Verschiedene Studien der letzten Jahre, wie etwa die PISA-Studien, waren eigentlich ein Glück für das deutsche Bildungssystem und ebenso für das österreichische, da ihre Ergebnisse die Diskussion über Bildungsungleichheiten auf wissenschaftlicher und politischer Ebene wiederbelebt haben. Betrachtet man die österreichische Schulpolitik der letzten Jahrzehnte, so kommen Zweifel auf, ob die Ergebnisse dieser Studien und die daraus entwickelten Maßnahmen gegen Bildungsungleichheit im österreichischen Schulsystem von der Politik auch umgesetzt werden können und vor allem wollen.
Die Diskussion über das österreichische Schul- und Bildungssystem ist extrem ideologisch und parteipolitisch geprägt. Bildung ist ein Spielball der politischen Parteien, für politischen Hickhack missbraucht, von parteipolitischen Überlegungen bestimmt und nicht von wissenschaftlichen Überlegungen geleitet. Bildungspolitische Entscheidungen für zukünftige Generationen werden von Menschen gefällt, die ihre politische Position nicht aufgrund ihrer fachlichen Qualifikation, sondern wegen ihres politischen Standvermögens und ihrer politischen Verbindungen und Vernetzungen innehaben.
Die in dieser Arbeit aufgezählten Bildungsungleichheiten sind seit vielen Jahren bekannt, ebenso wie Maßnahmen dagegen. Allerdings ist in den letzten Jahrzehnten nichts passiert und wenn, dann waren es nur Alibihandlungen, nicht aber weitreichende und tiefgreifende Änderungen. Die Neue Mittelschule ist das beste Beispiel für diesen Schwindel. Solange das bildungspolitische Denken der Menschen, die für Entscheidungen in der Schulpolitik verantwortlich sind, nicht über den fünfjährigen Zeitraum einer Legislaturperiode hinausgeht, wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Es darf bezweifelt werden, ob die verantwortlichen Politiker die Tragweite ihrer Entscheidungen für die Zukunft junger Menschen überhaupt verstehen. Damit entscheidende Schritte in der Bildungspolitik gesetzt werden, müssten endlich Experten, die es in Österreich gibt und die sich gelegentlich, auch über Parteigrenzen hinweg, zu Wort melden, das Sagen haben. Wenn das der Fall ist, werden Bildungsungleichheiten im österreichischen Schulsystem abgebaut und das österreichische Schulsystem wird von Grund auf erneuert werden. Damit würden alle Schüler eine faire Bildungschance erhalten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Begriffsdefinition Bildungsungleichheit
3 Das österreichische Schulsystem
3.1 Primarstufe
3.2 Sekundarstufe I
3.3 Sekundarstufe II
3.4 Postsekundar- und Tertiärstufe
3.5 Schnittstellenproblematik des österreichischen Schulsystems
4 Theoretische Begründung nach Bourdieu und Boudon
4.1 Bourdieus Ansätze zur Erklärung von Bildungsungleichheit
4.2 Primäre und sekundäre Herkunftseffekte nach Boudon
5 Stand der Forschung
6 Bildungsungleichheit im österreichischen Schulsystem
6.1 Bildungsungleichheit nach der sozialen Herkunft
6.2 Bildungsungleichheit und Migrationshintergrund
6.3 Bildungsungleichheit zwischen den Geschlechtern
6.4 Bildungsungleichheit und Wohnort
7 Lösungsstrategien zur Beseitigung von Bildungsungleichheit
8 Fazit
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die verschiedenen Dimensionen der Bildungsungleichheit im österreichischen Schulsystem und analysiert, inwieweit soziale Faktoren wie Herkunft, Migrationshintergrund, Geschlecht und Wohnort die Bildungschancen von Kindern beeinflussen sowie welche Lösungsstrategien hierfür existieren.
- Analyse sozialer Selektionsmechanismen im österreichischen Schulwesen
- Theoretische Fundierung durch Bourdieu (Kapitalformen/Habitus) und Boudon (Herkunftseffekte)
- Empirische Untersuchung der Bildungsungleichheit anhand aktueller Studien
- Evaluierung von Maßnahmen zur Förderung der Bildungsgerechtigkeit
Auszug aus dem Buch
4.1 Bourdieus Ansätze zur Erklärung von Bildungsungleichheit
„Die gesellschaftliche Welt ist akkumulierte Geschichte. Sie darf deshalb nicht auf eine Aneinanderreihung von kurzlebigen und mechanischen Gleichgewichtszuständen reduziert werden, in denen die Menschen die Rolle von austauschbaren Teilchen spielen“ (Bourdieu, 1983, zitiert nach Kreckel, 2012, S. 183). Kapital im klassischen Sinn von Geld, Landbesitz oder Güter, beschreibt die Ursachen für die Produktivität und den Einfluss eines Marktteilnehmers nur unzureichend (Leiner, Dominik; Hohlfeld, Ralf & Quiring, Oliver, 2010, S. 3). Kapital tritt nach Bourdieu in vier Arten auf (Erler, 2007, S. 42):
Ökonomisches Kapital, das sich besonders in Form des Eigentumsrechts zur Institutionalisierung eignet (Bourdieu, 1983, S. 184 f.), ist in unseren Gesellschaften dominant und wird in Form von Eigentum angesammelt (Erler, 2007, S. 42). Kulturelles Kapital, als die Summe von theoretischem und praktischem Wissen, das sich besonders zur Institutionalisierung in Form von Bildung und Fähigkeiten eignet (Bourdieu, 1983, S. 184 f.). Zur Schau gestellt wird es über schulische Abschlüsse, Zertifikate und Titel. Es drückt sich auch in objektivem Zustand in Form von Gütern, Büchern Lexika, Instrumenten oder Maschinen aus (Erler, 2007, S. 42). Soziales Kapitel beschreibt die Summe der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von Beziehungen verbunden sind (Bourdieu, 1983, S. 184 f.). Es sind die hilfreichen sozialen Netzwerke, die einer Person zur Verfügung stehen. Als vierte Kapitalform nennt Bourdieu symbolisches Kapital, das man umgangssprachlich als Prestige oder Renommee bezeichnen könnte (Erler, 2007, S. 42).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Relevanz von Bildung für Lebenschancen ein und begründet das Forschungsinteresse an Bildungsungleichheiten im österreichischen Schulsystem.
2 Begriffsdefinition Bildungsungleichheit: Hier werden zentrale Begriffe wie Chancengleichheit und Bildungsarmut definiert, um den theoretischen Rahmen für die Analyse zu spannen.
3 Das österreichische Schulsystem: Das Kapitel beschreibt die Struktur, die Stufen und die Schnittstellenproblematik des österreichischen Schulwesens.
4 Theoretische Begründung nach Bourdieu und Boudon: Es werden die Kapitaltheorien von Bourdieu sowie die primären und sekundären Herkunftseffekte von Boudon als theoretisches Fundament dargelegt.
5 Stand der Forschung: Dieser Abschnitt dokumentiert den aktuellen Forschungsstand zu Bildungsungleichheiten anhand nationaler und internationaler Studien.
6 Bildungsungleichheit im österreichischen Schulsystem: Das Kernkapitel untersucht spezifisch die Ungleichheitsdimensionen soziale Herkunft, Migrationshintergrund, Geschlecht und Wohnort.
7 Lösungsstrategien zur Beseitigung von Bildungsungleichheit: Hier werden potenzielle Maßnahmen wie die Gesamtschule oder der Ausbau der Ganztagsschule zur Reduktion von Ungleichheiten diskutiert.
8 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und äußert sich kritisch zur politischen Umsetzung der Lösungsansätze.
Schlüsselwörter
Bildungsungleichheit, österreichisches Schulsystem, soziale Herkunft, Bourdieu, Kapitalformen, Habitus, Boudon, Herkunftseffekte, Bildungsgerechtigkeit, Gesamtschule, Ganztagsschule, Migrationshintergrund, Chancengleichheit, Bildungsforschung, Selektion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht die Ursachen und Ausprägungen von Bildungsungleichheit innerhalb des österreichischen Schulsystems unter Berücksichtigung verschiedener sozialer Kriterien.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der sozialen Herkunft, dem Migrationshintergrund, geschlechtsspezifischen Unterschieden und regionalen Disparitäten im Bildungserfolg.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, den Effekt von sozialen Kriterien auf die Bildungsungleichheit im österreichischen Schulsystem zu identifizieren und Lösungsstrategien zur Behebung dieser Ungleichheiten aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine Literaturarbeit, die auf einer fundierten Sekundäranalyse aktueller empirischer Studien und bildungssoziologischer Theorien basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert theoretische Ansätze (Bourdieu, Boudon), stellt den aktuellen Forschungsstand dar und untersucht die Dimensionen der Bildungsungleichheit sowie Ansätze für Reformen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Bildungsungleichheit, soziale Herkunft, Bourdieu, Gesamtschule, Chancengleichheit und österreichisches Schulsystem.
Warum wird die „frühe Selektion“ im österreichischen System problematisiert?
Die frühe Aufteilung in verschiedene Schultypen nach der Primarstufe wird als kritisch angesehen, da sie soziale Herkunftseffekte verstärkt und individuelle Entwicklungschancen bereits in jungen Jahren einschränkt.
Wie bewertet der Autor die „Neue Mittelschule“?
Der Autor äußert sich kritisch und bezeichnet sie in seinem Fazit als „pädagogische Mogelpackung“, da sie bisher keine tiefgreifenden Änderungen am bestehenden selektiven System bewirkt habe.
- Citation du texte
- Franz Hinterramskogler (Auteur), 2015, Bildungsungleichheiten im österreichischen Schulsystem. Eine Begründung auf Basis von Theorien von Bordieu und Boudon, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/371945