 5.

[51] Lane 1994, S. 60.

[52] Ebd.

[53] Davis 1995, S. 52.

[54] Vgl. ebd. und Nardi 2008, S. 281.

[55] Vgl. Nardi 2008, S. 280.

[56] Vgl. Nardi 2008, S. 282.

[57] Vgl. Neisser 1983, S. 17.

[58] Nora Ellen Groce beschreibt 1985 in Everyone Here Spoke Sign Language: Hereditary Deafness on Martha's Vineyard wie die Population der Gehörlosen Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhun-derts einen so großen Teil der Inselbevölkerung ausmachte, dass auch Hörende der Gebärdensprache mächtig waren und diese ganz natürlich nutzten. Eine Unterscheidung zwischen hörend / taub existierte praktisch nicht, die Gehörlosigkeit war „unsichtbar“ geworden. Vgl. Davis 1995, S. 175.

[59] Vgl. Jackson, Peter W.: Britain's Deaf Heritage. Edinburgh: The Pentland Press, 1990, S. 2f. und S. 160.

[60] Davis 1995, S. 55.

[61] Davis 1995, S. 53.

[62] Vgl. ebd., S. 63.

[63] Ebd., S. 78.

[64] Vgl. ebd., S. 82.

[65] Vgl. Atherton 2012, S. 41.

[66] Vgl. Davis 1995, S. 81.

[67] Ebd.

[68] Davis 1995, S. 83.

[69] Davis 1995, S. 81.

[70] Neisser 1983, S. 22.

[71] Deuchar, Margaret: British Sign Language. London [u.a.]: Routledge & Kegan Paul, 1984 (Language, Education and Society), S. 31f.

[72] Neisser 1983, S. 22.

[73] Kyle [u.a.] 1985, S. 11.

[74] Deuchar 1984, S. 34.

[75] Vgl. Ladd 2003, S. 139.

[76] Ebd.

[77] Atherton 2012, S. 34.

[78] Vgl. Kyle [u.a.] 1985, S. 11.

[79] Jackson 1990, S. 112.

[80] Ebd., S. 347.

[81] Zuvor waren ca. 40% des Lehrpersonals in Großbritannien gehörlos. Vgl. Ladd 2003, S. 28.

[82] Vgl. Nardi 2008, S. 284.

[83] Vgl. Jackson 1990, S. 347.

[84] Neisser 1983, S. 39.

[85] Ladd 2003, S. 140.

[86] Jackson 1990, S. 240.

[87] Lane 1994, S. 141.

[88] Vgl. Jackson 1990, S. 268f.

[89] Ladd 2003, S. 28.

[90] Ebd.

[91] Ebd.

[92] Padden, Carol / Humphries, Tom: Deaf in America. Voices from a Culture. Cambridge / London: Harvard University Press, 1988, S. 120.

[93] Atherton 2012, S. 50.

[94] Ladd 2003, S. 142.

[95] Ladd 2003, S. 143.

[96] Ebd., S 28.

[97] Ladd 2003, S. 13.

[98] Vgl. Deuchar 1984, S. 7.

[99] William C. Stokoe war von 1955 bis 1970 Professor am Gallaudet College.

Ende der Leseprobe aus 147 Seiten

Details

Titel
Möglichkeiten und Grenzen des Gehörlosentheaters. Eine Untersuchung anhand von Deafinitely-Theatres-Inszenierung von William Shakespeares "Love's Labour's Lost"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Theaterwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
147
Katalognummer
V371595
ISBN (eBook)
9783668520066
ISBN (Buch)
9783668520073
Dateigröße
2430 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Insgesamt gesehen eine durchgehend verblüffende, in der Argumentation und Analyse überzeugende Arbeit. Der Gutachter gesteht, dass (...) er viel gelernt hat und hofft, dass diese Arbeit zu einer breiteren Veröffentlichung führen wird. Ohne Zweifel eine Leistung, die das Prädikat sehr gut (1,0) verdient." / "Eine konzeptionell, sprachlich und inhaltlich hervorragende Arbeit, sehr gut recherchiert (...), voll engagiert!"
Schlagworte
Gehörlosentheater, William Shakespeare, Theater, Gebärdensprache, Sprache, Kultur, Taub, Bühne, London, Globe Theatre, Love's Labour's Lost, Übersetzung, Gebärden, Schauspiel, Text, Zeichen, Linguistik, Semiotik, Performance, Performativität, Gestik, Mimik, Gehörlosigkeit, Taubheit, Behinderung, Normalität, Deaf
Arbeit zitieren
Robert Müller (Autor), 2013, Möglichkeiten und Grenzen des Gehörlosentheaters. Eine Untersuchung anhand von Deafinitely-Theatres-Inszenierung von William Shakespeares "Love's Labour's Lost", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371595

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